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8.570143 - BRAHMS, J.: Four-Hand Piano Music, Vol. 18 (Matthies, Köhn)
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Johannes Brahms (1833–1897)
Musik für Klavier zu vier Händen Folge 18

 

Johannes Brahms wurde 1833 in Hamburg als Sohn eines Kontrabassisten und einer viel älteren Näherin geboren. Seine Kindheit verbrachte er in recht armseligen Verhältnissen, doch bei seinem Klavierunterricht machte er solche Fortschritte, dass sogar der Plan entstand, mit dem elfjährigen Wunderkind Konzertreisen zu unternehmen. Von Eduard Marxsen wurde der jungen Brahms in die technischen Grundlagen des Komponierens eingeweiht, indessen er zum Unterhalt der Familie als Klavierspieler in verschiedenen Sommerrestaurants beitrug.

1851 begegnete Brahms dem aus Ungarn emigrierten Geiger Reményi, dem er die Bekanntschaft mit der für sein eigenes Schaffen so bedeutsamen magyarischen Tanzmusik verdankte. Zwei Jahre später unternahmen die beiden Musiker eine erste gemeinsame Konzertreise, die sie auf Empfehlung von Joseph Joachim unter anderem auch nach Weimar führte, wo damals Franz Liszt residierte, von dem man wohl erwarten durfte, dass er einem Landsmann mit besonderem Wohlwollen begegnen würde. Tatsächlich profitierte Reményi auch von dem Zusammentreffen mit seinem berühmten Landsmann, Brahms hingegen legte schon damals eine Probe seiner im Laufe der Jahre noch kultivierten Taktlosigkeiten ab und vermochte den Meister nicht zu beeindrucken. Fruchtbar hingegen gestaltete sich der Besuch, den er nach Joachims Vermittlung noch im selben Jahr dem Ehepaar Schumann abstattete.

1850 hatte Robert Schumann die erste und letzte offizielle musikalische Anstellung seines Lebens angetreten—als er nämlich in Düsseldorf die Nachfolge des vorherigen Städtischen Musikdirektors Ferdinand Hiller übernahm. Er entdeckte in Brahms’ Musik eine kommende Größe und veröffentlichte in der Neuen Zeitschrift für Musik, die er selbst einst herausgegeben hatte, einen Artikel des Inhalts, dass der junge Mann der langerwartete Nachfolger Beethovens sei. Wenige Monate später—im Februar 1854—versuchte Schumann sich nach mehreren Phasen tiefster Depressionen das Leben zu nehmen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in einer Irrenanstalt, während Brahms seine Frau, die angesehene Pianistin Clara Schumann, und deren Kinder auf alle erdenklichen Weisen unterstützte. Die enge Freundschaft endete erst mit Claras Tod im Jahre 1896. Ein Jahr darauf folgte ihr Brahms ins Grab.

Brahms’ Hoffnung war es stets gewesen, früher oder später im Triumph nach Hamburg zurückzukehren und fortan im dortigen Musikleben eine führende Rolle zu spielen. Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Statt dessen ließ er sich 1863 in Wien nieder—zunächst noch provisorisch, dann aber seit 1869 auf Dauer. Und hier tat er alles, um Schumanns Prophezeiung zu erfüllen. Seine Freunde und Förderer, darunter insonderheit der gefürchtete Kritiker und Schriftsteller Eduard Hanslick, sahen in ihm tatsächlich den wahren Nachfolger Beethovens, einen Komponisten, dessen Schaffen—von außermusikalischen Erwägungen und Programmen unberührt—im völligen Gegensatz zu der von Wagner und Liszt repräsentierten „Zukunftsmusik“ stand, die Brahms und Joachim später in aller Öffentlichkeit ablehnten.

Dass die Orchesterwerke, die Johannes Brahms komponierte, vielfach so monumental gerieten, ist nicht zuletzt eine Folge ihres langwierigen und mühevollen Aufbaus. Das zweite seiner beiden Klavierkonzerte—ein langer Schrecken, wie der Komponist selbst einmal ulkte—wurde nach dreijähriger Arbeit im Sommer 1881 in Pressbaum bei Wien vollendet und steht damit chronologisch zwischen der dritten und vierten Symphonie. Den Freunden Theodor Billroth und Eduard Hanslick spielte Brahms das Werk zusammen mit dem Komponisten Ignaz Brüll an zwei Klavieren vor, bevor er es im Oktober Hans von Bülow und seinem eben reformierten Meininger Hoforchester anbot.

