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8.570286 - RODRIGO, J.: Guitar Works, Vol. 1 (Jouve)
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Joaquín Rodrigo (1901-1999)
Musik für Gitarre • Folge 1

 

Joaquín Rodrigo, der Komponist des bekannten Concierto de Aranjuez für Gitarre, ist gewiss einer der großen spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er setzte die Tradition der romantischen Impressionisten Albéniz, Granados und de Falla fort, war dabei aber zutiefst von der französischen Musik beeinflusst, nachdem er zwischen 1927 und 1932 bei Paul Dukas in Paris studiert hatte. Obwohl er seit seiner Kindheit blind war, hat er an die zweihundert Kompositionen geschaffen – darunter Werke für Orchester und Chor, Ballettmusiken, zahlreiche Konzerte, eine Fülle an Liedern sowie etliche Solostücke für Klavier, Gitarre, Violine, Violoncello und andere Instrumente.

Rodrigos Gitarrenmusik gilt heute als einer der Eckpfeiler des Konzertrepertoires. Im Laufe der Jahre hat der Komponist das spanische Wesen der Gitarre erkundet, womit er der großen Geschichte der Zupfinstrumente Rechnung trug, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht. In seinen Gitarrensatz hat er viele Stränge der iberischen Kultur integriert, darunter solche aus Katalonien und Valencia sowie Elemente des Flamenco und des Volksliedes, aber auch andere, die nördlich der Pyrenäen zu Hause sind. So wurden Rodrigos schöpferische Leistungen seit den 1940er Jahren zu einem zentralen Aspekt in der Entwicklung des Instruments.

Rodrigo hat nur etwa 25 Werke für Sologitarre geschrieben. Doch die Bedeutung dieses Schaffens ist weit größer als die bloße Summe der Teile, weil sich darin über die Jahrzehnte hin ein außergewöhnliches Verständnis für die Natur der Gitarre entwickelte. Die Arbeiten reichen von der Zarabanda lejana („Ferne Serenade“) aus dem Jahre 1926 bis zu dem abschließenden Beitrag zum Repertoire, den 1987 entstandenen Dos pequeñas fantasías („Zwei kleine Fantasien“). Oftmals hat Rodrigo jahrelang nichts für Gitarre geschrieben. In diesen Zeiten komponierte er dann unzählige Seiten an Konzerten, Orchester- und Chorwerken, Liedern, Klavierstücken und sonstigen Instrumentalmusiken.

Joaquín Rodrigo war Konzertpianist und hatte während seiner Kindheit auch Geigenunterricht bekommen. Die Gitarre hat er nie gespielt (wenngleich es ein zufälliges Photo gibt, auf dem er mit einer solchen in der Hand zu sehen ist), und daraus könnten sich etliche der technischen Schwierigkeiten erklären, die man in vielen seiner Stücke, nicht zuletzt im Concierto de Aranjuez, findet. Zweifellos waren ihm in seinen Kompositionen die gewöhnlichen Beschränkungen der Gitarre gleichgültig. Wenn er einmal eine bestimmte Klangvorstellung hatte, musste diese auch umgesetzt werden – und wenn die Musiker noch so sehr protestierten. Das galt desgleichen für andere Instrumente. Als Rodrigo das Concierto como un divertimento für den britischen Cellisten Julian Lloyd Webber schrieb und dieser einige Passagen für zu schwer hielt, widersprach der Komponist nicht nur energisch, sondern er fügte, um das Maß voll zu machen, sogar noch ein paar Töne hinzu.

Rodrigos Gitarrenmusik ist äußerst vielfältig und kontrastreich. Er hat keine progressiven Studien oder „einfache“ Stücke für Schüler komponiert. Jedes Werk ist ein in sich vollendetes künstlerisches Produkt, mit dem das spanische Nationalinstrument durch erweiterte expressive Möglichkeiten geehrt werden soll. Die Musik reicht von impressionistischen, geographisch inspirierten Vignetten bis zu den anspruchsvolleren Formen der Sonate, den Destillaten traditioneller Tänze und zu solchen Meisterstücken, die ganz eigene Gattungen darstellen.

