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8.570284 - DOWLAND, J.: Lute Music, Vol. 4 (North) - The Queen's Galliard
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John Dowland (1563–1626)
Lautenmusik • 4

 

Wahres künstlerisches Genie ist selten. John Dowland hat es in der Welt der Laute unzweifelhaft besessen. Obwohl er zur falschen Zeit in der englischen Geschichte Katholik war und zudem von schwierigem Charakter, brachte ihm sein Genius Ruhm und Ehre ein. In einem Sonett von 1598 zollt der Dichter Richard Barnfield Dowland vielsagenden Tribut, indem er schreibt, das dessen himmlischer Anschlag das menschliche Gemüt entzücke: Dowland to thee is dear, whose heavenly touch / Upon the lute doth ravish human sense. Daraus und aus Dowlands Musik selbst können wir entnehmen, das seine unnachahmlichen Qualitäten als Spieler eigener Kompositionen in der Schönheit des Tones und der außerordentlichen Fähigkeit, die Gefühle der Zuhörer anzusprechen, bestanden.

In unseren Tagen erinnert man sich Dowlands vielfach wegen seiner „Lachrimae“-Pavane und als eines Komponisten melancholischer Musik. Das verengt jedoch die Wahrnehmung des „englischen Orpheus“, denn Dowlands Musik erkundet das ganze Spektrum menschlicher Emotionen in einer einzigartigen Verbindung von Geist, Herz und Intellekt. Hinreißend sind zudem seine melodische Erfindungsgabe und sein ausgefeilter, ja genialer Kontrapunkt. Dowlands Lautenmusik ist zwar oft virtuos, jedoch stets natürlich und idiomatisch. All diese Qualitäten sind in seinem gesamten Werk zu finden, das vor allem aus rund einhundert Stücken für Sololaute besteht, etwa der gleichen Anzahl von Lautenliedern und einigen Consort- Stücken für Gamben und Laute.

William Shakespeare und John Dowland sind Altersgenossen. Shakespeare, geboren 1564, ist dafür bekannt, dass er seine Werke oft mehrfach revidierte, ohne dass das unsere Bewunderung für sein Genie minderte. Auch Dowland überarbeitete viele seiner Werke von Jahr zu Jahr. So gibt es einige Lautenstücke in nicht weniger als zehn Fassungen, so dass es nahezu unmöglich ist, die jeweils „authentische“ herauszufinden. Die Laute entwickelte sich ständig weiter; Dowland könnte auf einem 6-chörigen (Paare von Saiten) Instrument begonnen haben, um dann in reifem Alter auf einem 9- oder 10-chörigen zu spielen. So verlief Dowlands Entwicklung gewissermaßen parallel zu jener der Laute. Die Art des Komponierens für das Instrument kann ebenso aussagekräftig sein wie die Geschichte der Manuskripte, in denen die Stücke überliefert sind. Näheren Aufschluss jedoch geben die Widmungen, mit denen der Komponist viele seiner Lautenstücke versehen hat. Mäzene und Höflinge änderten zum Beispiel durch Verheiratung häufig ihre Namen, erhielten durch königliche Order neue Titel oder errangen einen akademischen Grad an einer der beiden englischen Universitäten. Anhand dieser Informationen kommen wir zu einer ziemlich klaren Chronologie.

Dowland und Shakespeare entliehen durchaus auch der Vergangenheit Ideen, waren aber zugleich äußerst innovativ in ihren Schöpfungen. In Dowlands musikalischem Umfeld lagen vielleicht mehr Ideen, Moden und Konventionen in der Luft, so dass es fast unvermeidlich war, davon etwas zu übernehmen. Das konnte die Form einer Phrase sein—wie etwa das berühmte absteigende Lachrimae-Thema—oder die Art der Behandlung einer musikalischen Figur und des ihr innewohnenden rhetorischen Gehalts. Durch seine Lautenmusik ist Dowlands Geist heute so lebendig wie vor vierhundert Jahren.


The Queen’s Galliard

Das Programm dieser CD dreht sich rund um „Lied und Tanz“. Es verbindet Lieder (Balladen), Tanz-Lieder und die Gagliarde mit dem Hof der Königin und Hofklatsch. Mit fast jedem Stück dieser Aufnahme ist eine Geschichte oder ein Skandal verbunden—vieles davon datiert in die 1580er und 90er Jahre.