Die Uraufführung fand im November 1881 in Pest statt. Brahms selbst spielte den Solopart. Noch im selben Monat folgten Aufführungen mit dem Meininger Orchester unter Hans von Bülow, der sich mittlerweile mit derselben Begeisterung für Brahms einsetzte, wie er das für Richard Wagner getan hatte, bis dieser mit seiner Gemahlin, Liszts unehelicher Tochter Cosima, durchgebrannt war. Nach der Wiener Erstaufführung im Jahre 1884 vermochte sich Eduard Hanslick nur zurückhaltend über den Pianisten Johannes Brahms zu äußern, so sehr er das Konzert mit seiner rhythmischen Kraft und männlichen Autorität auch rühmte: Der Komponist habe inzwischen, so meinte er, wichtigere Dinge zu tun als täglich einige Stunden zu üben—eine freundliche Entschuldigung all der technischen Unzulänglichkeiten, die man bei seinem Spiel gehört haben dürfte. Brahms widmete das Konzert seinem alten Lehrer Eduard Marxsen und brachte es wie gewohnt auch in einer Fassung für zwei Klaviere heraus, um es einem größeren Publikumskreis zugänglich zu machen.

Der erste Satz beginnt mit einem Dialog von Orchester und Klavier, den ein Solo des Hornes einleitet (seine Stimme liegt hier im zweiten Klavier). Das Orchester erweitert das thematische Material um ein zweites bedeutendes Element, das von einem ausgedehnteren Klaviersolo unterbrochen wird. Wenn sich anschließend das Orchester wieder vernehmen lässt, hat es einen neuen bedeutenden Gedanken beizusteuern, ehe sich das Klavier im weiteren Verlauf des Satzes ausführlich mit der Einleitungsmelodie befasst. Auch der scherzohafte zweite Satz in d-moll bewegt sich in ähnlich massiven Regionen. Es folgt ein langsamer Satz, worin das Solocello das ruhige Hauptthema exponiert, das der Pianist anschließend variiert, bevor weiteres Material erscheint: Über dem tiefen Fis der Violoncelli und zur Begleitung der beiden Klarinetten spielt das Klavier mit einfacher, transparenter Schönheit. Diese kurze, leise Meditation führt zur Reprise des ersten Themas im Solocello und dem Ende des Satzes. Den Abschluss bildet ein Rondo, das behaglich alle Sorgen vertreibt, die sich vielleicht in den dunkleren Ecken der vorigen Ereignisse verbargen. Die Stimmung erinnert hier an Mozart und Beethoven, die beiden großen Vorgänger des Wahlwieners Johannes Brahms.

Joseph Joachim wurde 1831 in Kittsee bei Pressburg als Sohn einer gutsituierten jüdischen Familie geboren, die mit den Wittgensteins verwandt war. Mit acht Jahren trat er erstmals als Geiger an die Öffentlichkeit. Es folgten weitere Studien in Wien, bevor er nach Leipzig ging, wo er bei Ferdinand David in Mendelssohns Gewandhausorchester arbeitete. 1849 wurde er Konzertmeister im Orchester des Weimarer Großherzogs, das von dem musikalischen Direktor Franz Liszt geleitet wurde. Drei Jahre später kam Joachim als Geiger an die königliche Kapelle von Hannover. Durch seinen Schulfreund und Kollegen Ede Reményi lernte er Johannes Brahms kennen, mit dem er gemeinsam musizierte, nachdem er sich mit Reményi über die Rolle Franz Liszts zerstritten hatte. Brahms und Joachim verbrachten einen Sommer in Göttingen und hielten sich zeitweilig bei der befreundeten Familie Schumann in Düsseldorf auf. Joachim blieb bis 1868 in Hannover, bevor er nach Berlin ging und dort als einer der vorzüglichsten Interpreten und Lehrer seiner Zeit eine Geigerdynastie begründete.

In Hannover hatte Joachim Muße zur Komposition gehabt. Unter den fünfzig Werken jener Zeit finden sich vier Konzertouvertüren. Eine von ihnen ist die nach der Hamlet-Ouvertüre entstandene Ouvertüre zu Shakespeares Heinrich IV. op. 7 aus dem Jahre 1853, die von Johannes Brahms arrangiert wurde. William Shakespeare beschreibt in seinem großen Historiendrama, wie Heinrich IV. seine Macht in England sichern will, nachdem er Richard II. besiegt und ermordet hat. Im zweiten Teil des Schauspiels kommt dann Heinrich V. auf den Thron. Die Ouvertüre ist in Sonatenform gehalten und endet—was immer ihr programmatischer Inhalt sein mag—nach der Reprise der beiden Hauptthemen mit einem Marsch.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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