Es hat längere Zeit gedauert, bis Rodrigos Werke für Sologitarre ihre verdiente Anerkennung erfuhren. Einige Jahrzehnte wurden sie von dem mächtigen Massiv des Concierto de Aranjuez überschattet, doch seit den sechziger Jahren begannen sie sich durchzusetzen, und schließlich entdeckte man in Rodrigo auch einen der großen schöpferischen Gitarrenkomponisten des 20. Jahrhunderts. Was wäre wohl besser geeignet als eine Gesamtaufnahme seiner Gitarrenwerke, um das Vergnügen und das Verständnis für den vorzüglichen Beitrag zu der langen, noblen Geschichte des Instruments noch weiter zu steigern?

Die Tres piezas españolas („Drei spanische Stücke“) von 1954 sind Andrés Segovia gewidmet. Rodrigo schrieb sie im selben Jahr wie sein zweites Gitarrenkonzert, die Fantasía para un gentilhombre („Fantasie für einen Edelmann“). Fandango beginnt mit einem „falschen Ton“ und enthält schöne lyrische Momente, die von farbigen Akkorden begleitet sind; dazu kommen viele brillante Triolenpassagen, die die ganze Fingerfertigkeit des Spielers nutzen. Der Komponist kommentierte den Satz wie folgt:

Der Fandango war ein sehr populärer Tanz des 18. Jahrhunderts – ein Tanz sowohl des Adels wie auch der Massen ... Der Fandango ist ein langsamer Tanz, in dem bisweilen auch Balladen gesungen werden. Sein Ursprung ist nicht geklärt; viele Fachleute behaupten allerdings, er sei arabischer Herkunft. Außer im zentralen Trio-Teil enthält dieser Fandango keinerlei Volksthemen; er ist allerdings von der Sevillana beeinflusst, einem äußerst vertrackten Volkstanz. Die Melodik reflektiert die Galanterie und den Prunk, die damals für Spanien und besonders für Madrid typisch waren

Der zweite Satz, Passacaglia, ist introvertierter und zeigt, wie voll eine einzige Linie auf der Gitarre klingen kann – vor allem, wenn sie auf den Bass-Saiten gespielt wird.Während der nachfolgenden Abschnitte werden die Figuren über der wiederholten Bassfigur komplexer, bis ein rasgueado (Akkordspiel) die Stimmung des charakteristischen spanischen Gitarrenspiels entstehen lässt; dabei entsprechen die Akkorde allerdings nicht ganz den üblichen Erwartungen. Im Anschluss an die harfenartige Brillanz des nächsten Teils folgt eine fugato-Coda im Fandango-Rhythmus. Der Übergang von der nachdenklichen Einleitung zum lebhaften Finale ist ein kompositorisches Meisterstück, das seitens des Interpreten ein feines Gefühl für Tempi und Nuancen verlangt. Im Zapateado werden auf virtuose Weise die Rhythmen des wegen seiner kunstvollen Fußarbeit bekannten Flamenco vorgeführt. Die unablässige Bewegung, die erfindungsreichen Modulationen und die subtile Rhythmik erzeugen nicht nur die pittoreske Szenerie einer lebensfrohen Choreographie, sondern sie bilden auch den dramatischen Höhepunkt des Triptychons.

Die Sonata giocosa ist Rodrigos erste Gitarrensonate. Sie entstand 1958 und ist Renata Tarragó gewidmet, einem früheren Herausgeber des Concierto de Aranjuez. Das Werk ist von natürlichem Humor und entspricht eher der Vorstellung von einer „Sonatine“ als dem Bild, das man sich von einer gewichtigeren „Sonate“ machen könnte. Der erste Satz, Allegro moderato, enthält mancherlei Nachklänge aus anderen Werken – beispielsweise den „falschen Ton“ und die dissonante Akkordik, wie sie auch im Fandango der Tres piezas españolas vorkamen, dann die dreifachen Abwärtsläufe, die man aus dem Concierto de Aranjuez kennt, sowie die schnellen Skalen nach Flamenco-Art. Das Andante moderato gründet sich auf einen leicht punktierten Rhythmus, der von starken Akkorden durchsetzt ist; die Tonart e-moll bildet einen Kontrast zu dem A-dur der äußeren Teile. Ein Komponist wird kaum giocoso (italienisch für „verspielt“, „lustig“ oder „juxig“) sein können, wenn er ein zu gemächliches Tempo anschlägt, doch dieses Andante moderato ist von charmanter Eleganz und nutzt die thematischen Implikationen seiner Anfangstakte in aller Gründlichkeit aus. Der spanische Autor Sergio Fernández Bravo schrieb dazu, das Stück sei „wie eine Pavane, lento, feierlich, voller Träume und Hinweise auf eine Vergangenheit, die in die Geschichte eingetaucht ist.“ Das abschließende Allegro ist ein heftiger zapateado, ein Tanz im Sechsachtel-Takt mit rasgueado-Akkorden und einem starken Flamenco-Aroma, das die vornehmlich witzigfröhliche Stimmung noch verstärkt.

