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8.570295 - KARLOWICZ, M.: Symphonic Poems, Vol. 2 (Wit) - Powracajace fale / Smutna opowiesc / Odwieczne piesni
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Mieczysław Karłowicz (1876–1909)
Zurückkehrende Wellen • Traurige Erzählung • Ewige Lieder

 

Als Mieczysław Karłowicz am 8. Februar 1909 beim Skilaufen in der Tatra von einer Lawine getötet wurde, hinterließ er nur eine Handvoll musikalischer Werke, doch diese machten ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der polnischen Komponistengeneration, an deren Spitze Karol Szymanowski treten sollte. Geboren am 11. Dezember 1876 als Kind einer wohlhabenden, akademisch gebildeten und adligen Großgrundbesitzerfamilie im heute litauischen Wiszniewo, ließ sich Karłowicz zunächst zum Geiger ausbilden, bevor er sich in Berlin, wo er von 1895 bis 1901 bei Henryk Urban studierte, mehr und mehr der Komposition zuwandte. Lieder und Klavierstücke waren seine ersten Veröffentlichungen, doch dann verriet er in seiner Serenade für Streicher aus dem Jahre 1897 auch eine beachtliche Beherrschung größerer musikalischer Formen – eine Fähigkeit, die sich zunächst in der Musik zu Jozafat Nowinskis Schauspiel Die weiße Taube (1900) konsolidierte und dann zu der relativ kompakten, „klassisch“ viersätzigen, dabei aber von einem für die Zeit typischen Programm überlagterten Symphonie emoll op. 7 mit dem Untertitel Wiedergeburt (1902) und schließlich ein Jahr später zu dem dreisätzigen Violinkonzert führte, das sein letztes Stück „absoluter“ Musik wurde.

Das Wenige, was Karłowicz an Schaffenszeit noch blieb, steht im Zeichen mehrerer symphonischer Dichtungen (die allerdings nicht als Zyklus gedacht waren). Diese Werke zeigen eine starke Neigung ihres Verfassers zu den pantheistischen und existentialistischen Ideen eines Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, woraus dann als natürliche Folge wiederum ein Gefühl der Einsamkeit und ein emotionales Hin und Her zwischen glühender Zuversicht und krasser Verzweiflung resultieren. Die drei auf dieser CD eingespielten Stücke bilden in der lockeren Werkfolge die Nummern 1, 5 und 2 (die drei anderen symphonischen Dichtungen erscheinen auf Naxos 8.570452).

Im Jahre 1904 entstanden die Powracające fale („Zurückkehrende Wellen“), die für Karłowicz gewissermaßen das Modell der nachfolgenden Werke wurden. Der einerseits bildhafte, andererseits aber ausgesprochen vage Titel lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren. Der Komponist selbst deutete anfangs an, es könne sich dabei um Jugenderinnerungen handeln, die zu Zeiten der Traurigkeit zurückkehren; wenige Monate vor seinem Tode sprach er unter Hinweis auf Turgenjew ganz explizit von einem durch unerwiderte Liebe veranlassten Selbstmord (man kann freilich nur darüber spekulieren, ob es sich bei seinem Skiunfall um ein absichtlich herbeigeführtes Unglück gehandelt hat). Die Zurückkehrenden Wellen entwickeln sich in fünf Abschnitten und beziehen ihren formalen Zusammenhalt aus einem Dreitonmotiv, das auch in den kunstvollsten Texturen und dem opulentesten Ausdruck diskret für thematische Einheit sorgt.

Unheilvolle Blechbläser-Akkorde und resignierende Streicherklänge schlagen den vorherrschenden Ton an, während Bassklarinette und Hörner über den tiefen Streichern die Stimmung mit einem Motiv intensivieren, das anschließend im Fagott erscheint, bevor die einleitenden Blechbläserakkorde wiederkehren. Der zweite Abschnitt beginnt mit deutlich veränderten Texturen: Trompeten und Schlagzeug bereiten ein heroisches Thema der Hörner vor, das im dritten Formteil durch eine expressive Klarinettenmelodie ergänzt wird. Diese wird schließlich in den Streichern weiterentwickelt und erreicht eine beseelte Klimax, worauf sie einem noblen Bläser-Choral weicht (bei dem es sich um eine Variante der Anfangsakkorde handelt). Zu Beginn des vierten Abschnitts erhöht sich die Spannung, während die Musik eine lebhafte Vergrößerung des heroischen Themas ansteuert. Dann verkünden die Trompeten die Wiederkehr des expressiven Themas. Das Tempo zieht an und führt zum eigentlichen, vom Wirbel der Bläser und Streicher erfüllten Höhepunkt des Werkes, der allerdings nur vonkurzer Dauer ist: Schon bald wird im fünften Abschnitt das Material vom Anfang des Werkes in freier Gestaltung, jedoch in weitgehend originaler Instrumentierung, wieder aufgegriffen. Eine edle Threnodie der Streicher sowie fragmentarische Holzbläserdialoge bringen das Werk zu seinem düsterfatalistischen Ende.

