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8.559245 - BERNSTEIN, L.: Serenade / Facsimile / Divertimento (Quint, Bournemouth Symphony, Alsop)
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Leonard Bernstein (1918–1990)
Serenade • Facsimile • Divertimento

Der Dirigent, Komponist, Pädagoge und Pianist Leonard Bernstein ist zweifellos der bedeutendste Musiker, den Amerika jemals hervorgebracht hat. Der in Lawrence, Massachusetts, in eine Familie russisch-jüdischen Hintergrunds hineingeborene Bernstein nahm gegen den väterlichen Wunsch mit zehn Jahren Klavierstunden. Seine eigentliche Ausbildung erhielt er dann an Harvard und am Curtis Institute, wo er Komposition bei Walter Piston und Dirigieren bei Fritz Reiner studierte. Während des 2. Weltkrieges war er in den Sommermonaten in Tanglewood Assistent Serge Koussevitzkys, der sein Mentor werden sollte. 1943 ernannte ihn Artur Rodzinski zum Assistenz-Dirigenten des New York Philharmonic Orchestra, und als er dann am 14. November desselben Jahres kurzfristig für den erkrankten Bruno Walter bei einer landesweiten Radioübertragung einsprang, war dieses ebenso sensationelle wie bald schon legendäre Debüt der Beginn von Bernsteins Karriere. Bereits im nächsten Jahr folgte Bernsteins früher Erfolg als Komponist mit den Premieren der „Jeremiah“ Symphony, dem Ballett Fancy Free und dem Musical On the Town. Als Bernstein 1958 zum Musikdirektor des New York Philharmonic ernannt wurde, war er der erste in Amerika geborene und ausgebildete Dirigent eines großen amerikanischen Orchesters. Ein breites Publikum kannte ihn durch seine Fernsehsendungen „Young Person’s Concerts“ namentlich als nimmermüden Pädagogen für die Sache der klassischen Musik. Sein profundes Wissen und seine Neugier in Verbund mit seiner emotionalen und geistigen Großherzigkeit tragen auch heute noch zu seiner Beliebtheit und zur Popularität seiner Werke bei.

Bernsteins bemerkenswertes Talent und seine Vielseitigkeit ermöglichten es ihm als Komponist, die Kluft zwischen klassischer Musik und populären Idiomen wie Jazz, Broadway oder Rock zu überwinden. Gleichwohl wird die Güte seiner Konzertwerke nach wie vor unterschätzt und sie werden weitaus seltener gespielt, als ihnen das eigentlich zustünde, weshalb sie sich bisher nicht so recht im Kanon der orchestralen Konzertliteratur zu integrieren vermochten. Kein anderer Dirigent hat sich mehr dafür eingesetzt, diesem Umstand abzuhelfen als der der vorliegenden Einspielung, nämlich Marin Alsop, einer von Bernsteins größten Protegés.

Die meisten von Bernsteins Werken gehen auf programmatische Anstöße zurück. So war es die erneute Lektüre von Platons Symposion (Das Gastmahl), die am Anfang der Komposition der Serenade stand. Das Werk, das Bernstein selbst als „sein überzeugendstes“ bezeichnete, entstand als Auftragsarbeit für die Koussevitzky Foundation und ist denn auch dem Andenken an Serge und Natalie Koussevitzky gewidmet. Seiner vielen Engagements als Dirigent zum Trotz widmete Bernstein den gesamten Sommer des Jahre 1954 allein diesem Werk, während er mit seiner Frau und seiner Tochter die Ferien in Europa verbrachte. Noch im selben Jahr leitete er die Premiere mit dem Israel Philharmonic Orchestra und dem Solisten Isaac Stern in Venedig.

Auch wenn es kein eigentliches literarisches Programm des Werkes gibt, betrachtete Bernstein seine Musik wie Platons Dialog als eine „Reihe von aufeinanderbezogenen Reden zum Lobpreis der Liebe“. Die Serenade ist dabei auch eines der besten Beispiele für Bernsteins kreativen Ansatz des Komponierens, in dem Einheit nicht durch eine wiederkehrende Melodie geschaffen wird, sondern durch „ein Verfahren, bei dem jeder Satz sich aus Elementen des Vorangehenden entwickelt.“ Melodische Motive entwickeln sich also auseinander hervor und dienen später als Begleitung, wobei die Musik gewissermaßen spontan zu entstehen scheint. Der Titel Serenade spiegelt dabei ein sehr weitgefasstes Formverständnis wider (möglicherweise eine unbewusste Reaktion auf die entspannte Atmosphäre während der Komposition), wie es typisch für die Serenade der Klassik war. Von seinen technischen Anforderungen her handelt es sich gleichwohl um ein Konzert, in dem die Solovioline in jedem Satz die rhetorische Rolle des ,Sprechers‘ übernimmt.

