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8.570296 - WEBER, C.M. von: Overtures (New Zealand Symphony, Wit)
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Carl Maria von Weber (1786–1826)
Ouvertüren

 

Einen großen Teil seiner Kindheit verbrachte Carl Maria von Weber bei der Wanderbühne seines Vaters Franz Anton, dem Onkel von Mozarts späterer Frau Constanze, der wie deren Vater Fridolin zuvor in dem berühmten Orchester von Mannheim tätig gewesen war. Franz Anton Weber stand noch in Diensten des Lübecker Bischofs, als ihm seine zweite Ehefrau Genovefa, geb. Brenner, im November 1786 im holsteinischen Eutin das erste von insgesamt drei gemeinsamen Kindern gebar: Carl Maria Fridrich Ernst. Vater Weber hatte die junge Schauspielerin und Sängerin bei einer seiner ausgedehnten Reisen in Österreich kennengelernt und geheiratet, und sie war sicher auch eine treibende Kraft hinter der Gründung der gemeinsamen Theatertruppe im Jahre 1788. Franz Anton förderte die musikalische Begabung seines Sohnes, der ihm ein zweiter Mozart zu werden schien. Während der Reisen erhielt der Knabe mannigfachen, obzwar ungleichwertigen Unterricht: In Salzburg lernte er bei Michael Haydn, wohingegen andere Lehrer weniger befähigte Musiker waren. Sein Studium bei Abbé Vogler verhalf ihm 1804 zur Kapellmeisterstelle von Breslau. Allein, er musste sein Amt schon bald wieder niederlegen, da ihm die lange in der Stadt etablierten Musiker feindselig gegenübertraten und er sich überdies eine Vergiftung zuzog, als er aus einer Weinflasche trank, in der sein Vater Säure für seine Kupferstiche aufbewahrt hatte.

Nach einer kurzen Idylle bei Herzog Eugen von Württemberg-Öls im oberschlesischen Carlsruhe ging es für drei Jahre nach Stuttgart, wo Carl Maria von Weber für Ludwig von Württemberg, einen jüngeren Bruder des regierenden Herzogs, als Sekretär arbeitete. Die finanziellen Machenschaften des alten Weber, der dort zu ihm gestoßen war, führten zu Kerker und Ausweisung. Daraufhin setzte der Künstler seine Laufbahn als ausübender Musiker fort: Zunächst trat er in den großen deutschen Städten vor allem als Pianist auf. Nach einem kurzen, erfreulichen und nutzbringenden Aufenthalt in Berlin kam 1813 die Berufung an die Prager Oper, von wo aus Carl Maria von Weber 1817 nach Dresden ging, wo man von ihm die Begründung einer Deutschen Oper erhoffte (was ihn nicht daran hinderte, seinen Freischütz 1821 in Berlin herauszubringen). Während die rivalisierende italienische Oper in Dresden Weber Probleme bereitete, kam die Einladung, eine Oper für Wien zu schreiben: Euryanthe auf ein Libretto des dichtenden Blaustrumpfs Helmina von Chézy, an die man sich heute vor allem deshalb erinnert, weil Franz Schubert die Musik zu ihrem Schauspiel Rosamunde geschrieben hat. Webers Oper auf ihren Text löste in der Donaumetropole allerdings gemischte Reaktionen aus.

Trotz der Tuberkulose-Erkrankung, die sich kontinuierlich verschlimmerte, akzeptierte Weber den Auftrag, für Covent Garden eine englische Oper zu schreiben, und so wurde im April 1826 unter seiner eigenen Leitung der Oberon in London uraufgeführt. Der Komponist war einer der ersten, die einen Taktstock benutzten, und versetzte damit die englischen Musiker in Angst und Schrecken, da diese darin eine Waffe vermuteten. Das Wetter auf der Insel war dem gesundheitlichen Zustand Webers in keiner Weise zuträglich: Er starb am 5. Juni 1826 in London – am Abend, bevor er wieder nach Deutschland hatte reisen wollen.

