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8.570023-24 - KRAUS: Complete Chamber Music with Keyboard
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Joseph Martin Kraus (1756-1792)
Allegro D-Dur, VB 163
Sonate d-moll, VB 157
Sonate C-Dur, VB 160
Sonate Es-Dur, VB 161
Sonate D-Dur, VB 159
Sonate C-Dur, VB 162
Trio D-Dur, VB 171

 

Joseph Martin Kraus, den Haydn als einen der beiden talentiertesten Komponisten des achtzehnten Jahrhunderts bezeichnete (der andere war Mozart), wurde in Miltenburg am Main geboren und erhielt seine Ausbildung im Internat des Jesuiten-Gymnasiums und Musikseminars in Mannheim. Nach einem Studium an den Universitäten in Mainz und Erfurt gelangte er nach Göttingen, wo er Rechte studierte. Dort lernte er Mitglieder des Hainbundes kennen, einem literarischen Sturm-und-Drang-Kreis, unter dessen Einfluss er die Abhandlung Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777 (Frankfurt 1778) verfasste.

Im Jahr 1778 beschloss er, sich ganz der Musik zu widmen und übersiedelte auf Anregung eines schwedischen Studienfreundes nach Stockholm, wo er sich um eine Anstellung am Hof des schwedischen Königs Gustav III. bewarb. Obwohl ihm dort eine Position in Aussicht gestellt wurde, gelang es Kraus nur unter erheblichen Schwierigkeiten, die nötigen Beziehungen im Stockholmer Kulturleben aufzubauen; die ersten beiden Jahre waren denn auch von Entbehrungen und dem Überwinden gesellschaftlicher Hindernisse geprägt. 1780 erhielt er schließlich einen Probeauftrag zur Komposition der Oper Proserpin auf Verse von Johan Kellgren nach einem Textentwurf des Königs. Einer erfolgreichen Privataufführung im Jahr 1781 folgte Kraus’ Anstellung als stellvertretender Kapellmeister und 1782 eine mit königlichen Mitteln finanzierte Bildungsreise durch Europa zum Kennenlernen der neuesten Strömungen in Musik und Theater. Auf dieser Reise durch Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und England trat er in nähere Verbindung mit so bedeutenden Persönlichkeiten wie Haydn, Gluck und Albrechtsberger.

1787 kehrte Kraus nach Stockholm zurück, wo er im Folgejahr eine Anstellung als Erster Kapellmeister und Direktor des Curriculums an der Kgl. Musikakademie erhielt. In den nächsten Jahren erwarb er sich durch dirigentische Disziplin, pädagogische Strenge und kompositorisches Können einen hervorragenden Ruf in seiner schwedischen Wahlheimat. Kraus starb 1792 im Alter von 36 Jahren, nur wenige Monate nach dem Mordattentat auf seinen königlichen Dienstherrn.

Die Komposition von Kammermusik für Violine und Klavier nimmt einen nicht unbedeutenden Stellenwert in Kraus’ Schaffen ein, obwohl die am schwedischen Hof ungleich populärere Gattung des musikalischen Bühnenwerks den absoluten Schwerpunkt seines OEuvres bildet. Die kammermusikalischen Arbeiten dienten denn auch in erster Linie als Nebenverdienstmöglichkeit mit Blick auf den florierenden Musikalienmarkt. Unter seinen zwanzig überlieferten Werken für verschiedene Kammermusikbesetzungen nehmen Streichquartette die Hälfte ein; von den verbliebenen sind nur sieben mit Tasteninstrument besetzt, und zwar fünf Sonaten sowie ein Übungsstück für Violine und Klaviertrio. Die Entstehung dieser Stücke erstreckt sich über einen größeren Zeitraum von ca. 14 Jahren zwischen 1777 und 1790. Der überwiegende Teil ist der Periode 1780-1786 zuzuordnen, in die Kraus’ erste Jahre in Schweden und seine große Studienreise fallen.

