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8.570094 - BAX: Violin Sonatas, Vol. 2 (No. 2, Sonata in F Major)
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Arnold Bax (1883–1953)
Violinsonaten, Folge 2

 

Wenn man heute Arnold Bax und seinen Bruder Clifford mit dem zeitlichen Abstand von einhundert Jahren betrachtet, so erscheinen sie einem als beneidenswert privilegiert und natürlich auch als äußerst begabt: Arnold wurde Komponist, Clifford Dramatiker und Schriftsteller. Ivy Bank, das elterliche Anwesen in Hampstead, bot den Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine herrliche Bühne, auf der – dank der Unterstützung durch die liebevolle Mutter – in steter Folge brillante Zeitgenossen erschienen, um zu musizieren, in den ausgedehnten Gärten zu entspannen und unmögliche Träume von „mehr zu träumen, als einem das Leben geben kann“, wie Clifford das formulierte. Vater Bax hatte Cambridge ins Auge gefasst, doch davon wollte Arnold nichts wissen: Er studierte von 1900 bis 1905 an der Royal Academy of Music in London, und nachdem er diese Ausbildung absolviert hatte, gab es aufgrund des privaten Vermögens weder für ihn noch seinen Bruder irgendeine Notwendigkeit, den Lebensunterhalt durch bezahlte Arbeit zu verdienen. Beiden stand es frei, zu reisen, ihre Kunst zu entwickeln und einer Reihe von Liebesaffairen zu frönen, die, soweit es Arnold betrifft, in seiner Musik ihren Niederschlag fanden.

Ungeachtet dieser wunderbaren Segnungen entwickelte Arnold Bax seinen reifen Stil nur langsam. Es dauerte demzufolge bis in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, ehe er sich eine größere Reputation erwarb und jene Werke herauskamen, durch die wir uns seiner erinnern. Clifford machte den älteren Bruder mit der Dichtung von William Butler Yeats, mit dem Land, den Legenden und den Leuten des irischen Westens bekannt. Arnold entdeckte bald das entlegene Dorf Glencolumcille in Donegal, und man kann die wilde Landschaft und das stürmische, von der See geprägte Klima durchaus als Katalysator für die Entwicklung seines reifen Stils bezeichnen.

Arnold Bax hat mindestens fünf Violinsonaten geschrieben, von denen er aber nur drei veröffentlichte. Die vorliegende Produktion präsentiert seine autobiographische, von der Sorge über den Krieg bestimmte Sonate Nr. 2 im Zusammenhang mit der einsätzigen Allegro appassionato aus der Studienzeit (1901) und der letzten, zweisätzigen Sonate. Sämtliche Stücke sind durch seine Liebschaften und eine Folge weiblicher Interpreten gekennzeichnet. Den frühen Satz in g-moll schrieb Bax für Gladys Lees, mit der er an der Academy verbandelt war; gespielt wurde er später durch die Kommilitonin Ivy Angove. Die Sonate Nr. 1, deren Erstfassung von 1910 stammt, wurde über einen langen Zeitraum revidiert, verdankt ihre Anregung aber der Leidenschaft für ein Mädchen aus der Ukraine, das Bax im Herbst 1909 kennengelernt hatte. Auf dem Manuskript nennt er sie „M’selle Natalia Skarginski“ (recte: Natalie Skarginska). Aufgeführt wurde das Werk von der blutjungen (und großartigen) Winifred Smith. Die zweite Sonate könnte von May Harrisons Spiel angeregt worden sein, wurde aber von Bessie Rawlins interpretiert. Die dritte Sonate wurde 1927 von Emil Telmanyi und später von May Harrison gespielt.

Im Jahre 1915 komponierte Bax einen neuen zweiten und dritten Satz für seine erste Sonate. Doch auch der originale Mittelsatz lässt keinen Zweifel an der Persönlichkeit seines Verfassers, dem hier das Herz vielleicht zu sehr auf der Zunge liegt. Der walzerartige, volkstümlich gehaltene Mittelteil des ursprünglichen langsamen Satzes ist sicherlich der Vorgänger von The Grey Dancer in the Twilight („Der graue Tänzer im Zwielicht“), den wir hier in seiner zweiten Sonate hören können.

Während die erste Sonate in den emotionalen Verstrickungen und Liebschaften des Komponisten wurzelte, verdankt sich die zweite ernsteren Umständen – nämlich dem Ersten Weltkrieg. Bax schrieb sie im Sommer 1915 und vermerkte auf der Partitur das Datum „13. August“. Wie auch das ältere Schwesterwerk musste sie lange auf ihre Aufführung warten: 1920 bearbeitete, kürzte und straffte Bax die Sonate. Sie wurde dann im Anschluss an den Erfolg aufgeführt, den Bessie Rawlins mit der ersten Sonate errungen hatte – fünf Monate später gab dieselbe Künstlerin gemeinsam mit dem Komponisten in der Wigmore Hall auch die Premiere der jüngeren Sonate, die 1923 im Druck erschien.

