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8.559278 - ROREM, N.: Violin Concerto / Flute Concerto / Pilgrims (Khaner, Quint, Royal Liverpool Philharmonic, Serebrier)
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Ned Rorem (geb. 1923)
„Pilgrims“ für Streichorchester • Flötenkonzert • Violinkonzert

 

Als man mir vorschlug, drei Sinfonien Ned Rorems einzuspielen, reagierte ich sofort positiv. Ich hatte die amerikanische Erstaufführung seiner Six Irish Poems mit dem Curtis Institute of Music Orchestra in Philadelphia geleitet und seine Fanfare mit dem American Symphony Orchestra in der Carnegie Hall dirigiert. Und erst in jüngerer Zeit hatte Carole Farley eine sehr erfolgreiche Aufnahme mit Liedern Rorems vorgelegt, wobei der Komponist selbst am Klavier saß. Und auch wenn man Rorem vor allem von seinen hunderten von Liedern her kennt und schätzt, so ist doch auch sein übriges OEuvre nicht weniger beeindruckend.

Ned Rorem wurde am 23. Oktober 1923 in Richmond, Indiana geboren. Als er zehn Jahre alt war, machte ihn sein Lehrer mit der Musik von Debussy und Ravel bekannt, eine Erfah-rung, von der Rorem später sagte, sie habe sein Leben für immer verändert. Mit 17 Jahren nahm Rorem dann ein Stu-dium an der Music School der Northwestern University auf, um zwei Jahre darauf ans Curtis Institute of Music zu Philadelphia zu wechseln, wo er mittlerweile selbst nun schon seit vielen Jahren Komposition lehrt. Er studierte Komposition bei Bernard Wagenaar an der Juilliard School und arbeitete im Austausch für Instrumentations- Stunden als Kopist für Virgil Thomson. Von 1949 bis 1958, einer wichtigen Phase seiner musikalischen Entwicklung, lebte Rorem in Frankreich. Unter den unzähligen Ehrun-gen und Preisen, die Rorem im Laufe seiner Karriere zu-teil geworden sind, finden sich auch ein Guggenheim Fellowship (1957) und ein Preis des National Institute of Arts and Letters (1968). 1998 wählte ihn Musical America zum Komponisten des Jahres und zwei Jahre darauf wurde er zum Präsidenten der American Academy of Arts and Letters gewählt. Kompositionsaufträge erhielt Rorem von der Ford Foundation (Poems of Love and the Rain, 1962), der Lincoln Center Foundation (Sun, 1965), der Koussevitzky Foundation (Letters from Paris, 1966), vom At-lanta Symphony Orchestra (String Symphony, 1985), vom Chicago Symphony Orchestra (Goodbye My Fancy, 1990), von der Carnegie Hall (Spring Music, 1991) und vielen anderen mehr. Zu den vielen Dirigenten, die sich seiner Musik angenommen haben, zählen Bernstein, Ma-sur, Mehta, Mitropoulos, Ormandy, Previn, Reiner, Slat-kin, Steinberg und Stokowski.

Nachdem er viele Jahre in Paris gelebt hatte und schließlich nach Amerika zurückgekehrt war, begann Rorem mit der Veröffentlichung einer ganzen Reihe von Tagebüchern, die traurige Berühmtheit erlangen sollten und ob der in ihnen enthaltenen freimütigen Schilderungen aus dem Privatleben vieler berühmter Künstler Kotroversen hervorriefen. „Lügen“ ist die letzte Folge seiner Tagebücher überschrieben. Rorem sagte dazu: „Meine Musik ist ein nicht weniger kompromittierendes Tagebuch wie meine Prosa. Ein Tagebuch unterscheidet sich von einer musikalischen Komposition freilich darin, dass es den Augenblick festhält, die momentane Stimmung des Schreibenden, die—wäre sie nur eine Stunde später aufs Papier gebannt worden—vielleicht ganz anders ausgefallen wäre.“

