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8.559325 - GLASS: Symphony No. 4, 'Heroes' / The Light
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Philip Glass (geb. 1937)
Heroes Symphony • The Light

 

Bis heute kennt man von Philip Glass vor allem die Musik, die er für sein eigenes Ensemble geschrieben hat (insbesondere die Music in Twelve Parts von 1974), sowie die Bühnenwerke – nicht zuletzt die in Zusammenarbeit mit Robert Wilson entstandene Operntrilogie aus Einstein on the Beach (1975), Satyagraha (1980) und Akhnaten (1984). Im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte hat er sich kompositorisch allerdings weitgehend mit dem Orchester befasst. Schon 1987 sprach sein Violinkonzert [Naxos 8.554568] von seinem neuen Interesse an klassischen und romantischen Formen und Verfahren, und dieses Interesse hat inzwischen acht Symphonien sowie eine Reihe selbständiger Orchesterwerke gezeitigt.

Die Symphonien zeigen einen vielgestaltigen Umgang mit der Gattung. Nur bei den Nummern 2 und 8 handelt es sich um ausgewachsene, abstrakte Gebilde. Die dritte Symphonie hingegen ist ein kompaktes Werk für Streichorchester [Naxos 8.559202, Symphonien Nr. 2 und 3] und die Sechste eine Vertonung von Allan Ginsbergs Plutonium Ode, während die Nummern 5 und 7 groß angelegte Chorwerke darstellen, die nur ihrem Namen nach Symphonien sind. Die erste und vierte Symphonie schließlich sind zwar vielsätzige Orchesterwerke, wurden aber von ganz entschieden nicht-klassischen Quellen inspiriert.

Im Jahre 1993 vollendete Glass seine Low Symphony, die von David Bowies 1977 erschienenem Album Low angeregt wurde. Bowie gehört zu den produktivsten und einflussreichsten Rockmusikern und hat sich einen internationalen Namen mit Alben wie The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars (1972), Aladdin Sane (1973) und Station to Station (1976) gemacht, wobei er die Individualität oft noch durch ausgeklügelte Bühnen-Shows steigerte, in denen er sich als die Hauptfigur des jeweiligen Albums präsentierte. Nach einer kräfteraubenden Welttournee im Jahre 1976 beschloss Bowie, sein Musizieren radikal zu ändern. Er zog in den Westteil des damals noch geteilten Berlin, wo er in der Folgezeit mit Brian Eno zusammenarbeitete. In einer Zeit, da das Medium der Rockmusik ohnehin radikale Neuerungen erlebte, führte diese Kooperation zu einigen der entschiedensten Veränderungen auf dem Gebiet.

Eno, ein Ex-Mitglied von Roxy Music, hatte einige Solo-Alben gemacht, begann damals aber gerade, sich mit den Möglichkeiten des Synthesizers und einer Richtung zu befassen, die als „ambient composition“ bekannt wurde – abstrakte, oft zurückgenommene Elektronik, der es eher darum ging, eine Hörumgebung zu schaffen, als selbst konzentriert gehört zu werden. Low mit seinen kraftvollen Songs und evokativen Instrumentalstücken war das erste Album, das Eno und Bowie gemeinsam schufen. Darauf folgten Heroes (1977) und Lodger (1979) – zwei Produktionen, die durch die geteilte Stadt und den Widerhall des „Kalten Krieges“ inspiriert wurden, den man damals noch in Berlin spüren konnte.

Glass wählte für seine Low Symphony verschiedene Tracks aus dem Album Low, und 1996 tat er für seine Heroes Symphony dasselbe mit Heroes. Die unmittelbare Anregung kam von der amerikanischen Choreographin Twyla Harp, die gern ein Werk für ihr neues Tanzensemble haben wollte. Glass nahm sechs der zehn Tracks von Heroes und arbeitete sie zu unabhängigen Stücken um, aus denen dann ein eigenständiges Werk wurde.

Am Anfang von „Heroes“ ertönen Hörnerklänge über dem schwer schreitenden Rhythmus des Basses. Allmählich nimmt die harmonische und rhythmische Aktivität zu; Elemente des Songs verteilen sich über die Textur des Orchesters, so dass das Original von Bowie und Eno die Musik zwar auf allen Ebenen durchzieht, nicht aber dominiert. Bald treten die Motive, die anfangs in Hörnern und Bass erklangen, wieder in Erscheinung, um den Satz zusammen mit einem zusätzlichen Element der Streicher abzurunden.

