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8.559294 - HOVHANESS: Khrimian Hairig / Guitar Concerto / Symphony No. 60
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Alan Hovhaness (1911–2000)
Khrimian Hairig • Gitarrenkonzert • Symphonie Nr. 60 “To the Appalachian Mountains”

 

Einführung von Hinako Fujihara Hovhaness

Während unseres 24-jährigen Zusammenlebens habe ich Alan Hovhaness beim Komponieren beobachtet, und doch überrascht es mich, wie viel er komponiert hat. Er war ohne Übertreibung der produktivste Komponist des 20. Jahrhunderts. Er komponierte 67 Symphonien und Konzerte, und er komponierte für jedes Instrument, für jede Kombination. Ferner schrieb er Opern, Oratorien, Kantaten, Anthems und Lieder. Es gibt 434 nummerierte Werke. Rechnet man dazu noch die Manuskripte ohne Opuszahlen, so kommt man auf über 500. Für mich war er die Musik selbst.

In einer eigenen Biographie, die ich fand, schreibt Alan, dass er am 8. März 1911 in Somerville, Massachusetts, geboren wurde. Er erhielt Klavierunterricht bei Adelaide Proctor und Heinrich Gebhard und studierte Komposition bei Frederick Converse am New England Conservatory of Music. Als seine wichtigsten Lehrer betrachtete er den griechischen Mystiker und Maler Herman di Giovanno sowie den großen japanischen gagaku-Musiker Masataro Togi. Trotz seiner ausgezeichneten akademischen Bildung und Erziehung war er ein freier Geist. Schon als Kompositionsschüler schrieb er zwei Arten von Musik: die eine, um seinem Lehrer gefällig zu sein, die andere, originelle, für sich selbst. Als er seinem Lehrer etwas von der zweiten Art zeigte, hieß ihn dieser einen Narren. Er folgte nicht der Hauptströmung der zeitgenössischen Musik, sondern seiner eigenen Stimme, seinem Instinkt, und der Stimme einer höheren Quelle, wobei es sich vielleicht um das Wissen und den Einfluss jener großen alten Komponisten handelte, die er zutiefst bewunderte. Die “Akademiker” lehnten seine Musik ebenso ab wie einige der einflussreichen, voreingenommenen Komponisten seiner Zeit, weshalb Hovhaness zur Erreichung seines Zieles untertauchte. 1944 gründete er ein Amateur-Orchester zur Aufführung seiner Musik, und in den sechziger Jahren rief er mit Poseidon seine eigene Tonträgerfirma ins Leben. Regelmäßig entstanden in England die Aufnahmen neuer Werke, die er dann in den USA und in Großbritannien vertrieb.

In späteren Jahren wurde Hovhaness einer der meistgespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Menschen liebten seine Musik, während ihm die Kritik vorhielt, seine Werke seien zu populistisch. Er hat einmal gesagt: Ich will keine Musik für Snobs schreiben, sondern für alle Menschen – eine schöne und heilsame Musik, um mit Melodie und Klang zu erreichen, was die altchinesischen Maler als “geistige Resonanz” bezeichneten.

Khrimian Hairig entstand im Oktober 1944 und wurde am 29. Mai 1948 revidiert. Die erste kommerzielle Aufnahme kam erst 1995 mit dem Manhattan Chamber Orchestra unter der Leitung von Richard Auldon Clark zustande. 1942 hatte Hovhaness ein Tanglewood-Stipendium erhalten, doch was er dort erlebte, war niederschmetternd: Seine Musik wurde von den Komponisten, welche die Schule leiteten, kritisiert und heruntergemacht. Am nächsten Morgen verließ Hovhaness den Ort, und offenbar wusste er nicht mehr, wo er musikalisch hin wollte. Damals lernte er Herman di Giovanno kennen, ein griechisches Medium; Hovhaness nannte ihn einen spirituellen Lehrer. Dieser half ihm, eine neue Richtung zu finden – und die bestand darin, dass er nicht den vorübergehenden Marotten der zeitgenössischen Musik folgte, sondern statt dessen die wahre Quelle der Musik aufspürte. Er wandte sich dem Erbe seiner Vorfahren zu, der alten armenischen Musik. Die vierziger Jahre wurden als seine “armenische Phase” bezeichnet. Sein bekanntes Prayer of St Gregory op. 62(b) für Trompete und Streicher [Naxos 8.559207] entstand 1946 und wurde sein Markenzeichen. Khrimian Hairig hingegen hat nie den verdienten Erfolg erringen können.