Die kurz vor Rorems 82. Geburtstag entstandenen Aufnahmen zu dieser CD werfen ein besonderes Licht auf einen amerikanischen Komponisten, den gerade seine Vokalmusik bekannt gemacht hat. Denn tatsächlich ist der Korpus seiner Orchesterwerke nicht eben unbedeutend, genauso wenig wie es jener seiner Chor- und Kammermusikwerke ist. Neben den drei Sinfonien, die ich bereits früher eingespielt habe, schrieb er die unnummerierte String Symphony, die 1985 vom Atlanta Symphony Orchestra unter Robert Shaw uraufgeführt worden ist. Ihre Aufnahme dieses Werkes wurde 1989 mit dem Grammy für die beste Aufnahme von Orchestermusik ausgezeichnet. Zu seinen Orchesterwerken zählen ferner die Air Music (1974), die vom Cincinnati Symphony Orchestra und Thomas Schippers in Auftrag gegeben und zwei Jahre später mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde; ein Violinkonzert (1985); ein Klavierkonzert für die linke Hand, das 1991 für Gary Graffman entstand; das 1993 komponierte Konzert für Englischhorn und Orchester, einer Auftragsarbeit zum 150. Jubiläum des New York Philharmonic; ein Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester (1998); ein Orgelkonzert (1985); ein Cellokonzert (2002); verschiedene Klavierkonzerte, neun Opern, Ballettmusiken, Schauspielmusiken sowie viele Werke für Chor und Orchester und große Werke für Solostimmen und Orchester.

Victor und Marina Ledin, die die Naxos-Serie American Classics am Anfang betreuten, schlugen vor, auch Pilgrims für Streichorchester in dieser Serie aufzunehmen, das es zuvor noch nicht aufgenommen worden war. Eine wunderbare Einleitung dieser Aufnahme von Konzerten. Zu Pilgrims schrieb Rorem selbst: „Die Idee wurde zwar schon 1949 geboren, zur Komposition selbst kam es dann tatsächlich aber erst 1985 an einem einzigen Septembertag in der MacDowell Colony. Der Titel Pilgrims hat dabei nichts mit unseren Gründungsvätern zu tun; vielmehr entstammt es Julien Greens wunderbarem kleinen Band Le voyageur sur la terre, das vom Selbstmord eines schizoiden Jugendlichen handelt. Der Titel dieses (in französischer Sprache verfassten) amerikanischen Romans entstammt wiederum der nachfolgenden Bibelstelle: „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben die Verheißung nicht empfangen, sondern sie von ferne gesehen … und bekannt, daß sie Gäste und Fremdlinge [engl. Pilgrims] auf Erden wären“ (Hebräer 11. 13). Die Musik ist dabei weniger programmatisch als vielmehr in einer Stimmung des Erinnerns gehalten. Pilgrims erklang erstmals am 30. Januar 1959 in der New Yorker Cooper Union unter der Leitung von Howard Shanet.

Das Flötenkonzert – eine Auftragsarbeit für die Philadelphia Orchestra Association und deren 1. Flötisten, Jeffrey Kahner—entstand 2002. Die von Roberto Abbado geleitete Uraufführung fand am 4. Dezember 2003 statt. Dieses Werk schließt gewissermaßen eine Lücke innerhalb der orchestralen Literatur für Flöte, wobei ich an meinen Freund Jean Pierre Rampal denke, der mich bat, einige Aufführungen des Violinkonzertes von Chatschaturjan in einem Arrangement für Flöte zu dirigieren (das der Komponist selbst für ihn angefertigt hatte), wegen des Mangels an Repertoire für Flöte und großes Orchester. Seither haben wir das Konzert Chatschaturjans im Rahmen einer Tournee in vielen europäischen Hauptstädten gespielt.

Zu seinem Flötenkonzert schreibt Rorem: „Der schwierigste Teil bei der Komposition eines solchen Werkes ist, einen angemessenen Titel zu finden. ‚Suite’ hätte zu der lose miteinander verbundenen Folge von Sätzen ganz gut gepasst. ‚Sechs Stücke für Flöte und Orchester’ wäre vielleicht noch ein wenig präziser gewesen. ‚Odyssee’ war mein erster Gedanke, als ich noch plante, deskriptive Untertitel von Homer zu verwenden. Wenn ich nun aber doch zum Begriff ‚Konzert’ zurückkehre—der, über die Jahrhunderte hinweg, ebenso viele Definitionen wie Definierende gesehen hat—so stehen dabei schlichtweg praktische Beweggründe im Vordergrund. Ich glaube nicht daran, dass nicht-vokale Musik nachweislich mit irgendeiner bestimmten Bedeutung belegt werden kann, wie etwa ‚Liebe’, ‚Tod’ oder ‚Furcht’ oder noch viel weniger etwa mit ‚Gelb’, ‚Dienstag’ oder ‚See’.“ Aber manchmal ist es hilfreich, den einzelnen Sätzen (in der Regel nachträglich) Namen zuzuschreiben und bereitet einfach Freude.

