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8.559306 - CORIGLIANO, J.: Violin and Piano Music (Bieler, Tichman)
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John Corigliano (geb. 1938)
Violinsonate • The Red Violin: Chaconne und Capricen • Fantasie über ein Ostinato

 

John Corigliano wurde am 16. Februar 1938 in New York City geboren und studierte bei Otto Luening an der Columbia University, wo er 1959 sein Examen machte. Im Verlauf seiner wechselvollen Karriere hat er unter anderem als Musikredakteur bei verschiedenen Rundfunkanstalten, als Assistent bei Leonard Bernsteins Konzerten für junge Menschen sowie als Produzent der CBS und als Lehrer an verschiedenen Lehrinstituten gearbeitet (darunter auch an der Juilliard School). Er war der erste Composer-in-Residence des Chicago Symphony Orchestra und erhielt für seine Musik zahlreiche Preise—unter anderem einen Grawemeyer Award 1991 sowie je einen Grammy in den Jahren 1991 und 1996. Die Amerikanische Akademie für Kunst und Literatur nahm ihn 1991 in ihre Reihen auf; in demselben Jahr wurde seine Oper The Ghosts of Versaillesan der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt, die damit nach einem Vierteljahrhundert wieder einen Auftrag vergeben hatte.

Man hat die Musik von Corigliano gelegentlich als neotonal bezeichnet, doch sein stilistisches Spektrum umfasst den gesamten Bereich moderner Techniken, wozu unter anderem der Serialismus und der Minimalismus gehören. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch in Coriglianos Kammermusik, die zwar zahlenmäßig nicht an sein Orchester- und Chorschaffen heranreicht, dabei aber doch etliche große Werke enthält. Auch der idiomatische Einsatz der Violine sollte nicht überraschen, da der Vater des Komponisten viele Jahre Geiger bei den New Yorker Philharmonikern war.

Die Violinsonate (1963) gehört zu seinen ersten anerkannten Werken und zeigt ganz deutlich die flüssige Hand des Komponisten. Das erste Allegro beginnt mit einem lebhaften Diskurs der beiden Instrumente, der im weiteren Fortgang durch einen verbindlicheren, wenngleich kaum weniger lebhaften Gedanken ergänzt wird. Der Anfang wird in veränderter Form wieder aufgegriffen, bevor der Satz mit einer aufgeregten Geste zu Ende geht. Das Andantino kreist um ein sehnsüchtiges Thema, das rasch an Intensität gewinnt. In dem zurückhaltenderen Mittelteil wird mit Aspekten des Hauptgedankens gespielt, der anschließend wiederholt wird und zu einer unerwartet heftigen Klimax führt. Mit nachdenklichen Reminiszenzen an den Mittelteil verklingt der Satz. Das Lento beginnt mit Deklamationen des Klaviers, worauf die Violine mit einem rauschenden Rezitativ einsetzt. Sie hat in der Satzmitte eine kadenzartige Passage zu spielen, ehe das Klavier sich mit geheimnisvoller Ungewissheit zurückmeldet. Das abschließende Allegro setzt daraufhin mit der denkbar größten Kontrastwirkung ein, wobei der toccatenartige Impuls durch das funkelnde Wechselspiel der Instrumente noch verstärkt wird. Ein lyrisches Thema bringt eine gewisse Ruhe ins Spiel; dann wird der Anfang wiederholt, und die beiden Hauptgedanken alternieren nun, während sie sich zu einer kraftvollen Klimax steigern. Dann begibt sich die quirlige Musik auf den Weg zu einem entschiedenen Schluss.

Ein ganz anderer Blickwinkel spricht aus der Chaconne, die John Corigliano nach der Musik zu dem Film Die rote Violine (1997) eingerichtet hat. Unter der Regie von François Girard erzählt der Streifen davon, wie die Geige eines „alten Meisters” auf legalen oder illegalen Wegen immer wieder den Besitzer wechselt. Corigliano hat nun aus seiner Filmmusik keine lockere Suite gestrickt, sondern die im Film immer wiederkehrende Melodie als Basis einer Chaconne verwendet, mit andern Worten: eine Variationsfolge über einen ostinaten Bass komponiert und auf diese Weise sowohl den formalen wie auch den harmonischen Zusammenhalt des umfänglichen Werkes erreicht. (Es sei darauf hingewiesen, dass der Komponist das Stück inzwischen auch orchestriert [Naxos 8.559302] und für den Geiger Joshua Bell außerdem zwei weitere Sätze geschrieben hat, die zusammen mit der Chaconne das Red Violin Concerto bilden).