Die Gagliarde (engl. galliard) ist eindeutig Dowlands favorisierte Tanzform: eine lebhafter Tanz im Dreiermetrum, der in der Regel drei Teile mit Wiederholungen aufweist. Dowland hinterließ rund dreißig Gagliarden—doppelt soviel wie alle anderen Tanzformen—, die in Länge, Stil und Verzierung (engl. division) stark variieren. Die früheren sind kurz mit wenigen Verzierungen bei Wiederholungen und verlangen ein schnelleres Tempo. Schöne Beispiele dafür sind Dowland’s First Galliard [3] und drei andere: P. 20 [24], P. 27 [11] und P. 35 [18]. Einige von Dowlands frühen Gagliarden haben zweiteilige Form und keine Verzierungen bei Wiederholungen. Das beste Beispiel dafür ist John Dowlands Galliard (P. 21) [4].

Königin Elisabeth I. war der Musik und dem Tanz so ergeben, dass ein zeitgenössischer Maler sie beim Tanz mit einem Höfling, dem Earl of Leicester, festhielt. Dowland widmete der Königin zwei Gagliarden, und diese eröffnen vorliegende Aufnahme. Die erste, Queen Elizabeth, her Galliard [1]—publiziert 1610, sieben Jahre nach ihrem Tod—, ist kein Originalstück, sondern die Überarbeitung einer älteren Gagliarde von ca. 1590, die Kathryn Darcie gewidmet war, welche 1591 Mrs. Clifton wurde. Die zweite, The Queen’s Galliard [2], erinnert an das Lied My thoughts are winged with hopes (Sir John Souch’s Galliard [13]) und hat die ungewöhnliche Tonart b-Moll. Vielleicht wollte Dowland durch diese Wahl etwas von den Schwierigkeiten ausdrücken, die er mit der Königin hatte.

Königin Elisabeths letzter offizieller Heiratsbewerber war der Duc d’Alençon, der 1579 und 1581 nach England kam. Er war ein kleiner, hässlicher Mann mit einer riesigen Nase und einem von Pockennarben entstellten Gesicht. Gleichwohl war er ein exzellenter Tänzer, und Elisabeth nannte ihn ihren Frosch (Frog). Als sie ihn schließlich abwies, ging er enttäuscht und gedemütigt nach Frankreich. Das Lied Now, oh now I needs must part aus Dowlands First Booke of Songs or Ayres soll sich auf die Abreise des Dukes beziehen; es ist die Neufassung einer frühen Gagliarde, bekannt als Frog Galliard [6]. In zweiteiliger Form angelegt, hat diese Gagliarde im ersten Teil einen ungewöhnlichen trochäischen Rhythmus (lang/betont, kurz/unbetont) und überdies einige von Dowlands melodischsten und erfindungsreichsten Verzierungen.

Eine weitere Gagliarde mit interessanter Hintergrundgeschichte ist Can she excuse [20] (später The Earl of Essex’s Galliard). Ihr Pendant im First Booke ist Can she excuse my wrongs?, deren Text von Robert Devereux, 2. Earl of Essex, stammen soll. Lange nach dem Besuch des Duc d’Alençon wurde Robert Devereux Elisabeths berühmter Favorit am Hof. Oft verärgerte er die Königin und wurde schließlich des Hofes verwiesen. In jener Zeit zog er sich aufs Land nach Wanstead bei London zurück, um dort im Wald spazieren zu gehen und Sonette an die Königin zu schreiben, mit denen er um ihre Vergebung bettelt. All das ist in der Gagliarde und dem Lied Can she excuse enthalten. Die Balladen- Melodie Will you go walk the woods so wild, die im Lauten-Part des dritten Abschnitts erklingt, ist eine treffliche Beschreibung der ländlichen Aktivitäten des Earls of Essex. Er wurde 1601 wegen Hochverrats geköpft.

Die letzte Gagliarde dieser Aufnahme ist King of Denmark’s Galliard [25], John Dowlands Revision (1610) seiner früheren Battle Galliard. Dowland war 1598 bis 1606 Lautenist des dänischen Königs Christian IV. (1577–1648); es ist sehr wahrscheinlich, dass er die überarbeitete Battle Galliard seinem früheren Arbeitgeber gewidmet hat. Auch war Christians Schwester Anna (1574–1619) als Gemahlin Jakobs I. Königin von England, Schottland und Irland. Die King of Denmark’s Galliard hat viele neue Verzierungen im Schlachtmotiv und zeigt, wie entwickelt und einfallsreich Dowlands später Verzierungsstil war.

