About this Recording
8.559267 - MORAVEC: Time Gallery (The) / Protean Fantasy / Ariel Fantasy
English  German 

Paul Moravec (geb.1957): The Time Gallery • Protean Fantasy • Ariel Fantasy

In einer Zeit der zunehmenden Globalisierung ist es Paul Moravec gelungen, seinen eigenen, fest verankerten Raum inmitten einer oft irrwitzig erscheinenden Musikszene zu definieren. Sein Schaffen beruht in vieler Hinsicht auf der großen westeuropäischen Tradition, deren Grundlagen er zum Teil in eine durch und durch gegenwärtige Ästhetik umwandelt. Moravec, den der Kritiker Terry Teachout als einen „neuen Tonalisten“ bezeichnete, komponiert tiefgründig und doch mit leichter Hand. Er verwendet das Handwerk so virtuos, dass es einfach erscheint. All das verbindet sich in einem Komponisten, der zugleich gelehrt und verständlich, traditionell und fantasievoll, tief und enorm spaßig ist. In einer Zeit, wo sich gewisse Kritiker um die Zukunft des Konzertbetriebs insgesamt sorgen, spricht Moravec mit seiner zutiefst integren Musik von Zuversicht und Hoffnung.

Moravec’ viersätziges Kammermusikwerk The Time Gallery (Die Zeitgalerie) gehört zu den jüngsten Schöpfungen eines rasch wachsenden OEuvres. Dabei handelt es sich nach den Worten des Komponisten um eine „Meditation“ über verschiedene Aspekte der Zeit. In The Time Gallery geht es um Zeitdauer, um Uhren und den menschlichen Puls, doch das Werk nähert sich der „Zeit“ auch im Sinne der Historie, indem es in die Vergangenheit zurückschaut – ins Mittelalter, wenn die Glocken eines Benediktinerklosters zum Sonnenaufgang läuten, ins Barockzeitalter, wenn das ehrwürdige B-A-C-H-Motiv erklingt. Gebrochen wird all das im Schluss-Satz Overtime: Memory Sings (Nachspielzeit: Die Erinnerung singt), in dem die Vergangenheit „neu erfunden“ wird. Ist es die Gegenwart? Die Zukunft? Eine Metapher für Moravec’ musikalischen Stil?

In schwächeren Händen könnte aus der „Zeit“ ein rigides Konstrukt im Würgegriff der Repetition entstehen, doch The Time Gallery transzendiert die Motorik. Das ist lebendige Zeit, mal nachdenklich oder geheimnisvoll, mal glückselig und energisch vorantreibend. Interessanterweise spricht The Time Gallery nach dem 11. September, in einer Zeit der terroristischen Bedrohung, von Optimismus und Lebensbejahung. Man kann sich jedoch schwerlich des Gegenstandes der „Zeit“ annehmen, ohne über die Endlichkeit des Daseins nachzusinnen. Moravec komponiert in einem historischen Augenblick der Angst und des politischen Extremismus, in einer Epoche, da wir uns als Gemeinschaft Gedanken darüber machen, ob unsere Zeit vielleicht nur geborgt ist. „Das Paradoxon der Zeit“, sagt der Komponist, „besteht darin, dass sie zugleich der Schöpfer und der Zerstörer aller Dinge ist. Ich versuche schöne Musik zu machen, die zwar die Tragik erkennt, am Ende aber die Freude und die Bejahung feiert. Zeit ist das Medium der Musik, und Liebe ist ihr Geist.“

Abgerundet wird die CD von Moravec’ Protean Fantasy und Ariel Fantasy, zwei neueren Werken für Violine und Klavier. Beide sind wie The Time Gallery von einer bezwingenden inneren Energie geprägt. Die üppige Protean Fantasy beginnt nachdenklich, wird dann aber zu einer virtuosen Sensation. Ariel Fantasy, die mit einem verwirrenden Blinzeln dahingeht, ist von Anfang an motorisch-intensiv und erreicht mitunter kristalline, dann wieder kaskadenartige Phasen. Die Musik hat eine aus dem Innersten kommende Intensität, die den Hörer eindringlich und direkt anspricht.

Carol J. Oja


Close the window