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8.570134 - EL-KHOURY: New York, Tears and Hope / The Rivers Engulfed
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Bechara El-Khoury (geb. 1957)
New York Tears and Hope • Les Fleuves engloutis • Sextuor • Waves • Fragments oubliés

Bechara El-Khoury wurde 1957 in Beirut geboren. Er begann seine musikalische Ausbildung bei Hagop Arslanian im Libanon und ging 1979 nach Paris, um bei Pierre- Petit, seinerzeit Direktor der von Alfred Cortot gegründeten Ecole Normale de Musique, Komposition zu studieren. Als er den Entschluss fasste, sich in Paris niederzulassen, hatte er bereits Ansehen als Komponist und Dichter mit über 100 Werken aus den Jahren 1969 bis 1978 bzw. einigen seit 1971 erschienenen Gedichtsammlungen gewonnen. Auch als Pianist, Dirigent und Kapellmeister sowie als Journalist war er erfolgreich hervorgetreten. Am 9. Dezember 1983 fand im Théâtre des Champs-Elysées in Paris ein wichtiges Konzert mit einigen seiner Werke statt – Teil der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des libanesisch-amerikanischen Philosophen und Dichters Khalil Gibran. Es spielte das Orchestre Colonne unter Pierre Dervaux. Im Jahr 1987 wurde El-Khoury französischer Staatsbürger. Seine Werke wurden von angesehenen Orchestern aufgeführt: dem London Symphony Orchestra, dem Orchestre National de France, den Moskauer Philharmonikern, dem Orchestre Colonne (Paris), dem Nationalen Symphonieorchester der Ukraine und dem Orchestre National de Montpellier.

Am 25. Mai 2006 erlebte sein Violinkonzert op. 62 “Aux frontières de nulle part” (An den Grenzen des Nirgendwo) am Théâtre des Champs-Elysées in Paris seine Uraufführung. Es spielten Sarah Nemtanu (Violine) und das Orchestre National de France unter Kurt Masur.

In seiner Jugend erlebte Bechara El-Khoury den libanesischen Bürgerkrieg. Zur Erinnerung an diese dunkle Zeit komponierte er eine musikalische Trilogie von besonderer emotionaler Intensität: Poème Symphonique Nr. 1 op. 14 “Le Liban en flammes” Requiem pour orchestre op. 18 “Den libanesischen Märtyrern des Krieges” [Naxos 8.557691] – Symphonie “Les Ruines de Beyrouth” op. 37 [Naxos 8.557043].

Viele Kommentatoren sehen im 11. September 2001 den Beginn einer neuen Ära der Geschichte – voller Ungewissheit, Chaos und Leid. Die Illusion von einem “Ende der Geschichte”, die der Fall der Berliner Mauer im November 1989 geweckt hatte, war nur eine kurze, optimistische Episode im Fortgang menschlichen Leidens.

El-Khoury konnte als Mensch und Künstler von der New Yorker Tragödie nur überwältigt sein. Mit dem Werk New York Tears and Hope (2001–05) trat er in die Fußstapfen seiner Vorgänger Martinů, Schönberg, Schostakowitsch, Penderecki und Nono. Sie vermochten in ihrer Musik Zeugnis abzulegen von dem Gefühl, das die schlimmste moderne Barbarei in ihnen hervorgerufen hatte, und den Platz zu bestätigen, den der Komponist in der Öffentlichkeit einnehmen kann und muss. Dieses humanistisch geprägte Werk El-Khourys ist eine Hommage an die unschuldigen und zufälligen zivilen Opfer der Attacke auf die Twin Towers.

