About this Recording
8.559236 - TALMA: Ambient Air / Soundshots / Full Circle
English  German 

Louise Talma (1906-96)
The Ambient Air • Lament • 7 Episodes • Variations on 13 Ways of Looking at a Blackbird • Conversations • Soundshots • Full Circle

Louise Talma war Amerikas führende neoklassizistische Komponistin. Zu Lebzeiten war sie in den Vereinigten Staaten hoch angesehen und erhielt zahlreiche bedeutende Auszeichnungen. Neben vielen anderen Ehrungen war sie die erste Frau, die zwei Guggenheim-Stipendien – 1946 und 1947 – erhielt und in das National Institute of Arts and Letters (1974) gewählt wurde. Auch war sie die erste Amerikanerin, von der auf einer großen europäischen Bühne eine Oper aufgeführt wurde; die Frankfurter Premiere von The Alcestiad – nach einem Stück von Thornton Wilder – im Jahr 1962 wurde mit zwanzig Minuten Standing Ovations bedacht. Louise Talma studierte von 1922 bis 1930 am Institute of Musical Arts in New York. Als Tochter einer französischen Opernsängerin verbrachte sie von 1926 an dreizehn Sommer an der Fontainebleau School of Musik in Frankreich. Dort studierte sie Klavier bei Isidore Philipp (1863–1958) und Harmonie, Kontrapunkt, Fugensatz und Komposition bei Nadia Boulanger (1887–1979). Sie wurde selbst eine sehr engagierte Lehrerin und unterrichtete von 1928–1979 am Hunter College der City University of New York.

Louise Talmas Musik zeugt von einem scharfen intellektuellen Verstand, sie fesselt die Hörer aber auch auf der Gefühlsebene und unterhält sie durch ihre Originalität und ihren Witz. Vielfach verbindet sie vorwärtstreibende Energie – zeitweise an Strawinsky gemahnend – mit einem wunderbar melancholischen Ausdruck; oft gelingen ihr Momente von berückender Schönheit, so im Lullaby der Seven Episodes. Es scheint, dass sie sich für die Präzision des Neoklassizismus begeisterte, die sie bei Boulanger lernte, und für die französische Leichtigkeit des Gefühls. Obwohl es Elemente gibt, die auf ihre Zeit in Paris zurückgeführt werden können, ist ihre Sprache doch einzigartig. Ihr OEuvre ist umfangreich und umfasst viele Genres. Talma schrieb zahlreiche Vokalwerke – für Chor wie auch für Solo –, denen ein breites Spektrum an Texten zugrunde liegt: von der Bibel über Shakespeare bis zu W. H. Auden, John F. Kennedy und e. e. cummings. Ihre Klavierwerke enthalten Kinderstücke, Sonaten und das virtuose Alleluia in Form of Toccata.

Außer Soundshots sind alle Werke dieser CD in den 1980er Jahren entstanden, als Louise Talma in ihren späten Siebzigern, frühen Achtzigern stand. Ihr Lebensalter vermittelt der Musik eine seltene Klarheit. Ihr musikalisches Denken hat eine sehr konzentrierte Präzision; die Texturen sind im allgemeinen transparent; die Atmosphäre ist zuweilen ironisch, seltsam, auch bizarr, dann aber auch von bewegender Traurigkeit. Die Schönheit ihrer langsamen Musik ist außergewöhnlich.

Ambient Air für Flöte, Violine, Cello und Klavier, geschrieben 1983, hat vier Sätze: Echo Chamber (hallraum), Driving Rain (peitschender Regen), Creeping Fog (kriechender Nebel) und Shifting Winds (umspringender Wind). Talmas Musik ist häufig deskriptiv, und hier haben wir Titel, die uns ihr Denken offen legen. Es ist entsprechend bildhaft, und so kreiert sie eindrucksvolle Klangbilder. Die Kombination von Flöte und Klaviertrio mag etwas Leichtes suggerieren, doch nutzt sie die Instrumentalfarben sehr originell, um atmosphärisch dichte musikalische Illustrationen zu schaffen. Der erste Satz fängt sehr schön den befremdenden Klang eine hallraums ein. Während der Regen des zweiten Satzes stärkt und Energie verleiht, gibt es in der Mitte einen sardonischen Tanz. Im dritten Satz wird die ungestalte und ungreifbare Natur des Nebels eingefangen. Mit dem unvorhersehbaren Wesen des Windes schaukelt, schwingt, weht und taumelt der vierte Satz.

