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8.570199 - REIMANN: Zyklus / Kumi Ori / Die Pole sind in uns
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Aribert Reimann (geb. 1936)
Zyklus • Kumi Ori • Die Pole sind in uns

 

Von den deutschen Komponisten, die sich während der sechziger Jahre einen Namen machten, nimmt Aribert Reimann insofern einen besonderen Platz ein, da er als bedeutender Liedbegleiter von Sängern wie Dietrich Fischer-Dieskau, Brigitte Fassbaender, Elizabeth Grümmer, Ernst Haefliger und Barry McDaniel sowie in jüngerer Zeit von Christine Schäfer von sich reden gemacht hat. Diese Tätigkeit spiegelt sich auch in der Fantasie und Vielseitigkeit seiner Gesangs- und Klavierwerke, wobei das Lied – seien es Einzeltitel, Gruppen oder ausgedehnte Zyklen – in seinem OEuvre einen wichtigeren Platz einnimmt als bei anderen Komponisten seiner Generation.

Aribert Reimann wurde am 4. März 1936 in Berlin geboren und besuchte die dortige Hochschule für Musik, wo er bei Boris Blacher Komposition, bei Ernst Pepping Kontrapunkt und bei Otto Rausch Klavier studierte. Ende der fünfziger Jahre etablierte er sich als Begleiter, und auch mit eigenen Werken erregte er allmählich Aufmerksamkeit. Von Anfang an wurde der erkennbare Einfluss Weberns durch jene Lied-komponisten abgemildert, deren Werke er aufführte (vor allem durch Schubert und Schumann, von denen er gelegentlich auch einige Lieder arrangiert hat). In ähnlicher Weise wurde auch der Einfluss Alban Bergs auf seine Bühnenwerke durch Wagner, Weill, Hindemith und Debussy ergänzt. Seine bekanntesten Bühnenwerke sind der 1978 in München mit Fischer-Dieskau in der Titelrolle uraufgeführte Lear sowie Das Schloss, das 1992 in Berlin seine Premiere erlebte. Von vergleichbaren Dimensionen ist sein Requiem (1982), das umfangreichste Chorwerk, das er im Laufe seines Wirkens geschrieben hat.

Aribert Reimanns Vorliebe für die Vokalmusik ist begreiflich, und in seiner Textwahl verrät er weitreichende literarische Sympathien. Trotz der Vielzahl an Autoren, die er vertont hat (der Bogen reicht von französischen Troubadours des Mittelalters über Shakespeare, Shelley und Hölderlin bis hin zu modernen Schriftstellern wie Cesare Pavese und Günter Grass), war es die Poesie von Paul Celan (1920-1970), die ihn vor allem inspiriert hat. Der im (heute rumänischen) Czernowitz geborene Sohn deutscher Eltern hatte in Paris und Bukarest Medizin studiert und war 1947 nach der Machtergreifung der Kommunisten nach Wien und weiter nach Paris geflohen. Dort verdingte er sich als Sprachlehrer. Zudem fand er große Anerkennung mit seinen idiomatischen Rimbaud-Übersetzungen und den Übertragungen französischer und russischer Dichter des 20. Jahrhunderts. Eine besondere Rolle spielten bei dieser Arbeit die französischen Symbolisten und Surrealisten, die zugleich seine eigenen Gedichte zutiefst beeinflussten.

Erstmals hat Aribert Reimann im Jahre 1960 Paul Celan vertont, und zwar in seinen Fünf Gedichten. Seine frühe Auseinandersetzung mit dessen Dichtung gipfelte in Zyklus, von der Stadt Nürnberg zum 500. Geburtstag Albrecht Dürers in Auftrag gegeben. Dieses Werk ist Dietrich Fischer-Dieskau gewidmet, der es am 15. April 1971 mit den Nürnberger Symphonikern unter Hans Gierster aus der Taufe hob. Die Texte stammen aus dem späten Gedichtband Atemwende, für dessen äußerst beziehungsreiche, nicht-logische Sprache die Farbe von Konsonanten und Vokalen ebenso wichtig ist wie die durch die Worte evozierten Bilder. Celan steht mit seiner Dichtung in einer Linie mit Mallarmé und Joyce und widersetzt sich – nicht anders als deren reife Werke – jeglichem Über-setzungsversuch. Zyklus verlangt ein Orchester mit starker Holz- und Blechbläserbesetzung, in dem aber die Violinen fehlen und die tiefen Streicher solistisch eingesetzt sind; neben den Pauken spielen überdies Tamtams und Tom-Toms eine prominente Rolle.

