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8.570136 - RAWSTHORNE: String Quartets Nos. 1-3 / Theme and Variations
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Alan Rawsthorne (1905–1971)
Thema und Variationen für zwei Violinen • Streichquartette

Alan Rawsthorne wurde 1905 in Haslingden (Lancashire) geboren und kam 1925 ans Royal Manchester College of Music, wo er Klavier, Violoncello und Komposition studierte. Nach seiner Graduierung im Jahre 1929 setzte er seine pianistische Ausbildung bei Egon Petri in Polen und Deutschland fort. Danach beschloss er als Komponist Karriere zu machen. Schon bevor Rawsthorne 1941 zum Militär eingezogen wurde, hatte er mit Thema und Variationen für zwei Violinen und den Symphonischen Studien Eindruck gemacht, als das erste der beiden Werke 1938 in London und das zweite 1939 in Warschau bei den jeweiligen Festivals der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik zur Aufführung kam. Nach der Entlassung aus der Armee widmete er sich bis zu seinem Tode 1971 wieder der Komposition. Mit Ausnahme der Oper bereicherte er sämtliche etablierten Gattungen, wobei er vor allem zur britischen Kammermusik des 20. Jahrhunderts hervorragende Beiträge leistete.

Das Streichquartett hat eine Reihe markanter stilistischer Meilensteine hervorgebracht und wichtige Punkte auf dem Entwicklungsweg verschiedener Komponisten markiert – Beethoven, Bartók und Britten seien als Beispiele genannt. Diese Funktion erfüllte die Gattung auch bei Alan Rawsthorne, dessen früheste Versuche 1932 und 1935 entstanden, jedoch unveröffentlicht blieben. In dem jüngeren Stück deutet sich bereits die Individualität des Komponisten und seine Sicherheit im Umgang mit der Besetzung an: es kann daher neben die drei publizierten Quartette gestellt werden.

Das erste Quartett (Thema und Variationen) schließt sich sprachlich zwei grundlegenden Werken an: Dem bereits erwähnten Thema und Variationen für zwei Violinen (1937) sowie den Bagatellen für Klavier (1938). Schon hier zeigt sich die Bevorzugung der Variationsform, die Rawsthorne auch in den Streichquartetten von 1954 und 1965 verwendete. Das zweite Quartett bezeichnet eine Übergangsphase: Einerseits finden frühere Werke darin ihren Widerhall, andererseits wird der Ausdruck bündiger und die Konstruktion konziser. Das dritte Quartett ist typisch für Rawsthornes letzte Schaffensphase. Das vielschichtige Werk ist von einer unablässigen Intensität, bricht mit der herkömmlichen Form und zeigt dieselbe Strenge, die viele seiner Stücke aus den letzten zehn Lebensjahren auszeichnet.

Thema und Variationen für zwei Violinen von 1937 war das erste veröffentlichte Werk, mit dem Rawsthorne die Anerkennung des Publikums und der Kritik fand. Die Widmungsträgerinnen, Kathleen Washbourne und Rawsthornes Ehefrau Jessie Hinchliffe, hoben das Werk am 7. Januar 1937 aus der Taufe und spielten es dann auch am 18. Juni 1938 beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in London. Decca veröffentlichte damals eine Schallplatte dieser Interpretation und brachte damit die erste kommerzielle Aufnahme mit Musik von Rawsthorne auf den Markt.

Das Thema besteht aus einer knappen, energischen Invention zu zwei Stimmen. Rawsthorne schrieb, er sei davon überzeugt, dass das Thema in jeder Variation auftaucht. Unverkennbar ist in den nachfolgenden Inventionen jedenfalls die harmonische Strenge, die sich aus dem Zusammenprall von Dur und Moll ergibt. Die erste Variation, Capriccietto, beruht auf den weiten Intervallen aus der zweiten Hälfte des Themas und bietet den Musikern eine brillante Kraftübung. Das Siciliano, eine von Rawsthorne bevorzugte Tanzform, ist ein naher Verwandter der zweiten Klavier-Bagatelle. Der gezackte Anfang des Themas im Vierviertel-Takt wird jetzt in heiter fließende Sechsachtel verwandelt. In Cancrizzante, einem Kanon, wird das Thema im Krebsgang gespielt. Es ist eine Invention im strengen Kontrapunkt, einer Disziplin, die Rawsthorne schon ein Jahr zuvor in seinen Studien über ein Thema von Bach für Streichtrio voller Selbstbewusstsein erforscht hatte. Die kontemplative Rhapsodia bietet eine Ruhepause. Das harmonische Potential des Themas wird anfangs in den Sekundschichtungen exponiert, die sich als Stauchungen der Quarten darstellen, mit denen das Thema begann. Reiche Texturen und harmonische Vielfalt entstehen aus dem fantasievollen Gebrauch von Doppelgriffen. Seinen passenden Platz als expressiver Mittelpunkt des Werkes nimmt das Notturno mit seinem leidenschaftlich- lyrischen Ausdruck ein. Die erste Violine übernimmt Material aus dem zweiten Teil des Themas und deklamiert es über einer tremolando-Begleitung. In der temperamentvoll- heiteren Scherzetto-Variation setzen die Instrumente ihre Dämpfer auf. Es ist dies eine Studie in flinken Sechsachtel- Triolen – ein Charakteristikum Rawsthornes, das in vielen seiner späteren Werke, so auch in den Streichquartetten Nr. 1 und Nr. 2, auftauchen wird. Das energische Ostinato überträgt der ersten Violine die repetitive, auf und um D konzentrierte Ostinato-Figur, während die zweite Geige Verzierungen einwirft und bisweilen in das Ostinato einstimmt. Das hartnäckige D verbraucht seine Energie und verklingt, um eine Verbindung zur vorletzten Variation herzustellen. In Canone lässt Rawsthorne eine weitere strikt kontrapunktische Untersuchung folgen, die sich auf die ursprüngliche Exposition des Themas stützt. In der zehnten Variation, Fantasia, fasst er das Werk auf würdige Weise zusammen, indem er die voraufgegangenen Ereignisse reflektiert. Ein Fugato-Satz bildet den Rahmen dieser Variation, in die Zitate aus dem Siciliano, der Rhapsodia und dem Notturno eingeflochten sind. Am Ende kehrt das Ostinato wieder, um das Stück mit einem dramatischen Aufschwung zu beenden.