Über Kastagnetten und pulsierenden Streichern entfaltet „Abdulmajid“ (‘The Secret Life of Arabia’ auf dem Bowie-Album) ein sehnsüchtiges, arabisch anmutendes Thema, das von delikaten Einwürfen der Celesta und des Schlagzeugs ergänzt wird. Während sich die Texturen allmählich verdichten, gewinnt die Musik ein bemerkenswert unheilvolles Aussehen; das emotionale Empfinden bleibt jedoch bis zum zurückhaltenden Schluss der Flöte und Basspizzikati unverändert.

„Sense of Doubt“ beginnt mit einem starren, absteigenden Motiv der Blechbläser, derweil die hohen Streicher einen unbeweglichen Akkord aushalten und das gestimmte Schlagzeug mit seinen aufwärts gerichteten Figuren einen Kontrast liefert. Plötzlich bricht diese Musik ab, worauf die Solo-Holzbläser und Streicher sich über einem rhythmischen Bass ergehen und die Textur durch den Einsatz weiterer Instrumente lebhafter wird. Dann wird das Anfangsmotiv wieder aufgegriffen, und die klagenden Akkorde der Holzbläser verleihen dem Satz einen schmerzlichen Schluss.

Zögernde Gesten bereiten das sehnsüchtige Thema der „Sons of the Silent Age’ vor, in das sich die Bläser vor einem wogenden Streicherhintergrund teilen. Das rhythmische Begleitschema wandert durch sämtliche Streicher und führt über ein Crescendo zur gesteigerten Wiederholung der Anfangsgesten; danach wird das Hauptthema weitgehend identisch wiederholt, bevor der Satz mit nachdenklichen Tönen endet.

Eine glockenspielartige Figur des gestimmten Schlagzeugs bildet im Wechsel mit kantigen Streichergesten den Anfang von „Neukölln“. Allmählich steigert sich die rhythmische Aktivität, und die Streicher entfalten ein straff expressives Thema, das allmählich verklingt, um die Motive des Anfangs im Dialog wieder aufzunehmen. Bald konzentriert sich die Entwicklung auf eine kadenzierende Phrase der tiefen Streicher, aus der wiederum der fragende Schluss des Satzes entsteht.

V2 Schneider“ beginnt mit einer lebhaften rhythmischen Bewegung der Blechbläser und des Schlagzeugs, wozu Streicher und Holzbläser erregte Motive austauschen, während die Musik an Schärfe gewinnt. Die rhythmische Bewegung verfestigt sich zu einem pulsierenden Ostinato. Dazu steigert sich die Aktivität sowohl hinsichtlich der Texturen als auch der dynamischen Intensität; schließlich wird ein Höhepunkt erreicht, dessen krönender Schlussakkord das gesamte Werk entschieden beendet.

Das Orchesterstück The Light entstand 1987 im Auftrag der Case Western Reserve University und bezieht seine Inspiration aus einer ganz andern Quelle – dem Michelson-Morley-Experiment, das die Unveränderlichkeit der Lichtgeschwindigkeit bewies und so den Weg für die Relativitätstheorie ebnete, die Albert Einstein zwei Jahrzehnte später formulierte. Auf der Suche nach einer musikalischen Entsprechung beginnt das Stück von Glass mit einer ausdrucksvollen Einleitung, der ein energischer Hauptteil folgt: ein „Vorher“ und „Nachher“, in dem sich der Anfang der modernen wissenschaftlichen Forschung spiegelt.

Das Stück beginnt mit einem sanft wogenden Motiv der Streicher, das sich nach und nach über einem konzentrierten rhythmischen Hintergrund der tiefen Blechbläser ausbreitet. Zarte Holzbläser-Figuren entstehen, während die Schwungkraft der Musik zunimmt; ähnliche Schemata treten in Streichern und Blechbläsern hinzu, bevor das Tempo deutlich anzieht. Blechbläser und Pauken sowie die pfeifenden Gebärden der Holzbläser und das Schlagzeug unterstreichen diese vermehrte Aktivität. Im Mittelpunkt der musikalischen Bewegung steht ein Gefühl der Vorahnung, wobei sich die Motive entsprechend ausdehnen und zusammenziehen. Schließlich bringt die gesteigerte Aktivität eine Transformation des Motivs, das anfangs von den Streichern gespielt wurde. Die Texturen dünnen sich aus, und das Motiv bleibt über einem pulsierenden Bass bestehen, während die Spannung nachlässt und die Musik demzufolge ihre Schwungkraft verliert; Fragmente des Motives sind über einer Begleitung zu hören, die plötzlich aufhört – das Stück ist zu Ende.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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