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8.570251 - BROUWER: Guitar Music, Vol. 4 - La Ciudad de las Columnas / Nuevos Estudios Sencillos
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Leo Brouwer (geb. 1939)
Musik für Gitarre • Folge 4

 

Der Komponist, Gitarrist und Dirigent Leo Brouwer Mezquida wurde 1939 in Havanna als Spross einer Musikerfamilie geboren. Den ersten Musikunterricht erhielt er von seinem Vater Juan Brouwer und seiner Tante Caridad Mezquida, während sein Großonkel Ernesto Lecuona (1896-1963) ein berühmter Komponist und Pianist war. Die ersten Gitarrenstunden erhielt er 1953 von Isaac Nicola, dem Begründer des modernen kubanischen Gitarrenspiels. Zwei Jahre später begann Brouwer, aus eigenem Antrieb Komposition zu studieren. 1959 erhielt er ein Stipendium, um an der Universität von Hartford seine Gitarrenausbildung fortzusetzen und an der New Yorker Juilliard School bei Vincent Persichetti, Stefan Wolpe, Isadore Preed, J. Diemente und Joseph Iadone Kompositionsunterricht zu nehmen. 1960 wurde er zum Direktor des Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos ernannt. Diese Position führte im Laufe der Jahre zu einer großen Zahl in- und ausländischer Filmmusiken. Seit jener Zeit war er ein Inbegriff der kubanischen Avantgarde; er wirkte als Berater von Radio Habana Cuba, unterrichtete am Conservatorio Nacional und an ausländischen Universitäten, gründete den alle zwei Jahre stattfindenden Kubanischen Gitarrenwettwerb mit Festival und ist seit 1981 Generaldirektor des Nationalen Kubanischen Symphonieorchesters. Dirigierverpflichtungen führten ihn in zahlreiche Länder.

Man kann bei Brouwers kompositorischer Entwicklung drei Phasen unterscheiden. Die erste begann 1954 mit einer Reihe von Stücken, in denen er die Möglichkeiten der Gitarre erkundete und traditionelle klassische Formen mit kubanischen Anregungen verband. Nach der kubanischen Revolution lernte er die avantgardistische Musik von Komponisten wie Penderecki und Bussotti kennen, als er 1961 den Warschauer Herbst besuchte. Er übernahm diese Einflüsse und solche der führenden Gegenwartskomponisten, die Kuba besuchten. Daraus gestaltete er einen sehr persönlichen Stil, in dem er die verschiedensten modernen Techniken einschließlich postserieller und aleatorischer Elemente benutzte. Die späten siebziger Jahre brachten eine dritte Phase, die Brouwer selbst als hyperromantischen Nationalismus beschrieben hat – eine Rückkehr zu den afrokubanischen Wurzeln, die er mit Elementen traditioneller und minimalistischer Techniken verband. Neben zahlreichen Filmmusiken hat er Orchesterwerke geschrieben, darunter Konzerte für Gitarre, Flöte und Violine, des weiteren Kammermusiken, in denen er oft die Gitarre einsetzt. Viele seiner Gitarrenstücke haben internationale Berühmtheit erlangt und einen festen Platz im Konzert- und Tonträgerrepertoire der Gitarristen gefunden.

Das vorliegende Album stellt Werke vor, die von Brouwers kompositorischen Anfängen bis in die jüngste Gegenwart reichen. Des weiteren enthält die CD Brouwers Arrangements von Klaviermusik des Kubaners Manuel Saumell (1817-1870) sowie eine Komposition des jungen kubanischen Gitarristen und Komponisten Joaquín Clerch, mit dem Leo Brouwer eng befreundet ist.

Clerch ist der Widmungsträger der Ciudad de las columnas aus dem Jahre 2004. Das Stück ist von dem gleichnamigen Essay des kubanischen Autors Alejo Carpentier über urbanes Leben und „Die Stadt der Säulen“ (ein Beiname Havannas) inspiriert. In seiner Komposition hat Brouwer ein eigenes Portrait der Hauptstadt gezeichnet. Darin nimmt er uns mit auf eine musikalische Reise, die zu verschiedenen markanten Punkten und Szenarien führt. Der kurzen Einleitung folgt der erste Satz mit dem Titel Andar la Habana („Schlendern durch Havanna“). Dabei handelt es sich um eine frühe Kreation des Komponisten aus dem Jahre 1956, die Pieza sin título No. 1 („Stück ohne Titel Nr. 1“), die nun viele Jahre später einen Namen erhalten hat. Fragmente dieses Stückes tauchen in den anderen Sätzen des Werkes wieder auf. Der zweite Satz heißt La ceiba y el colibri („Der Ceibabaum und der Kolibri“). Der Ceibabaum ist der Nationalbaum Kubas, der nie beschnitten oder gefällt wird, weil er den Anhängern der afrokubanischen Santería-Yoruba-Religion heilig ist. Mit geschäftigem Passagenwerk gestaltet Brouwer ein faszinierendes Bild des Kolibris, der um den hohen, geheimnisvollen Ceibabaum umherschwirrt. Der dritte Satz, Convento de San Francisco („Konvent des heiligen Franziskus“), ist von heiterer, gebetsartiger Gelassenheit – ein Moment der Reflexion, bevor das turbulente Treiben des nächsten Satzes Por la “Calle del Obispo“ („Auf der Obispo-Straße“) beginnt. Der fünfte Satz heißt Amanecer en el Moro („Morgendämmerung bei El Moro“). El Moro ist die imposante Festung aus dem 16. Jahrhundert, die den Zugang nach Havanna bewacht. Der Schluss-Satz ist Toque en la Plaza de armas („Rituelle Zeremonie auf dem Platz der Waffen“). Bei diesem „toque“ handelt es sich um eine Zeremonie, bei der verschiedene rhythmische Trommelfiguren gespielt werden, um die Orisha-Geister anzurufen und zu preisen, damit diese den Teilnehmern an dem Ritual Segen und Rat spenden.

