About this Recording
8.559250 - BROUWER, M: Aurolucent Circles / Mandala / Remembrances
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Margaret Brouwer (geb. 1940)
Aurolucent Circles • Mandala • Pulse • Remembrances • SIZZLE

Das für Evelyn Glennie geschriebene Konzert Aurolucent Circles soll neben den eher traditionellen Perkussionsstilen die wunderbare Vielfalt delikater und geheimnisvoller Schlagzeugklänge zur Entfaltung bringen, die ein geschickter Musiker zu produzieren vermag. Es ging darum, ein Konzert zu machen, dass ebenso kunstvoll sein sollte wie jene, die üblicherweise für Violine oder Klavier geschrieben werden. In den zarten und transparenten Abschnitten wird der Solist oft nur von einer oder zwei Concertino-Gruppen begleitet. Die erste Gruppe besteht aus zwei Flöten, zwei Harfen, zwei Schlagzeugern und einer Posaune, die in verschiedenen Kombinationen verwendet werden. Das zweite Concertino setzt sich aus fünf Holzbläsern zusammen. Lyrische und intime Abschnitte des Schlagzeugsolisten allein oder in Begleitung der Continuo-Spieler stehen lauten Soli gegenüber, die vom vollen Orchester begleitet werden.

Da das Werk durch die poetischen Körperbewegungen inspiriert wurde, die Evelyn Glennie bei ihren Darbietungen macht, war ein wichtiges Ziel, auch dem Klang Bewegung zu verleihen. Der an erster Stelle entstandene zweite Satz wurde als ein Tanz aus Klang und Bewegung entworfen. Stardance beginnt mit dem Solisten allein, zu dem sich nach und nach das zentrale Concertino gesellt; zunächst sind dabei im Solo- und im Orchesterschlagzeug, das um die Bühne herum aufgestellt ist, der Klang und die Bewegungen von Glockenläuten zu hören und zu sehen. Während nun mehr Mitglieder des Orchesters einsetzen, gibt es Abschnitte, in denen der Klang in einem Teil der Bühne beginnt und zu einem andern hinüberflutet oder -schwingt. Überdies gleitet der Klang in den Abschnitten des vollen Orchesters bisweilen in einer walzerartigen Bewegung von einer Seite der Bühne zur andern.

Der erste Satz beginnt mit verwischten Farben, Klängen und geheimnisvollen Melodien. Die Musik treibt immer stärker vorwärts und endet in schnellen, sich ineinanderschiebenden Tongestalten, die nach der Fibonacci-Zahlreihe) angelegt sind. Der dritte Satz ist ein schnelles perpetuum mobile mit einem fünftönigen rhythmischen Motiv, das sich kreisförmig zwischen den Orchesterschlagzeugern im Hintergrund und an den Seiten der Bühne hin- und herbewegt. Ein Solo unterbricht diese Aktion und führt zu einem Wechselspiel mit dem Holzbläser-Concertino. Dem stehen kontrastierende Abschnitte in hellem, vollem Orchesterklang gegenüber. In einer ununterbrochenen Vorwärtsbewegung geht es weiter, indessen sich der Rhythmus entwickelt und die fünftönige Gestalt sich in weiteren Fibonacci-Proportionen entfaltet.

Der Titel Aurolucent Circles wurde durch den funkelnden, leuchtenden Klang inspiriert, den viele der in diesem Konzert benutzten Schlaginstrumente erzeugen. In Verbindung mit dem um die Bühne kreisenden Klang erinnerte das an die Aurora borealis (das Nordlicht, ein elektrisches atmosphärisches Phänomen aus leuchtenden, blendenden Strömen, Bändern, dunstigen Vorhängen und Lichtfäden am nächtlichen Himmel). In Aurolucent verbinden sich also die Wörter aurora und lucent [= leuchtend].

Mandala entstand im Auftrag der Cleveland Chamber Symphony und wurde während eines Aufenthalts in der MacDowell Colony von New Hampshire komponiert. Während ich dort lebte, verbrachten tibetanische Mönche zehn Tage in der Nachbarstadt Peterborough, wo sie ein kompliziertes Sandgemälde eines Mandala schufen. Nach etwa einer Woche zerstörten sie das Mandala in einer erläuternden Zeremonie, bei der sie sangen und Hörner bliesen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt merkte ich, dass die Erfahrung des Mandala mit dem Aufbau dieses Stückes verflochten war. Die Musik ist deutlich in Kreisen angelegt, die spiralförmig nach innen verlaufen. Überdies wandert die Musik in Kreisen durch den Aufführungsraum, weil die Blechbläser im Auditorium postiert sind.

Neben der Erfahrung mit dem Mandala vertiefte ich meine Kenntnisse musikalischer Werke, die meinem niederländischen Erbe entstammen. Es gibt eine niederländische Psalmensammlung im Einzelstimmenformat, Het Boek nevens de Gezangen bij de Hervormde Kerk van Nederland (Das Buch mit den Gesängen von der reformierten Kirche der Niederlande) aus dem Jahre 1773, das in meiner Familie weitergegeben wurde. Ich war ergriffen von der Melodie zu Psalm XCI. Mein Großvater war reformierter Geistlicher in den Niederlanden gewesen. Er pflegte diesen Psalm vor jeder Reise zu lesen und nannte ihn den „Psalm der Reisenden”.