Mit den Akkorden der Geige und den flüchtigen Gesten des Klaviers beginnt die melodisch-expressive Entwicklung. Das daraus entstehende Thema erreicht eine kurze, leidenschaftliche Klimax, die das aggressive Klavier ostentativ kontert. Dementsprechend reagiert die Violine, und es kommt zu einem rabiaten Gedankenaustausch. Dieser bricht schließlich in sich zusammen und gibt der Violine die Möglichkeit, sich nachdenklich und zerstreut über den sparsamen Phrasen des Klaviers zu ergehen. Diese eisige Traurigkeit setzt sich in der Geige fort, bevor ein weiterer, schroffer Dialog entsteht und das sehnsüchtige Hauptthema in intensiver Steigerung wiederholt wird. In der anschließenden Kadenz wird die expressive Essenz des Werkes destilliert, worauf eine geisterhafte Passage (die Klaviersaiten werden hier direkt angeschlagen) zur letzten Phase des Werkes führt, in dem das Thema zu einem Höhepunkt gesteigert ist und sich zu einem entschiedenen Schluss aufschwingt.

Die Fantasie über ein Ostinato entstand 1985, wurde ein Jahr später auch in einer modifizierten Orchesterversion herausgebracht und gehört zu Coriglianos meistgespielten Werken. Der Komponist schrieb dazu in seinem Einführungstext: „Die Fantasie über ein Ostinato basiert auf einer berühmten repetitiven Passage von Ludwig van Beethoven (dem zweiten Satz der siebten Symphonie). Diese Musik ist in seinem Schaffen einmalig, weil sie in einem unablässigen, mehr als vierminütigen Ostinato dahingeht, das sich, abgesehen von einem langen Crescendo und zusätzlichen Begleitstimmen, nicht verändert. Dieser minimalistische Umgang Beethovens mit dem Material sowie mein eigener Wunsch, ein Stück zu schreiben, in dem der Interpret selbst über die Dauer der Wiederholungsmuster entscheiden sollte, resultierten in meinem ersten Experiment mit ,minimalistischen‘ Techniken. Ich begann die Arbeit mit gemischten Gefühlen gegenüber diesem als Minimalismus bekannten Phänomen der Gegenwart: Einerseits bewundere ich die Betonung ansprechender Texturen und auch die Tatsache, dass diese Musik gelegentlich hypnotische Wirkungen erreicht (eine Fähigkeit, die sie mit dem späten Beethoven teilt); anderereits schätze ich nicht die exzessiven Repetitionen, den Mangel an Architektur und die generelle emotionale Sterilität. In der Fantasie über ein Ostinato habe ich versucht, die anziehenden Aspekte des Minimalismus mit einem überzeugenden strukturellen und emotionalen Ausdruck zu verbinden. Ich habe also das zweiteilige Ostinato aus Beethovens siebter Symphonie als Ausgangspunkt für eine zweiteilige Fantasie benutzt. Der erste Teil erkundet die rhythmischen Elemente des Ostinatos sowie die harmonischen Implikationen der ersten Hälfte. Der zweite Teil entwickelt die zweite Hälfte des Ostinatos, erweitert sie und transformiert die markante Dur-Moll- Wendung in eine harmonische Kette, über der sich eine Reihe immer kunstvollerer Muster ausbreitet. Den Höhepunkt bildet dann die Wiederkehr des obsessiven Beethoven-Rhythmus und endlich das Auftreten des Beethovenschen Themas selbst.”

Weiterhin schreibt Corigliano: „Der Pianist sollte wissen, dass Farbe, Abwechslungsreichtum und Imagination für eine gelungene Aufführung des Stückes von wesentlicher Bedeutung sind. Die Fantasie des Spielers wird einen ebenso beträchtlichen Einfluss auf die endgültige Gestalt des Werkes haben wie die Entscheidungen, die er im Mittelteil hinsichtlich der Dauern der Wiederholungsmuster zu treffen hat (es ist ja auch intendiert, dass sich die Erscheinungsform des Werkes von Aufführung zu Aufführung verändern soll).”

Mit der Musik zu The Red Violin hat sich John Corigliano noch ein weiteres Mal auseinandergesetzt, als er nämlich 2002 die Red Violin Caprices komponierte. Mehr noch als in verwandten Werken verbindet sich hier der Inhalt mit höchsten technischen Anforderungen. Die Substanz des Themas ist identisch mit derjenigen der älteren Chaconne, unterscheidet sich aber deutlich durch seine Harmonisierung. Die erste Variation ist eine virtuose Studie à la Paganini, während sich die zweite Variation ausführlich mit Mehrfachgriffen und prägnantem Passagenwerk befasst. Die verhaltenere dritte Variation zeigt eine folkloristische Tönung, die die vierte Variation zu einer eloquenten „Arie” erweitert. Die fünfte Variation stellt den rhythmisch wogenden Abschluss des Werkes dar.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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