Auf die Partitur von Lament schrieb Talma, dass das Stück von einer Melodie inspiriert sei, die sie auf einer einsaitigen Fidel in Wadi Rum in Jordanien gehört habe. Mit geringsten Mitteln hat sie ein schlichtes, aber suggestives Stück geschaffen, das nach einem trockenen Flussbett duftet und auf die klagenden Gefühle des Mittleren Ostens anspielt.

Die Kombination von Flöte, Viola und Klavier ist selten, aber sehr schön. Die Seven Episodes sind eine Art prägnante Folge von Variationen. Sie beginnen mit einem traurigen, doch zarten Thema, es folgen giocoso- Episoden, ein Wiegenlied, einige wunderbar lyrische Abschnitte, ein Marsch und eine schwingende 9/8- Passage; dann kehrt Fröhlichkeit wieder und es gibt ein witziges Ende.

Variations on 13 Ways of Looking at a Blackbird für Tenor, Oboe und Klavier entstand 1979. Es ist ein Auftragswerk des amerikanischen Tenors Paul Sperry als Abschlussgeschenk für seine Oboe spielende Nichte Jennifer Sperry. Zusammen mit Louise Talma am Klavier gaben sie am 26. Februar 1980 an der Temple University in Philadelphia die Premiere. Der destillierte und zenartige Charakter der Worte von Wallace Stevens scheint besonders zu den philosophischen Qualitäten von Talmas Musik zu passen.

Conversations wurde 1987 für Patricia Spencer, Flötistin des amerikanischen Kammerensembles Da Capo Players, geschrieben. Es ist naturgemäß ein intimer Dialog, der episodisch aufgebaut ist. Talma verwendet die Instrumente auch hier in außerordentlich expressiver Weise. Meditativen Träumereien stehen schillernde Fanfaren gegenüber, Fragmenten militärischer Präzision strömende Lyrismen.

Soundshots, entstanden zwischen 1944 und 1974, sind lebendige und geistreiche Miniaturen in der reichen Tradition von Lehrstücken großer Komponisten wie Schumanns Album für die Jugend und Bartóks Mikrokosmos. Talmas fünfzigjährige Tätigkeit am Hunter College zeigt, was für eine engagierte Lehrerin sie war. Viele der Stücke sind reizvolle Beispiele für musikalische Lautmalerei. Für Studenten jeden Alters gedacht, bestricken die spaßigen Titel den Lernenden mit ihrem Sinn für Humor.

Das einsätzige Full Circle für Kammerorchester entstand 1985. Es präsentiert sich als eine Folge kontrastierender Episoden. Die eröffnende Viola initiiert einen Abschnitt von expressiver Melancholie. Nach einem Ausbruch von Energie in einem motorisierten Allegro kehrt die traurige Stimmung wieder. Ein weiterer rhythmischer Abschnitt führt eine geheimnisvolle, pierrotartige Episode für Flöte und Klavier ein. Ein ironischer Walzer leitet zu einem Fortissimo-Ausbruch über, gefolgt von schweren Seufzern. Eine scherzoartige Episode – erst in 5/8, dann in 7/8 – schließt sich an. Weitere Ausbrüche führen die Musik zurück zu treibenden Achteln, teils als dreizähliger Tanz, teils als Spottmarsch. Nach einem neuerlichen Ausbruch folgen mehr traurige Seufzer und ein weiterer spöttischer Walzer. Dann beruhigt sich die Musik, um – ganz im Sinne des Titels – zur Atmosphäre des Beginns zurückzukehren. Talma nutzt die Instrumentalfarben sehr effektvoll – die Besetzung umfasst Klavier, zwei Flöten, Klarinette, farbiges Schlagwerk und Streicher. Ihr flexibler Sinn für Rhythmus verleiht der Musik eine wunderbare Frische.

Diana Ambache


Deutsche Fassung: Thomas Theise

Close the window