Die allgemeine expressive Kontur des Werkes erweitert sich über eine Abfolge von Gemütszuständen: Niedergeschlagenheit, Auflehnung, Betrübtheit, Traurigkeit und Hoffnung. Diese Komposition ist eine Art Threnodie, ein meditatives Lamento aus langen lyrischen Phrasen, gestört von Ausbrüchen, welche die Empörung, die Traurigkeit und Verzweiflung angesichts des Unglaublichen zum Ausdruck bringen. Im ersten Abschnitt, Misterioso, symbolisieren leere und fahle Quinten der Violinen im höheren Register – zunächst teilweise von geheimnisvoll schwingenden, periodisch auftretenden Quinten des Klaviers und der Harfe getönt, sodann von den anderen Streichern im tieferen Register unterstützt – die Gefühlserstarrung nach dem schrecklichen Ereignis. Dann erinnert eine erste Phrase, die zweimal von den Violinen vorgetragen wird, in ihrer Kargheit an die einsamen Landschaften, wie wir sie in Werken finnischer Komponisten wie Sibelius und Rautavaara evoziert finden. Ein kurzes erstes Tutti, Drammatico, über einem Pedal-D mit Dissonanzen der kleinen Sekunde und Horn-Glissandi – Ausdruck der Brutalität und Heftigkeit des Ereignisses und Manifestation der Wut – führt über einem pochende jambischen (kurz-lang) Rhythmus eine lange Phrase, Lirico, ein, die in Oktaven von den Violinen gesungen wird. All dies ist Ausdruck der Gefühle des Menschen und Künstlers im Angesicht des Unvergleichbaren. Diese beiden einander gegenüber stehenden Ideen werden wiederholt und im Verlauf einer langen Episode in variierter Form präsentiert, dunkel-dramatisch im Charakter, der vom obsessiven jambischen Rhythmus bestimmt wird. Nach einem Moment der Stille eröffnet eine an Mahler gemahnende Glissando-Geste der Violinen, bezeichnet Doloroso – ein wahrer Schmerzensschrei –, den abschließenden Espressivo-Abschnitt, der zu der ursprünglichen statischen Stimmung zurückführt. Diesmal sind die Violinen in Gis-Oktaven gleichsam im höheren Register fixiert, während ihnen Celli und Bässe im tieferen Register mit Violin-Tremolos in reinem F antworten. Eine kurze Coda in As-Dur, Solennel, bringt zum Schluss etwas Licht – ein Hoffnungsstrahl in dieser tragischen Meditation.

Die Orchesterkomposition Les Fleuves engloutis (Die verschlungenen Flüsse) von 2001 geht auf eine Anfrage von Radio France an eine Reihe von Komponisten für eine Sendefolge unter dem Titel “Alla breve” zurück. Es galt ein Werk von rund zehn Minuten Dauer zu schreiben, das fünf Abschnitte enthalten sollte, deren jeder in Miniaturform einen bestimmten Gefühlszustand innerhalb des gesamten Werkes reflektiert. Die Idee dahinter war, jeden Tag der Woche einen der fünf Abschnitte wiederholt zu senden. So sollte sich das Radiopublikum durch wiederholtes Hören allmählich das gesamte Werk erschließen. Am Wochenende wurde das Werk mehrfach komplett gesendet. Das ganze Vorhaben hatte zum Ziel, die Öffentlichkeit mit der Vielfalt an Formen und Stilen zeitgenössischer Musik vertraut zu machen, um ein größeres Publikum zu erreichen.

Über diesen Auftrag von Radio France bemerkte der Komponist: “Les Fleuves engloutis ist ein Werk über die Liebe zwischen den Menschen und den Frieden in der Welt. Die Flüsse repräsentieren den Menschen, der durch das Leben geht wie die Sterne durch den unendlichen Raum. Menschen wie Jesus, leidende Wesen, jedoch mit der Kraft der Hoffnung, überwinden das Leben. Es ist ein Werk gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, gegen Diktatur und Tod.”

Die fünf Teile sind durch gemeinsames melodisches und rhythmisches Material eng miteinander verknüpft. Im ersten Stück, Brouillard (Nebel), stellt El-Khoury eine symbolische Korrespondenz her zwischen der stofflichen Natur des Nebels und dem moralischen und spirituellen Orientierungsverlust, den er als den Ursprung von Verwirrung und Bedrohung ansieht, die auf der Menschheit lasten. Ein Thema der Fagotte und Hörner im tieferen Register markiert den Mittelabschnitt, der sich durch impressionistische Akkordberührungen oder das minimalistische Motiv einer auf- oder absteigenden Sekunde über jambischem Rhythmus entwickelt. Dieser Abschnitt lässt den bewussten oder unbewussten Einfluss Debussys in Gestalt von Quarten und Fragmenten der Ganztonskala und jenen Koechlins in Form von verfeinerten und statischen Orchesterklängen, geteilten Akkorden und Obertönen erkennen.

