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8.559289 - COATES, G.: Symphonies Nos. 1, 7 and 14
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Gloria Coates (geb. 1938)
Symphonien Nr. 1, Nr. 7 und Nr. 14

 

Gloria Coates: Eine kataklystische Klassikerin

Gloria Coates hat das Monopol auf eine ganz bestimmte Art von Grenzerfahrungen im Bereich der akustischen Musik. Immer geht in ihrer Musik etwas langsames vor sich, und oft stellt sich heraus, dass es nicht so ist, wie man denkt. Gering ist die Zahl ihrer Paradigmen, doch erfinderisch sind diese. Eines davon, das auf dieser CD zu hören ist, besteht in einer schlichten Weise oder einer Choralmelodie, die aus einer schwankenden, undeutlichen Textur entsteht – ganz so, als zeigte sich allmählich ein Schloss, wenn der Wind die Nebel vertreibt. Dann gibt es breite Klänge, die sich langsam einstimmen oder verstimmen. Coates stützt sich auf einfache Bewegungsprozesse. Dadurch wirkt ihre Musik gleichzeitig turbulent und stabil. Man verwende eine beliebige halbe Minute dieser CD als Soundtrack in einem Film: Immer würde sich der Ausschnitt mit einem Kataklysmus verbinden – mit dem Untergang eines Reiches, der Zerstörungsgewalt fremder Horden, der Vernichtung einer Stadt durch einen Vulkanausbruch … Und doch gibt es in Coates’ Musik wenig persönliche Emotion. Sie ist einfach riesig, grandios, jenseits menschlicher Maßstäbe und hat die Kraft der inneren Verwandlung.

Denn trotz ihrer mutig-neuen Klangwelt ist Gloria Coates unter den modernen Komponisten so etwas wie eine Klassizistin. Sie liebt die Symmetrie, liebt Palindrome, Spiegel und vor allem Kanons. Bei Betrachtung ihrer Partituren kann man oft bald vorhersagen, wohin das Stück gehen wird: Hat man die ersten drei Seiten einer ihrer Symphonien vor sich, so könnte man oft eine plausible Fortsetzung von weiteren sieben Seiten schreiben. Der Klang der Musik jedoch ist nie derart vorhersehbar, weil ihre klanglichen Mittel auf geheimnisvolle Weise verschleiernd wirken. Zuvörderst ist das Glissando, mit dem sie sich ihr Leben lang auseinandersetzt. Noch als Studentin verblüffte sie 1962 ihre Lehrer mit einem Streichquartett, das nur aus Glissandi bestand. Tausende sind seither gefolgt. Langsame, lange Glissandi, die einem das Gefühl geben, als verlöre man den Boden unter den Füßen; kleine, wellenförmige Glissandi, bei denen man glauben könnte, es sei etwas mit den Ohren oder der Stereo- Anlage nicht in Ordnung; schnell schwingende Glissandi, die Energiestürme erzeugen können. Doch sie alle sind in klaren Strukturen und oft graduellen Prozessen ausgeführt.

Und diese Prozesse sind oft symphonisch. Gloria Coates hat mittlerweile 14 Symphonien geschrieben. Damit ist sie die produktivste Symphonikerin aller Zeiten. (Wer’s verfolgt hat, weiß, dass die unbekannte Julia Perry [1924-1979] aus Kentucky mit einem Dutzend an zweiter Stelle steht.) Mit vierzehn Symphonien steht sie weit vor Beethoven, Bruckner, Dvořák und anderen, indessen sie mit Roy Harris gleichgezogen hat und nur einen Schritt von Schostakowitsch entfernt ist. Aufgrund der Quantität als auch vermöge ihrer direkt erkennbaren Persönlichkeit sollte Gloria Coates eigentlich eine der bekanntesten Figuren der zeitgenössischen Musik sein. Da sie aber seit 1969 als sehr amerikanische Figur fern der Heimat in Deutschland lebt (wo Komponistinnen besonders wenig gefördert werden), ist sie stets der Archetypus des Außenseiters.

Mit ihrer neuen Symphonie Nr. 14 (2002) hat Gloria Coates eine spezielle Hommage an ihre Heimat geschrieben, denn das Werk basiert auf Hymnen von Supply Belcher (1752-1836), den man zu seinen Lebzeiten den „Händel von Maine“ nannte, und William Billings (1746-1800) – zwei der ersten Komponisten aus Neuengland. Die mit Streichorchester und Pauken besetzte Symphonie ist wiederum auf typische Weise bizarr, und das nicht nur wegen ihrer Glissandi, sondern auch durch die Verwendung von Vierteltönen (Coates bezeichnet das Werk im Untertitel als Symphony in Microtones). Die Streicher sind durchweg in zwei gleich große Sektionen geteilt, von denen eine einen Viertelton tiefer als die andere gestimmt ist. Im ersten Satz wird das noch nicht deutlich: Dieser beginnt mit einem lauten Knall, wird dann aber sofort leise und gleitet endlos durch eine Hügellandschaft sorgfältig kalibrierter Glissandi dahin. Aus dem von Coates vorgeschriebenen Fünfviertel-Metrum erhebt sich dann Belchers Lamentation in recht vernehmlichen Halben. Die Lamentation verschwindet dann wieder in den Glissandi, und der Satz endet in ätherischer Sehnsucht auf einem tiefen C und einem sehr hohen H.