Während Dowland als Komponist von Airs für Singstimme und Laute verehrt wurde, galt er nicht als professioneller Sänger. Sein First Booke of Songs or Ayres erschien 1597 und setzte den Standard für die Sammlungen von Lautenliedern der folgenden dreißig Jahre. Im First Booke gibt es mehrere Airs in Form von Gagliarden. Einige dieser Tanzlieder sind frühe Gagliarden mit neu hinzugefügten Texten—so Sir John Souch, his Galliard/My thoughts are winged with hopes, Frog Galliard/Now oh now I needs must part, The Earl of Essex’s Galliard/Can she excuse my wrongs, Pipers Galliard/If my complaints—, während andere Lieder wie Tänze wirken, in Instrumentalfassungen jedoch nicht überliefert sind, etwa Sleep wayward thoughts und Rest a while ye cruel cares. In Dowlands Kanon gibt es zwei Lieder aus dem First Booke, die in Arrangements für Sololaute überliefert sind; es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese Fassungen von Dowland selbst stammen. Awake Sweet Love könnte auf einer frühen Lauten-Gagliarde basieren, die verloren ist. Der Fassung (P. 24) [15], die Dowlands Zeitgenossen Francis Cutting zugeschrieben wird, folgt meine eigene ambitioniertere [16], die Dowlands Lied in Buchstaben und Geist näher steht. Eine ähnliche Geschichte rankt sich um Come again [12] (P. 60). Diesen eher einfachen Lautensatz habe ich mit eigenen Verzierungen erweitert.

Im 16. und 17. Jahrhundert waren Balladen- Melodien so etwas wie Volkslieder. Jeder kannte sie—bei Hof oder im Land. Balladen traten als Melodie mit einer begleitenden Geschichte ins Leben. Die Originalmelodien behielten ihre Namen, wurden jedoch im Laufe der Zeit oft mit neuen Geschichten verbunden. Bekannt als Broadsides—so genannt, weil sie üblicherweise auf einem großen Blatt gedruckt wurden, das diese Bezeichnung trug—, waren diese Balladen ein Medium aktuellen sozialen und politischen Kommentars. Bedeutende Komponisten wie Dowland oder Byrd nahmen oft Balladen-Melodien und setzten sie für Tasteninstrument, Laute oder Consort in Fassungen mit Variationen oder Verzierungen. Dowland hat acht solcher Sätze hinterlassen, die in ihrer Behandlung der Melodien sehr unterschiedlich sind; alle sind in dieser Aufnahme enthalten. What if a day [17], Lord Willoughby’s welcome home [19] und Fortune my foe [22] sind einfach gefasst mit jeweils nur wenigen Variationen. Die anderen fünf—Aloe [7], Robin [21], Go from my window [14], Walsingham [9] and Loth to depart [23]—erfahren sorgfältigere, komplexere und kontrapunktisch ausgefeiltere Inter-pretationen.

What if a day ist in einer Kopie des Autographs überliefert und wurde wahrscheinlich spontan komponiert, als Dowland einen einfachen Satz für einen Studenten ausführte. Die Ballade Fortune my Foe—von Dowland auch Complaint genannt—begann als „Lover’s complaint“ (Klage des Liebenden), wurde dann aber schnell die Melodie, zu der zum Tode Verurteilte ihre letzten Worte sangen, bevor sie zum Galgen schritten. Die Popularität von Dowlands Satz illustriert die Tatsache, dass William Byrd ihn für Tasteninstrumente bearbeitete.

Lord Willoughby’s welcome home—später auch als Roland bekannt—begann als Ballade zur Feier der Heimkehr des berühmten englischen Soldaten Peregrine Bertie 1589. Aloe war weniger verbreitet, der Text ist unbekannt. Von allen Balladen-Sätzen Dowlands ist dieser der tänzerischste; er klingt wie eine Allemande (Almain). Go from my window, ein einfaches Liebeslied, war in seiner melodischen und harmonischen Struktur ebenfalls einfach und unter Komponisten für Laute und Tasteninstrumente sehr populär. Dowlands Satz ist ein treffliches Beispiel seiner Arbeit. Robin—oder Robin is to the greenwood gone—dürfte für Dowlands so bekannt gewesen sein wie Greensleves für uns, es ist eine der vielen Balladen-Melodien, die Ophelia in ihrer Wahnsinnsrede in Hamlet zitiert. Eine weitere unter Komponisten wohlbekannte Melodie, Walsingham, bezieht sich auf eine Pilgerstätte dieses Namens (Norfolk, England). Dowlands Satz zeichnet in allen sieben Variationen exquisiter Kontrapunkt aus. Der komplexeste Balladensatz ist Loth o depart. Die Eröffnungsphrase ähnelt einer melancholischen Interpretation der King of Denmark’s Galliard. Der verlorene Text dürfte von Abschiedsschmerz geprägt gewesen sein. Und hier ein weiteres Mal der Earl of Essex: Ein neuer Text für Loth to depart entstand 1599 mit London’s Loathe to depart—die Beschreibung seines Aufbruchs nach Irland als Kommandeur der britischen Invasionstruppen. Dowlands sieben Verzierungen dieser Ballade entsprechen deren Gefühlslage, erweitern jedoch die kontrapunktischen Möglichkeiten eines Spielers auf einer Laute.

 

Nigel North
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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