Das Streichquartett Nr. 1 (Thema und Variationen) war ein Auftrag für die Wiener Festwochen des Jahres 1939; durch den Ausbruch des Krieges wurde dann nicht nur die Aufführung unmöglich, es ging auch das Manuskript verloren. Ursprünglich bestand das Werk aus zwei Sätzen mit Thema und Variationen als Finale. Das vorliegende Stück ist das Resultat der Rekonstruktion, die Rawsthorne anhand seiner Skizzen vornahm. Als das ursprüngliche Quartett nach dem Krieg wieder auftauchte, äußerte der Komponist, dass er inzwischen „die Variationen als ein selbständiges Stück“ ansieht.

Die musikalische Sprache des Werkes stellt eher eine Erweiterung als eine Fortentwicklung dessen dar, was in dem zwei Jahre älteren Thema und Variationen für zwei Violinen zu hören war. Dem Thema folgen sechs nahtlos ineinander übergehende Variationen, wobei jede einzelne dieser Veränderungen durch eigenen Charakter und unverwechselbare Stimmung gekennzeichnet ist und in der Folge ein Kontrastreichtum entsteht, welcher der früheren Duo-Komposition ähnelt. Rawsthornes erstes Streichquartett wurde am 26. April 1940 durch das Blech Quartet uraufgeführt.

Die markanten harmonischen, rhythmischen und melodischen Elemente des Themas werden in den ersten vier Takten des neunzehntaktigen Abschnitts vorgestellt. Dieser Teil ist mehr als die bloße Exposition des Themas, da das Ausgangsmaterial bereits einem gewissen Grad von Durchführung unterworfen ist. In der ersten Variation verwendet der Komponist seine allgegenwärtigen Tarantella-artigen Sechsachtel-Triolen als figurative Verzierung der thematischen Anfangstakte. In der zweiten Variation spielen zweite Geige, Bratsche und Violoncello eine pulsierende Begleitung. Diese bildet den harmonischen Hintergrund für die Solo-Kantilene der ersten Violine, die dergestalt den zweiten Teil des thematischen Anfangs erkundet.

Der Satz steigert sich zu einer bejahenden Klimax, bevor er in die kontemplative Stimmung des Anfangsteils zurücksinkt. In der dritten Variation werden die Konturen des Themas in einem flinken, energischen Satz entwickelt, der unverkennbar vom Verfasser der Symphonischen Studien stammt.

Zu Beginn der vierten Veränderung schichten und überlappen die Violinen und die Bratsche Doppelgriff-Intervalle, um im Hintergrund einen tonal verschleierten „Hof“ zu erzeugen. In ausdrücklichem Kontrast dazu spielt das Violoncello wörtliche Bruchstücke des Themas: So wird dem Ohr eine Richtung gegeben – ganz so, wie ein Wanderer zögernd seinen Weg durch den Nebel findet, wenn er von bekannten Orientierungspunkten geleitet wird. Diese Variation macht im Rahmen der gesamten expressiven Klangtapisserie, die das Werk darstellt, auf die imaginative Spannbreite aufmerksam, über die der Komponist beim Umgang mit der Quartett-Besetzung verfügte.