Phaidros, der hypochondrische Dichter, hebt mit einer Lobrede auf Eros, den Gott der Liebe, zu Beginn des Gastmahls an. Der Solist präsentiert eine langsame, lyrische Melodie, die bereits jene aufsteigende Tritonusfigur enthält, die später dann in der West Side Story mit „Maria“ Unsterblichkeit erlangen sollte. Orchester und Solist entwickeln dieses Material dann zu einem dichten Fugato.

Aristophanes, der „die märchenartige Mythologie der Liebe“ entwirft, entwickelt Themen aus dem anfänglichen Allegro. Beim Mittelteil handelt es sich um eine sehr kantable Melodie, die Motive aus dem Anfang des Satzes in kanonischer Form verarbeitet. Die vielen parallelen Doppelgriffe der Solovioline geben dem an sich lyrischen Charakter eine schmerzhaft-intensive Note.

Eryximachos, der Arzt, der das harmonische Zusammenspiel des Körpers als wissenschaftliches Modell für die Funktion von Liebesmodellen versteht, wird durch ein quecksilbriges Scherzo repräsentiert. Blitzschnelle dynamische und strukturelle Wechsel (gleich einem Wetterleuchten) werden für den Solisten zu einem ,Hürdenlauf‘ zwischen Mysterium und Humor. Sein Material bezieht dieser Satz aus dem Mittelteil des vorangegangenen Satzes, angeführt von jenem dreitönigen Kopfmotiv, mit dem der Satz beginnt und endet.

Agathons Rede, einer der Höhepunkte im Gastmahl, „umfasst alle Aspekte von Macht, Zauber und Aufgaben der Liebe.“ Und so ist dieser Satz denn auch durchweg von großer Kraft und Konzentration geprägt. Der Beginn des ersten Satzes ist der Ausgangspunkt für die Transformation des Scherzo-Motivs zu einer erhabenen Aussage, wobei die Dämpfung der Violine bis zur Kadenz den Ausdruck noch intensiviert. Ein chromatisches Thema im Mittelteil geht in einer leidenschaftlichen Explosion und der Solokadenz auf. Der Anfang kehrt – wiederum gedämpft – wieder, wobei das kantable Dreitonmotiv in gleichsam unentschiedener Bewegung dahintreibt.

Ein strenges, knappes Vorspiel des Orchesters, das auf dem chromatischen Motiv des vierten Satzes basiert, steht für die Rede des Sokrates. Die Solovioline konzertiert in einer gleichsam rhetorischen Duo-Kadenz mit einem Solocello, ehe dann der Hauptteil des Satzes losbricht: Alkibiades und seine trunkenen Freunde kommen uneingeladen hinzu. Der in Rondoform gehaltene Abschnitt untermauert mit seinen Anklängen an ländliche Tanzmusik und Jazzelemente die aufgeregte Stimmung. Der Anfang des Werkes wird vor dem Ende noch einmal im presto aufgenommen, so dass das Werk äußerst lebendig beschlossen wird.

Bei annähernd sämtlichen Werken Bernsteins geht es um die Suche nach Sinn in einer postmodernen Welt, die ihrer traditionellen Verankerung im religiösen Glauben verlustig gegangen ist. Das Ballett Facsimile (Choreographie von Jerome Robbins) ist ein psychologisches Drama, in dem Männer und Frauen der Nachkriegszeit vordergründige, oberflächliche ‚Geschäftigkeit’ vorschützen, um ihr inneres spirituelles Vakuum auszufüllen – ein durchaus wiederkehrendes Thema in der Literatur nach dem 2. Weltkrieg. Ähnlich wie die Handlung in Debussys Jeux, geht es um drei Charaktere: eine Frau, einen Mann sowie einen weiteren Mann, wobei die Männer um die Gunst der Frau wetteifern, was für alle Beteiligten allerdings in vollständiger Frustration und Langeweile endet. Bernstein setzt die melodramatische Atmosphäre perfekt in Musik um, die abwechselnd bitter und formell, auch aber feierlich und zärtlich ist. Ein konzertantes Soloklavier im zweiten Teil gibt dem Werk – ähnlich wie in Fancy Free – eine charakteristische Noir- Einfärbung. Die negativen Besprechungen der Premiere verdeutlichten in gewisser Hinsicht nur die erfolgreiche Darstellung der Nachkriegs-Misere, in der wahre Nähe ohne weiteres gegen ein billiges ‚Faksimile’ von Nähe eingetauscht werden kann.