Chant du silence (Lied der Stille) ist ein Moment der Meditation, des Alleinseins und der Stille, Raum zur Besinnung. Über ausgehaltenen Streicherakkorden entwickelt sich aus dem Grundmaterial des Werkes allmählich eine Klarinettenmelodie. Diese setzt sich später über harmonischer Begleitung der Klarinetten und eines Streichquartetts, dann eines Streichtrios in der Oboe, sodann im Englischhorn fort. Mit der Rückkehr aller Streicher beginnt eine Sequenz auf Basis einer aufsteigenden großen Sekunde, mit der eine dynamische Steigerung verbunden ist.

Der Mittelteil, Alerte (Alarm), ist, so der Komponist, “der Moment all der Gefahren, die dem Menschen drohen. Er ist verwundbar und bedroht von Diktatur und Hass. Freiheit steht kurz vor dem Abgrund, projiziert in die Finsternis.” Er ist ein Stück im “Inferno”-Stil, voller Schrecken, in gewisser Hinsicht vergleichbar mit der Hölle in LisztsDante-Symphonieoder in Tschaikowskys Francesca da Rimini. Gegen Ende erklingt in den Violinen ein orientalisch anmutendes Motiv mit dem charakteristischen Intervall der übermäßigen Sekunde – ferne Erinnerung an eine vergangene und in Vergessenheit geratene Welt.

Über Lutte (Kampf) sagt der Komponist: “Das Schick- sal des Menschen und die Hoffnung, die Kraft gibt, bestärken ihn, in seinem Freiheitsdurst für die Bewahrung der zivilisatorischen Werte zu kämpfen.” Reiche polyrhythmische Strukturen, überlagert von Holzbläsern, Blechbläsern und Perkussion, werden von den Streichern gewaltsam antiphonisch unterbrochen.

Chant des fleuves (Lied der Flüsse) hat eine zweiteilige Grundstruktur. Der erste Abschnitt, Sereno, beginnt in den Streichern in lyrischem Stil mit eingestreuten Bläserakkorden wie das eröffnende Adagio von Mahlers 10. Sinfonie. Das Motiv der Sekunde (kurz-lang), das in allen fünf Sätzen präsent ist, kehrt zurück und dominiert den zweiten Abschnitt, Lirico, weitgehend. Hier sind seine aufsteigenden Virtuose Passagen und die Kraft der Orchestrierung Kennzeichen der Hoffnung auf den Sieg über die Kräfte des Bösen.

Das Werk ist René Bosc gewidmet. Die erste öffentliche Ausstrahlung erfolgte am 11. September 2002 in Radio France mit dem Orchestre National de France unter Laurent Petitgard; die erste Aufführung in einem öffentlichen Konzert gab das London Symphony Orchestra unter Daniel Harding am 30. Oktober 2003 im Barbican im Kontext des Masterprize.

Sextuor (1996), ein Kompositionsauftrag für die Meisterklassen von Shlomo Mintz, ist für ein Ensemble von mindestens sechs Soloviolinen konzipiert, wobei jedes Pult durch eine gleiche Anzahl von Spielern erweitert werden kann. In dieser Aufnahme spielt eine Gruppe von 24 Violinen des London Symphony Orchestra.

Das kurze Stück hat zwei Abschnitte. Das eröffnende Poetico bietet eine lyrische Phrase, deren Sekunden und jambischen Rhythmen einen Vorgeschmack dessen bilden, was in Les Fleuves engloutis zur Anwendung kommt. Der zweite Abschnitt, Energico, ist voller rhythmischer Vitalität und hat Tanzcharakter.

