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8.570290 - BRAHMS: Rhapsodies, Op. 79 / Waltzes, Op. 39
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Johannes Brahms (1833–1897)
Walzer • Zwei Rhapsodien • Drei Intermezzi

 

Johannes Brahms wurde 1833 in Hamburg als Sohn eines Kontrabassisten und einer sehr viel älteren Näherin geboren. Die Kindheit verbrachte er in ziemlicher Armut. Seine frühen musikalischen Studien – eher als Pianist denn als Streicher – entwickelten sein Talent derart, dass man an Konzertreisen als Wunderkind von elf Jahren dachte. Eduard Marxsen vermittelte ihm technische Grundkenntnisse in Komposition, während der Knabe Stunden gab und in Gartenlokalen Klavier spielte – weniger wohl in Hafenkneipen, wie die Legende behauptet. Dieses romantische Klischee hat Brahms später offenbar selbst genährt.

1851 traf er den emigrierten ungarischen Violinisten Ede Reményi (1828–1898), der ihm die ungarische Tanzmusik nahe brachte, die sein Werk später be-einflusste. Zwei Jahre danach begab er sich in Reményis Begleitung auf die erste Konzertreise, welche die beiden auf Empfehlung Joseph Joachims (1831–1907) nach Weimar führte. Dort hielt Franz Liszt Hof; man hoffte wohl, dass dieser einem Landsmann seine besondere Gunst erweist. Reményi profitierte tatsäch-lich von dem Besuch, Brahms jedoch konnte den Meister mit seinem Mangel an Taktgefühl – der sich später noch weiter ausprägte – nicht beeindrucken. Später im Jahr begegnete er mit Joachims Hilfe den Schumanns – ein folgenreiches Zusammentreffen.

Im Jahr 1850 hatte Robert Schumann das Angebot des Amtsvorgängers Ferdinand Hiller angenommen, die Position des städtischen Musikdirektors in Düsseldorf zu übernehmen – die erste und zugleich letzte offizielle Anstellung seiner Karriere. Die Musik von Brahms versprach für ihn Großes, und er veröffentlichte seine Ansichten in der von ihm einst herausgegebenen „Neuen Zeitschrift für Musik“: Brahms sei der lang erwartete Nachfolger Beethovens. Im Jahr darauf unternahm Schumann, der immer wieder an schweren Depres-sionen litt, einen Selbstmordversuch. Die Jahre bis zu seinem Tod 1856 verbrachte er dann in einer Anstalt. Brahms unterstützte in dieser Zeit Schumanns Ehefrau, die begnadete Pianistin Clara Schumann, und ihre junge Familie. Er blieb ihr bis zu ihrem Tod 1896 eng verbunden; im Jahr darauf starb er selbst.

Brahms hat immer gehofft, früher oder später im Triumph nach Hamburg zurückkehren zu können, um eine angesehene Stellung im Musikleben der Stadt zu übernehmen. Dieser Wunsch ging nie in Erfüllung. Stattdessen ging er nach Wien – mit Unterbrechungen seit 1863, endgültig 1869 –, etablierte sich dort und schien für viele Schumanns frühe Prophezeiung zu erfüllen. Seine Anhänger – allen voran der angesehene Kritiker und Schriftsteller Eduard Hanslick (1825–1904) – sahen in ihm einen legitimen Nachfolger Beethovens und einen Meister der absoluten Musik, frei von außermusikalischen Assoziationen. Dies stand im Gegensatz zu der von Wagner und Liszt propagierten musikalischen Richtung, der Joachim und Brahms später öffentlich entgegentraten.

In den Sommerferien außerhalb Wiens konnte sich Brahms in relativer Ruhe dem Komponieren widmen. Die Zwei Rhapsodien op. 79 gehören zu jenen Werken, die er 1879 in Pörtschach schrieb. Sie wurden 1880 veröffentlicht und sind Elisabeth von Herzogenberg gewidmet, Ehefrau eines Aristokraten französischer Herkunft und Amateur-Komponistin. Beider Haus in Leipzig war Versammlungsort eines Kreises von Brahms-Verehrern. Textur und Leidenschaft der Ersten Rhapsodie atmen den Geist der Romantik, die Form jedoch ist von klassischer Klarheit. Es handelt sich um ein Rondo, dessen Eingangsthema wiederkehrt, um eher lyrische Episoden einzurahmen, die schließlich die Oberhand gewinnen. Die Zweite Rhapsodie hat klas-sische Sonatenform; ihr leidenschaftliches erstes Thema kontrastiert ein zweites mit der Bezeichnung Misterioso.

Die sechszehn Walzer op. 39 entstanden 1864 in Wien und wurden zwei Jahre später mit einer Widmung an Eduard Hanslick publiziert. Hanslick begrüßte dieses Geschenk eines ernsten norddeutschen Komponisten, dem man eine solche wienerische Leichtigkeit kaum zugetraut hätte. Die Walzer könnten so etwas wie eine Hommage an die Stadt sein, die ihm zur Heimat wurde. Sie sind offenbar zunächst für Klavierduett geschrieben worden, was Hanslick nicht weniger gefreut haben durfte, da er mit jungen Damen seiner Bekanntschaft gern in dieser Besetzung musizierte. Ob als Duette oder Solostücke – sie waren ein sehr marktgängiges Produkt.

Im Jahr 1879 schrieb Richard Wagner mit kaum verhohlenem Bezug auf Brahms von Komponisten, die man einen Tag in der Verkleidung eines Balladen-Sängers, den nächsten in Händels Halleluja-Perücke, zu anderen Zeiten als jüdischen Czardas-Spieler und schließlich als Symphoniker, der behauptet, die Nummer 10 zu sein, antrifft. Letzteres ist ein Hinweis auf das verbreitete Lob von Brahms' Erster Symphonie als Zehnte von Beethoven. Als sich die beiden Komponisten 1864 in Wien erstmals trafen, spielte Brahms Wagner seine Variationen und Fuge über ein Thema von Händel vor, die 1861 entstanden und im selben Jahr vom Komponisten in Hamburg erstmals aufgeführt worden waren. Damals war Wagner noch recht freundlich, indem er bemerkte, an diesem Stück könne man sehen, was aus den alten Formen noch zu machen ist, wenn man damit umzugehen weiß. Die Händel-Variationen waren Clara Schumann zugedacht; sie erhielt sie 1861 als Geburtstagsgeschenk mit der Widmung „an eine geliebte Freundin“. Das Thema, ein Air, ist einer Cembalosuite entnommen, in der sich fünf Variationen anschließen. Hier kreiert Brahms aus diesem Thema eine bemerkenswerte Folge von 25 Variationen und eine Schlussfuge, welche die meisterhafte Beherrschung der Form demonstrieren. Die Versionen des Themas unterscheiden sich in Stimmung und Textur, doch alle sind überaus typisch für den Komponisten, der hier in keinem Sinne Händels Perücke trägt.

Die Drei Intermezzi op. 117 gehören zu einer letzten Gruppe von Klavierstücken und sind vornehmlich im Jahr 1892 entstanden. Die Musik ist vielfach von herbstlicher Melancholie erfüllt. Dem ersten Intermezzo ist ein Zitat aus Johann Gottfried Herders Übersetzung eines schottischen Volksliedes beigegeben:

Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
Mich dauert's sehr, dich weinen sehn.

Die bewegende Melodie, die Basis des ganzen Stücks, ist in einem Innenteil verborgen. Das zweite Intermezzo macht expressiven Gebrauch von arpeggierten Texturen und das dritte präsentiert das Thema in reinen, wiederkehrenden Akkorden.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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