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8.570190 - ROZSA: Music for Violin and Piano
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Miklós Rózsa (1907–1995)
Musik für Violine und Klavier

 

Miklós Rózsa, einer der überragenden Komponisten in Hollywoods Golden Age, hat nicht nur viele berühmte Filme wie Der Dieb von Bagdad, Frau ohne Gewissen, Ich kämpfe um dich und Ben Hur mit Musik versehen, sondern vor, während und nach seiner Filmkarriere auch mit Hingabe zahlreiche Werke für den Konzertsaal geschrieben. Der 1907 in Budapest geborene Künstler zeigte schon früh ein musikalisches Talent, das sein Vater zwar nicht blockierte, aber auch nicht förderte, so dass ein großer Teil seiner musikalischen Ausbildung und Tätigkeit beinahe im Verborgenen stattfand. Dennoch meisterte der junge Rózsa die Geige – mit sieben Jahren spielte er vor Publikum Musik von Mozart, wobei er wie der Komponist gekleidet war –, und es gelang ihm, sich große Teile der damals in Ungarn populären Klassik anzuverwandeln, in deren Zentrum die Musik von Franz Liszt stand. Mit gleichaltrigen Freunden vertrat er die Sache Bartóks und Kodálys. Diese Bemühungen fanden allerdings bei den konservativen Lehrern keinen Anklang, sondern trugen dem jungen Rózsa einen Verweis vom Direktor des Gymnasiums ein.

Wichtig war weiterhin der Einfluss der Volksmusik, die der junge Rózsa von den Bauern hörte, wenn er die Sommermonate auf dem Familiensitz in Nagylócz nördlich von Budapest verbrachte. Ihm gefiel es dort: „Ich war umgeben von Musik; ich hörte sie auf den Feldern, wenn die Menschen arbeiteten, im Dorf, wenn ich nachts wach lag; und es kam die Zeit, da ich merkte, dass ich sie aufschreiben und verewigen müsse.“ Obwohl Rózsa kein solch methodischer Volkslied-Sammler wie Bartók und Kodály war und Volksmelodien außerdem kaum einmal direkt zitiert hat, nahm er das Folklore-Idiom doch so tief und gründlich in sich auf, dass es ein integraler Bestandteil seiner reifen musikalischen Sprache wurde – „auf die eine oder andere Weise unauslöschlich gewissermaßen jedem Takt eingeprägt, den [ich] je zu Papier gebracht habe“.

Als es an der Zeit war, die Ausbildung voranzutreiben, wollte Rózsa der restriktiven Kultur seiner Heimatstadt Budapest entkommen. Sein Vater war schließlich einverstanden, dass Miklós die Heimat verließ, um sich an der Leipziger Universität mit dem Hauptfach Chemie und dem Nebenfach Musikwissenschaft einzuschreiben. Am Ende des ersten Studienjahres war völlig klar, dass Rózsas Herz ganz und gar der Musik gehörte, worauf der Vater nachgab und ihm gestattete, ans Leipziger Konservatorium zu gehen, wo Hermann Grabner (1886–1969) sein Kompositionslehrer wurde. Rózsa war ein bemerkenswert erfolgreicher Student, und als er 1928 am Konservatorium graduierte, hatte der renommierte Verlag Breitkopf & Härtel bereits zwei Stücke von ihm publiziert: ein Streichtrio und ein Klavierquintett. Eine erfolgreiche Komponistenkarriere schien sicher zu sein.

Die auf der vorliegenden CD veröffentlichten Werke beschreiben die gesamte Spanne dieser Laufbahn. Die Variationen über ein ungarisches Bauernlied op. 4, die Bauern-Lieder und -Tänze aus Nord-Ungarn op. 5 und das Duo für Violine und Klavier op. 7 sind durchweg frühe Werke; sie entstanden in den Jahren 1929–31, mithin unmittelbar nach dem Examen am Konservatorium. Die Sonate für Solovioline op. 40 gehört demgegenüber zu einer Reihe von späten Stücken für Soloinstrumente, die Rózsa schuf, als eine degenerative Erkrankung die körperliche Anstrengung großer Partituren unmöglich machte. Aus diesen späten Jahren gibt es auch Solostücke für Flöte, Klarinette, Gitarre, Oboe und Bratsche.