Viaje a la semilla („Reise an die Quelle“) aus dem Jahre 2000 ist nach einem weiteren Essay von Alejo Carpentier benannt. Der Schriftsteller erzählt darin die Lebensgeschichte des wohlhabenden Grundbesitzers Don Marcial rückwärts. Der Protagonist verlässt das abgerissene Haus, das sich – nachdem der schwarze Sklave von Don Marcial seinen Zauberstab geschwungen hat – allmählich wieder zusammensetzt. So geht die Geschichte weiter, vom Tod bis zur Empfängnis.

Im Jahre 1959 begann Leo Brouwer seine erste Kollektion von Estudios sencillos („Einfachen Studien“) als alternatives Studienmaterial zum traditionellen Unterrichtsstoff des 19. Jahrhunderts, mithin den Werken von Aguado, Carcassi, Giuliani, Sor und anderen. Bis 1981 entstanden drei weitere Kollektionen, und diese Etüden wurden so populär, dass sie sogar ihren Weg in die Konzertprogramme erfahrener Profis fanden. 2001 schrieb Brouwer 10 Nuevos estudios sencillos („Zehn neue einfache Studien“), von denen jede einem Komponisten des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Wie in den vorherigen Heften wird auch hier mit jeder Studie ein bestimmtes technisches Gebiet behandelt, indessen gleichzeitig verschiedene harmonische und rhythmische Strukturen eingeführt werden.

Die Contradanza ist europäischen Ursprungs und soll in den 1790er Jahren durch Sklaven, die vom französischen Haiti geflohen waren, nach Kuba gelangt sein. Durch die Einbeziehung afrikanischer Rhythmen in die französische Contredanse wurde ein neuer musikalischer Typus geboren, der als kubanische Besonderheit gelten kann. Dieser wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr populär, nicht zuletzt dank Manuel Saumell, dem vielleicht bekanntesten und angesehensten Repräsentanten dieses Tanzes. Saumell schrieb seine Contradanzas für Klavier, und oft gab er ihnen Titel, die auf das Leben in Havanna anspielten – Los chismes de Guanabacoa („Der Klatsch in Guanabacoa“ [einem Vorort von Havanna]) –, bestimmten Personen galten wie La Maria, La Matilde oder umgangssprachliche Ausdrücke benutzten La quejosita („Kleine Meckerliese“). In Saumells Miniaturen hören wir die frühesten Beispiele zeitgenössischer kubanischer Tänze wie Conga, Habanera, Mambo, Rumba und Salsa, die ein Jahrhundert später weltberühmt werden sollten.

Hoja de album – La gota de agua („Albumblatt – Der Regentropfen“) ist ein kurzes Stück aus dem Jahre 1996 und wurde am 17. August desselben Jahres von dem spanischen Gitarristen Gabriel Esterellas uraufgeführt.

Leo Brouwer war sechzehn Jahre alt, als er 1955 seine Suite No. 1 ‘Antigua’ komponierte. Mit dieser Komposition begann er eine musikalische Reise, in deren Verlauf er die Lücken schließen wollte, die er in der Gitarrenliteratur zu entdecken glaubte. Die Musik ist in der Form einer barocken Suite geschrieben und steht dem Neoklassizismus Bartóks oder Strawinskys nahe.

Das Programm endet mit einer Komposition von Leo Brouwers engem Freund und Protégé Joaquín Clerch. Yemaya entstand 1987 und erhielt sowohl bei dem Nationalen Kubanischen Kompositionswettbewerb als auch bei dem Internationalen Gitarrenwettbewerb von Toronto dieses Jahres den Ersten Preis. Yemaya ist eine Göttin der afrokubanischen Santería-Yoruba-Religion. Sie wird als der Ozean, die Essenz der Mutterschaft und Beschützerin der Kinder beschrieben. Sie kann sich in strenger, gewalttätiger Gestalt zeigen oder auch in einer solchen, die nur in Träumen erscheint. Das Stück besteht aus sieben kurzen Abschnitten, die ohne Pause gespielt werden und die verschiedenen Charakterzüge von Yemaya vermitteln. In La leyenda kann man anfangs weiche Besenstriche auf den Saiten hören, die den Klang eines sanften Windes am Meer beschwören. Passagen von lyrischer Schönheit, aggressive Tonformationen, Momente der Reflexion und ein wilder, akrobatischer Tanz folgen, bevor sich die Musik schließlich beruhigt. Das Stück endet, wie es begann – mit dem Klang des Windes und dem ruhigen Rauschen des Meeres.

Graham Anthony Devine
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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