About this Recording
8.570008 - VILLA-LOBOS, H.: Piano Music, Vol. 5 (Rubinsky) - Guia pratico I-IX
English  German 

Heitor Villa-Lobos (1887-1959)
Klaviermusik, Folge 5

 

Zwischen 1905 und 1913 unternahm Heitor Villa-Lobos – getrieben von der ihm eigenen Neugierde – eine ausgedehnte Reise durch die verschiedenen Regionen Brasiliens, in deren Verlauf ihm unzählige traditionelle Melodien, Rhythmen und Genres begegneten. Zu dieser Zeit identifizierte sich Villa-Lobos bereits sehr mit allem Brasilianischen und begann zunehmend auch seine Werke als Ausdruck der musikalischen Identität seines Landes zu verstehen. Seine mehr als acht Jahre dauernden Reisen sollten zwar zu einem wichtigen Faktor innerhalb seiner musikalischen Entdeckung Brasiliens werden, doch war es auch der Wunsch nach Freiheit, der ihn antrieb, sein unstillbarer Durst, neues Material und neue Techniken zu entdecken, um dabei nicht zuletzt auch seiner eigenen musikalischen Identität gewahr zu werden. Um seine erste Reise zu finanzieren, zögerte er nicht, eine ganze Reihe seltener Bücher zu veräußern, die er von seinem Vater geerbt hatte.

Frühere Biographen Villa-Lobos’ haben vielfach behauptet, der Komponist habe auf diesen seinen Reisen mehr als tausend Themen und Melodien gesammelt, von denen die meisten aufgrund ihrer Einzigartigkeit und ihres exotischen Charakters von großem musikalischen Wert gewesen seien. Der Wahrheitsgehalt solcher Aussagen bleibt indes zweifelhaft, da man letztlich nicht genau weiß, in welchem Ausmaß Villa-Lobos tatsächlich musikalisches Material auf seinen Reisen gesammelt hat. Wenn es ein Dokument gibt, das Licht auf die musikethnographischen Ausflüge Villa-Lobos’ wirft, so ist es das Guia Prático, eine Sammlung von 137 traditionellen Liedern, die meisten davon Kinder-Kanons, die man schnell in verschiedenen Regionen Brasiliens erkennen würde. Die Sammlung wurde aus didaktischen Gründen zusammengetragen und von der Nationalen Kommission für didaktische Texte am Nationalen Konservatorium für Chorgesang protegiert. Villa-Lobos hatte ursprünglich fünf solcher Bände geplant, die Stücke für unterschiedliche Besetzungen enthalten sollten: Klavier solo, zweistimmige Lieder, Chorlieder und Lieder mit Klavierbegleitung. Einige wenige Melodien hat Villa-Lobos zwar selbst gesammelt, doch baute das Projekt auf die Zusammenarbeit mit verschiedenen Mitarbeitern der SEMA (Amt für künstlerische und musikalische Erziehung), der Villa-Lobos als Direktor vorstand. Jede der Melodien wurde von Villa-Lobos arrangiert oder zusammengestellt, während sich der Dichter Afranio Peixoto der Revision und Adaption der Texte annahm. Allerdings wurde letztlich nur dieser eine Band veröffentlicht. Später gab Villa- Lobos dann kleine Bände für Klavier solo mit jeweils fünf oder sechs Stücken aus dem ursprünglichen Guia Prático heraus, von denen insgesamt elf – ebenfalls unter dem Titel Guia Prático – veröffentlicht wurden: zehn 1932, das elfte 1949. Neun dieser Alben sind auf der vorliegenden Aufnahme vereint, die verbleibenden zwei werden in einer späteren Aufnahme erscheinen. Das Guia Prático ist eine der bedeutendsten Sammlungen aus der Feder Villa- Lobos’. Zum einen handelt es sich um ein ungemein reiche Zusammenstellung traditioneller Lieder Brasiliens, die Villa-Lobos sehr phantasievoll zu ebenso individuellen wie pointierten musikalischen Kleinodien arrangiert und adaptiert hat. Bemerkenswert ist dabei nicht zuletzt die Fähigkeit des Komponisten, die verborgene Bedeutung der Kinder-Kanons oder den psychologischen Hintergrund scheinbar harmloser Texte aufzudecken. Zum anderen ist das Guia Prático aber auch zu einem Sammelbecken für die eigene Kreativität des Komponisten geworden: die Melodien und Rhythmen dienten Villa- Lobos als Rohmaterial für viele seiner bekanntesten Kompositionen.