Das früheste hier eingespielte Werk ist die zwischen April und Dezember 1777 entstandene Sonate d-Moll (VB 157). Kraus betitelte sie als Duetto per Clavicembalo e Violino, d.h. als Continuosonate, eine Form, die zwar aus der Mode gekommen war, aber noch gelegentlich verwendet wurde. Im Wiener Verlag Johann Traeg erschien die Komposition 1783 als Sonata per Violine solo e Basso. Diese Bezeichnung deutet darauf hin, dass der Verleger weniger an die traditionelle Continuo-Begleitung von Cembalo und Violoncello als vielmehr an nur ein Tasteninstrument dachte. Dieser Auffassung folgt auch unsere Einspielung. Das zweisätzige Format findet sich auch in den ersten beiden von Kraus’ Streichquartetten aus dem Jahr 1778. Unmittelbar dramatisch bereits der Beginneffekt: Die G-Saite der Violine wird zwecks Erleichterung der Spielbarkeit in Skordatur nach F tiefergestimmt. Das Eröffnungs-Allegro wartet mit dramatischen Spannungen auf, wobei die Themen extrem figuriert werden. Der von Binnenvariationen geprägte Durchführungsabschnitt enthält die einzigen lyrischen Momente, bevor ein unerwartet abrupter Schluss den Beginn eines kurzen lyrischen Andante-Zwischenspiels signalisiert. Danach kehrt der Satz zu seinem Eröffnungsgestus zurück. Der aus zwei miteinander verbundenen Abschnitten bestehende zweite Satz hebt mit einer 6/8- Pastorale wie ein rustikaler Tanz mit Ländler-ähnlichen Momenten an. Es folgt ein dialogisch geführtes Allegro. Abschließende virtuose Elemente und eine in ihrem Spielwitz fast an Haydn erinnernde Passage werden von einer knappen Rückkehr zur Pastorale und einem ausgelassenen Finale abgelöst, in dem die Violine den Klang einer Drehleier imitiert. Doch auch hier bleibt der Eindruck eher flüchtig, denn rasch kehrt der Dialog zurück, der die Sonate im Unisono der Instrumente beschließt.

Die vier Violinsonaten sind in den Quellen paarweise verzeichnet. Die beiden ersten, die Sonate D-Dur (VB 159) und die Sonate C-Dur (VB 160) sind vermutlich in den Jahren 1780-82 in Stockholm entstanden. Da derartige Werke nur selten in Schweden komponiert bzw. aufgeführt wurden, kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Kraus sie für eine Auslandstournee geschrieben hat, auf der er sich bei namhaften europäischen Verlegern zu empfehlen gedachte. Die beiden Sonaten wurden 1784 von Traeg zum Verkauf angeboten. Es handelt sich um dreisätzige Werke, die in der untergeordneten, eher stützenden Funktion der Violine dem Standardmodell der Zeit entsprechen. Als erste entstand die C-Dur-Sonate, deren Kopfsatz von fließenden Lyrismen geprägt ist. Der unkomplizierte Klaviersatz beschränkt sich meist nur auf ein schlichtes, von Alberti-Bässen begleitetes Thema. Der zweite Satz ist eine schwärmerische Romanze, in der Violine und Klavier als gleichberechtigte Partner behandelt werden und in der die lyrischen Melodien von einem Instrument zum anderen wandern. Der Finalsatz, ein eigentümliches Menuett, beginnt mit eher unauffälliger Thematik, gefolgt von Passagen, deren serenadenhafter Charakter an Echoeffekte von Hörnerklängen denken lässt. Die D-Dur-Sonate ist ein umfangreicheres und an musikalischer Substanz fortschrittlicheres Werk. Allen Sätzen eignet eine bewusst auf lyrische Entfaltung angelegte Thematik und eine durch unerwartetete Phrasierungen überraschende motivische Entwicklung. Das zweite Paar, die Sonate Es-Dur (VB 161) und die Sonate C-Dur (VB 162), letztere auch bekannt als „Große C-Dur- Sonate“, wurde 1785 in Paris für Traeg in Wien komponiert, der die Werke im folgenden Jahr in seinem Veröffentlichungskatalog führte. Karl Schreiber vermutet, dass Kraus die Sonaten Maria Aloysia von Born gewidmet hat, der Tochter des mit ihm befreundeten Freimaurers Ignaz von Born. Beide Werke sind dreisätzig und stellen in ihrem Ambitus eine Weiterentwicklung der Gattung dar. Die Es-Dur-Sonate erschien später auch in einer Bearbeitung als Solo-Claviersonate (VB 195) – verständlich angesichts des in seiner Bedeutung reduzierten Violinparts, der kaum mehr als Begleitfunktion besitzt. Aktiver am Geschehen beteiligt ist die Violine im zweiten, aus sechs Variationen über ein Volksliedthema bestehenden Satz, nicht zuletzt aufgrund des in die Variationenfolge eingearbeiteten 3/8-Menuetts nebst Trio. Das wandernde Thema des Finalsatzes gibt sich mit seinen harmonischen Wendungen, der virtuosen Spielfreude und den dramatischen rallentandi zukunftsorientiert. Die C-Dur-Sonate, die umfangreichste und komplexeste der Sammlung, enthält eine langsame Einleitung im Stile einer Fantasie, aus der sich tokkatenähnliche Läufe entwickeln. Im Adagio trägt der Violinpart die Vortragsbezeichnung ‚sciolto’, wodurch die Romanze an kein striktes Tempo gebunden ist und eher zu einem Opern-Arioso tendiert; besonders auffällig ist dieser Aspekt beim dramatischen morendo des Schlusses. Der Finalsatz ist ein Scherzo, das seinen Charakter der chromatischen Linienführung und einer ausgedehnten Kadenz verdankt.