Por los campos de España („Auf dem spanischen Lande“) ist eine Gruppe von Impressionen, deren Entstehung sich über einen recht großen Zeitraum verteilt. En los trigales („Auf den Weizenfeldern“) entstand als erstes, und zwar, als Rodrigo im Sommer 1938 nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt für kurze Zeit in Nordspanien weilte. Man kann darin sowohl das inspirierte Portrait einer spanischen Landschaft als auch ein Lied über die freudige Heimkehr nach langer Abwesenheit hören.

Junto al Generalife („In der Nähe des Generalife“) aus der Zeit um 1955 ist dem großen deutschen Gitarristen Siegfried Behrend gewidmet. Der Generalife ist das von prächtigen Gärten umgebene Lustschloss der früheren Könige von Granada; er liegt an den Hängen des Cerro del Sol und schaut auf die Stadt herunter. Der Name entstand aus dem arabischen Gennat-Alarif, „die Gärten des Architekten“. Die Komposition besteht aus zwei Teilen. Die Einleitung ist ein zartes Lento e cantabile mit schnellen, quasi improvisatorischen und von vollen Akkorden durchsetzten Skalenpassagen. Darauf folgt ein Allegro, das an eine Malagueña erinnert. Der Mittelteil bringt melodische Tremoli, die an die Themen der granadinas erinnern – eine Form des Flamenco, die von den Zigeunern Granadas herkommt. Die letzten Takte bringen die Reprise und eine Coda mit einer feurigen Passage aus absteigenden Triolen.

Bajando de la meseta („Der Abstieg von der Hochebene“) wurde 1954 vollendet und ist Nicolás Alfonso gewidmet, der damals eine Gitarrenprofessur am Brüsseler Konservatorium innehatte. Rodrigo erläuterte: 

Die Hochebene (meseta), von der hier die Rede ist, meint die Region von Castilla la Nueva. Kommen wir von dieser Ebene herab, so erreichen wir Andalusien, und bei dieser imaginären musikalischen Reise sehen wir uns plötzlich lautem Gesang gegenüber, der in die weite Ebene hinausschallt und dann in einen raschen, bebenden Tanz übergeht. Das ist das echte, das verzaubernde Andalusien mit seinen pulsierenden Rhythmen, mit dem der Reisende nach langer Wanderschaft belohnt wird.

En tierras de Jerez („In den Ländern des Jerez“) entstand für die berühmte österreichische Gitarristin Luise Walker und wurde von Ricordi erstmals 1973 in der Antologia per Chitarra veröffentlicht. Diese Anthologie enthielt daneben unter anderem auch Poulencs einziges Gitarrenstück, die Sarabande, sowie Petrassis Suoni notturni. Aus der Region von Jerez de la Frontera, rund sechzig Kilometer von Sevilla in Richtung Cádiz, kommt der spanische Sherry, der zuerst unter Heinrich VII. nach England exportiert wurde. Die Stadt war ursprünglich eine römische Siedlung namens Asido Caesaris; das Wort „Sherry“ könnte also noch entfernt an den Namen Cäsar erinnern. Später ließen sich in Jerez die Mauren nieder, bis Alfonso X. es im Jahre 1264 zurückeroberte. Die Komposition bietet eine Fülle verschiedener Stimmungen sowie einiges an exquisiter Melodik. Der leise Anfang im Sechsachteltakt arbeitet erneut mit einstimmiger Linienführung und gipfelt in klaren rhythmischen Akkorden. Nach den Akkorden wird das Thema eine Oktave höher wiederholt, um in einer raschen Skala auszulaufen. Es folgt ein faszinierender Abschnitt mit Akkorden auf allen sechs Saiten, der von Ferne das Bild des andalusischen Gitarrenspiels betrachtet. Nachdem im Bass eine von Diskantakkorden begleitete Melodie zu hören war, beginnt eine Episode aus komplizierten, in weitere Akkorde aufgebrochenen Arpeggien. Auch dieser Teil endet mit einer virtuosen Skala über das gesamte Griffbrett. Der Höhepunkt besteht aus rasgueado- Akkorden, einer Wiederholung des Bassmelodie- Abschnitts und einem weiteren Vortrag des Originalthemas.