Vor der Uraufführung erschien ein Handzettel, der für das Konzert warb. Dieser enthielt einen zwar unsignierten, jedoch unschwer Bax zuzuschreibenden Programmtext, in dem es heißt: „Diese Sonate entstand 1915, wurde aber aus verschiedenen Gründen bislang vom Komponisten zurückgehalten. In jüngster Zeit wurde sie beträchtlich revidiert. Das Werk besteht aus vier verschiedenen Sätzen, die aber ohne Pause gespielt werden. Der Schluss der ersten drei Abteilungen der Sonate soll den Eindruck einer Pause und der Erwartung erzeugen, so dass dem Hörer die Anlage in vier unterschiedenen Sätzen deutlich wird. Das Werk ist in zyklischer Form gehalten, und dasselbe Hauptmotiv, das die gesamte Sonate dominiert, hat der Komponist auch in seinem Orchesterstück November Woods verwendet. (Der zweite Satz, den man auch als „Tanz des Todes“ bezeichnen könnte, wurde in besonderem Maße durch die Ereignisse von 1915 beeinflusst.)“ Als die Sonate später im Rundfunk ausgestrahlt wurde, bat Bax darum, sie als „Sonate in vier verbundenen Sätzen“ zu bezeichnen.

Im zweiten Satz ist die Violine durchweg sordiniert, und auch das Erscheinen des Dies irae unterstreicht klar das Sujet. Der Schlussabschnitt des letzten Satzes hieß bei der Uraufführung „Epilog“; wenngleich dieser Begriff nicht in der gedruckten Partitur erscheint, so ist diese Coda doch von ähnlicher Bedeutung wie die Epiloge, die Bax später ans Ende seiner Symphonien stellte. Während des Ersten Weltkrieges schrieb Bax neben der zweiten Violinsonate und den beiden neuen Sätzen zur ersten Sonate zwei weitere gehaltvolle Stücke – die Legende vom Februar 1915 und die im Frühjahr 1916 entstandene Ballade, wobei das erste dieser Werke die frühen Kriegsmonate reflektiert, während das zweite vermutlich eine Reaktion auf die tragischen Osterunruhen ist, die im März 1916 in Dublin ausgebrochen waren. Die Musik ist anscheinend über ein Jahrzehnt zurückgehalten worden, als sollte damit ihre Beziehung zu den irischen Ereignissen unterstrichen werden; ein größeres Publikum lernte sie erst kennen, nachdem sie Bax 1929 revidierte und veröffentlichen ließ. Offenbar war er sich nicht sicher, ob er das Werk herausbringen sollte: 1922 war bereits eine Ankündigung erschienen, die Publikation aber unterblieb. Es ist unklar, ob die Widmungsträgerin Winifred Small das Stück gemeinsam mit Harriet Cohen spielte, als sie am 28. Juni 1916 in der Londoner Æolian Hall die Legende aus der Taufe hoben.

Die elegische und doch konzentrierte Legende für Violine und Klavier war Bax’ erster musikalischer Kommentar zu dem „Schrecken dieser Zeit“, wie er den Krieg nannte. Dennoch verzichtet er in dieser von Trauer erfüllten Partitur auf Kriegslärm, Tragödie und offensichtliche Schrecken. Er zieht es vor, ein Klagelied mit den Mitteln einer archetypischen Vergangenheit zu singen. In seinem Gedicht The Guest House hingegen beschreibt Bax, der nie gedient hat, mit lebhaften Bildern, wie es ist, ein „Hausgenosse des alten Knochenmannes“ zu sein.

Der turbulente Anfang der Ballade schlägt die Grundstimmung des Stückes an, das Bax „wildes, stürmisches Ding“ nannte, obwohl es neben der stürmischen und leidenschaftlichen Musik des Anfangs in den zwischenspielartigen Abschnitten durchaus romantische Reflexionen gibt.

Bax’ letztes Werk für Violine und Klavier, abgesehen von dem nur im Klavierauszug veröffentlichten Violinkonzert aus dem Jahre 1938, war die Sonate F-dur, die im September 1928 vollendet wurde. Der Komponist hielt dieses Werk zurück, da er es schon bald als Nonett instrumentierte. Das geschah seiner Angabe nach im Januar 1930, und zwar, um einem Auftrag der Triennale von Bradford nachzukommen, bei der die Bearbeitung dann auch am 30. September 1930 uraufgeführt wurde. Die ursprüngliche Sonate kam erstmals während der Feierlichkeiten zu Bax’ 100. Geburtstag im Jahre 1983 zur Aufführung.

Die Sonate besteht aus zwei Sätzen und zeichnet sich durch einen sonnigen, serenadenartigen Charakter aus. Der erste Satz, Molto moderato – Allegro, bringt zwei Hauptgedanken, deren erster den größten Teil der musikalischen Entwicklung erzeugt, wohingegen der zweite wie ein romantisches Zwischenspiel anmutet. Im zweiten Satz, Allegro, dominiert das zart singende zweite Thema; es gibt lediglich eine stürmische Episode, die auf dem ersten Gedanken basiert. Eine Erinnerung an den Beginn der Sonate führt zu einem ruhigen Schluss, der die Musik in einem magischen, halberleuchteten Dämmer ausklingen lässt.

Lewis Foreman © 2007
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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