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8.559324 - TOCH: Piano Quintet / Violin Sonata No. 2 / Burlesken / 3 Impromptus
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Ernst Toch (1887–1964)
Kammermusik

 

Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, erzählte mir mein Großvater, der moderne Komponist Ernst Toch, was ihm in etwa meinem damaligen Alter und, wie er sagte, einem der bedeutendsten Tage seines Lebens begegnet war: Eines Nachmittags passierte er zufällig einen etwa gleichaltrigen Zeitungsjungen und hörte, wie der die Schlagzeile „Der Komponist Brahms gestorben!“ rief. „In diesem Augenblick,“ erklärte er mir, „habe ich zum ersten Mal begriffen, dass man das versuchen könne – seinen Lebensunterhalt mit Komponieren zu verdienen!“

Diese Erkenntnis dürfte ihm schwerlich in seiner Familie gekommen sein. Er kam 1887 in Wien als Sohn eines einfachen jüdischen Lederhändlers zur Welt und war das Kind einer eindeutig unmusikalischen Familie, das seinen Eltern mit seiner beinahe fanatischen Neugier auf die Welt der Klänge von Anfang an Rätsel aufgab. In einer Stadt wie Wien war es vielleicht nur natürlich, dass sich diese Faszination rasch zu einer Leidenschaft für die Musik entwickelte – die freilich in den frühesten Jahren kaum gefördert und mit zunehmendem Alter aktiv verhindert wurde, da der Vater sich um den späteren Lebensunterhalt des Knaben sorgte. Tatsächlich sah sich der junge Ernst gezwungen, seine Studien heimlich zu betreiben.

Irgendwie verschaffte er sich die Studienpartituren mehrerer Mozart-Streichquartette. Er rastrierte sich sein eigenes Papier (erst etliche Jahre später erfuhr er, dass es fertiges Notenpapier gibt) und kopierte die Werke in der Nacht unter seiner Bettdecke, wobei er intuitiv die Struktur der verschiedenen Sätze erkannte. In einer Nacht hatte er ein Stück von Mozart bis zum Wiederholungszeichen der Exposition abgeschrieben, worauf er seine eigene Durchführung improvisierte: „Dann verglich ich das mit dem Original“, schrieb er Jahre später in seinen autobiographischen Notizen, „und fühlte mich vernichtet. Ich war ein Floh, eine Maus, ein kleines nichts, als ich das, was ich getan hatte, mit Mozart verglich; doch ich gab nicht auf, tastete mich weiter auf diese Weise vorwärts und zwang Mozart, mich zu korrigieren. Und der ersetzte mir nicht nur jeden lebenden Lehrer, sondern er übertraf sie alle.“

Er sollte keine anderen Lehrer haben. „Zur selben Zeit,“ heißt es in den Notizen weiter, „erwachte in mir der unbezwingbare und unstillbare Wunsch, selbst Streichquartette zu schreiben.“ Mit siebzehn Jahren hatte Toch bereits sechs Quartette sowie verschiedene andere Kammermusiken komponiert. Gleichwohl hatte er, in ständiger Unsicherheit wegen seiner fehlenden Ausbildung, die Hoffnung auf eine musikalische Karriere anscheinend aufgegeben – als er 1909 plötzlich erfuhr, dass er den begehrten Mozart-Preis erhalten solle, der alle vier Jahre im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs vergeben wurde. Drei Jahre vorher hatte Toch spaßeshalber ein Werk eingereicht, das die Jury (mit dem Vorsitzenden Max Reger) nun unter anderem mit dem zugehörigen Stipendium für das Konservatorium von Frankfurt am Main belohnte. Stolz und in froher Erwartung seiner ersten offiziellen Unterrichtsstunde eilte Toch nach Frankfurt. Als er sich Ivan Knorr, dem Leiter der Kompositionsklassen, vorstellte, stotterte der: „Aber ich wollte doch Sie fragen, ob ich bei Ihnen lernen darf!“ Toch hatte in der Tat seine volle Reife als Komponist erreicht, weshalb er sich intensiv dem Klavierstudium widmete; in späteren Jahren sollte er mit der virtuosen Aufführung seiner oft extrem schwierigen Klavierwerke große Erfolge erringen.

