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8.559281 - HERSCH: Symphonies Nos. 1 and 2 / Fracta / Arrache
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Michael Hersch (geb. 1971)
Symphonien Nr. 1 und 2 • Fracta • Arraché

Intensität und Leidenschaft stets zunehmend
Diese Anweisung aus der 1. Symphonie von Michael Hersch fasst am besten zusammen, worum es sich bei der Musik des amerikanischen Komponisten handelt. Extreme, in der Wirkung oft brennende Wechsel der Dynamik und der Textur prägen sein Schaffen im Überfluss. Die beiden Pole sind gleichermaßen repräsentiert: Ausbrüche von Wut oder Ekstase stehen neben ausgedehnten Phasen der Niedergeschlagenheit und Schwermut. Seine Orchesterwerke können sich zu mehrfachem forte steigern, um danach rasch zu intimem Geflüster herabzusinken. Und während sich seine Musik in den neuen Welten beunruhigender, riesiger Räume bewegt, wahrt sie doch irgendwie eine geistige Beziehung zur Vergangenheit. Wegen dieser und anderer ausgeprägter Eigenschaften haben sich Dirigenten wie Marin Alsop, Mariss Jansons und Robert Spano, Instrumentalisten wie Garrick Ohlsson und Midori sowie Ensembles wie die Streichersolisten der Berliner Philharmoniker für die Musik von Hersch eingesetzt.

Es ist gewiss keine Überraschung, dass die tektonischen Verschiebungen in Herschs Musik das Innere des Komponisten reflektieren. Der 1971 in Washington D.C. geborene Hersch kam tatsächlich auf ungewöhnlichem Weg zum Komponieren. Er ist die seltene, scheinbar widersprüchliche Kombination von Spätentwickler und Wunderkind.

Erst im 19. Lebensjahr entdeckte Hersch seinen Wunsch zu komponieren. Sein Bruder Jamie, ein professioneller Hornist, vermochte den verschlossenen Teenager schließlich dazu zu bewegen, sich die fünfte Symphonie von Beethoven anzuhören. Als er sich ein Video mit Sir George Solti ansah, schien im Innern ein Damm zu brechen. Schon bald schrieb er sich am Peabody Conservatory von Baltimore ein, worauf er schnell die Technik beherrschte und eine Neigung zu Gangart und Struktur großangelegter Kompositionen entwickelte. Hersch brillierte auch auf dem Klavier; seine Lehrer waren von seinem Gedächtnis und Gehör beeindruckt – ob er nun eigene oder fremde Werke von Josquin bis Boulez spielte. Noch vor seinem Examen erhielt er 1997 als einer der jüngsten Komponisten überhaupt ein Guggenheim-Stipendium für Musik.

Ein Jahr früher war die Dirigentin Marin Alsop auf Herschs Musik aufmerksam geworden. Sie kürte ihn zum Ersten Preisträger der American Composer Awards, setzte seine Musik in den nächsten Jahren immer wieder aufs Programm und trug so zu der Erkenntnis bei, dass seine Stimme gehört zu werden verdient. Diese Beziehung hält bis heute und führte zu den hier vorliegenden, definitiven Aufnahmen des Bournemouth Symphony Orchestra. Herschs Symphonien Nr. 1 und 2 sowie Fracta und Arraché repräsentieren sein Orchesterschaffen und zeichnen die Entwicklung seines Stils nach.

In seiner 2. Symphonie (2001) scheint sich Herschs Orchestersprache gefestigt zu haben. Beeindruckt von seinen Ashes of Memory (1999), gaben Mariss Jansons und das Pittsburgh Symphony Orchestra diese Symphonie in Auftrag, die im April 2002 uraufgeführt wurde. Allerdings hatte zwischen den beiden Werken ein stilistischer Wandel stattgefunden: In immer größerem Maße begann Hersch, an der Stelle von Dreiklängen innovative, komplexe Cluster als Grundlage seiner harmonischen Sprache zu verwenden. Das geschah zunächst in Kammermusikwerken wie dem Oktett, das der Komponist als Wendepunkt zur Entwicklung seines reifen Stils bezeichnete; dann kam dieser neue Ansatz in der 2. Symphonie zur vollen Entfaltung.

Das viersätzige Werk beginnt mit einem dämonischen Wüten, doch allmählich tritt die darunter verborgene Essenz hervor. Zunächst erscheint eine disjunktive Melodie in Solovioline und Piccolo. Dann zeigen sich die Cluster, die den Grundstein der Symphonie bilden. Sie fließen in den zweiten Satz hinüber. Der dritte Satz führt ins Zentrum des Werkes, eine reine Melodie, die sich prachtvoll durch dichte Kontrapunktik hindurch entwickelt. Es ist einer der wenigen Momente in Herschs Oeuvre, dass ein ausgesprochen melodisches Thema erscheint, und das Ergebnis überzeigend. Das Finale nimmt fließend die verschiedenen Themen mit all ihren Höhen und Tiefen wieder auf, bevor es in einem leisen Cluster der hohen Streicher endet. Man sollte bemerken, dass Hersch das Werk in den Monaten nach dem 11. September 2001 vollendete – ohne freilich selbst auf diese Verbindung hinzuweisen.

