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8.559355 - WALDEN, S.: Maquettes / Sh'mah / 5 Similes / Horn Trio (Spectrum Concerts Berlin)
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Stanley Walden (geb. 1932)
Maquettes • Trio für Horn, Violine und Klavier • Similes • Sh’mah

 

Stanley Walden wurde 1932 in Brooklyn, New York, geboren. Er absolvierte das Queens College und nahm privaten Kompositionsunterricht bei dem Schönberg- Schüler Ben Weber. Als Klarinettist war er unter anderem bei den New Yorker Philharmonikern, an der Metropolitan Opera, im Gramercy Chamber Ensemble und in vielen anderen Formationen tätig. Er unterrichtete an der Juilliard School, der Staatsuniversität von Purchase und am Sarah Lawrence College; außerdem war er Gastkomponist der Eastman School, der Southern Methodist University (S.M.U.) und der Yale University. Walden war musikalischer Assistent von Martha Graham, Jerome Robbins und Jose Limon. 1990 begründete er an der Berliner Hochschule der Künste den Studiengang Musical, den er bis 2003 durchführte. Zu seinen Auftragswerken gehören Invisible Cities für Erich Leinsdorf und das Philadelphia Orchestra, Weewis für das Joffrey Ballet, die Kammersymphonie After Auschwitz für Sydney Hodkinson und Musica Viva (die Walden selbst am Pult der Potsdamer Philharmonie und der Budapester Kammersymphonie in Cividale aufführte). Circus wurde von Louisville Records unter Jorge Mester aufgenommen; außerdem wurde das Stück vom Chicago Symphony Orchestra unter Seiji Ozawa und in Cleveland unter Louis Lane gespielt. Walden hat Kammermusik und Solostücke für Jan DeGaetani (Some Changes auf Albany Records), Reri Grist, Robert Levin, Gilbert Kalish, Joel Krosnick und Carole Cowan geschrieben.

Zu Waldens vielen musikalischen Bühnenwerken gehören die Opern Liebster Vater für das Theater Bremen (die auch in Berlin, Weimar und New York gegeben wurde), Bachs letzte Oper (Erfurt) und Doctor Faustus Lights The Lights (Köln und New York). Dazu kommen als Musicals das in aller Welt gespielte Oh! Calcutta! (mit Jacques Levy und The Open Window) sowie Miami Lights (Miami und Palo Alto), Back Country (Boston), das von Sony Records veröffentlichte Café Mitte (mit Volker Ludwig und dem GRIPS Theater Berlin) und Die Bettleroper (Berlin). Weiterhin zu nennen sind Endangered Species (Martha Clarke und die Brooklyn Academy of Music), The Serpent und Mutation Show (The Open Theater) sowie The Caucasian Chalk Circle (Arena Theater, Washington, D.C.).

Neben seiner Tätigkeit als Komponist und Dirigent hat Walden als Schauspieler und Regisseur an mehr als fünfzig US-amerikanischen und europäischen Bühnenproduktionen mitgewirkt – oft in Zusammenarbeit mit dem Regisseur George Tabori. Zu seinen Filmmusiken gehören Desperado City(Camera d’or, Cannes) und Frohes Fest (Mannheimer Filmpreis). Zusammen mit seiner Ehefrau Barbara veröffentlichte er das Standardwerk Life Upon The Wicked Stage – Ausbildung zum Musicaldarsteller.

Einführende Worte des Komponisten

Maquettes für zwei Klaviere entstand im Auftrag von Robert Levin und seiner Frau Ya Fei. Wenngleich ich mindestens eine Generation älter bin als er, so habe ich – wie viele meiner Kollegen – seine musikalischen Fähigkeiten doch immer mit großem Respekt betrachtet. Ich entschied mich für den Titel Maquettes, weil diese Werke für mich „Modelle“ sind (wie die von Bildhauern und Architekten benutzten Maquetten), die sich mit der Klangwelt eines Klavierduos beschäftigen. Im 19. Jahrhundert hätte man sie als „Etüden“ bezeichnet.

1. Fanfare behandelt die Klangmassen, die auf 176 Tasten zur Verfügung stehen.

2. Song handelt von Solo und Begleitung.

3. Timbre betrachtet die Möglichkeiten, auf den Tasten und den Saiten sowie mit unterschiedlicher Pedalisierung zu spielen.

