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8.570230 - LISZT: 6 Hungarian Rhapsodies, S359/R441
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Franz Liszt (1811–1886)
Ungarische Rhapsodien für Orchester

 

Franz Liszt wurde 1811 in Raiding im Burgenland (damals Ungarn, heute Österreich) – als Sohn von Adam Liszt, Verwalter in Diensten der Fürsten Esterházy, geboren. Früh schon erfuhr er Förderung durch Angehörige des ungarischen Adels, so dass er 1822 nach Wien gehen konnte, um dort Stunden bei Czerny zu nehmen und die berühmte Begegnung mit Beethoven zu haben. Von Wien ging er nach Paris, wo Cherubini ihm als Ausländer den Zugang zum Konservatorium verwehrte. Doch vermochte er durch seine Auftritte das Publikum zu begeistern. Nun unterstützte ihn die Familie Erard, Klavierfabrikanten, für deren Instrumente er auf seinen Konzertreisen warb. 1827 starb sein Vater, worauf die Mutter zu ihm nach Paris kam. Er unterrichtete, las und profitierte von den intellektuellen Kreisen, zu denen er Kontakt fand. Sein Interesse an virtuosem Spiel wurde erneuert, als er den großen Geiger Paganini hörte, dessen technischen Fähigkeiten er nun nacheiferte.

In den folgenden Jahren entstand eine Reihe von Kompositionen, darunter Liedtranskriptionen und Opern-fantasien, die zum Repertoire eines Virtuosen gehörten. Wegen seiner Beziehung zu einer verheirateten Frau, der Comtesse Marie d’Agoult, verließ er Paris und war dann mehrere Jahre unterwegs: zunächst in der Schweiz, dann wieder in Paris, schließlich in Italien, Wien und Ungarn. 1844 war die Beziehung zu seiner Geliebten – der Mutter seiner drei Kinder – beendet, doch setzte er seine Konzertaktivitäten bis 1847 fort. In jenem Jahr begann seine Verbindung zu Caroline von Sayn-Wittgenstein, polnische Erbin und entfremdete Gemahlin eines russischen Prinzen. Im Jahr darauf ging er mit ihr nach Weimar, um dort als außerordentlicher Kapellmeister zu wirken. In der Stadt Goethes widmete er sich der Entwicklung einer neuen Form von Orchestermusik, der symphonischen Dichtung, sowie der Revision und Veröffentlichung früherer Kompositionen. Erst 1859 gab er diese Position auf – befremdet von der Reaktion des Publikums auf seine neue Musik.

Liszt blieb bis 1859 in Weimar, als er – fünfzig Jahre alt – Caroline nach Rom folgte, die sich dort ein Jahr zuvor angesiedelt hatte. Rechtlich stand mittlerweile einer Heirat nichts mehr im Wege, doch wohnten sie auch weiterhin in getrennten Apartments. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und pendelte zwischen Weimar, wo er eine jüngere Generation unterrichtete, Rom, wo er seinen religiösen Interessen nachgehen konnte, und Pest, wo er als Nationalheld empfangen wurde. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners, lebte und sich für die Musik ihres Mannes einsetzte.

Liszt war erst 1839 nach Ungarn zurückgekehrt. In der vorherrschenden nationalen Stimmung verehrte man ihn als Verkörperung der nationalen Identität. Er war immerhin sechzehn Jahre im Ausland gewesen, doch nun konnte er ein Element des ungarischen Lebens näher kennen lernen, das ihn schon lange fasziniert hatte. In einem Zigeunerlager empfing er Inspiration für die Beschäftigung mit Zigeunermusik und mit einem Lebensstil, der seinen Drang nach Befreiung aus den Fesseln der Konvention widerzuspiegeln schien. Liszt transkribierte einiges von der Musik, die er gehört hatte, und nutzte sie als Quelle eigener Inspiration. Spätere Musiker, vor allen Bartók und Kodály, machten auf das Missverständnis aufmerksam, dem Liszt und seine Zeitgenossen in Bezug auf die Zigeunermusik unterlagen. Bartók, der eine gründ-liche Studie über ungarische Volksmusik veröffentlicht hat, hebt hervor, dass die Musik der Zigeunerkapellen in der Regel Werken ungarischer Herren entnommen war. Insofern war sie eher populäre Kunstmusik als ursprüngliche Volksmusik – auch wenn sie „liederlich“ gespielt wurde. Die Zigeuner nahmen tatsächlich Melodien auf, wo immer sie welche fanden, und anverwandelten sie ihrem Musizierstil.