1959 komponierte Hovhaness das Konzert Return and Rebuild the Desolate Place op. 213 für Trompete und Blasorchester [Naxos 8.559207]. Der zweite Satz dieses Werkes ist ein Arrangement von Khrimian Hairig, praktisch ein Duplikat. Er war anscheinend enttäuscht darüber, dass das Stück nicht aufgeführt worden war, und übernahm es in das Konzert – in der Hoffnung, es auf diese Weise zu Gehör zu bringen. In seinem Einführungstext schrieb er: Die Musik ist von einem Portrait des heroischen Priesters Khrimian Hairig inspiriert, der das armenische Volk durch mancherlei Verfolgungen führte. Es ist ein melismatischer Hymnus der Erbauer des Tempels, der dem Klang der Trompete, dem Kantor oder Boten, folgt. Diese priesterliche Melodie bewegt sich in drei Bögen: 1. Der Kelch der Heiligkeit, 2. Schwingen der Leidenschaft, 3. Der Triumph des Glaubens. Das einsätzige Werk ist ein edel-heroisches Andante. Es wurde in der Handschrift des Komponisten aus dem Jahre 1948 veröffentlicht.

Die Musik beginnt mit einer sechstaktigen Einleitung der Streicher, worauf die Solotrompete mit einer quasi obligaten Melodie einsetzt. Diese erhebt sich über die Streicher, die ihrerseits die Trompete reflektieren. Im Zusammenspiel entsteht so die Atmosphäre einer Kathedrale. Anders als im Prayer of St Gregory erscheint hier das Hauptthema erst ganz kurz vor dem Ende des Stückes. Dieses Fundament des Stückes wird schließlich von der Trompete gespielt – und es lohnt sich, auf sie zu warten, denn die leidenschaftliche Melodie bringt völlige Genugtuung. Meiner Meinung nach handelt es sich hier um ein echtes Meisterwerk, und die liebevolle Melodie ist ein Porträt des Komponisten Hovhaness selbst.

Das Gitarrenkonzert op. 325 entstand für den aus Bolivien stammenden Virtuosen Javier Calderon, der Hovhaness besuchte und ihn bat, ein Konzert für ihn zu schreiben. In dem Brief, den er mir 2005 schrieb, heißt es: Idee und Auftrag zu dem Konzert für Gitarre und Orchester kamen von mir; ich habe die Musik ihres Ehemannes Alan Hovhaness seit jeher geliebt und geachtet. Daher wünschte ich mir schon in jungen Jahren, er hätte etwas für Gitarre komponiert, dass ich spielen könnte. Also wandte ich mich an ihn. Ich habe immer noch die handschriftlichen Briefe, die er mir während unserer Arbeit an diesem Projekt schickte, und auch die Photographien, die Sie damals von uns gemacht haben. Nach Abschluss des Werkes vermerkte Hovhaness in der Partitur: für Javier Calderon. Der Auftrag kam von dem SRO Production Performing Artist Management und dem Minnesota Orchestra. Hovhaness unterschrieb den Vertrag am 10. Juli 1978 und vollendete das Konzert am 21. Januar 1979 um 14.15 Uhr, wie es im Manuskript heißt. Im Sommer 1979 brachte Calderon das Konzert mit dem Minnesota Orchestra unter Leonard Slatkin zur Uraufführung. Danach schickte er uns einen Mitschnitt dieser Premiere. Die hier vorliegende erste kommerzielle Aufnahme entstand mit dem New Yorker Gitarristen David Leisner, der zuvor bereits mit der Harfenistin Yolanda Kondanassis Spirit of Trees op. 374 für Harfe und Gitarre eingespielt hatte.