Der zweistimmige Kontrapunkt vom Anfang der fünften Variation erinnert direkt an einen ähnlichen Abschnitt aus Thema und Variationen für zwei Violinen. Hier erklingt die Melodie vom Anfang des Themas in einer Augmentation, die dem Original eine lyrische Dimension verleiht. In der raschen Schlussvariation verwendet Rawsthorne seine Sechsachtel-Triolen, allerdings anders als in der ersten Variation. Dort waren sie von leichtem Charakter, hier erklingen sie in ernster Intensität, wobei sie durch Unisono-Einwürfe des Themas im fortissimo und kontrastierende pianissimo-Episoden noch gesteigert werden. Wenn diese Dreiergruppen wiederkehren, bringen sie das Werk zu einem positiven Abschluss.

John M. Belcher

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Alan Rawsthorne: Streichquartette Nr. 2 und Nr. 3

Das Streichquartett Nr. 2 wurde beim Cheltenham Festival am 12. Juli 1954 vom Griller Quartet in der Town Hall uraufgeführt. Die vier Sätze unterscheiden sich ein wenig von dem bei solchen Kompositionen üblichen Bauplan. Der erste Satz ist in Sonatenform geschrieben, doch dann folgt ein rhapsodisches Stück, das von Zeit zu Zeit erhebliche Tempoveränderungen erfährt. Darauf folgen ein zarter bewegtes Allegretto und ein langsamer Schluss-Satz.

Das erste Thema des Kopfsatzes wird von der ersten Violine exponiert, nachdem in zwei Takten langsame, schwere Akkorde erklangen. Wie der größte Teil des Satzes steht es im 7/4-Takt, neben dem allerdings auch recht häufig andere Taktarten auftreten. Die Anlage ist eher konventionell: Das zweite Thema ist von leichterer Art, wird von einem Pizzikato-Bass begleitet und leitet zur Durchführung über. Diese ist dramatischer und bringt im Violoncello leidenschaftliche Inversionen des ersten Themas. Die Reprise ist ziemlich verkürzt, und das zweite Thema ist in Verbindung mit einer neuen Phrase zu hören, die anschließend das erste Thema des zweiten Satzes bilden wird. Dieser Satz beginnt glühend, löst sich aber bald in eine langsamere, meditativere Weise der Viola auf, die mit dem ersten Thema zu einem Abschnitt verbunden wird. Dieser Teil steigert sich zu einer Allegro appassionato- Behandlung des ersten Themas. Nach einem Höhepunkt ist das zweite Thema wieder zu hören, und zwar in Kombination mit einer neuen kleinen Begleitphrase. Der Satz endet sehr leise. Der dritte Satz ist gedämpft und enthält ein tänzerisches Thema. Es ist sehr einfach konstruiert und besteht aus einer Exposition sowie zwei variierten Wiederholungen des bewussten Themas, die durch darauf gegründete Episoden voneinander getrennt sind. Der Schluss-Satz besteht aus Thema, drei Variationen und Coda. Die Variationen steigern sich, die Coda jedoch ist ruhig, und am Ende erstirbt die Komposition in der Stille.

Mein drittes Streichquartett ist nicht in der traditionellen Form von vier separaten Sätzen gehalten. Es besteht aus zwei Hauptabschnitten, von denen sich jeder in verschiedene Unterabteilungen gliedert. Es beginnt mit einem kurzen Thema oder einer kurzen Gruppe von Tönen, welche die Basis für viele kommende Dinge liefert. Durch diesen Vorgang wird der Hörer hoffentlich mit einem Gefühl des Zusammenhalts und der Plausibilität versehen – entweder bewusst durch direkte Hinweise auf das Thema und seine Derivate, vielleicht aber auch unbewusst durch eher indirekte Anspielungen. Offenbar passt dieses Verfahren besser zu einer Komposition, die sich in einem durchgehenden Teil entwickelt und nicht aus mehreren unterscheidbaren Sätzen besteht. Nicht das gesamte Material eignet sich zu einer solchen Behandlung; es ist allerdings schwer zu bestimmen, ob das Material durch die formale Konzeption entsteht oder vice versa. Ich selbst empfinde die formale Komposition eines Musikstücks als einen ebenso kreativen Akt wie die Erfindung des Materials; die beiden Dinge gehen eindeutig Hand in Hand.

Das Quartett beginnt mit einer energischen Exposition (Allegro deciso) des grundlegenden Materials, worauf ein eher fließender, gemächlicher Abschnitt mit elliptischen Anspielungen auf das Thema folgt (Allegretto). Damit endet die erste Haupteinheit des Stückes. Die zweite beginnt mit einer Chaconne (Andante [Alla ciacona]), in der das Hauptthema bald in Kombination mit dem Bass zu hören ist. Dieser Teil weicht einem raschen, lebhaften Finale (Molto vivace), das das Stück nach einigen kapriziösen Aktionen mit einer unzweideutigen Darstellung des Hauptthemas beendet.

Das Quartett entstand im Auftrag des Harlow Arts Festival 1965 und wurde dort am 18. Juli des Jahres durch das Alberni Quartet uraufgeführt.

Alan Rawsthorne
Das Copyright für die Anmerkungen des Komponisten
© (1992) liegt beim Rawsthorne Trust

Deutsche Fassungen: Cris Posslac


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