Zu der beeindruckenden Reihe von Aufträgen, die Hersch vom Pittsburgh Symphony Orchestra erhielt, gehört auch das im April 2003 unter der Leitung von Claus Peter Flor uraufgeführte Fracta. Interessant ist, wie dieses Stück entstand. Bei dem Festival RomaEuropa hörte Hersch sein Duo After Hölderlin’s „Hälfte des Lebens“ für Klarinette und Violoncello im Pantheon von Rom (mit Walter Boeykens und Ilia Laporev), und er war von den Klangeffekten so gepackt, dass er es zu Fracta für Orchester umarbeitete.

Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine herkömmliche Orchestrationsarbeit. Zusätzliche Takte und Klänge umschlingen das ursprüngliche Material, um sich der Akustik des Pantheon zu nähern und die Ehrfurcht des Komponisten einzufangen. Dabei bemüht sich das jüngere Werk, die bildhafte Interpretation des Gedichtes von Friedrich Hölderlin zu bewahren – insonderheit die freudlos-melancholische zweite Strophe: „Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen“.

Obwohl sich in Herschs älteren Werken einige traditionelle Eigenschaften verbergen, haben sie doch nicht viel mit der Mehrzahl der seit den neunziger Jahren populären Orchesterstücke zu tun. 1998 vollendete der damals 27jährige Komponist seine 1. Symphonie, die ein Jahr später von der Dallas Symphony uraufgeführt wurde. Das einsätzige Werk zeigt einen jungen, von Mahler und Berg beeinflussten Komponisten, der sich dennoch in seiner eigenen Ästhetik ergeht. Insbesondere entfaltet er hier seine natürliche Begabung für Entwicklungen: Themen und Harmonien entstehen aus Motiven, die am Anfang in Erscheinung treten; die Veränderungen werden zunehmend von einer Rekapitulation des Ausgangsmaterials kontrastiert oder davon untermauert, zuweilen beides zugleich.

Die 1. Symphonie ist zwar nicht programmatisch, doch Hersch bereitet einen deutlichen musikalischen Pfad, der der Interpretation bedarf. Am Anfang läuten die Glocken, die den Tod symbolisieren, im dissonanten Intervall einer kleinen None und verkünden dem Protagonisten eine rauhe Fahrt. Ungeachtet aller Schichtungen und Höhenflüge könnte man die Symphonie auf eine einzige Frage fokussieren – Wird das dissonante Intervall in ein dauerhaftes Unisono übergehen, das die Erlösung des Geistes bedeutet?

Zunächst sind die Aussichten trübe. Es folgt ein Trauermarsch mit einem pulsierenden Dudelsackbass-C, der zu einem sehnsuchtsvollen, von Flöten und Geigen gespielten Thema führt. In weiteren Episoden melden sich die Glocken sporadisch, um das Geschehen beinahe wie ein Chor der griechischen Tragödie zu kommentieren. Die tumultuöse Reise erreicht ein zentrales Allegro, ein kontrapunktisches Schlachtfeld, welches das elegische Werk aus seiner Unschlüssigkeit herausholt und zu einer variierten Wiederholung der Anfangslinien überleitet. Eine Reihe sich steigernder Codas führt zum Augenblick der Wahrheit: Tatsächlich endet die Symphonie mit einem Unisono-C der Glocken. Mag das Leben auch noch so düster sein, die Ausdauer wird doch belohnt.

Arraché, das jüngste Werk auf dieser CD, zeigt deutlichere Beziehungen zu politischen Geschehnissen als bei Hersch sonst üblich. Das Stück entstand im Auftrag des Baltimore Symphony Orchestra zur Einweihung seines neuen Music Centerin Strathmore und wurde im Februar 2005 unter der Leitung von Yuri Temirkanov uraufgeführt. Im Sommer 2004 sah, las oder hörte ich allzu oft Berichte über das Schicksal von Geiseln im Irak, sagt Hersch. Die Bilder ließen sich einfach nicht erschüttern. Arraché (frz. weggerissen) ist kein lärmend deskriptives Stück, sondern von den Gedanken an die entsetzlichen, schmerzlichen Ereignisse zusammengepresst.

Arraché beginnt mit zwei leise brütenden Themen. Das erste ist eine Reihe harmonischer Cluster, die von den sordinierten Streichern ausgehen. Daraus entsteht eine choralartige, dunkel gefärbte Figur in Fagotten und Klarinetten. Ist das vielleicht ein Gebet um Kraft gegen das Böse, das gleich ausgestrahlt werden wird? Auf jeden Fall wird der Hörer tatsächlich von dieser sorgenvollen Reflexion durch ein kantiges, hüpfendes Thema „weggerissen“, das zu einem dichten, stachligen Allegro führt.

Von kräftigen Nebenmotiven angespornt, treibt die aggressive Musik mit solch bezwingender Bewegung voran, dass man den Verzicht auf Schlaginstrumente nicht bemerkt. Der thematische Inhalt löst sich schließlich in eine furiose Quadrupelfuge auf, womöglich ein symbolischer Hinweis darauf, wie sehr die Nachrichten die Sinne des Zuschauers überwältigt haben. Bald wird das Material des Anfangs in einer kondensierten Schicht wiederholt. Arraché endet in stiller Angst, während sich der Betrachter von den furchtbaren Nachrichten abwendet, ohne dass die Niedergeschlagenheit aufhörte.

Andrew Druckenbrod
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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