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8.559371 - COATES, G.: Symphony No. 15 / Cantata da Requiem / Transitions
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Gloria Coates: Symphonie Nr. 15 ‘Homage to Mozart’
Cantata da Requiem ‘WW II Poems for Peace’ • Transitions

 

Gloria Coates und die Verbindung des Unvereinbaren

Gloria Coates, deren Werk zusehends Anerkennung findet, fällt innerhalb der zeitgenössischen Musik durch ihre erstaunliche Eigenständigkeit auf. Auf den ersten Blick ist sie als Komponistin von Symphonien die produktivste der Geschichte. Auf dem Gebiet symphonischer Produktivität ist sie mit dem zentralen Werk auf dieser CD, ihrer Symphony No. 15, Schostakowitsch vergleichbar. Genauer betrachtet hat sie mit dem langsamen Glissando in Ensemble- und Orchestermusik Karriere gemacht.

Dies ist nicht karikierend gemeint und soll deshalb breiter ausgeführt werden. Im Allgemeinen arbeitet Coates in ihrer Musik mit nur wenigen Elementen. Sie lassen sich leicht beschreiben; oft sind sie eigenartig oder auf eigenartige Weise kombiniert, und sie verleihen ihrer Musik einen individuellen Charakter, an dem man sie sofort erkennt. Eines der ihre Musik prägenden Elemente sind etwa langsame Glissandi in den Streichern. Ein anderes sind fließende Gewebe aus schnelleren Glissandi, die in verschiedenen Geschwindigkeiten ablaufen. Ein weiteres Element sind tonal gesetzte choralartige Satzgefüge, die sich oft auf historische Musik beziehen. Wieder ein anderes sind schließlich einfache, ja marschähnliche rhythmische Muster, die mitunter einen Ausgleich zu ihrem bevorzugten 5/4-Takt schaffen. Das Wesen von Coates’ Musik liegt aber nicht in einem einzelnen dieser Elemente, es besteht vielmehr in ihrer Konfrontation und Kombination oder auch der Verschmelzung zu einem der ungewöhnlichsten Klanggewebe, welche die neue Musik kennt. Coates vereint das Gerade und das Gewundene, das Vertraute und das Sonderbare, das Scharfkantige und das Verschwommene, das Tonale und das Post-Atonale. Sie entführt uns in musikalische Welten, die sich unseren normalen Hörerfahrungen und–erwartungen verweigern.

Die Symphony No. 15, das neueste und anspruchsvollste Werk auf dieser CD, trägt den Untertitel Homage to Mozart, der vielleicht ein neoklassizistisches Werk vermuten ließe. Nichts läge dem Werk ferner. Der erste Satz, Iridescences, ist einer von Coates’ dunkelsten und abstraktesten musikalischen Essays, dessen Entwicklung jedoch recht klar erscheint. Das Stück bringt aufwärts gleitende Glissandi in den Streichern, bewegliche, ein weites Vibrato verwendende Streicherklänge, Paukentremoli, deren Tonhöhe sich durch Pedalisierung nach oben gleitend verändert, und ein fortgesetztes Pulsieren dissonater Akzente durch alle Register des Orchesters. Das Stück atmet in langsamen, unregelmäßigen Zügen, wobei sich das musikalische Kraftfeld zwischen den Teilen des Orchesters hin und her bewegt. Die Harmonien sind dissonant, bleiben aber konstant und verändern sich nur langsam.

Nach diesem dunklen Beginn führt der zweite Satz , Puzzle Canon, völlig unerwartete tonale Akkorde ein. Wieder kommt ein Gefühl des Fremden, Unerhörten auf, wenn die Streicher mit dissonanten langsamen Glissandi beginnen, die sich, untermalt von den Bläsern, in unterschiedliche Richtungen auffächern. Es entsteht eine charakteristische „verschwommene“ Tonalität, die Coates auch schon vorher, erstmals in ihrer Fourth Symphony, verwendet hat. Das „Puzzle“ des Titels meint eine Art Zitat in den Bläsern. Es stammt aus Mozarts letzter Motette, Ave verum, D-Dur, KV 618, aber es wird rückwärts gespielt. Die kontrapunktischen Linien sind seidenweich, der Harmonik jedoch fehlt jenes zielgerichtete Fortschreiten, das man von tonaler Musik erwartet. Die Glissandi nehmen an Umfang und Stärke zu, bis die Motette in ihnen aufgeht. Schließlich erscheint sie erneut, diesmal vorwärts gespielt, und verbindet sich in einem Kanon mit den Streichern.

Der Finalsatz entlehnt seinen Titel, What Are Stars?, einem Gedicht von Emily Dickinson:

Go thy Great Way!
The Stars thou meetst
Are even (seen) as Thyself
For what are Stars but Asterisks
To point a human Life?

Dieser Satz bringt einen Dialog zweier Elemente: zwischen einem sich chromatisch bewegenden Choral, der zunächst in den Blech-, dann in den Holzbläsern erklingt, und einem Gewebe aus sich überlagernden Glissandi in den Streichern. Akzentuiert durch die allgegenwärtigen Pauken, wechseln diese Strukturen oder überlagern sich. Dabei bleibt stets jene Klarheit gewahrt, die Coates’ Musik trotz der Komplexität und Eigenart ihres Klangcharakters so fasslich macht. Die Symphony No. 15 war ein Auftragswerk der Festspiele Europäische Wochen Passau anlässlich von Mozarts 250. Geburtstag im Jahr 2006. Sie wurde vom Radio Symphonieorchester Wien unter Michael Boder uraufgeführt.

