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8.559255 - SCHUMAN, W.: Symphonies Nos. 7 and 10 (Seattle Symphony, Schwarz)
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William Schuman (1910–1992)
Symphonien Nr. 7 und Nr. 10

William Schuman wurde am 4. August 1910 in New York City geboren. Zunächst stand die Geige im Mittelpunkt seiner musikalischen Ausbildung. In seiner Begeisterung für den Jazz und die Popularmusik brachte er sich allerdings auch verschiedene andere Instrumente selbst bei. 1930 hörte er Arturo Toscanini und die New Yorker Philharmoniker, woraufhin er die Handelsschule der New Yorker Universität verließ, an der er zwei Jahre zugebracht hatte, und er nahm Privatstunden in Harmonielehre bei Max Persin und in Kontrapunkt bei Charles Haubiel.

Nachdem er am Lehrerkollegium der Columbia University (Bachelor of Art 1935) und bei Roy Harris an der Juilliard School studiert hatte, trat er dem Lehrkörper des Sarah Lawrence College bei. 1943 gewann er mit seiner Kantate A Free Song den ersten Pulitzer-Preis für Musik. Zwei Jahre später verließ er die Akademie, um Verlagsdirektor bei G. Schirmer und Direktor der Juilliard School of Music zu werden. Von 1962 bis 1969 wirkte er als Präsident des Lincoln Center für die ausübenden Künste.

Während er seine Tätigkeiten als Lehrer und Administrator miteinander in Einklang zu bringen wusste, konnte er zugleich viele Werke komponieren. Seine zweite Symphonie von 1937 fand, als sie ein Jahr später in New York City uraufgeführt wurde, die Aufmerksamkeit der gesamten Musikwelt. Schumans bekannteste Stücke sind das New England Triptych nach Musik des amerikanischen Komponisten William Billings (1746-1800) sowie die Orchesterfassung des witzig respektlosen Orgelstücks Variations on „America“ von Charles Ives. William Schuman starb am 15. Februar 1992 in New York City.

Zwölf Jahre vergingen zwischen der Vollendung der sechsten und der siebten Symphonie. Letztere entstand 1960 im Auftrag der Kussewitzky-Stiftung in der Library of Congress zum 75jährigen Bestehen des Boston Symphony Orchestra und in Erinnerung an Serge und Natalie Kussewitzky. Charles Munch brachte das Werk am 21. Oktober 1960 mit dem Boston Symphony Orchestra zur Uraufführung.

Das Werk ist zwar im traditionellen, klassischen Format der viersätzigen Symphonie angelegt, wird aber ohne Pause in einem durchgehenden Zusammenhang gespielt. Auffallende Stimmungs- und Klanggegensätze zwischen den Sätzen verleihen dieser Entität Kontraste und Kontinuität. In der gesamten siebten Symphonie beobachtet man ein Gleichgewicht zwischen dem Hang des Komponisten zu unnachgiebiger Energie und einem reifenden romantischen Ausdruck, in dem man rückblickend einen Vorboten des Post-Serialismus sehen kann, der in den siebziger Jahren entstand und auf eine jüngere Komponistengeneration überging.

Der erste Satz, Largo assai, beginnt mit unbeugsamen, stark fokussierten Akkorden. Eine finstere, ja bedrohliche Stimmung dominiert. Akkordisches Streicherspiel alterniert mit unheilvollen Bläsereinwürfen, die durch die Bassklarinette noch dunkler werden. Das Schlagzeug kommt hier nicht zum Einsatz. Wie in vielen seiner Werke treibt uns Schuman auch hier durch eine kräftige rhythmische Unterströmung (stark punktierte „Energiepakete“) unwiderstehlich voran, und es entsteht ein Gefühl der Angst, das durch chromatische und dissonante Harmonien noch verstärkt wird. Psychologisch düstere Klänge resultieren aus den Zwiegesprächen, die die Bassklarinette mit anderen Instrumenten führt, namentlich in der Kadenz für Klarinette und Bassklarinette, die am Ende des Largo assai als Brücke zum zweiten Satz fungiert. Dieser ist mit Vigoroso überschrieben und beginnt mit einer Blechbläserfanfare, die an Coplands Fanfare for the Common Man erinnert. Wenngleich die Harmonien ihre kräftige Dissonanz bewahren, wird die Stimmung zunehmend festlicher und strahlender, womit sich ein großer Gegensatz zum düsteren Sinnen des ersten Satzes ergibt. Ein weiterer Kontrast resultiert aus dem prominenten Einsatz von Pauken und Schlagwerk, wozu auch Klavier und Xylophon gehören. Der treffend mit Cantabile intensamente bezeichnete dritte Satz für Streicher ist zwar ruhiger und sanfter, nicht aber ohne Züge des Rätselhaften. Die endlos sich entfaltende, bogenförmig strukturierte Melodie erzeugt eine Stimmung unablässiger Sehnsucht, die schließlich in einen Zustand heiterer Gelassenheit übergeht. Das abschließende Scherzando brioso beginnt mit einem energischen Stampfen und verwendet alle orchestralen Mittel in deutlichem Kontrast zu den reinen Streicherklängen des vorherigen Satzes. Der tanzhafte Satz, in dem die frühe Liebe des Komponisten, der Jazz, nachklingt, ist strahlend und festlich. Darin kommt der Charakter eines Werkes zum Ausdruck, mit dem die glorreiche Geschichte des Boston Symphony Orchestra gefeiert werden soll.