Das Klavier spielt im Werk Bechara El-Khourys eine beherrschende Rolle, einschließlich konzertanter Werke mit Orchester [Naxos 8.557692]. Über Waves (Wellen) von 1998 schreibt der Komponist: “Als Symbolgestalten des Ozeans rollen die Wellen frei, wachsen ruhig, brechen sich an den Felsen, weichen zurück, als würden sie den Zustand des Wassers und des Himmels beachten. Wellen können die Ursache von Tragödien sein, können Städte und Menschen mit der Gewalt eines Blitzes auslöschen. Waves ist Musik der Natur in all ihrer manchmal tragischen Größe.”

Die Natur ist oft eine Inspirationsquelle für Komponisten – in unserer Zeit allerdings weniger im Sinne romantischer Kontemplation als vielmehr durch die Beobachtung der physikalischen Phänomene, die sie hervorbringt. Diese werden künstlerisch in Klangphänomene übertragen wie bei Xenakis, Mâche oder Fineberg. Bis dahin war Natur in El-Khourys Musik kaum präsent, doch nun scheint sie im Kontext der Tragik des modernen Menschen eine Rolle zu spielen. In Wavesverwendet der Komponist wiederum eine zweiteilige Form, wie sie Skrjabin bereits in seiner 2. und 4. Klaviersonate benutzt hat, die zwei aufeinander folgende Sätze verbindet (langsam-schnell).

Zwei Ideen bestimmen den ersten Teil: eine meditative mit einem gleichbleibenden Auf und Ab, das durch den Wechsel einer absteigenden Figur aus Viertelnoten zwischen den beiden Händen in Bewegung gehalten wird; die zweite mit der Bezeichnung Brumeux (neblig) besteht aus statischen Polychorden, gelegentlich ausgeschmückt mit Appogiaturen und charakterisiert durch polytonale Färbungen und ein Spektrum an Klängen von tiefster Finsternis bis zu strahlendem Licht.

Der zweite Teil ist der radikale Kontrast durch die entfesselten Naturkräfte in ihrer Unregelmäßigkeit (Polyrhythmen in 5er- und 7er-Metren) und Klangfülle (harmonische Kollisionen, polytonale Akkorde, diatonische Cluster). Die Musik nimmt dann aufgeregt-springenden, nahezu tänzerischen Charakter an, und dies trotz der anhaltenden metrischen Wechsel. Der Sog wird hier durch die sich unaufhörlich bewegenden Figuren in wechselnden Händen oder durch fallende oder aufsteigende Elemente, die sich oft über Akkordblöcken oder Clustern entladen, erzeugt.

El-Khoury hat die Bedeutung seines Klavierwerks Fragments oubliés (Vergessene Fragmente) so beschrieben: “Fragments oubliés, leuchtende Gegenstände, un- sichtbar zum Teil durch Vergesslichkeit, durch Zeit und Gedächtnis … Aus einem undeutlichen Thema und einer thematischen Zelle kehren Bilder wieder, unvollständig, seltsam, fragend … es ist fragmentarische Musik, in der Bilder und Farben einen Zusammenhang schaffen wollen, trotz der unvollendeten Arbeit des Gedächtnisses, des Vergessens … Orchesterklänge, sonore Farben und andere Parameter evozieren neblige Landschaften, entfernte Länder, Länder aus Träumen, Schatten, Illusionen …”
In diesem Stück, das gleich nach Les Fleuves engloutis folgte, kehrt El-Khoury zur zweiteiligen Form zurück, die er bereits in der 2. Klaviersonate (1998) und in Waves verwendet hatte. Das eröffnende langsame Lirico beginnt mit fragmentarischen Melismen im Skrjabinschen Stil, die ganz allmählich Figuren in jambischem Rhythmus Platz machen, in denen wiederum Sekunden dominieren. Im Unterschied zu Waves ist der Misterioso beginnende Schlussteil stärker homorhythmisch. Die Fragments zeichnen sich durch ihre Präzision und die Klarheit ihrer Gestaltung aus. Das Kontrast-Prinzip regelt die Organisation der Höhen und Tiefen, der Dynamik, der Klangdichte und der verschiedenen Spielweisen (virtuose Passagen, alternierende Hände, Akkorde, Cluster).

Gérald Hugon
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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