Das erste Lied, Einmal, beginnt mit der unbegleiteten Singstimme. Als erster instrumentaler Klang ertönt ein leichter Tamtam-Schlag, worauf die Bassflöte in einem sehr leisen Kontrapunkt zur Stimme einsetzt. Danach fallen Altflöte, Flöte und Piccolo ein, indessen sich die instrumentale Textur entwickelt. Das Postludium des ersten Liedes geht direkt ins Vorspiel des zweiten Titels (Aschenglorie) über, das den bis dato stärksten Kontrast im Rahmen einer äußerst delikaten Dynamik bietet. Das tiefe Streicherensemble wird in vierzehn Einzelstimmen aufgeteilt, von denen einige Flageoletts, andere hingegen am Steg spielen. Diese sind zunächst mit den sordinierten Posaunen, dann mit Horn und Trompeten in einem subtil wechselnden Cluster kombiniert. Die äußerst chromatische Gesangslinie bewegt sich vor einem Hintergrund, in dem statische Passagen und solche von höchster rhythmischer Komplexität alternieren.

Das Orchestervorspiel des dritten Titels, Am weissen Gebetriemen, erinnert in seiner sparsamen Kontrapunktik an das erste Lied. Hier konzentriert sich die Singstimme auf Tonwiederholungen, wodurch ein rezitativartiger Charakter entsteht; für Abwechslung sorgen weite Intervalle, die die natürliche Akzentuierung der Worte unterstreichen. Das vierte Lied, Du darfst, bringt wiederum Cluster von wechselnder Dichte und Färbung; im Nachspiel gibt es ein kunstvolles Paukensolo. Das fünfte Lied, Hinterm kohlegezinkten Schlaf, steigert sich zu einem mächtigen Höhepunkt, der auch die Klimax des gesamten Werkes darstellt. Im Anschluss daran kehrt das sechste Lied, Fadensonnen, zu einer linearen Schreibweise zurück, und die Begleitung beschränkt sich oft auf eine einzige Stimme der gedämpften Bässe. Am Ende erinnert die Musik wieder an den Anfang des Zyklus, wobei die Bassflötenstimme hier von Harfenklängen durchbrochen wird.

Die Dichtung von Paul Celan, den Aribert Reimann 1957 in Paris kennenlernte, blieb in dessen Werk auch weiterhin von überragender Bedeutung, wie die beiden neueren Werke dieser Einspielung zeigen. Kumi Ori (1999) entstand im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für die Reihe Sieben Horizonte und wurde am 2. Januar 2000 in Hamburg von Yaron Windmüller mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Christoph Eschenbach uraufgeführt. Der Komponist erinnert sich, dass er beim Durchblättern des Bandes Lichtzwang auf den Titel Du sei wie Du, immer stieß, der mit den hebräischen Worten des Jesaia kumi ori (erhebe dich und leuchte) endet: „Mein erster Gedanke war, dass diese Erleuchtung die Hoffnung für das nächste Jahrtausend sein könnte und das, was im vergangenen Jahrhundert geschah, nicht wieder geschieht.“

Das Werk beginnt mit einem strengen, unbegleiteten Rezitativ, zu dem klagende Holzbläser hinzutreten, bevor der Solist dann gegen gestimmte Schlaginstrumente geführt wird. Es folgt eine weitere Holzbläserpassage, zu der das gedämpfte Blech und die hohen Streicher (oft in Flageoletts) spielen, worauf die Singstimme wieder das Gedicht übernimmt. Ausgreifende Gebärden der Trompeten und Posaunen leiten einen kraftvollen Höhepunkt ein, auf dem der Solist durch gesteigerte Deklamation die glühenden Empfindungen ausdrückt, die in Celans Text eingeschlossen sind. Nachlassend verbleibt eine zögernde Figur in den tiefen Streichern, aus der sich auch die Singstimme zurückzieht. Sie kehrt zu kantigen Gesten der Holzbläser und der Harfe wieder, zu denen auch nach und nach die Streicher einsetzen, dabei zugleich den Eindruck völliger Introspektion verstärkend. Kühle Cluster aus Streicherflageotts markieren den Abschluss des Werks, das zugleich machtvoll wie zurückhaltend endet, ebenso wie es begonnen hatte.

Von vergleichbarem Ausdruck, insgesamt aber noch ziselierter, zeigt die Vertonung des Gedichts Die Pole sind in uns (1995) die Essenz von Reimanns reifer Tonsprache auf. Das Stück beginnt mit durchdringenden Klängen, die sowohl auf den Tasten, als auch im Innern des Klaviers erzeugt werden; dazu singt die Stimme in ausgedehnten Phrasen, die die pure emotionale Kraft und den semantischen Zusammenhalt des Celanschen Gedichts auszudrücken vermögen. Hintergründig unterstützt durch konventionell wie gezupft gespielte Akkorde, wird ihre offensichtliche Zurückhaltung selbst zum Agens der als bewegend intensiv empfundenen Darstellung des Textes. Am Ende hört man ein beschwörendes Motiv auf gedämpften Klaviersaiten, in der Stille verklingend.

Richard Whitehouse
(unter Verwendung der Anmerkungen des Komponisten)

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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