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8.570123 - PERSICHETTI: Divertimento / Masquerade / Parable IX
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Vincent Persichetti (1915-1987)
Divertimento • Psalm • Chorale Prelude: O God Unseen • Pageant
Masquerade • O Cool is the Valley • Parable IX

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts entwickelten sich an den Colleges und Universitäten der Vereinigten Staaten zwei musikalische Gruppierungen: erstens das unter der Bezeichnung „symphonic band“ bekannte Ensemble aus Holz- und Blechbläsern sowie Schlagzeug und zweitens in weniger kompakt besetzter Verwandter, das symphonische Bläserensemble. Diese Gruppen brachten Aufführungen von höchster Qualität zustande. Sie inspirierten außerdem bedeutende amerikanische Komponisten zu einem Repertoire, welches auf die besonderen Ausdrucksmöglichkeiten einer solchen Band zugeschnittenen war, wobei man jedoch die übliche Assoziation mit „Popkonzert im Freien“ bewusst vermied. Im selben Maße, wie sich diese Gruppen sprunghaft vermehrten, wuchs auch das Repertoire und stillte den unbändigen Appetit einer aufgeschlossenen, wißbegierigen jungen Musikergeneration auf neue Musik. Einige Werke entwickelten sich bald zu regelrechten Klassikern und erlebten buchstäblich Tausende von Aufführungen.

Die zentrale Figur in der Entwicklung dieser Musikgattung und ihr vielleicht bedeutendster Vertreter war Vincent Persichetti. Sein Beitrag besteht aus vierzehn Kompositionen, von denen die meisten inzwischen zu den Hauptwerken dieses Genre gehören. Persichetti war der führende Kopf in vielen Sparten der amerikanischen Musik. Vierzig Jahre lang lehrte er Komposition an der Juilliard School, verfasste ein vielgelesenes Handbuch für Komposition, Twentieth Century Harmony, und war an vielen Universitäten ein beliebter Gastdozent. Persichetti komponierte mehr als einhundertsechzig Werke: eine Oper, neun Sinfonien, zwölf Klaviersonaten und zahlreiche andere Orchester-, Kammermusik-, Vokal- und Chorwerke. Weithin bekannt aber wurden der Name und die Musik Persichettis erst durch seine Kompositionen für die „symphonic band“.

Vincent Persichetti, 1915 in Philadelphia als Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, starb 1987. Mit fünf Jahren lernte er Klavierspielen, was ein nicht zu bremsendes Interesse an Musik weckte und sehr bald seine außergewöhnliche Begabung erkennen ließ. Fast gleichzeitig begann er auch zu komponieren und verdiente sich in seinen Jugendjahren Geld als Organist in der Kirche. Nachdem er sein Studium am Combs Conservatory in Philadelphia abgeschlossen hatte, machte er seinen Doktor am Philadelphia Conservatory. William Schuman holte ihn 1947 als Professor an die Juilliard School, wo er bis zu seinem Lebensende unterrichtete. 1963 übernahm er den Vorsitz der Abteilung Komposition der Juilliard School, 1970 auch den der Abteilung Literatur und Lehrmaterial.

In einer Zeit, in der sich die amerikanischen Komponisten in rivalisierende Parteien verschiedener Stilrichtungen aufspalteten und jeder das Werk seiner Gegner schlecht zu machen suchte, erfreute sich Persichetti einer blühenden Karriere. Angesichts der Feindseligkeiten setzte er sich sowohl in Vorträgen und Aufsätzen als auch in seiner Musik für die Idee eines weithin verständlichen Vokabulars, ein gemeinsames Verfahren („common practice“) ein, das auf einer flexiblen Aneignung allen Materials und aller Techniken beruhte, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hatte. Seine eigene Musik lässt einen weitgespannten stilistischen Rahmen erkennen – von äußerst einfacher Diatonik bis hin zu komplizierter kontrapunktisch gestalteter Atonalität.

Der größte der Teil der Musik, die Persichetti für Band schrieb, gehören zu den einfacheren Werken seines kompositorischen Spektrums, wenn auch Parable das genaue Gegenteil darstellt. Man könnte dieses Genre als Gebrauchsmusik bezeichnen, die in dem Bewusstsein geschrieben wurde, daß diese Stücke unter ganz ver-schiedenen praktischen Umständen kurzfristig erarbeitet und aufgeführt werden. Trotzdem geht Persichetti, was Geschmack oder Qualität des musikalis- chen Handwerks betrifft, keine Kompromisse ein. Selbst die einfachsten Stücke wie zum Beispiel Psalm und Pageant strahlen unverfälschte Frische und jugendlichen Überschwang aus und zeigen sehr sorgfältig durchdachte formale Qualitäten. Diese Eigenschaften ergeben – gekoppelt mit Sinn für Humor und einem ausgeprägten Hang zur Nostalgie – in der Tat ein Bild der Person Persichetti. Sie ziehen sich durch seine ganze Musik, auch wenn seine Werke zuweilen verwirrend unterschiedlich kompliziert erscheinen.

