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8.570299 - MEDTNER: Works for Violin and Piano (Complete), Vol. 2 - Violin Sonatas Nos. 1 and 2 / 2 Canzonas with Dances
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Nikolai Medtner (1880–1951)
Sämtliche Werke für Violine und Klavier, Folge 2

 

Nikolai Medtners Klavierwerke erfahren heute endlich die verdiente Anerkennung – im Gegensatz zu seinen Kompositionen für Violine und Klavier. Das ist sehr zu bedauern, da sie Musik von kostbarer Schönheit und Kraft enthalten, die sowohl für die Ausführenden wie fürs Publikum dankbar ist. Medtners Stimme ist einzigartig: entschieden russisch, hemmungslos romantisch und körpervoll, dabei aber verstandesmäßig und äußerst diszipliniert ausgeführt. Jeder Ton und jedes Detail hat einen Zweck oder „eine Bestimmung“, wie es der Komponist selbst ausdrückte. Wer die Werke genau kennt oder zu wiederholten Malen gehört hat, der entdeckt darin eine außergewöhnliche Kunstfertigkeit. Die fünf Duokompositionen für Violine und Klavier nehmen in Medtners OEuvre einen besonderen Platz ein und schließen eine wichtige Lücke in dem begrenzten russischen Repertoire für die beiden Instrumente.

Obwohl Nikolai Medtner als Pianist ausgebildet war und hauptsächlich für Klavier komponiert hat, nahm die Geige in seinem Leben eine prominente Rolle ein. Er hatte sie als Kind gespielt, und sowohl seine Frau wie auch der ältere Bruder Alexander waren professionelle Geiger. Die Sonate Nr. 1 h-moll op. 21 aus den Jahren 1910/11 ist eines der bekanntesten Werke des Komponisten. Bei Medtners strenger Erziehung wurde großes Gewicht auf die griechischen und lateinischen Klassiker sowie auf die russische und deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts gelegt. Ihre Inspiration verdankte die erste Violinsonate dem Mythos von Dionysos oder Bacchus, dem Gott des Weines und des (körperlichen wie auch spirituellen) Rausches, der den Komponisten faszinierte. In der Antike verehrte man Dionysos durch ekstatisches Singen und Tanzen; dementsprechend besteht die Sonate aus den Sätzen Canzona (Lied), Danza und Ditirambo (ein Hymnus und Tanz des Chores für Dionysos, dem Medtner bereits in seinen Drei Dithyramben op. 10 für Klavier gehuldigt hatte). Die Canzona mit der Anweisung con fluidezza („fließend“) ist ein wiegendes, sinnlichmelancholisches Siciliano. Die Danza beginnt als zurückhaltende kanonische Konversation, die plötzlich von einem rauhen, synkopierten Presto unterbrochen wird – das Ganze wirkt ein bisschen wie eine vornehme Teegesellschaft, bei der die Gastgeberin ohne Vorwarnung ihre Röcke hebt und auf dem Tisch tanzt. Unmittelbar darauf folgt ein zeremoniöser Ditirambo in H-dur. Glockengeläut weist auf eine näherkommende Prozession hin. Das Rondo enthält eine schmerzliche, demnach als dolente markierte Episode in b-moll, die sich überraschenderweise im Rhythmus eines Tangos bewegt. Wenn der Satz seinen kraftvollen Gipfelpunkt erreicht hat, verlässt die allmählich verklingende Prozession die Bühne, wobei auch Fragmente der beiden vorherigen Sätze ihren Ausgang nehmen.

Als die Brüder Medtner das Werk aus der Taufe heben wollten, waren nur die Canzona und Danza fertig. Die erste vollständige Aufführung der Sonate, die der Komponist seiner Schwägerin (und späteren Ehefrau) Anna gewidmet hatte, fand im Februar 1911 in Moskau statt – dieses Mal mit Nikolai Medtner und Alexander Mogilewsky. Glücklicherweise besitzen wir Medtners eigene Aufnahme mit der britischen Geigerin Cecilia Hansen. Dieses unschätzbare Dokument von 1947 bildet die wichtigste Quelle der vorliegenden Einspielung, in der berücksichtigt wird, wie der Komponist den Notentext, die Phrasierung und andere Details modifiziert hat.

In dem Jahrzehnt vor der Revolution führte Medtner ein glückliches Leben als Künstler, der sich in der Musikwelt gut etabliert hatte. Die Ereignisse vom Oktober 1917 änderten alles. Die Medtners wurden enteignet und hatten äußerste Entbehrungen zu überstehen, bis man ihnen schließlich Ende 1921 ein Ausreisevisum ausstellte. Sie kehrten nie wieder in die Heimat zurück, wenn man von einer kurzen Konzertreise 1927 absieht, bei der die beiden nächsten Werke für Violine und Klavier vorgestellt wurden.

Die beiden Canzonen mit Tänzen op. 43, die Medtner in Europa komponiert und während der Amerikatournee des Jahres 1924 überarbeitet hatte, wenden sich wieder den bacchantischen Begriffen des Opus 21 zu. Diese fesselnden Miniaturen sind Medtners einzige Exemplare dessen, was man als „leichte“ Musik bezeichnen könnte, wenngleich sich seine charakteristische Handschrift allenthalben zeigt. Die erste Canzona in Medtners „reiner“ Tonart C-dur bewegt sich in der zögerlichen Haltung eines Kindes, das seine ersten Schritte versucht, wobei die ungewöhnliche Taktart 11/8 ein Übriges tut. Äußerst humoristisch geht es hier zu, wenn die Musik in komischen Tonleitern dahineilt und sich kopfüber in einen kapriziösen, walzerartigen Tanz stürzt. Die zweite Canzona ist eine völlig andere Angelegenheit – eine wehmütige, bittersüße Klage um das verlorene Russland. Sie wird durch einen rauhbeinigen Tanz ergänzt, der in seinem zarteren Trio allerdings auf merkwürdige Weise an ein Thema aus dem Finale des Schumann-Klavierkonzertes erinnert, das Medtner in seiner Jugend oft gespielt hatte.