Coates’ Vokalmusik, die sorgsam auf den Vorrang des Textes achtet, erscheint anders: lyrischer nämlich und durchsichtiger strukturiert. Ihre Cantata da Requiem, die ursprünglich den Titel Voices of Women in Wartime trug, ist ein eher frühes Werk (1971/72). Coates ist Amerikanerin, lebt aber seit 1969 in München. Besuche im Konzentrationslager Dachau zur Zeit des Vietnamkriegs und des Terrorangriffs auf die Olympischen Spiele von München (1972) veranlassten sie, ihrer Empörung in einem Antikriegs-Werk, das sich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst, Ausdruck zu verleihen. Die Cantata da Requiem für Stimme mit Streichern, Klavier und Schlagzeug besteht – im Wechsel von Arien und Rezitativen – aus einer Reihe von deutschen und englischen Texten. Dies sind: Junge Witwe von Charlotte Hagedorn, geschrieben 1941 in Berlin; ein Wetterbericht der BBC aus der Kriegszeit; The Flying Bombers, geschrieben 1942 von Phyllis McGinley, eine Notiz der Lehrerin Elfriede Birndorfer; ein Gedicht, Rinne, Regen, rinne, aus einer Bayrischen Zeitung von 1943 sowie Gedanken aus In Distrust of Merits (1942) von Marianne Moore.

Auf bedrückende Weise vertont Junge Witwe das ungläubige Leugnen einer jungen Witwe, wobei ihre Klage in gleichsam wankende Halbtonschritte eingebettet ist. Spannung wird durch ein Crescendo sich wiederholender Figuren geschaffen. Man muss hier nicht unbedingt minimalistische Techniken erkennen wollen, genauso wenig wie bei Ravels Bolero oder Holsts Mars. Aber es ist doch bemerkenswert, dass Coates hier eine Technik verwendet, die, im Gegensatz zu heute, damals nicht modern war. Die Glocken von Big Ben leiten die BBC-Sendung ein, und bedrohliche Triller in Halbtonschritten liefern den Hintergrund für McGinleys dramatische Beschreibung von Bombern am Himmel. Was die Lehrerin vorbringt, klingt wie ein Kinderreim, und mit der melodischen Schlichtheit eines solchen gestaltet Coates ihre Vertonung, die dann jedoch mit einem Crescendo zu einem schmerzlichen Höhepunkt führt. Das emotionale Zentrum des Zyklus ist der letzte Text. Chromatische Triller weichen optimistischen tonalen Klängen, in welche die herzzerreißend hoffnungsvollen Worte gekleidet sind: „If all these great dyings,... can Teach us how to live in peace / Then all these dyings, / All these sorrows were / Not in vain“ (Wenn all das große Sterben uns lehren kann, in Frieden zu leben, dann war all das Sterben, all die Sorge nicht umsonst).

Transitions (1984) bietet sich als interessanter Vergleich zur Symphony No.15 an, denn das Stück ist eine Art Kammersymphonie, die Coates später für großes Orchester zur Symphony No. 4 – mit dem Untertitel Chiaroscuro – erweiterte. Man hört hier die gleichen Schichtungen von Glissandi und tonalen Chorälen, aber im eher kammermusikalischen Kontext sind diese Strukturen durchsichtiger. Im ersten Satz, Illumination, glissandieren Streicher und Bläser heftig und verschleiern dabei einen Choral in Posaune und Klavier. Dieser wird nach und nach als Zitat einer Arie von Purcell kenntlich: When I Am Laid in Earth aus Dido and Anaeas. Der zweite Satz, faszinierenderweise Mystical Plosives überschrieben, ist ein einziger Klangrausch aus Tremoli und Glissandi, von Schlagzeugakzenten durchsetzt. Er schließt mit einem Marsch in Vierteltönen, basierend auf der Tscherepnin-Skala. Das ist eine neunstufige Tonleiter, der ein Halbton, Halbton, Ganzton-Schema zugrunde liegt. Die Verwendung dieser Skala ist eine Reminiszenz an ihren Erfinder, den russischen Komponisten Alexandr Tscherepnin, dessen Schülerin Coates war.

Der letzte Satz, Dream Sequence, hört sich an wie drei Stücke, die gleichzeitig gespielt werden: einmal ein atonales Stück für Holzbläser und Posaune mit Melodien so eckig wie von Varèse, in dessen Mitte jedoch ein Choral aus Dreiklängen erklingt, dann ein trauriger unregelmäßiger Marsch für Schlagzeug, schließlich permanente klagende Streicherglissandi, die alles andere gleichzeitig verschleiern und verbinden. Der Charakter des Unheimlichen geht auf eine private Erfahrung der Komponistin zurück. Coates schreibt dazu: „Transitions ist die Übertragung metaphysischer Erfahrungen, die ich nach dem Tod meines Vaters machte und die ich in Klänge und musikalische Formen übersetzte.“ Diese abgründige Deutung eines so zukunftsweisenden Werkes hat Nachwirkungen bis hin zur Symphony No. 15. Das spricht dafür, dass diese Klangwelt, eine der ungewöhnlichsten dieses neuen Jahrhunderts, ihren Ursprung nicht in der Suche nach modischen Effekten hat, sondern im Versuch, Erfahrungen jenseits unseres Alltagsbewusstseins in Musik zu fassen.

Kyle Gann
Übersetzung: Gisela Maria Schubert

 


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