Smutna opowieść („Traurige Erzählung“) ist die bei weitem kürzeste symphonische Dichtung, die Karłowicz geschrieben hat. Auch dieses zwischen April und Juli 1908 entstandene Werk ist geprägt von schicksalhafter Erinnerung und Selbstmordgedanken (vielleicht zurückzuführen auf den Suizid des Theaterdichters Jozafat Nowinski, mit dem der Komponist befreundet war). Der Untertitel des Werkes („Vorspiele zur Ewigkeit“) ist freilich ein Hinweis auf den Trost des Nirwana und jenen Rückzug aus der „wirklichen Welt“, der musikalisch mindestens bis zu Wagners Tristan und Isolde zurückgeht.

Das Stück besteht aus zwei Hauptabschnitten und beginnt mit dem düsteren Klang der tiefen Streicher, zu denen sich bald Klarinette und Flöten und schließlich die hohen Streicher gesellen, während der erste Höhepunkt erreicht wird. Die Stimmung lichtet sich deutlich auf, wenn Holz- und Blechbläser lebhaftere Figuren austauschen – doch alsbald tritt wieder die Musik des Anfangs in den Vordergrund. Der zweite Abschnitt lässt diese Gedanken in einer ausdrucksvollen Streicherpassage erblühen, bevor sukzessive das gesamte Orchester einfällt und den eigentlichen Höhepunkt des Werkes erreicht (an dieser Stelle wollte der Komponist ursprünglich einen Pistolenschuss krachen lassen; nach der Uraufführung entschied er sich jedoch gegen diesen Effekt und ersetzte ihn durch einen Tamtam-Schlag). Von den glühenden Gipfeln stürzt die Musik in die Tiefen hinab, aus denen sie zuvor aufgestiegen war. Am Ende steht eine Folge dicht orchestrierter, finsterer und schicksalhafter Akkorde.

Die Anfang 1906 vollendeten Odwieczne pieśni („Ewige Lieder“) sind Karłowiczs einzige symphonische Dichtung, die sich in klar voneinander getrennte Sätze gliedert. Zudem gibt es nicht einmal die Andeutung eines Programms, über das sich im Zusammenhang mit der Musik spekulieren ließe. Gleichwohl deuten verschiedene Anmerkungen, die sich im Autograph neben den Überschriften der einzelnen Sätze finden, auf einen Prozess der Schopenhauerschen Selbstauflösung hin. In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache zu sehen, dass sich Karłowicz immer mehr von der Tatra als Quell der Inspiration angezogen fühlte.

Die drei Sätze des Werkes folgen einem ebenso ungewöhnlichen wie wirkungsvollen Tonartenplan (f-moll – Des-dur – F-dur). Dabei macht die Musik keinen Hehl daraus, dass sie den Tondichtungen von Richard Strauss im allgemeinen und seinem Zarathustra im besonderen verpflichtet ist. Der erste Abschnitt, Das Lied der ewigen Sehnsucht, rückt allmählich einen beseelten Satz der Holzbläser (insbesondere des Englischhorns) und der Streicher ins Zentrum des Geschehens. Die Intensität steigert sich zunehmend bis zu einer mächtigen Klimax, bei der dann die Blechbläser deutlich im Vordergrund stehen. Der Höhepunkt ist bald vorüber und lässt die Holzbläser solistisch über den tiefen Streichern sinnieren, bevor die Anfangsstimmung wiederkehrt und die Musik auf einem ambivalenten Halbschluss zur Ruhe kommt.

Der zweite Teil, Das Lied von Liebe und Tod, beginnt mit einer verträumten, merklich zuversichtlicheren Melodie, die zunächst in den Bratschen erklingt und dann auf den gesamten Apparat der Streicher übergeht, wobei der Ausdruck immer glühender wird und eine opulente Klimax ansteuert, in der sich die Musik von ihrer überschwenglichsten, durch Blech und Schlagzeug noch zusätzlich erhitzten Seite zeigt. Der Höhepunkt erstirbt, um Flöten und Hörner über verhaltenen Streichern atmosphärisch sinnieren zu lassen; die zuversichtlichen Klänge werden dann in der leidenschaftlichen, verschwenderisch instrumentierten Apotheose aufgegriffen. Diese verhallt, doch die Verzückung bleibt auch in dem ätherischen Schluss erhalten, den die hohen Streicher in ihren höchsten Registern spielen.

Der kurze dritte Abschnitt, Das Lied vom ewigen Sein, beginnt mit Blechbläserfanfaren. Dann wird es stiller, wenn Holzbläser und Streicher ihre wehmütigen Klänge spielen – und doch spürt man im Hintergrund den Impuls des Anfangs, der später wieder hervorbricht, um die abschließende Klimax zu gestalten. Erwartungsgemäß handelt es sich bei dieser nobel gearbeiteten peroratio um einen triumphalen, von schallenden Blechbläsern erfüllten Abschluss des gesamten Werkes.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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