Medtners Sonate Nr. 2 G-dur op. 44, seine „Frühlingssonate“, ist ebenfalls ein Werk der Wanderjahre. Wie die zweite Canzona, so entsprang auch diese Musik dem Heimweh, insbesondere der Erinnerung an den russischen Frühling. Als Symbol der Wiedergeburt und Zeichen Gottes in der Natur war diese Jahreszeit für Medtner von besonderer Bedeutung. Ein Zitat aus Fjodor Iwanowitsch Tjutschews Gedicht Vesennye vody („Wasser des Frühlings“), das auch Rachmaninoff in einem seiner berühmten Lieder vertonte, umreißt in der Druckausgabe das Hauptthema des Schluss- Satzes. Die Sonate ist als gigantisches Gebilde von mehr als vierzig Minuten konzipiert. Eine imposante Introduzione bringt sofort das „Motto-Motiv“, das die gesamte Sonate zusammenhalten wird. Der eigentliche Kopfsatz stürmt mit einer recht leidenschaftlichen Melodik los, die erschöpfend entwickelt und von einer prächtigen Coda gekrönt wird, in der sich während eines langen diminuendo die zahlreichen Themen auflösen. Eine kurze Kadenz, in der das Klavier das „Motto“ und die Geige einige virtuose Elemente zu spielen hat, dient als Präludium zu sechs Variationen, deren klagendes Thema an die liturgische Musik der Russisch- Orthodoxen Kirche erinnert. Der Satz steht in der äolischen Tonart, die für den musikalischen Klagegesang der Dumka üblich ist, und zeigt von Variation zu Variation größere Einflüsse der Folklore, bis die beiden Instrumente in den Schlusstakten das Geklimper einer Balalaika imitieren. Eine weitere kurze Kadenz, bei der nun das Klavier im Vordergrund steht, leitet das folkloristische Finale ein – einen Satz in Rondoform, dessen Hauptthema rhythmisch genau den Worten „Viesna idyot!“ („Der Frühling kommt!“) aus Tjutschews Gedicht entspricht. An Episoden gibt es einen sinnlichen Abschnitt in H-dur und eine Quasi-Polonaise in C-dur/c-moll, in der Medtner bewusst etwas aus dem Mephisto-Walzer von Franz Liszt nachahmt, um die dämonische Seite der Passage zu unterstreichen. Darauf wird die vorherige Episode in der linken Hand des Klaviers ruhig und überaus wirkungsvoll aufgegriffen, um ihre Intensität bis zu der überwältigenden Klimax zu steigern. Die Coda nutzt fröhlich alle Medtnerschen Kunstgriffe und stellt Themen aus allen drei Sätzen neben die triumphale letzte Wiederholung des „Mottos“. Es ist tatsächlich Frühling geworden!

Medtner wartete mit der Uraufführung seiner Opera 43 und 44, bis er 1927 nach Russland kam. Beide Werke wurden von dem Moskauer Publikum begeistert aufgenommen, als der Komponist sie mit dem Geiger Dmitri Tsyganow spielte. Im Publikum saß Sergej Prokofieff, kein großer Bewunderer von Medtners „altmodischer“ Ästhetik. Welche Ironie also, dass man am Ende seiner siebzehn Jahre später vollendeten achten Klaviersonate op. 84 eine harmonische Fortschreitung findet, die direkt aus Medtners zweiter Kadenz übernommen wurde!

Nach der Tournee und erfolglosen Versuchen, auf dem europäischen Festland Karriere zu machen, ließ sich Medtner in England nieder. Anfangs war er noch recht aktiv, doch der Zweite Weltkrieg reduzierte seine Konzerttätigkeit deutlich, und anschließend musste er seine konzertanten Auftritte wegen einer schweren Herzkrankheit noch weiter einschränken, weshalb er sich als Komponist und Lehrer zurückzog. In dieser trüben Zeit trat ein deus ex machina in sein Leben. Der Maharadscha des südindischen Staates Myore, ein ungewöhnlich kultivierter Mann, der – wie auch seine Schwester – sehr gut Klavier spielte, war betroffen, als er von den Lebensumständen des Komponisten erfuhr. Er gründete eine Medtner-Gesellschaft, um Medtner zu fördern und ihn seine eigenen Werke auf Schallplatte aufnehmen zu lassen. So entstand zwischen 1947 und 1950 durch dieses außergewöhnliche Unternehmen ein Vermächtnis, das Medtners überragendes Spiel in endgültigen Interpretationen festhielt (dazu gehört unter anderem die bereits erwähnte Interpretation des Opus 21). Aus Dankbarkeit widmete der Komponist dem Maharadscha seine krönende Leistung, das dritte Klavierkonzert op. 60. Seine letzten Monate verbrachte Medtner im Vertrauen darauf, dass ihn die Nachwelt niemals vergessen würde. Jetzt, im 21. Jahrhundert, geht sein Stern wieder auf.

Paul Stewart 2007
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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