4. Air ist im doppelten Sinne als „Melodie“ [Aria] und "Gefüge" zu verstehen. Vor Beginn des Stückes sollen sich die Musiker vier Takte eines stummen Jazzwalzers vorstellen, dessen Bass- und Schlagzeugstimme zwar notiert ist, den das Publikum aber niemals zu hören bekommt.

5. Por Chucho: Der außergewöhnliche kubanische Klaviervirtuose und Komponist Chucho Valdes ist der Gründer der Gruppe Irakera. Die Musik Kubas und Lateinamerikas überhaupt wäre ohne die Familie Valdes kaum denkbar.

Sh’mah für Violine und Violoncello geht auf Material zurück, das eigentlich für George Taboris Inszenierung von Mein Kampf am Wiener Burgtheater komponiert wurde. Das Material entwickelt sich aus drei Quellen traditioneller jüdischer Melodien. 1. aus dem Shmah yisroel, einem der ältesten und wichtigsten hebräischen Texte: „Höre, o Israel, den Herrn unsern Gott, der Herr ist einer!“ (Es ist wichtig, dass es sich im Sh’mah des Titels um einen Imperativ handelt.) 2. aus Eli, Eli (auch die letzten Worte Christi am Kreuz) sowie 3. aus T’keeyaw, das am Neujahrstag zur Begleitung des shofar (Widderhorn) vorgetragen wird.

Die Klavierminiaturen Similes entstanden 1989. Es war dies für meinen Kreis kein gutes Jahr. Wir verloren sechs jener Menschen, die uns zu definieren helfen, wer und wo wir sind (Verwandte, Freunde und Kollegen). Nachdem ich die ersten sechs Monate in Berlin verbracht hatte, kam ich mir getriebener vor als sonst. Die vielen Todesfälle berührten mich tief. Wenn immer ich ein Stück abschließe (manchmal aber schon, bevor ich damit beginne), ist mir die Frage der Widmung nötig, die bisweilen auch ein in memoriam sein kann: Denn „wir müssen aufmerksam sein“, wie Arthur Miller das formulierte. Mit Ausnahme jener untertänigen Dedikationen, die einem Gönner oder Dienstherrn galten, ist die Widmung eine der wenigen Möglichkeiten, die sich einem schöpferischen Künstler bieten, um seine Dankbarkeit und Liebe auszudrücken. Kunst ist nämlich immer eine öffentliche Angelegenheit, ganz gleich was die Vertreter des L’art pour l’art auch behaupten möchten, und so erfüllt eine Widmung denselben Zweck wie das Aufgebot, das die Verlobten bestellen. Ein Zyklus kleiner Klavierstücke bot die Möglichkeit, in einem Stück mehrfach „aufmerksam“ zu sein. Die Similes sind nicht als Portraits gemeint (dazu sind wir alle viel zu komplex), doch als Anspielungen passen sie.

1. Like a sigh (Wie ein Seufzer)… (Terry Gittleman) – 2. Like bullets (Wie Geschosse)... (Zelda Dolgin) – 3. Like memory (Wie eine Erinnerung)… (Stephen Sell) – 4. Like a shadow (Wie ein Schatten)… (Tony und Sandy Black) – 5. Like a smile (Wie ein Lächeln)… (Jan DeGaetani).

Das Trio für Horn, Violine und Klavier entstand auf Bitten des Pianisten Gilbert Kalish. Erst nachdem ich mit dem ersten Satz (Dolente) begonnen hatte, erkannte ich, dass ich aus einer kontrollierten Trauer und Wut über die Ereignisse des 11. September 2001 heraus komponierte – die Zerstörung der New Yorker Zwillingstürme. Am Anfang des Satzes verlange ich von Violine und Horn, „Übungsdämpfer“ aufzusetzen, die den Klang beinahe unhörbar machen (weshalb man sie in halböffentlichen Räumen beim Üben verwendet). Dieser abgewürgte Klang repräsentiert für mich die kaum geformten Gefühle, die in mir aufwallen, wenn ich an die schreckliche Tat denke, und ich war, wie schon gesagt, überrascht davon, wie sie sich von selbst manifestierten. Passamezzo ist eine alte Tanzform, besser bekannt in der französischen Form des Passepied. Bei Salsa und Trio handelt es sich ganz klar um das Spiel mit der klassischen Form des Menuett und Trio. Battaglia ist ein Ventil für meine Wut auf die Terroristen. Ich weiß nicht, ob es sich für einen Komponisten gehört, seine Gefühle zu sehr in seine Musik einfließen zu lassen. Doch man sehe: Picasso und sein Guernica.

Stanley Walden
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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