Die Liebe zu Blasinstrumenten entstand in Persichettis Jugendjahren: sein im Alter von vierzehn Jahren komponiertes Opus 1 ist eine Serenade für zehn Bläser. In einem Interview bestätigte er jedoch mit typischem Augenzwinkern die Vorurteile, die viele gegenüber Bands hegen und sprach von rostigen Trompeten, schwindsüchtigen Flöten, quäkenden Oboen, nervtötenden Klarinetten, liebenswerten Taktstockfuchtlern und kaugummiverklebten Parkbänken. Wenn unter solchen Voraussetzungen eigentlich für Orchester gedachte Werke aufgeführt werden, dann produziert man ein Klangerlebnis, das fast so grauenhaft ist wie eine von einem Dilettanten arrangierte Klaviersonate des 19. Jahrhunderts, die von einem minderwertigen Streichquartett gespielt wird. Wenn Komponisten sich jedoch die Band als ein riesengroßes, flexibles Ensemble aus Bläsern und Schlagzeug vorstellen, dann schmilzt das scheußliche Fett heraus, und einem kommen ganz neue Ideen.

In dem erwähnten Interview erinnerte sich Persichetti auch, wie er in einer Schule, einem Blockhaus in Eldorado im Staate Kansas während des Sommers 1949 komponierte. Als ich an einigen Holzbläserfiguren arbeitete, deren lieblichen Klang ich mit aggressiven Akkorden der Blechbläser und Schlagzeugrhythmen akzentuierte, wurde mir bald klar, dass keine Streicher dazukommen sollten, und so nahm mein Divertimento allmählich Gestalt an! Im darauffolgenden Jahr wurde das Werk abgeschlossen; es ist ein Beispiel für Persichettis Hang zu Stücken mit winzigen geistreichen Sätzen. Der einleitende Prologue zeigt eins der prägnantesten Kennzeichen der Musik Persichettis: Ein schneller Zweiertakt dient ihm als Rahmen für lebhaftes, spielerisches, von Synkopen bestimmtes rhythmisches Beiwerk. Dieses charakteristische Gestaltungselement ist in allen Werken unserer Einspielung zu hören. Song klingt nachdenklicher; sowohl Melodie wie Begleitmaterial basieren auf einer wellenförmigen Linie. Dance ist ein zartes, kindliches Stück. In Burlesque behaupten sich die Tuben mit einer frechen Melodie gegen heisere Jazzsynkopen, so genannte Offbeats, und umrahmen damit einen spottlustigen Mittelteil. Ein Kornettbläser beschwört in Soliloquy eine Atmosphäre von quälender Sehnsucht nach etwas Vergangenem. March hat den gleichen mitreißenden Schwung wie der Einleitungssatz.

Psalm for Band entstand 1952; das Werk stellt die warme Klangfülle einer Band bei chorischer Stimmführung besonders heraus. Auf einen feierlichen Einleitungssatz folgt ein choralartiger Teil, der in ein jubilierendes allegro vivace übergeht. Nach einer Durchführung von belebender Frische erreicht das Werk seinen Höhepunkt, indem es voller Inbrunst zu dem choralartigen Klangmaterial zurückkehrt.

Im darauf folgenden Jahr schloss Persichetti die Arbeit an Pageant ab; beide Werke sind von einem so ähnlichen Geist geprägt, dass man das spätere Stück fast als Fortsetzung des ersten betrachten könnte. Pageant besteht aus zwei Teilen und beginnt mit einem dreitönigen Motiv im Horn, das dem gesamten Stück zugrundeliegt. Auch hier erklingt der erste Teil wiederum im Stil eines Chorals, während der kraftvolle, marschähnliche zweite Teil an eine Parade denken läßt. Etliche, allesamt auf dem Einleitungsmotiv des Horns basierende thematische Einfälle sind Bestandteil einer Durchführung, deren sorgfältige Machart dem überschwenglichen, extrovertierten Stil der Musik zu widersprechen scheint.

Persichettis letztes Stück für Band ist Chorale Prelude: O God Unseen. Dieses 1984 geschriebene Choralvorspiel ist die feierliche Erweiterung eines Chorals, der ursprünglich in Persichettis Hymns and Responses for the Church Year erschien.

Häufig verwendet Persichetti ursprünglich für einen anderen Zweck komponiertes Material. Masquerade for Band aus dem Jahr 1965 besteht aus zehn raffinierten Variationen über ein Thema aus den musikalischen Beispielen, welche Persichetti für das Handbuch Twentieth Century Harmony schrieb. Der musikalische Stil ist hier in gewisser Weise dissonanter und eckiger als bei den vorangegangenen Werken, obwohl sein Ausdrucksgehalt viele vertraute Züge des Komponisten widerspiegelt.

O Cool Is the Valley schrieb Persichetti 1971 unter dem Eindruck eines Gedichtes von James Joyce. Das gesamte Stück ist von einer friedvollen ländlichen Stimmung getragen.

Ein Jahr später erschien mit Parable for Band ein Werk ganz anderen Charakters. Diese neunte aus einer Reihe von 25 Parabeln ist Persichettis kompliziertestes Werk für Band. Die Serie bezeichnete der Komponist selbst als nicht-programmatische musikalische Versuche über einen einzigen Urgedanken. Sie vermitteln ihren Sinn auf indirektem Wege in Vergleichen und Analogien. In diesem Werk verwendet er ein umfangreiches Vokabular von musikalischen Gesten und Strukturen, betont lineare Figuren und gestaltet es in einem Stil, der dramatisches Geschehen, schlüssige Form und strenge Abstraktion verbindet.

Walter Simmons


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