Die Variationen über ein ungarisches Bauernlied und die Nordungarischen Bauern-Lieder und -Tänze sind zwei von lediglich drei Werken, in denen Rózsa echte Volksmelodien verwendet hat; das dritte ist sein Pasticcio-Ballett Hungaria. Das op. 4 bildet den Auftakt zu einer Vielzahl von Variationswerken, die der Komponist im Laufe der Zeit – auch für seine Filmmusiken – schreiben sollte: Es beruht auf einer einfachen, achttaktigen Weise, die zunächst vom Klavier exponiert wird. In den dreizehn nachfolgenden Variationen wechseln liedhafte cantabile-Abschnitte und virtuose, tanzartige Teile einander ab; den Höhepunkt bildet ein feuriges Finale. Demgegenüber stellt das auch als Kleine Suite bekannte op. 5 vier verschiedene Weisen aus dem „kleinen schwarzen Buch“ des Komponisten in der Satzfolge langsam-schnell-langsam-schnell dar. Hier wird das Volksmusik-Material unmittelbarer und ohne viel kontrapunktische Entwicklung ausgeführt.

Am Anfang des Duos op. 7 steht ein traditioneller Sonatensatz. Nach einer langsamen Einleitung werden zwei Themen exponiert, das erste zuversichtlich ausschreitend, das zweite eher ein sanfter Walzer. Beide sind von ausgesprochen ungarischem Charakter, ohne dass es sich dabei jedoch um echte Volksweisen handelt. Eine Coda greift den Gedanken der Introduktion auf, und das erste Thema erklingt in langsamen, ruhigen Oktaven. An zweiter Stelle folgt ein quecksilbriges Scherzo, das zwei in ABA-Form angeordnete Themen verwendet – ein verspieltes erstes und ein lyrisches zweites. Daran schließt sich ein rhapsodisches und einprägsames ungarisches Nocturne an, das wiederum dreiteilig angelegt ist. Den aufregenden Beschluss des Werkes bildet ein virtuoser Bauerntanz in Rondoform: Das Thema des Refrains, das zwei Episoden umrahmt, ist dabei umfassenden Durchführungen ausgesetzt.

Als Rózsa 1985/86 seine Sonate für Violine solo op. 40 schrieb, hatte er sich zwar von der Filmmusik verabschiedet, konnte aber auf eine mehr als sechzigjährige kompositorische Erfahrung zurückblicken, die in diesem kompliziertesten und schwierigsten seiner späten Solostücke voll zum Tragen kommt. Die Struktur ist erheblich weitläufiger als in den früheren Sonaten. Der Kopfsatz wird mehr aus motivischen Zellen denn aus klar umrissenen Themen aufgebaut; die Variationen des zweiten Satzes entfernen sich so weit vom Ausgangsthema, dass praktisch neues Material entsteht. Das abschließende Vivace greift auf Motive aus dem ersten Satz zurück, die jetzt mit den zwei Themen des Finales kontrastieren. Durchweg wird vom Solisten eine virtuose Technik verlangt, und der Hörer sieht sich einer Fülle von Dissonanzen gegenüber (namentlich Tritonus und Septimen). Diese ist sogar für Rózsa ungewöhnlich, dem man in Hollywood bisweilen vorwarf, seine Filmmusik sei zu modernistisch und enthalte zuviel „Carnegie Hall“. Die Sonate ist ein ruheloses, finsteres und kantiges Werk. Rózsa widmete es Manuel Compinsky, der ihn oft in technischen Fragen des Streichinstrumentenspiels beraten hatte.

Frank K. DeWald
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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