Webers Leistung war ebenso bedeutend wie einflussreich. Für die deutsche Oper öffnete er eine neue, reiche Ader, die von jüngeren Komponisten ausgelotet wurde. Im Umgang mit dem Orchester entdeckte er neue Möglichkeiten, namentlich beim Einsatz der Blasinstrumente, und in seiner Eigenschaft als Dirigent und Regisseur institutionalisierte er etliche Reformen, die er seit seinen frühen Jahren in Breslau ins Auge gefasst hatte. Stilistisch ist seine Musik von klassischer Klarheit, wobei ihm besonders das Lyrische leicht von der Hand ging, das in seinen Opern wie in seinen Instrumental- und Vokalkompositionen gleichermaßen zutage tritt.

Von Webers unaufgeführt gebliebenem Opernerstling Die Macht der Liebe und des Weins aus dem Jahre 1799 ist nichts erhalten. Das ein Jahr später in Freiberg inszenierte Stück Das Waldmädchen des Vierzehnjährigen ist zumindest fragmentarisch überliefert. Dann kommt Peter Schmoll und seine Nachbarn 2 (erschienen auf Marco Polo 8.223592-93), das man in Augsburg (vermutlich im März 1803) aus der Taufe hob. Der Librettist Joseph Türk orientierte sich bei seinem Text, dessen gesprochener Dialog heute weitgehend verschollen ist, an einem Roman von Carl Gottlob Cramer. Der reiche, alte Peter Schmoll lebt mit seiner neunzehn-jährigen Tochter Minette zusammen. Diese liebt den jungen Carl, der als Peter Schmolls Neffe identifiziert wird, mithin als Sohn von Schmolls Bruder, dessen Spuren sich in der Französischen Revolution verloren hatten. Am Ende lösen sich die verschiedenen Irrungen auf, so dass Minette und Carl miteinander glücklich werden können. Melodien aus der Oper werden auch in der Ouvertüre verwandt, die Weber 1807 unter dem Titel Grande Ouverture à plusieurs instruments effektvoll revidiert und Jérôme Bonaparte gewidmet hat.

Die Schauspielmusik zu Schillers Fassung der Turandot [5] nach Gozzi schrieb Carl Maria von Weber 1809 in Stuttgart. Die Geschichte der kaltherzigen chinesischen Prinzessin ist durch Puccinis letzte Oper bestens bekannt. Seine Ouvertüre hat Weber vermutlich nach einer älteren, heute verschollenen Overtura Chinesa komponiert: Er verwendet darin eine chinesische Melodie aus dem Dictionnaire de Musique von Rousseau, die allerdings fehlerhaft aus Jean Baptiste du Haldes bedeutsamer und einflussreicher China-Enzyklopädie (1735) übernommen wurde. Durch einen tonleiterfremden „Eindringling“ nimmt die an sich pentatonische Melodie eine wunderliche Wendung. (Dasselbe Thema erscheint im Marsch des zweiten Aktes sowie in den berühmten Metamorphosen Carl Maria von Weberscher Themen von Paul Hindemith.)

Der romantische, 1805 für Breslau entstandene Zweiakter Rübezahl ist bis auf drei Nummern verloren. Überdies ist es denkbar, dass Weber nie das komplette Textbuch vertont hat. Die Ouvertüre bearbeitete er 1811 jedoch zu einem dramatischen Konzertstück namens Der Beherrscher der Geister [4], mit der Weber begreiflicherweise sehr zufrieden war – denn er zeigt hier eine beträchtliche Kunstfertigkeit.