Den ihnen zugrundeliegenden didaktischen Beweggründen zum Trotz könnten viele Stücke aus dem Guia Prático doch nie von Kindern oder Anfängern am Klavier gespielt werden. Schon oberflächliches Hören offenbart die erstaunliche technisch-musikalische Komplexität vieler Stücke, von denen einige durchaus auch ihren Platz in Anthologien von Tokkaten oder Etüden verdienten. Gleichwohl sollte man nicht vergessen, dass Villa-Lobos mit der Zusammenstellung der Guia Prático vorrangig eben doch pädagogische Zwecke verfolgte, die gerade im kulturellen und politischen Kontext der Sammlung deutlicher werden.

Villa-Lobos traf nach seinem Aufenthalt in Paris und der Begegnung mit der europäischen Avantgarde im Frühjahr 1930 in Brasilien ein. Eine Reihe von politischen Ereignissen – darunter die Revolution von 1930, durch die Getúlio Vargas am 3. November desselben Jahres Präsident Brasiliens wurde – hinderten Villa-Lobos dann daran, seinen ursprünglich Plan zu verfolgen und nach Paris zurückzukehren. Bei einem Besuch von São Paulo bemerkte Villa-Lobos dann bestürzt den Zustand der musikalischen Ausbildung an öffentlichen Schulen und war fortan von dem Gedanken beseelt, diesem Missstand abzuhelfen. So trat er an die entsprechenden politischen Instanzen mit einem großangelegten Projekt zur Institutionalisierung der Musikvermittlung an öffentlichen Schulen heran, wobei er auch den Chorgesang in den Rang einer Bürgerpflicht gesetzt wissen wollte. Viele Jahre widmete er der Umsetzung dieser Ziele, wobei sein Eifer nicht allein als lobenswerter Einsatz im Dienste an der musikalischen Erziehung gesehen wurde, sondern auch als unterwürfige Unterstützung einer Diktatur, die auf Vargas’ politischer Stärke beruhte. In der Tat lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Villa-Lobos sich bei der Durchsetzung seiner Erziehungsprojekte in den Jahren 1931 bis 1945 nationalistischer Strömungen bediente, die an Fanatismus grenzten. Die Chronik seiner Aktivitäten in dieser Zeit führt Massenchor-Veranstaltungen in Fußballstadien mit bis zu 40.000 Sängern und gut 1.000 Instrumentalisten auf, zeigt Villa-Lobos, der bei einer dieser Massenveranstaltungen in São Paulo eine brasilianische Flagge an Stelle eines Taktstocks verwendet, und offenbart seinen beinahe blinden Enthusiasmus für die patriotische Sache, die Musik und den kollektiven Gesang bei deren Unterstützung. All dies entspricht dabei ebensosehr der Wahrheit wie Villa-Lobos’ unerschütterlicher Glauben an die Macht der Musik als kollektiver Aktivität, die ihn darin bestärkte, ein so ehrgeiziges Projekt wie die Revolutionierung der Musikerziehung in Brasilien anzugehen. Das Zusammentragen der Guia Prático ist insofern unmittelbar als Frucht seiner Bemühungen zu verstehen. Mit dieser wunderbaren Sammlung hat Villa- Lobos ein zeitloses Dokument der Musiktradition Brasiliens geschaffen, das sich in seiner Bedeutung etwa mit den musikethnographischen Sammlungen von Bartók, Kodály und Alan Lomax vergleichen lässt. Die überschwängliche Persönlichkeit Villa-Lobos’ und seine mannigfaltigen musikalischen Erfindungen spiegeln sich im Reichtum an musikalischen Details, Techniken, For- men und Charakteren, die einem in der gesamten Sammlung begegnen.

Es ist dies die erste Gesamtaufnahme der Stücke für Klavier solo aus der Guia Prático. Die Stücke werden hier zudem erstmals in ihrer ursprünglichen Reihenfolge und mit vollständigen Übersetzungen der Liedtexte präsentiert. Bei der Veröffentlichung der Guia Prático hatte Villa- Lobos selbst ein ausführliches Vorwort beigesteuert, in dem er seine Ziele, Methoden und Absichten bei der Zusammenstellung der Sammlung offenlegt. Die Lektüre dieses Dokuments offenbart, dass es Villa-Lobos vorrangig um die Beschreibung jener vielgestaltigen kulturellen Landschaft durch die Musik und Sensibilität der Kinder ging, die letztlich das Wesen der brasilianischen Seele ausmacht.

James Melo
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann

Die Liedtexte zu dieser Einspielung sind als PDF-Dateien online unter http://www.naxos.com/libretti/guiapratico.htm erhältlich.


Close the window