Eines von Bernsteins letzten Werken, das Divertimento for Orchestra, ist im wesentlichen vor allem ein Tribut an die Vielseitigkeit sowohl seiner eigenen Kompositionen als auch im Hinblick auf die Werke, die er besonders gerne dirigierte. Es entstand aus Anlass der Hundertjahrfeier des Klangkörpers für das Boston Symphony Orchestra, dem es auch gewidmet ist. Den Tribut an sein ‚Heim’-Orchester, mit dem er großgeworden war und mit dem sich dazugehörige Erinnerungen und Gefühle verbanden, war für Bernstein offensichtlich eine Herzensangelegenheit, die er mit verschiedenen musikalischen Anspielungen voll auskostete, und so steht die achtsätzige Anlage des Werkes mit seinem unbeschwerten Humor ganz in der Tradition eines klassischen Divertimento. Das Werk wird zusammengehalten durch das zweitönige Motto HC (im englischen Sprachgebrauch also B-C, was für Boston Centenary – 100 Jahre Boston – steht), das als Keimzelle jeden Satzes fungiert. Sennets and Tuckets lässt sich als deutliche Referenz an die Fanfaren aus der Zeit Shakespeares verstehen, auch wenn kaum etwas weiter entfernt von der elisabethanischen Zeit sein könnte, als diese Musik. Das Fanfarenthema, das auf eigentümliche Weise dem Thema aus den Woody Woodpecker Cartoons ähnelt, verwendet die Intervalle von Bernsteins Signatur, wobei das letzte Intervall das (stark betonte) B-C-Motto ist. Das Thema erinnert an die einprägsam-witzige, neckische Fanfare aus Richard Strauss’ Till Eulenspiegel. Ausgelassene, extrovertierte Variationen über Motto und Fanfare beflügeln die Phantasie. Der Waltz führt den verschrobenen 5/4-Takt aus Tschaikowskys Sinfonie ‚Pathétique’ einen Schritt weiter und präsentiert sich im 7/8-Takt. Eine anmutigromantische Melodie der Streicher umspielt das Motto. In der Mazurka dominieren die dunklen Farben der Doppelrohrblattinstrumente, wobei gemeinsam mit der Harfe nun das Motto nicht allein die Melodie des Tanzes, sondern auch seine Begleitung bestimmt. Eine kurze Kadenz der Oboe kurz vor Schluss des Satzes zitiert ebenso unerwartet wie elegant die berühmte Oboenkadenz aus Beethovens 5. Sinfonie, ehe der Satz dann sanft ausklingt. Samba hebt mit der dreifach wiederholten Fanfare an und gemahnt deutlich an Fancy Free. Im Turkey Trot alternieren, vergleichbar etwa ‚America’ aus der West Side Story, drei- und viertaktige Einheiten. Nachdem der Satz mit einem Schluckauf endet, präsentiert sich Sphinxes als ein mysteriöser langsamer Satz voller Rätsel. Die aufsteigende, auf der Fanfare basierende zwölftönige Melodie erscheint zweimal: zuerst in den Streichern, dann in den Bläsern. Diese ‚Sphinxen’ – die sich offensichtlich vor der Zwölftontechnik Schönbergs verbeugen, werden jeweils von tonalen Kadenzen beantwortet. Eine humorvolle Kurzform eines der zentralen Themen, die Bernsteins kreatives Leben bestimmten: der Kampf zwischen Atonalität und Tonalität. Ohne Pause schließt sich der Blues an, der den philosophischen Nebel zerstreut. Blechbläser mit Jazzdämpfern verwenden das Motto, um eine weitere zwölftönige Melodie in Solotuba und - posaune zu schaffen, ehe die gedämpfte Trompete dann den letzten ‚Lick’ pianissimo blasen darf. Der letzte Satz, The BSO Forever, der den wohl berühmtesten amerikanischen Marsch, Sousas Stars and Stripes Forever aufs Korn nimmt, beginnt zunächst mit einem nachdenklichen Kanon auf das Motto, der für drei Flöten gesetzt ist: ein In Memoriam für verstorbene Mitglieder des Orchesters. Nachdem dieser Tribut gezollt worden ist, bricht ein lärmender Marsch mit Anklängen an den Radetzky Marsch und an Bernsteins Mass los. Das Motto und die Fanfare sind allgegenwärtig und vereinen sich mit Themen der vorangegangenen Sätze zu einem fröhlich-ausgelassenen Kehraus eines Werkes, das seine Gelehrsamkeit mit Humor zur Schau trägt.

David Ciucevich
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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