Als nächstes Bühnenwerk schrieb Weber die romantische Oper Silvana [7] (erschienen auf Marco Polo 8.223844-45), die 1810 in Frankfurt am Main produziert wurde. Ungewöhnlich an dem Werk ist, dass die Titelheldin zunächst eine stumme Rolle zu spielen hat: Graf Rudolph findet Silvana bei der Jagd im Walde und nimmt sie mit aufs Schloss des Grafen Adelhart, mit dessen Tochter Mechthilde er verlobt ist, deren Herz aber einem andern gehört. Wieder klärt sich alles auf, als ein ehemaliger Diener verrät, dass die stumme Silvana die Tochter des Grafen Adelhart ist. Bei dieser Offenbarung kehrt dem Mädchen die Sprache zurück. Das Waldmädchen stand Pate bei dem Singspiel, dessen Ouvertüre einige Melodien des Bühnenstückes vorwegnimmt.

Der 1811 in München uraufgeführte Abu Hassan [9] geht letztlich auf eine Episode aus 1001 Nacht zurück. Der Titelheld, Mundschenk und Günstling des Kalifen, sowie seine Gemahlin Fatime haben im Laufe der Zeit bei dem Geldverleiher Omar große Schulden gemacht. Der ist zwar schon lange in Fatime verliebt, will nun aber sein Geld wiederhaben. Man kommt also auf den Gedanken, dem Kalifen Harun und seiner Gemahlin Zobeide jeweils den Tod des Ehepartners zu melden, um so das übliche Trauergeld zu erhalten. Zwischen Harun und Zobeide kommt es zum Streit über die Frage, wer denn wohl zuerst gestorben sei: Hassan oder Fatime. Da sich eine Antwort nicht ohne weiteres finden lässt, wird ein Lokaltermin anberaumt: Das Kalifenpaar begibt sich in Hassans Haus, wo dieser und seine Frau wie tot liegen. Harun erklärt mit vernehmlicher Stimme, demjenigen 1000 Dukaten zahlen zu wollen, der ihn über die Reihenfolge der beiden Todesfälle aufklären könne. Sofort springt Hassan auf: Ihm stehe das Geld zu, da er zuerst gestorben sei. Darauf wird auch Fatime wieder lebendig. Das Kalifenpaar hat Sinn für den Spaß und zahlt. Der lüsterne Omar muss in die Verbannung gehen. Wie in Mozarts Entführung aus dem Serail verwendet auch Weber die damals als „türkische Musik“ bezeichneten Schlaginstrumente. Mit der Ouvertüre werden die Zuschauer vergnüglich auf den Beginn der Komödie eingestimmt.

Die Jubel-Ouvertüre [8] schrieb Carl Maria von Weber in seiner Eigenschaft als Dresdner Kapellmeister. Sie wurde am 20. September 1818 bei einem Konzert zum 50 jährigen Jubiläum des Amtsantritts Friedrich August III. als Kurfürst von Sachsen uraufgeführt. Darin erklingt unter anderem die (als britische Nationalhymne weltweit bekannte) Melodie Heil dir im Siegerkranz, die Weber bereits in der Kantate Kampf und Sieg zur Schlacht von Waterloo benutzt hatte.

Die Schauspielmusik zu Pius Alexander Wolffs Preziosa [6] entstand 1820, wurde später erweitert und 1821 in Berlin erstmals gespielt. Das Bühnenstück geht auf La Gitanilla aus den Novelas exemplares des Cervantes zurück: Darin geht es um ein »Zigeunermädchen«, dessen adliger Geliebter ihretwegen seine Familie verlässt. Schließlich entdeckt er, dass sie als Kind entführt wurde und ebenfalls aristokratischer Herkunft ist. Das Sujet gab Weber die Möglichkeit zu einiger spanischer Exotik, und seine Musik war ein Publikumserfolg.