Der zweite Satz, Meditation: Homage to William Billings, erweckt die Vierteltöne zum Leben. Die heftigen, von Pizzikati unterstrichenen Dissonanzen entsprechen dem Ausgangsmaterial, das Coates hier gewählt hat und das eines der frühesten amerikanischen Beispiele für eine unaufgelöste Dissonanz ist: das Lied Jargon von Billings. Bostoner Kritiker hatten sich seinerzeit darüber beklagt, dass Billings’ Musik zu konsonant sei, worauf der ehemalige Gerber eine völlig dissonante (allerdings diatonische) Antwort komponierte:

Lasst furchtbares Kauderwelsch die Luft zerteilen
Und die Nerven zerfetzen
Lasst verhassten Missklang in den Ohren verweilen
Wie Donners Entsetzen!

Gloria Coates zitiert den Hymnus einmal in seiner Originalgestalt, worauf sie intensiver als Billings den Text illustriert, indem sie ihn in ihren vierteltönigen Dissonanzen realisiert. Im dritten Satz, The Lonesome Ones, übernimmt Coates eine Melodie aus ihrer fünften Symphonie – eine Tritonus-Linie, die immer und immer wieder in parallelen Vierteltönen zu hören ist. Diese weicht dann einer Textur immer weiterer Glissandi, die sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten in den einzelnen Streichergruppen bewegen.

Viele Jahre war die erste Symphonie aus den Jahren 1972/73 das bekannteste und meistgespielte Werk von Gloria Coates. Ursprünglich hieß das Stück Music on Open Strings (Musik auf leeren Saiten), denn die Komponistin bezeichnete ihre großen Werke damals noch nicht als Symphonien. (Diese Entscheidung traf sie erst nach Abschluss weiterer Partituren.) In der Ersten spielen sämtliche Instrumente in Skordatur, sind also in jedem Abschnitt anders als gemeinhin üblich gestimmt. Im ersten Satz ist das eine chinesische Skala (die Coates ihrem Lehrer Alexander Tscherepnin verdankte) aus den Tönen B, C, Des, F und G. So kann das Orchester eine auf dieser Skala beruhende Originalmelodie spielen (und allmählich transformieren). Dazu genügen demzufolge die leeren Saiten, doch wer da glaubte, die Musiker hätten mit der linken Hand nichts zu tun, der täuscht sich: Es werden Glissandi, weite Vibrati und Schläge auf das Corpus der Instrumente verlangt.

Der zweite Satz beginnt mit denselben Tonhöhen und führt von rhythmischen Pizzikato-Motiven zu Aufwärtsglissandi. Im Laufe des dritten Satzes jedoch beginnen die Streicher mit den Ausgangstonhöhen, die dann während des Spiels allmählich auf die konventionelle Stimmung gebracht werden. Das Finale mit dem Titel Refracted Mirror Canon for Fourteen Lines (Gebrochener Spiegelkanon für vierzehn Stimmen) beginnt in der gebräuchlichen Stimmung und ist zunächst ein kanonischer Prozess auf- und abwärts geführter, verschieden schneller Glissandi. Am Ende werden – wie in so vielen Sätzen von Gloria Coates – auf einem Punkt der höchstmöglichen Intensität Stillstand und Abschluss erreicht.

Mit ihrer siebten Symphonie schuf Gloria Coates 1990/91 eines ihrer ambitioniertesten Werke, das ihre künstlerischen Vorstellungen in einem vollen Orchester mit Blechbläsern und Schlagzeug zum Tragen bringt. Der erste Satz durchläuft einen kanonischen Prozess von zunehmend weiteren Glissandi, die von einem einfachen, gegen Ende alle fünf Schläge wiederkehrenden Motiv der großen Trommel unterstrichen werden. An den Maßstäben der Komponistin gemessen, ist der zweite Satz ein wenig konventioneller. Er bezieht den größten Teil seines Materials aus einer chromatischen Melodie, die anfangs im Kanon zu hören ist. Daraus entstehen Texturen, die in den verschiedenen Instrumenten in repetitivem Zweiunddreißigstel-Gestöber ausbrechen – ein wahrhaft großer Lärm. Der Schluss-Satz ist ein Lehrstück in konvergierenden Glissandi, wobei die tiefen Streicher von ihrem tiefsten Ton her kommen, die hohen Streicher aus einem hohen Register herabgleiten und das Schlagzeug den Zeitverlauf markiert, indessen das Orchester sich windet und immer dichter wird.

So leicht die Partitur sich beschreiben lässt, so unbeschreiblich ist der Klang. Und das ist das Paradoxon in der Musik von Gloria Coates: Sie verfährt mit ihrem Material so ökonomisch, dass auf dem Papier sehr einfach aussieht, doch der Effekt der Glissandi und anderer Mittel erzeugt mit ihren Tempo-Kanons ständig bewegte Klangmassen, die wir so noch nie zuvor gehört haben. Das ist alles andere als „furchtbares Kauderwelsch“, weil die Prozesse so transparent sind. Doch es ist Musik, deren Intensität „die Nerven zerfetzen“ könnte. Old Billings wäre erstaunt über das, was er ausgelöst hat.

Kyle Gann
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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