Das Allegro D-Dur (VB 163) datiert von ca. 1788-90 und war vermutlich für Studenten der Stockholmer Musikakademie bestimmt, was den eher didaktischen Charakter dieses moto-perpetuo-Satzes erklärt, der hauptsächlich zur Übung des Zusammenspiels, der Läufe und gehaltenen Noten sowie zur Perfektion des Vibratos gedacht ist.

Das Trio (Sonate) D-Dur (VB 171) ist das einzig erhaltene von sieben Werken, die Kraus in diesem Genre komponiert hat. Im September 1800 schrieb sein Freund Romanus Hofstetter an Fredrik Silverstolpe, er erinnere sich an „6 Klaviertrios, die er [Kraus] in meinem Zimmer gespielt hat und die ich ihm auf der Violine begleitete; sie waren großartig und reich an den schönsten Gedanken und Wendungen.“ Leider sind alle sechs Triosonaten verschollen. Eine siebente ist jedoch erhalten. 1841 notiert Silverstolpe: „Zu seinen besten Klavierarbeiten zählt eine Sonate in D mit Violin- und Violoncellobegleitung, die zur Erbauung des Hofs während eines Aufenthalts in Drottningholm geschrieben wurde.“ Die Titelseite des Autographs ist in französischer Sprache abgefasst, was als Indiz dafür gilt, dass die Komposition zur Veröffentlichung bestimmt war. Die Entstehung fällt in die für Kraus äußerst arbeitsintensive Zeit zwischen 1787 und 1788.

Das Klavier dominiert das eröffnende Allegro mit zwei kontrastierenden, mit virtuosem Zugriff verflochtenen lyrischen Themen. Abrupte Kadenzen, ständige Periodenbildungen und Sequenzen scheinen die geschäftigen Aktivitäten am Hof zu illustrieren. Der zweite Satz, eine pastorale Gavotte mit einem fröhlichen, von gezupften Streichern begleiteten Klavierthema lebt in der Hauptsache von der inneren Entwicklung einer Variationsreihe, in deren Verlauf sich die Streichinstrumente zu gleichberechtigten Partnern des Klaviers entwickeln. Das Finale trägt die Satzbezeichnung ‚Ghiribizzo Allegro’ (‚launisches’ Allegro). In seiner rhythmischen Struktur erinnert das Hauptthema an ein italienisches Volkslied, während die Durchgänge in ihrem Wiederholungs- und Sequenzierungscharakter auf Beethoven vorausweisen. In der Coda begegnet sogar eine Wendung, die in ihrem modalen Charakter entfernt auf Prokofjew vorausblickt, während die Durchführung stellenweise an Brahms denken lässt.

Bertil van Boer
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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