Der erste Satz, The Stone Tower [Der steinerne Turm], trägt seinen Titel nach einem der Studios in Yaddo (einer Künstlerkolonie). In diesem Studio in Sarattoga Springs, New York, hat Rorem die größten Teile seines Flötenkonzertes komponiert. Bei dem das Werk eröffnen-den siebentönigen Cluster, der eher ungewöhnlich mit ffffff markiert ist, handelt es sich um ein wiederkehrendes Leitmotiv, das—wie bestimmte Motive etwa in Tschai-kovskijs vierter oder fünfter Sinfonie—für das Schicksal stehen könnte. Der zweite Satz, Leaving-Travelling-Hoping [Verlassen-Reisen-Hoffen], besteht aus zwei kurzen Melodien, die ein langes Gedicht umschließen. Sirens [Sirenen], umschreibt Rorem als eine gemächliche Folge von Melodien und kleinen Wellen. Bei Hymn [Hymne] handelt es sich um ein lediglich für einige wenige Instrumente gesetztes Zwischenspiel: Fagott, Trompete, Kla-vier, Viola und die Soloflöte—eine höchst ungewöhnliche Idee inmitten eines Instrumentalkonzertes. Das Klavier, das einen einfachen Choral zwischen den kontrapunktischen Einwürfen der übrigen vier Instrumente spielt, übernimmt dabei die Rolle des Solisten. Der False Waltz [Falscher Waltzer] kommt dann sehr übermütig in Form einer Pyramide (leise-laut-leise) daher. Résumé und Prayer [Gebet] werden vom Komponisten als Kadenz beschrieben, in der kurz noch einmal die vorangegangenen Ereignisse anklingen, um sodann auf einem sehr leisen Ton auszuklingen.

Rorems Violinkonzert entstand im August 1984 innert fünf Wochen. Rorem dazu: „Man könnte es ob seines bescheidenen Ausmaßes ohne weiteres auch als Concertino bezeichnen, oder auch mit Variationen übertiteln, da sich jeder Satz thematisch auf die anderen bezieht. Auch Suite wäre schließlich noch als Titel denkbar, da die sechs betitelten Abschnitte etwas Narratives implizieren. Festzuhalten ist allerdings, dass dem Werk keine Sonatenform zugrunde liegt. Ich entwerfe auch alle nicht-gesungenen Werke so, wie wenn es sich um Lieder handelte—gleich Vertonungen von Worten, die es nicht gibt. Twilight [Zwielicht] entwickelt sich aus einem verschachtelten Prolog über einer langsamen Melodie in den Streichern, über der der Solist eine Gegenstimme wie Samt oder Spitze webt. Die Toccata-Chaconne auf einer 23-mal wiederholten Paukenfigur steigert sich ruckartig von einem Säuseln hin zu einem Donnerschlag, um sich dann umzukehren und zurückzusinken in ein erneutes Säuseln. Die Romance Without Words [Romanze ohne Worte]—ein von Mendelssohn geborgter Titel—ist buchstäblich ein Lied, von dem der Text entfernt wurde. Midnight [Mitternacht], ist eine mikroklangliche Variation, die in sich selbst wiederum aus Thema und Variationen besteht. Das Toccata-Rondo ist dann im Geiste ein falscher Walzer, also ein Walzer im 4/4-Takt. Was die Geschichte dahinter angeht: wenn es denn eine innerhalb der sechs Abschnitte gibt, dann soll sie von der Musik selbst verraten werden. Dawn [Dämmerung] nimmt Bezug auf Twilight – einen Ton tiefer und mit vertauschten Rollen von Solist und Orchester.“

Als Rorem sein Violinkonzert komponierte, schwebte ihm als Solist Jaime Laredo vor, der dann auch die Uraufführung dieses Werkes am 30. März 1985 in Springfield, Massachusetts spielte, gemeinsam mit dem Springfield Symphony Orchestra unter Robert Gutter. Das Konzert ist eine Auftragsarbeit für das Northeast Orchestra Consortium, zu deren fünf Mitgliedern eben auch das Springfield Symphony Orchestra zählt. Die erste Aufnahme des Werkes mit Gidon Kremer und dem New York Philharmonic unter Leonard Bernstein erschien im Oktober 1999.


© José Serebrier
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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