Entre olivares („In Olivenhainen“) ist Manuel López Ramos gewidmet. Das Stück erschien zum ersten Mal 1958 – zusammen mit den von Narciso Yepes herausgegebenen En los trigales – bei den Ediciones Musicales Madrid. Es beginnt mit dissonanten Triolenakkorden (beispielsweise erklingt in einem G-dur-Akkord die übermäßige Quarte cis). Die Energie des raschen Allegro-Satzes lässt vermuten, dass es sich bei Entre olivares weniger um ein heiteres Schlendern zwischen den gewundenen Bäumchen der spanischen Hügel als vielmehr um einen lärmenden Bauerntanz handelt. Im Mittelteil präsentiert Rodrigo einen seiner charakteristischen Kunstgriffe – eine im Bass gespielte Melodielinie zu Allegro gracioso- Achtelpassagen, die auf den Diskantsaiten wechselnde Orgelpunkte und rasche Bewegungen bringen. Das Anfangsthema wird in einer aberwitzigen Coda wiederholt, deren Schlusstakte mit accelerando und siempre accelerando markiert sind.

1960 komponierte Rodrigo die Tonadilla für zwei Gitarren, die wieder einmal zeigt, wie meisterhaft er die Idiomatik der Gitarre beherrschte. Das Stück ist dem bekannten Duo Presti-Lagoya gewidmet und zeigt die ganze schöpferische Spannkraft des Komponisten, der in dem breiten, sonatenartig strukturierten Duo von beiden Spielern ein hohes Maß an Virtuosität verlangt. In einem kurzen Kommentar schrieb Rodrigo, dass die tonadilla mit dem italienischen Intermezzo verwandt sei – einem Zwischenspiel mit Musik, das zwischen den Akten eines Schauspiels aufgeführt wurde. Es konnte burlesken oder tragischen Charakters sein und in seiner flexiblen Form viele unterschiedliche Stimmungen ausdrücken. Rodrigos Tonadilla besteht aus kurzen Themen, die sich in der Art einer Sonate entwickeln, während die drei Sätze in der Fantasie des Hörers individuelle Szenen beschwören. Die von Domenico Scarlatti inspirierte Sprache des Stückes ist transparent und logisch, enthält im ersten Satz allerdings auch bitonale Passagen, die sowohl das 20. Jahrhundert wie auch den traditionellen Einfluss von Scarlattis Harmonik repräsentieren.

Fandango del ventorrillo („Fandango der kleinen Taverne“) entstand 1938 als Klavierstück für die Suite der Cuatro piezas para piano („Vier Klavierstücke“) und ist Emile Trépard, einem Freund aus Paris, gewidmet. Der Gitarrist und Wissenschaftler Emilio Pujol arrangierte es für zwei Gitarren, und in dieser Form wurde es 1965 von Max Eschig in Paris erstmals veröffentlicht. Ein nachfolgendes Arrangement von Pepe Romero erschien 1993 bei den Ediciones Joaquín Rodrigo in Madrid.

Die Pianisten Gregory Allen und Linton Powell bezeichneten das Stück als eine „weitere meisterhafte Übung Rodrigos im zweistimmigen Kontrapunkt ... voll unerwarteter Einfälle mit seinen synkopischen Akzenten, überlappenden Phrasen, heftigen Unterbrechungen, flüchtig-flinken harmonischen Wendungen – und einem teuflischen kleinen Trommelwirbel.“ Das Stück ist ohne Frage sehr stark dem Spätbarock verpflichtet. In seiner Fingerfertigkeit und lockeren Stimmung setzt es sich mit dem Figurenwerk des Cembalos und dem Toccatenstil auseinander. Daneben zeigen die Tonwiederholungen des ersten Themas mancherlei Ähnlichkeiten mit der melodischen Vitalität von En los trigales aus demselben Jahr. Es scheint nur natürlich, den Fandango del ventorrillo vom Klavier auf gezupfte Saiten zu übertragen: Das Stück gewinnt, wenn es sich auf diese Weise den Timbres und dem Geist der alten Tasteninstrumente aus dem 18. Jahrhundert nähert.

Graham Wade
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Graham Wade ist der Autor von Joaquín Rodrigo, A Life in Music: Travelling to Aranjuez 1901-1939, Joaquín Rodrigo: Concierto de Aranjuez, und Distant Sarabandes: The Solo Guitar Music of Joaquín Rodrigo.


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