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8.559244 - BOLCOM: Music for Two Pianos
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William Bolcom (geb. 1938)
Musik für zwei Klaviere

William Bolcom wurde in Seattle, Washington, geboren. Von 1958 bis 1961 war er Kompositionsschüler von Darius Milhaud am Mills College im kalifornischen Oakland. Anschließend studierte er in Paris bei seinem bisherigen Lehrer sowie bei Olivier Messiaen. Während seiner Unterrichtstätigkeit am New Yorker Queens College Ende der sechziger Jahre begann sich Bolcom für den Ragtime und seine Wiedergabe am Klavier zu interessieren. Dergestalt trug er zum neuen Interesse an dieser Musik bei, und es entstanden Ragtimes wie etwa Graceful Ghost. Seit 1973 unterrichtet Bolcom an der Universität von Michigan. Besonders bekannt wurden er und seine Frau, die Mezzosopranistin Joan Morris, durch viele gemeinsame Recitals und Aufnahmen mit populären Liedern aus der amerikanischen Geschichte. Bolcoms frühe Werke sind seriell und reflektieren den Einfluss von Boulez, Stockhausen und Berio. Mit der Entdeckung des Ragtime fand er seinen reifen Stil, in dem er populäre und klassische Wendungen zu einem entschieden amerikanischen Eklektizismus verschmilzt.

Das Studium einer Kollektion lateinamerikanischer Tänze aus dem späten 19. Jahrhundert inspirierte die Recuerdos (Erinnerungen). Bolcom entdeckte die Zusammenhänge zwischen dem amerikanischen Ragtime und der weltweiten Tradition leichter Klaviermusik, worauf er seine eigene Hommage und Beschwörung dieser Ära schrieb. Choro orientiert sich an der Form des populären brasilianischen Straßenliedes, das auf den Komponisten Ernesto Nazareth zurückgeht und demzufolge auch in dessen Stil gehalten ist. Paseo spiegelt die Verschmelzung Latein- und Nordamerikanischer Musik, wie sie Amerikas erster klassischer Klaviervirtuose Louis Moreau Gottschalk im New Orleans der Bürgerkriegszeit mit seiner Musik erreichte. Valse Venezolano orientiert sich am Stile von Ramon Delgado Palacios und verwendet dementsprechend viele für diesen Komponisten typische Elemente wie zum Beispiel überraschende Sprünge, Modulationen, Phrasenlängen und Ausflüge in den Fünfachteltakt. Recuerdos entstand für den Zwei-Klaviere-Wettbewerb Murray Dranoff 1991 und wurde dort auch uraufgeführt.

Hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer Farben sind die Frescoes eine der mächtigsten Kompositionen Bolcoms, der in einem ausführlichen Vorwort bemerkte, dass er zu diesem Werk durch den knappen Entwurf, die schnelle Ausführung und große Erscheinungsform der Fresko-Technik inspiriert worden sei und in eben diesem Stil komponiert habe. Die Pianisten wechseln zwischen Klavier, Cembalo und Harmonium. Wie viele andere Werke der späten sechziger und frühen siebziger Jahre ist auch die Partitur dieser Komposition eine „Augenmusik”, in der aleatorische Improvisationen, asynchrones Spiel, Toncluster und Pizzikato auf den Klaviersaiten verlangt werden. Das Werk besteht aus zwei Sätzen, War in Heaven (Krieg im Himmel) und The Caves of Orcus (Die Höhlen des Orkus). Es wurde 1971 in Toronto von Bruce Mather und Pierriette LePage uraufgeführt.

Die Sonate für zwei Klaviere in einem Satz zeigt die Konzentration, die durch die Kompression einer dreisätzigen Anlage zu einem einzigen Satz entsteht. Der erste Teil (Gaia, die Mutter und Schöpferin der Erde und Bewahrerin des irdischen Lebens) erforscht ein beinahe orchestrales Farbspektrum. Die Struktur ist die eines Sonatensatzes, in der nach Bolcoms Worten ein lyrischer dritter Gedanke „für einen Konflikt sorgt, der sich nur auflösen lässt, wenn er in die beiden andern Teile hineingetragen wird.” Night Diversion verwendet zwei Pedaltöne aus Gaia, die zu einem dritten (B) führen. Dieser Ton umschließt zwei Zitate: Das erste stammt aus Schönbergs Harmonielehre, das zweite besteht aus den ersten zehn Tönen der Brouillards von Claude Debussy. Ancient Dances entstand aus einem frühen Fragment Bolcoms. Der Konflikt der beiden voraufgegangenen Teile kehrt wieder, und das Werk geht mit einer apotheotischen Wiederkehr des lyrischen dritten Themas aus dem ersten Abschnitt in klarem D-dur zu Ende. Bolcom verbindet antike griechische Rhythmen mit einem tanzhaften Blues, wodurch unerwartete Verbindungen entstehen. Die Sonata wurde von den Brüdern Paratore in Auftrag gegeben und 1994 auch uraufgeführt.

Interlude entstand in den frühen sechziger Jahren, mithin in der „völlig chromatischen Periode” des Komponisten, der damals in Paris und Stanford lebte. Aus derselben Zeit stammen auch die ersten zwölf Klavieretüden und Werke wie Décalage für Violoncello und Klavier.

Bolcoms Suite The Garden of Eden ist ursprünglich für ein Klavier geschrieben. Darin benutzt der Komponist den Ragtime, um die biblische Geschichte vom Sündenfall aus der Genesis zu erzählen. Das Werk besteht aus vier Sätzen, von denen jeder ein selbständiger „Rag” ist. Den dritten und vierten Satz – The Serpent’s Kiss (Der Kuss der Schlage) und Through Eden’s Gates (Durch die Tore Edens) arrangierte der Komponist 1994 für zwei Klaviere. In dieser Fassung wurden sie damals zum ersten Male von Richard und John Contigula aufgenommen. The Serpent’s Kiss benutzt verschiedene Ragtime-Effekte: Es wird mit den Absätzen aufgestampft, auf das Holz des Klaviers geschlagen und – durchaus passend – mit der Zunge geschnalzt. Through Eden’s Gates beschwört nach Bolcoms Worten „das Bild von Adam und Eva, die mit einem gemächlichen Cakewalk aus dem Paradies hinaustanzen.”

David Ciucevich
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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