Zwischen 1839 und 1847 schrieb Liszt eine Reihe von Klavierstücken unter dem Titel Magyar dallok – Ungarische Nationalmelodien. Sie sind gleichsam Herzstücke der fünfzehn Ungarischen Rhapsodien, deren erste 1846 entstand, die übrigen 1847; die Veröffentlichung erfolgte in der 1850er Jahren. Von den vier später hinzugefügten Rhapsodien entstanden zwei 1882 und zwei 1885. Sechs Ungarische Rhapsodien wurden von dem Flötisten, Dirigenten und Komponisten Franz Doppler (1821–1883) oder mit seiner Hilfe orchestriert. Liszt hatte ihn 1854 in Weimar getroffen, als Doppler und sein Bruder auf einer Konzerttournee am Hof auftraten. Die Dopplers hatten sich in Pest angesiedelt, Franz Doppler als erster Flötist am Deutschen Theater, von 1841 bis 1858 am Ungarischen Nationaltheater; danach war er Flötist und Ballettdirigent in Wien. Der Anteil Dopplers an den Rhapsodien ist unklar, doch besteht Liszt in seinem Testament von 1860 darauf, dass die Ungarischen Rhapsodien für großes Orchester als orchestriert von Franz Doppler und revidiert von Franz Liszt bezeichnet werden müssten – eine Reverenz an Doppler.

Die Grundstruktur der Rhapsodien ist jene, welche die Zigeuner von den Verbunkos – Anwerbetänzen – übernommen hatten: Die langsame Introduktion (lassu) führt zu einem raschen friss. Die Ungarische Rhapsodie Nr. 1 in f-Moll (Nr. 14), ursprünglich Liszts Schwiegersohn Hans von Bülow gewidmet, beginnt mit einem Begräbnismarsch und geht dann in das ungarische Lied Magasan repül a daru über, das in einem Allegro eroico-Abschnitt weiter durchgeführt wird. Er endet mit einer Vivace-Passage, die den Koltó csárdás verwendet. Das Werk bildet die Grundlage für Liszts Ungarische Fantasie.

Die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in d-Moll (ursprünglich in Cis-moll), gewidmet dem ungarischen Politiker Graf Lászlo Teleky, ist die vielleicht bekannteste. Der geheimnisvolle Lento a capriccio-Beginn führt zu einem expressiven lassu. Auf eine Wiederkehr des Beginns und eine Violin-Kadenz folgt die quirlige und bekannte friss und bietet Entspannung vor dem energischen Abschluss.

Die Ungarische Rhapsodie Nr. 3 in D-Dur (Nr. 6 in Des-Dur), gewidmet dem Grafen Anton Apponyi, trägt die Bezeichnung Tempo giusto und verwendet vier populäre ungarische Lieder. Eine Fanfare führt zu einem Presto, auf das ein lassu folgt, dessen Pessimismus von dem folgenden lebhaften friss abgelöst wird.

Die Ungarische Rhapsodie Nr. 4 in d-Moll (Nr. 12 in Cis-moll) war dem ungarischstämmigen Geiger Joseph Joachim gewidmet, der das Weimarer Orchester von 1850 bis 1852 leitete. Später entfremdete er sich von Liszt, zu dem er schon immer ein ambivalentes Verhältnis gehabt hatte. Eine Unheil verkündende Introduktion mit der Bezeichnung Mesto führt zu einer Passage für Solo-Violine, auf die ein dem Zigeunergeiger János Bihari (1764–1827) zugeschriebenes Allegro zingarese folgt. Liszt hatte dessen virtuoses Spiel 1822 in Wien gehört. Das Ganze endet in einem fröhlichen Presto.

Die Ungarische Rhapsodie Nr. 5 in E-moll (Héroïde élégiaque), ursprünglich der Gräfin Sidonie Reviczky gewidmet, gilt als Arrangement eines ungarischen Tanzes von József Kossovits. Die Begräbnisstimmung mit ihren angedeuteten dumpfen Trommelschlägen wird von den lyrischen Passagen des Tanzes kontrastiert und aufgehellt.

Die letzte der orchestrierten Folge, die ausgedehnte Ungarische Rhapsodie Nr. 6 in D-Dur (Nr. 9 in Es-Dur), ursprünglich dem Violinisten Heinrich Wilhelm Ernst gewidmet, ist ein Werk von offenkundig nationalem Charakter mit dem Titel Pester Karneval. Es bietet eine Reihe von Tanzmelodien mit einem ausgearbeiteten Volkslied im Schlussabschnitt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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