Im Vorfeld der nationalen Zweihundertjahrfeiern bestellte das National Symphony bei William Schuman ein entsprechendes Orchesterwerk, das zwei Jahrhunderte amerikanischen Erlebens spiegeln sollte. Er entsprach diesem Auftrag mit seiner zehnten Symphonie, die den Untertitel American Muse trägt. Es ist ein Werk, in dem sich die Widmung an die kreativen Künstler der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spiegelt. Antal Dorati dirigierte das National Symphony Orchestra bei der Uraufführung des Werkes am 6. April 1976.

Von Schumans Frau kam der Vorschlag, auf den Anfang eines vier Jahrzehnte früher entstandenen Chorwerkes, Pioneers! O Pioneers! nach Walt Whitman, zurückzugreifen. Der Komponist erinnerte sich: „Der Instinkt meiner Frau erwies sich als glücklich, denn die Erinnerung an Pioneers und die neuerliche Begegnung mit dem Optimismus des Werkes waren genau das, was ich brauchte, um mit dieser Symphonie anfangen zu können. Optimismus ist schließlich ein wesentliches Ingredienz, um die amerikanischen Anfänge zu verstehen.“

Der erste Satz, Con fuoco (mit Feuer), kommt sogleich mit Paukenwirbeln, Schlagzeug und Blechbläsern zur Sache und lässt an den kecken, positiven Geist denken, mit dem die Nation in einer Revolution ihren Anfang nahm. Die Musik verwendet ein durch prägnante Dissonanzen intensiviertes, tonales Vokabular, ist emphatisch, kantig und sparsam texturiert und wird von Gruppen energiegeladener kleiner Noten vorangetrieben. Ein weitgespanntes Thema der Violinen und Hörner tritt hinzu und wird von eindringlichen, scharfen rhythmischen Stößen unterstrichen, in die sich Blech, Holz und Schlagzeug teilen. Der zweite Satz – Larghissimo – ist von völlig anderer Art. Er beginnt beinahe unhörbar im pianississimo der hohen, vom Holz unterstützten Streicher. Aus sanft-nachdrücklichen Streicherakkorden tritt allmählich in den von den Bässen verstärkten Violoncelli eine Melodie hervor. In den hohen ersten Violinen entsteht eine romantische Melodie, die mit cantabile dolce, quasi parlando bezeichnet ist. Die Harmonie ist in der Hauptsache mäßig dissonant, die Musik ruhig, eindringlich und nachdenklich – häufig wie ein Nocturne, schön und doch ein wenig beunruhigend. Nach und nach steigert sich die Dynamik, derweil Holz und Hörner markante rhythmische Figuren beisteuern. Auf halber Wegstrecke meldet sich über den Trompeten eine funkelnde Melodie der Flöten, die fortgesetzt wird, indessen die Dynamik zunimmt und durch die Blechbläser und Streicher spannungsvolle Klänge entstehen. Nach einer gewaltigen Klimax nimmt die Dynamik plötzlich ab, und sogleich ist die Angst verschwunden. An ihre Stelle tritt eine Wiederholung, die nach Geist und Buchstaben der cantabile-Anweisung entspricht, mit der der Satz in bemerkenswerter Konsonanz beschlossen wird. Das Finale – Presto – beginnt mit Streicherpizzikati und Klavier im Unisono. Es entsteht ein witziger Dialog zwischen Pizzikati und gemischten Holzbläsern. Die Streicher entfalten im Legato eine lange, von zwitschernden Bläsern eingefasste Melodie. Xylophon, Glockenspiel und anderes Schlagwerk treten in wechselnder Zwiesprache mit Bläsern und/oder Streichern hinzu. Zusätzliche Kontraste im Timbre entstehen durch dichte, dissonante Blechbläser- Akkorde. Nach der Hälfte des Satzes ändern sich Stimmung und Klang: Unbeschwerte Streicher spielen eine lebhafte, synkopierte Melodie zu den lang ausgehaltenen Tönen der Geigen. Ebenso belebt und rhythmisch verspielt fallen Trompeten und andere Instrumente ein. Die Symphonie endet mit einem überschwenglichen, energischen Geschmetter im dreifachen Forte, das von den höchsten Höhen der Pikkoloflöten bis zum vollen Ton der Kontrabässe reicht.

Steven Lowe © 2005 Seattle Symphony
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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