Der Freischütz [10] hat seit seiner Berliner Premiere von 1821 seinen festen Platz im Opernrepertoire erobert, weil darin alles enthalten ist, was zur deutschen Romantik gehört: der Wald, der Jäger, der Teufel und das Teufelswerk. Der junge Jägerbursche Max muss, wenn er die Hand der Försterstochter Agathe gewinnen will, bei einem Preisschießen gewinnen. Sein Kamerad Kaspar rät ihm, sich an den Schwarzen Jäger Samiel zu wenden und Hilfe bei den Mächten des Bösen zu suchen. Das geschieht um Mitternacht in der Wolfsschlucht, wo Max Samiel um Beistand bittet: Kaspar hingegen will seinem eigenen Teufelspakt entkommen, indem er den Kameraden als Ersatz opfert. In einer gespenstischen Szene werden die magischen »Freikugeln« gegossen, von denen sechs das treffen, was der Schütze treffen will, während die siebte nach Samiels Willen fliegt. Bei dem Preisschießen hat Max nun seine drei Kugeln vorzüglich genutzt, derweil Kaspar seinen Anteil an der Munition verschwendet hat: So ist Max gezwungen, den letzten Schuss mit Samiels eigener Kugel zu tun. Fürst Ottokar, der Schirmherr des Wettkampfs, bestimmt eine weiße Taube, die auf einem Ast sitzt, als Ziel. In einer verwirrenden Szene („Schieß nicht,“ schreit Agathe, „ich bin die Taube“) glaubt man, Max habe mit der verfluchten Kugel tatsächlich seine Braut getroffen, doch durch das Eingreifen des frommen Eremiten und die finstern Absichten Samiels findet diese ein anderes Opfer – den hinterlistigen Kaspar, der ebenfalls in einem Baum gesessen hatte. Max gesteht seine Tat und muss sich für ein Jahr bewähren: Wenn er sich nichts zu Schulden kommen lässt, darf er Agathe dann heiraten. Die Ouvertüre bringt verschiedenes Themenmaterial aus der Oper. Am Anfang wird der Wald beschworen, die Heimat der Jäger und Förster, während der Hauptteil der Ouvertüre als Sonatenform komponiert ist, in der Max’ und Agathes Themen abgehandelt werden.

Die drei Pintos (erschienen auf Naxos 8.6600142–3) hatten bis zur Vollendung durch Gustav Mahler zu warten. Webers nächste Oper war die 1823 in Wien uraufgeführte Euryanthe [1]. Das Libretto fußt auf einer Romanze aus dem 13. Jahrhundert, die erzählt, wie Euryanthes Gemahl Adolar mit dem verschlagenen Ritter Lysiart um die Standhaftigkeit seiner Gattin wettet. Die Sache wird nicht nur kompliziert, weil Eglantine selbst heimlich Adolar liebt und auf ihre Freundin Euryanthe eifersüchtig ist, sondern auch, weil der ruhelosen Geist von Adolars Schwester Emma umgeht. Die bösen Absichten Lysiarts und Eglantines werden am Ende zunichte gemacht: Euryanthe und Adolar sind wieder glücklich vereint, und eine Geschichte, in der das sich Unwahrscheinliche mit dem Komplizierten verbunden hatte, findet ihr Ende. In der Ouvertüre benutzt Weber zwei Themen Adolars sowie die Musik der Geister; außerdem wird das erste der beiden Adolar-Themen in fugierter Form behandelt.

Webers letzte Oper Oberon [3], deren englisches Libretto James Robinson Planché nach Christoph Martin Wieland verfasste, wurzelt in einer chanson de geste, die von Wieland ausgeschmückt wurde, dem ersten Dichter, der William Shakespeare ins Deutsche übersetzte und daher mit dessen OEuvre bestens vertraut war. Das Werk beginnt mit dem schlafenden Oberon, der, wie wir von Puck erfahren, seit einem Streit von seiner Königin Titania getrennt ist; eine Versöhnung kann es erst geben, wenn man ein treues Menschenpaar findet. Herzog Hüon von Bordeaux ist der geeignete Kandidat, der vermöge eines von Oberon überlassenen Zauberhorns viele Abenteuer im Orient besteht, bis er wieder mit seiner geliebten Reiza vereint ist. Oberons Hornruf leitet die bekannte Ouvertüre ein und ist auch im weiteren Verlauf des Stückes von großer musikalischer Bedeutung.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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