Das Gitarrenkonzert ist dreisätzig. Der erste Satz beginnt mit dem vollen Orchester, worauf ein senza misura folgt. Dieses Gitarrensolo wurde in der Art eines perkussiven jhala geschrieben. Der Komponist erklärt: Jhala ist der Klang wassergefüllter Schalen, die man mit Stäben anschlägt. Das Sanskrit-Wort kommt von den Instrumenten, die man jhala taranga nennt, was “Wellen von Wasser” bedeutet. Der romantische zweite Satz ist aus kontinuierlichen, einprägsamen Melodien aufgebaut, die nicht nur von der Gitarre, sondern auch von verschiedenen anderen Soloinstrumenten gespielt werden und zu einer Kadenz der Gitarre führen. Im dritten Satz intoniert die Gitarre eine orchesterbegleitete Melodie von 53 Takten; dann kommt eine Solokadenz, in der 4/4-, 7/8- und 5/8-Takte einander abwechseln. In der nächsten Gitarrenmelodie folgen 9/8, 8/8, 7/8, 5/8, 8/8, 11/8 und 10/8 im raschen Wechsel. Hovhaness schrieb ursprünglich drei Kadenzen und eine weitere ad libitum. Dieses virtuose, überaus romantische Gitarrenkonzert zeigt Hovhaness auf der Höhe seiner kompositorischen Kraft. Er nannte es eine lange, riesige Melodie. Ich nenne es “Hovhaness’ Liebeslied”.

Die Symphonie Nr. 60 “To the Appalachian Mountains” entstand im Auftrag der Martin Marietta Energy Systems, Inc. aus Anlass des Homecoming von 1986 – einer Festivität, mit der alljährlich das kulturelle Erbe des Staates Tennessee gewürdigt wird. Am 6. August 1985 unterschrieb Hovhaness den Vertrag, der ihm seinen bis dahin höchstdotierten Auftrag brachte. Die Symphonie entstand im November und Dezember desselben Jahres. Er schreibt: Durch das Studium der shaped notes, der Musik des Gebirges und der Volksdichtung versetzte ich mich in die Stimmung der Appalachen. Der dritte Satz ist eine Variante von Parting Friends, einem anonymen Lied aus der Zeit von 1820. Alle anderen Melodien sind eigene Kreationen.

Hovhaness interessierte sich damals schon länger für die alte amerikanische Notationsform der shape-notes. 1979 war er als Mitwirkender zu dem Festival und den Seminaren des Shippenburg College eingeladen worden. Dort hatte er die Klavierprofessorin Joan Applegate kennengelernt, von der er ein Buch namens Social Harp bekam. Darin war das Lied Parting Friends enthalten. Im April 1986 waren wir zur Uraufführung des Werkes mit dem Knoxville Symphony Orchestra in Tennessee. Während der Proben empörte sich Hovhaness über den Dirigenten, der nicht genug Zeit auf die Einstudierung der Symphonie verwandte, sondern sich vornehmlich mit einem Werk von Brahms befasste. In der Nacht schrieb Hovhaness in seinem Hotelzimmer ein kurzes Prelude für Flöte, Klarinette und Harfe, das zu Beginn der Symphonie gespielt werden sollte. Dieses Stück brachte er zur Premiere mit. Ich fand folgenden Kommentar zu der Musik: Dieses Prelude wurde komponiert, um den Dirigenten abzubremsen. Er hatte kein Gefühl für die Musik, dirigierte sie viel zu schnell und wie eine Maschine, womit die melodische und kontrapunktische Schönheit zerstört wurde. Der Präsident der Energiegesellschaft und andere wichtige Offizielle besuchten die Uraufführung, die aber wegen der fehlenden Proben keinen guten Verlauf nahm. Trotz des nachträglichen Prelude hetzte der Dirigent die Symphonie nervös herunter. So kam es, dass Hovhaness von der Firma keine Unterstützung zur Aufnahme des Werkes erhielt, und das, obwohl die Aufführung am nächsten Tag, bei der keine Offiziellen zugegen waren, besser ging. Seit damals wünschte ich mir eine Aufnahme des Werkes, damit die Menschen diese gigantische Symphonie hören können. Hovhaness nannte sie Americana.

Ich danke Maestro Gerard Schwarz dafür, dass er die Symphonie mit solch verständnisvoller Einfühlsamkeit dirigiert hat, und Klaus Heymann für die Veröffentlichung des Werkes auf seinem Label Naxos, womit sich Alans und mein Traum erfüllt.

Hinako Fujihara Hovhaness
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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