Zu Beginn des ersten Satzes mit dem Titel Journey (Reise) stellt die Posaune diese Psalmweise in voller Länge vor. Die Melodie ist im weiteren Verlauf des Satzes immer auf die eine oder andere Art gegenwärtig – bisweilen in Fragmenten, die in einem Kreis aus Farben und Ornamenten fluten. Der Satz endet mit einer plötzlichen rhapsodischen Floskel der Flöte, die rasch von Vibraphon und Trompete beantwortet wird. Der zweite Satz, Sand Mandala, beginnt ohne Pause und setzt das mandala-artige Kreisen fort. Die Psalmmelodie ist häufig vorhanden, wenngleich in einem flüchtigen, gewöhnlich modernen Kontext. Die Musik kreist und pulsiert flüsternd, erregt, zeitweilig wie schwer verwundet, vorwärts – in langen (von festen, hartnäckigen Rhythmen und Wiederholungen überlagerten) Tönen der Blechbläser, die wie das tiefe Dröhnen der Mönche klingen, und von dunstigumwölkten Erinnerungen an die Psalmweise getragen wird. Darüber liegt ein Läuten, das kreisförmig in den Blechbläsern herumgereicht wird.

In diesem Satz flüstern die Musiker verschiedene Texte. Die meisten Worten werden – ganz bewusst – so gut zu hören sein, dass das Publikum sie versteht; die Musiker erklären jedoch die Qualität und Bedeutung der Wörter durch die Art und Weise, wie sie die Musik vortragen. Die Komponistin glaubt, dass das Flüstern auf mystische Weise zu dem Mandala beiträgt. Geflüstert werden Zitate aus verschiedenen Zeitungen, Büchern und Magazinen, die von der Umweltverschmutzung auf der Erde, dem Stress des 21. Jahrhunderts, mystischen Gottesvisionen sowie von dem erstaunlichen Wunder und den Fähigkeiten des Tieres Mensch erzählen. Die Zitate symbolisieren das Kreisen durch die Bemühung, das Selbst wieder zu vereinigen (so beschreibt das Random House Dictionary den Begriff Mandala).

Pulse war ein Auftrag von David Wiley und dem Roanoke Symphony Orchestra zu dessen 50jährigem Jubiläum und wurde vom National Endowment for the Arts unterstützt. Rhythmische Pulse unterschiedlicher Werte existieren über einem steten großen Puls, der für alle gleich ist. Mysteriös, rauschend, flüsternd, melodisch durchsetzt entsteht das Motiv des Geistes, das am Ende durch die Verbindung verschiedener Werte und Pulse durchdrungen und gekräftigt wird.

Das Tongedicht Remembrances ist eine Elegie und ein Tribut für den Musiker, Komponisten, Matrosen und Geliebten Robert Stewart. Aus einem von Trauer und Schmerz bestimmten Anfang entwickelt sich die Musik zu einem Portrait aus warmen Erinnerungen, Liebe, Bewunderung und Bildern der Schiffahrt. Wie etwa Richard Strauss’ Tod und Verklärung endet das Stück in dem für Elegien und Tongedichte dieser Art typischen Geist des Trostes und der Hoffnung.

SIZZLE entstand im Auftrage der Women’s Philharmonic für das Fanfares Project, bei dem es sich um die größte Auftragsvergabe an weibliche Komponisten in der Geschichte handelte. The Fanfares Project besteht aus einer Reihe von zehn Orchesterwerken. Es wird in Zusammenarbeit mit dem American Composers Orchestra und der Lubbock Symphony vorgestellt. Unterstützt wurde dieses Werk vom National Endowment for the Arts, der James Irvine-Stiftung, AT&T, dem Aaron Copland Fund for Music, dem Arts Council von Kalifornien und Hunderten von Individuen überall in den USA. SIZZLE wurde am 30. September 2000 von der Women’s Philharmonic unter Leitung von Apo Hsu uraufgeführt.

In seinem Buch Faster (Schneller) beschreibt James Gleick die alarmierende Geschwindigkeit und das zügellose Leben des 21. Jahrhunderts. Eines seiner vielen Beispiele ist die Master Clock (Zentral-Uhr), die vom Direktorat der Zeit, einer Agentur des United States Military, überwacht wird. Die Master Clock konsultiert ständig fünfzig andere Atomuhren, um die Zeit auf eine Millisekunde zu berechnen, damit Computer und Digitalservices in aller Welt ihre konventionelle Zeit auf die „exakte” Zeit umstellen können. In SIZZLE repräsentiert das Orchester sozusagen dieses Leben im 21. Jahrhundert mit seinem raschen Tempo voller Energie und seinen nachdrücklichen, hypnotisierenden Rhythmen. Drei Posaunen und ein Horn sind abseits vom Rest des Orchesters postiert und erkunden eine tiefere Strömung, eine seelisch-kulturelle Verbindung mit der Erde, mit dem Grund des Seins, mit einem universellen Strom, mit der Tiefe des Raums, mit dem kollektiven Unbewussten, der Sehnsucht nach dem, was unendlich, maßlos, unermesslich, spirituell ist.

Margaret Brouwer
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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