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8.559235 - AMERICAN JOURNEY
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Eine amerikanische Reise
Bernstein • Copland • Foss • Bennett

 

Auf dieser amerikanischen Reise spielt der Geiger Arnold Steinhardt einige seiner Lieblingsstücke aus dem 20. Jahrhundert, die zu der erfreulich reichen und vielgestaltigen Landschaft der amerikanischen Klassik beitragen.

Die Reise beginnt bei Robert Russell Bennett, einem Komponisten, der vor allem wegen seiner Arbeit als Orchestrator bekannt ist: Für den Broadway und für London hat er mehr als dreihundert Musicals instrumentiert, darunter Oklahoma und South Pacific. Für den ehemaligen Studenten von Nadja Boulanger boten die Lichter des Broadway nur die Möglichkeit, seine Rechnungen zu zahlen – seine Zuneigung zur seriösen Komposition vermochten sie nicht zu überstrahlen. Während seine Abraham Lincoln Symphony sein ehrgeizigstes klassisches Werk sein dürfte, sind seine Hexapoda: Five Studies in Jitteroptera gewiss sein größter Publikumshit. Das Stück, das 1940 von dem Geiger Louis Kaufman uraufgeführt und später auch von Jascha Heifetz gespielt wurde, entstand an einem Wochenende, nachdem Kaufman Bennett gegenüber geäußert hatte, dass die „niedere Musik von heute es verdiente, durch einen ernsthaften Komponisten gerettet zu werden“. Die fröhlich-schizophrene Energie dieser bescheidenen Suite ist unwiderstehlich.

Lukas Foss wurde 1922 in Berlin geboren, floh 1933 vor den Nazis nach Paris und ging von dort 1937 nach New York City. In den Jahren 1940 und 1941 studierte er bei Paul Hindemith. 1942 entdeckte er die Musik Strawinskys für sich, und in demselben Jahr erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die 1944 entstandenen Three Pieces für Violine und Klavier waren Foss’ Geschenk an Amerika. Die Skizzen haben eine neoklassizistische Haltung und lassen – vor allem in Composer’s Holiday – die europäische Sensibilität und den turbulenten amerikanischen Stil des Geigenspiels zusammentreffen. Foss arrangierte das Stück später für Flöte und Klavier (Drei frühe Stücke) und für Violine bzw. Flöte mit Orchester (Drei amerikanische Stücke).

1939 schrieb der damals erst 21jährige Leonard Bernstein seine Sonate für Violine und Klavier – vier Jahre also vor seinem gefeierten, überraschenden Debüt als Dirigent der New Yorker Philharmoniker. Das Stück entstand für Raphael Hillyer, einen der Gründer des Juilliard String Quartet, und mit ihm brachte Bernstein das Werk 1940 auch zur Uraufführung. Die Brüder Steinhardt versuchen mit ihrer intelligenten und transparenten Interpretation, diesem selten gespielten, nachdenklichen Stück zu einem Platz im Repertoire zu verhelfen.

Dem frühen Stück von Bernstein folgt ein ebensolches von Aaron Copland: Das Nocturne aus den Two Pieces, die der Komponist 1926 im Alter von 26 Jahren verfasste und noch im selben Jahr mit dem Geiger Samuel Dushkin bei einem Konzert in Paris uraufführte, das ausschließlich amerikanische Musik enthielt und weitgehend von Studenten Boulangers bestritten wurde. Das Nocturne ist eine ruhige, für sich allein stehende Studie über die Ökonomie der musikalischen Mittel und erinnert an eine der verregneten Städteansichten Edward Hoppers, die hier in Jazz getaucht ist.

Den Namen des farbigen Komponisten Harry T. Burleigh kennt man vor allem, weil er seinen Lehrer Antonín Dvořák vom Wert der „eingeborenen“ amerikanischen Musik überzeugte. Burleigh verhalf auch den Negro Spirituals und der Folklore zu einem Platz im Konzertsaal, und es gelang ihm, eine Brücke zwischen dem Kunstlied und dem eigenen musikalischen Erbe zu schlagen. Seine Suite Southland Sketches ist ein perfektes Beispiel für diesen Brückenschlag: Sie stützt sich mit ihrer offensichtlichen Pentatonik auf das Spiritual, verleiht ihrer Melodik ganz bewusst den Eindruck der Kunstfertigkeit und verwendet weit schwingende Konturen, um jeden Satz zielgerichtet dem Schluss entgegenstreben zu lassen.

Die drei letzten Stationen unserer American Journey bestehen aus zwei Tangos und einer Rumba, die für Arnold Steinhardt geschrieben wurden. Das erste Stück stammt von seinem Bruder Victor, dessen Tango die Tanzform auf den Kopf stellt und die erwar- tungsgemäßen, traditionellen Fortschreitungen durch eine nach-debussystische Ästhetik ersetzt. Gegen Ende findet das Werk zu traditionelleren Harmonien zurück – als würde der Tango vermittels einer Gummilinse wieder in den Brennpunkt gestellt.

Lincoln Mayorgas hat in seinem sonnigen Bluefields, A West Hollywood Rumba for Arnold das komplizierte rhythmische Wechselspiel zwischen Violine und Klavier – wie auch die durch Nonen und Sexten angereicherten, scheinbar einfachen Akkordfortschreitungen – durch eine extrem unterkühlte südamerikanische Disposition verkleidet.

Als Miniatursuite bezeichnet Dave Grusin seine Three Latin American Dances. Diese wurzeln in einem Benefiz-Konzert für Roberta Guasparis Violinprogramm Opus 118, das in East Haarlem im Sommer 2000 unter Mitwirkung Steinhardts stattfand. Tango de Parque Central nimmt sich gewisse Freiheiten des tango nuevo – was eine recht allgemeine Beschreibung der Werke Astor Piazzollas ist, der den ursprünglichen Tango zur Entwicklung eines moderneren Standpunkts benutzte. Danzón de Etiqueta wurzelt in der Ende des 19. Jahrhunderts noch recht feinen Salontradition Kubas, aus der später äußerst populäre, energiegeladene Tanzformen wie der Cha-Cha und der Charanga entstanden. Der Rhythmus von Joropo entstammt der venezolanischen Hochebene (llano) und wird durch einen kräftigen 3/4- oder 6/8-Takt markiert. Grusin bemüht sich in seiner Suite nicht um absolute Reinheit, zeigt aber doch große Achtung und Zuneigung zu den Originalformen. „Und natürlich,” bemerkt er, „geht es immer darum, eine gute Zeit zu haben.“

Ben Finane
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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