Während des Ersten Weltkrieges diente Ernst Toch in der österreichischen Armee zunächst an der italienisch-slowenischen und dann an der galizischen Front. Beinahe fünf Jahre dauerte sein Schweigen als Komponist, doch in dieser Stille vollzog sich eine grundlegende innere Verwandlung, und als die schöpferischen Energien wieder an die Oberfläche drangen, gehörte Toch bald zur Avantgarde der damaligen Neuen Musik. Bald hatte er sich in Berlin etabliert, und sein enormer Fleiß verhalf ihm zu einer immer größeren Reputation. Unter anderem entstanden kühne neue Konzerte, Opern, Kammermusiken, Solostücke und experimentelle Neuerungen (wie die berühmte Fuge aus der Geographie, das erste Stück, das je für einen Sprechchor geschrieben wurde). Obwohl er sich nicht länger in seinem früheren romantischen Idiom bewegte, war ihm die organische Durchdringung von Neuerungen und Traditionen unabdingbar: „Ich gelte zwar als Moderner oder sogar als Atonaler,“ meinte er einmal, „doch meine Musik ist keineswegs atonal. Sie ist in der Tonalität verwurzelt, die schwebend und kreisend verwendet wird und immer zu definitiven tonalen Zentren drängt.“

In den Weimarer Jahren gehörte Toch zu den führenden Komponisten des großen Verlages Schott; seine Werke wurden regelmäßig von Künstlern wie Walter Gieseking, Emanuel Feuermann, Otto Klemperer und dem jungen William Steinberg aufgeführt – vor allem erwies sich Der Jongleur, das ausgelassene Schluss-Stück aus den 1923 entstandenen und hier eingespielten drei Burlesken für Klavier op. 31, als eine unverwüstliche, gern gehörte Zugabe.

Tochs erste Violinsonate op. 21 aus dem Jahre 1912, ein gewichtiges und aufrichtiges Zeugnis für den Schwung der ersten Schaffensperiode, ist zwar im vorliegenden Programm nicht enthalten. Dafür hören wir hier die nicht minder gelungene Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 op. 44 von 1928. Die eindringliche Melancholie des Mittelsatzes zeigt die in Tochs OEuvre vorherrschende Stimmung: Der bisweilen geradezu koboldartige Humor und die schwungvolle, wuchtige Vitalität, die viele spätere Werke belebten, können nur im Zusammenhang mit der tiefen Schwermütigkeit gewürdigt werden, in der sich der Komponist ganz besonders daheim fühlte.

Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 brachte für Ernst Toch die Unterbrechung seiner Laufbahn. Bei seiner Flucht kam ihm zugute, dass er bereits zusammen mit Richard Strauss als einer der Repräsentanten Deutschlands bei einer musikwissenschaftlichen Konferenz in Florenz feststand und von dort einfach nicht mehr heimfuhr. Statt dessen reiste er nach Paris, von wo aus er seiner Frau das vorher verabredete Zeichen schickte: „Ich habe meinen Bleistift“ – als sei das alles, was er nötig gehabt hätte. Von Paris kam er nach London, wo er als Komponist für die Filmproduktion von Berthold Viertel arbeitete (Christopher Isherwoods Roman Prater Violet beruht unverkennbar auf dieser Geschichte). Von hier aus ging es nach New York, wo er an die Fakultät der New School of Social Research(„Universität im Exil“) berufen wurde. 1935 kam er schließlich nach Südkalifornien, wo er für Hollywood zu arbeiten begann – und anfangs sah es ganz so aus, als ob er wirklich nichts als seinen Bleistift gebraucht hätte, jedenfalls, wenn man das kraftvolle und von lebhaftem Trotz erfüllte Klavierquintett op. 64 betrachtet, das er 1938 im Auftrag der führenden amerikanischen Kammermusik- Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge komponierte. Doch während seine Werke in Deutschland, das ihm jetzt völlig verschlossen war, regelmäßig zu dem Publikum einer engagierten Musikszene sprachen, stieß sein Schaffen in Amerika weitgehend auf taube Ohren: So fand beispielsweise das Quintett erst geraume Zeit nach dem Kriege einen Verleger. Ernst Toch unterrichtete (unter anderem André Previn), und er schrieb für Hollywood, wo sich seine herbe Modernität ideal für Horroreffekte (Doctor Cyclops) und Jagdszenen (wie Shirley Temples Schlittenfahrt in Heidi) eignete. Nach und nach trocknete der schöpferische Impuls jedoch ein. Mrs. Coolidge, mit der er inzwischen gut befreundet war, schrieb er im Jahre 1943: „Seit einiger Zeit bin ich in keiner sehr glücklichen Gemütsverfassung. Fehlschläge und Ängste haben mich frustriert und einsam gemacht. Irgendwie widerstrebt es mir, weiterhin zu komponieren, wenn meine Werke doch mehr oder weniger als Papier im Schreibtisch oder in den Regalen liegenbleiben.“ Bei Kriegsende sollte er erfahren, dass die Hälfte seiner weitläufigen, über dreißigköpfigen Familie, die er verzweifelt zu retten versucht hatte, im Holocaust umgekommen war. Er schien ein gebrochener Mann zu sein – mindestens aber ein Komponist, dem der Bleistift zerbrochen war.

Dann fällte ihn 1948 ein schwerer Herzinfarkt, an dem er fast gestorben wäre, von dem er sich aber irgendwie auf verblüffende Weise erholte. Er gab den Unterricht und Hollywood auf und schuf in den fünfzehn Jahren, die ihm noch blieben und die vielleicht die produktivsten seines Lebens wurden, sieben Symphonien (von denen die dritte den Pulitzer-Preis erhielt), zahllose neue Kammermusiken, eine neue Oper und Solowerke von der Art wie das auf diesem Album vorliegende Impromptu für Violoncello op. 90c: Dieses ausgedünnte, nervige und kraftvoll-bewegende Stück entstand 1963 zum Geburtstag seines guten Freundes Gregor Piatigorsky. Im nächsten Jahr starb Ernst Toch in der wehmütigen Überzeugung, dass er – wie er seinem Freund Nicolas Slonimsky oft sagte – der „vergessenste Komponist der Welt“ sei. Das schien auch viele Jahre so zu sein, da er vom traditionellen Publikum als zu modern abgelehnt wurde, während er denen, die auf der andern Seite standen, zu traditionell war.

„Ich glaube, dass wir nur das Produkt einer langen Linie von Vorfahren sein können,“ erklärte er einmal, „und dass jeder schöpferische Künstler, ohne es zu wollen, ein Glied in dieser Kette wird. Er arbeitet an der Kontinuität in dem Maße, wie ihm die Zeitlosigkeit wichtiger als die Zeitgebundenheit ist.“

Tatsächlich wurde Toch in jüngster Zeit wiederentdeckt. Während der letzten zehn Jahre wurden mehr als zwanzig CDs veröffentlicht – darunter hervorragende neue Einspielungen seiner sämtlichen Symphonien und Streichquartette, jetzt das Klavierquintett und die frühe Violinsonate: Tochs Schaffen wird heute erneut betrachtet, und zwar auf jene Weise, wie es ihm am liebsten gewesen wäre – als Glied einer langen Kette. Und als solches erfährt seine Musik heute dank ihrer handwerklichen Meisterschaft und tiefen Inspiration wieder Anerkennung.

Lawrence Weschler
Deutsche Fassung: Cris Posslac

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Lawrence Weschler, ein langjähriger Autor des New Yorker und derzeitiger Direktor des New York Institute for the Humanities, hat unter anderem Mr. Wilson’s Cabinet of Wonder, Everything that Rises, Vermeer in Bosniaund das biographische Vorwort zu The Shaping Forces in Music von Ernst Toch, seinem Großvater, geschrieben.


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