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8.570310 - WIDOR: Organ Favourites
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Charles-Marie Widor (1844–1937)
Beliebte Orgelstücke

 

Charles-Marie Widor wurde am 21. Februar 1844 in Lyon als Sohn des Organisten von Saint François-de-Sales geboren, der ihm auch den Musikunterricht erteilte. Mit elf Jahren hatte Charles-Marie solche Fortschritte gemacht, dass er Organist in der Kapelle seiner Schule wurde und zudem seinen Vater an Saint-François vertreten konnte. 1863 sorgte der französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) dafür, dass der junge Mann in Brüssel studieren konnte: Der Virtuose Jacques Lemmens (1823-1881) unterwies ihn dort im Orgelspiel, und bei François-Joseph Fétis (1784-1871), dem Direktor des Brüsseler Konservatoriums, lernte er das Komponieren. Nachdem Widor den strengen Lehrplan absolviert hatte, entließ ihn das Institut als virtuosen Organisten, der gründlich in den klassischen Kompositionsprinzipien ausgebildet war.

Dank der unablässigen Hilfe des einflussreichen Cavaillé-Coll entwickelte sich Widors Reputation als Organist, und er kam mit vielen großen Musikerpersönlichkeiten wie Saint-Saëns, Franck, Meyerbeer, Liszt, Rossini und Gounod in Kontakt. 1868 gehörte er zu den sieben ausgewählten Organisten, die das Konzert bestritten, mit dem die neue Cavaillé-Coll-Orgel von Notre Dame eingeweiht wurde. Im nächsten Jahr war er an der Einweihung der Cavaillé-Coll-Orgel in der Trinité beteiligt, und die Madeleine ernannte ihn zum Assistenten von Saint-Saëns. Im Januar 1870 wurde er auf Empfehlung von Cavaillé-Coll und Gounod probeweise für ein Jahr als Organist an die Pariser Kirche Saint-Sulpice berufen, in der sich das damalige magnum opus von Cavaillé-Coll befand. Dass man einem 25-Jährigen den renommierten Posten übertrug, war umstritten, doch Cavaillé-Coll war der Ansicht, von dieser Position aus könne Widor am besten die Orgelreform voranbringen, die durch seinen Unterricht bei Lemmens angeregt worden war. Dass dem jungen Komponisten ein derart prächtiges Instrument zur Verfügung stand, war in der Tat ein glücklicher Umstand, denn es inspirierte ihn zu seinen zehn Orgelsymphonien, die die Kunst des Orgelspiels und der Orgelkunst in Frankreich revolutionierten. Charles-Marie Widor wurde nie als ständiger Organist an Saint-Sulpice angestellt; vielmehr bekleidete er das Amt für die nächsten 64 Jahre „auf Probe“. In diesen langen Jahren wurde die Orgelempore der Kirche ein Treffpunkt der künstlerischen und aristokratischen Eliten von Paris, die die Wunder bestaunten, die der Musiker auf dem monumentalen Instrument von Cavaillé-Coll vollbrachte.

Widor wurde zu einem Giganten der damaligen Pariser Musikszene. Er war ein kultivierter, elegant gekleideter, sehr belesener und intelligenter Mann, der jede bedeutende Persönlichkeit kannte. Er verkehrte mit dem Adel und der Politik und wurde aufgrund seiner Intelligenz, Bildung und Hilfsbereitschaft anerkannt und geachtet. 1890 wurde er César Francks Nachfolger als Orgelprofessor am Pariser Konservatorium, 1892 nahm man ihn in die Légion d'Honneur auf, und 1896 machte ihn das Konservatorium schließlich zum Kompositionsprofessor. 1910 wurde er Mitglied in der Akademie der Schönen Künste, die ihn 1914 zu ihrem Ständigen Sekretär ernannte – eine der bedeutendsten Ehrungen für einen Künstler seiner Zeit. 1924 trat Widor nach über 30- jähriger Lehrtätigkeit am Konservatorium in den Ruhestand, indessen er jedoch auch weiterhin als Vortragskünstler und Dirigent wirkte. Unter anderem gab er das Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele 1932, und im selben Jahr machte er an Saint-Sulpice eine Schallplattenaufnahme mit verschiedenen Sätzen aus der Symphonie Gothique sowie der berühmten Toccata aus der fünften Symphonie. Im Juni des Jahres spielte er mit seinem früheren Schüler Louis Vierne gemeinsam das Einweihungs-Konzert für die wiederhergestellte Orgel von Notre Dame, bei deren Inauguration er schon 64 Jahre früher mitgewirkt hatte. Im Dezember 1933 gab er seinen Posten an Saint-Sulpice auf, den sein ehemaliger Schüler und Protégé Marcel Dupré von ihm übernahm.

Charles-Marie Widor starb am Freitag, den 12. März 1937, um acht Uhr abends. Bei seiner Beisetzung am nächsten Tag kamen die Mitglieder des französischen Establishments in großer Zahl, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Marcel Dupré spielte Bachs Präludium und Fuge h-moll sowie das Andante cantabile aus der vierten Orgelsymphonie und – als der Sarg in die Krypta getragen wurde – den ersten Satz der Symphonie Gothique.

Während seines langen Lebens hatte Widor außerordentliche Wertschätzung nicht nur als Organist, Komponist, Lehrer, Dirigent und Autor, sondern auch als Botschafter der französischen Musik und der französischen Kultur im weitesten Sinne erfahren. Er hinterließ ein eindrucksvolles OEuvre von mehr als achtzig numerierten Werken, wozu Kammermusik, Lieder, geistliche Kompositionen, Symphonien für Orchester, Solokonzerte, Musik für die Bühne und Ballett sowie drei Opern gehören. Sein Ruhm lebt freilich in der Orgelmusik und besonders in den Orgelsymphonien weiter.

Neben seinen Solostücken für Orgel schrieb Widor zwei Symphonien für Orgel und Orchester – die Symphonie Nr. 3 op. 69 (1894) und die Sinfonia Sacra op. 81 (1907). Im Jahre 1900 begann er damit, seine Orgelsymphonien op. 13 und op. 42 zwei gründlichen Revisionen zu unterziehen. Ähnlich wie Anton Bruckner hatte Widor die Gewohnheit, seine Werke ständig zu verbessern, und der Interpret muss oft entscheiden, welche Fassung er spielen soll, denn nicht immer hat er mit seinen späteren Überarbeitungen die ursprünglichen Eingebungen verbessert.

Zum liturgischen Leben von Saint-Sulpice gehörten an hohen Kirchenfesten lange Prozessionen um die Kirche herum, und Widor hat vermutlich zu einer solchen Gelegenheit seine Marche Pontificale geschrieben, einen feurigen Marsch, der die Mittel einer mächtigen Orgel in der vollen Akustik eines großen Gebäudes nutzt. Prunk, Melodienseligkeit und kecke Rhythmen verbinden sich darin zu gleichen Teilen.

Als Widor 1901 seine zweite Orgelsymphonie revidierte, fügte er dem Werk das Salve Regina hinzu. Dabei handelt es sich um eine großangelegte Fantasie im Stile Bachs über den berühmten gregorianischen Choral, der zunächst im Tenor erklingt, dann von einer Stimme zur andern wandert und endlich nach einer massiven Steigerung im Pedal zu hören ist.

Das Andante cantabile aus der Symphonie Nr. 4 ist einer der liebenswürdigsten langsamen Sätze des Komponisten. Er ist in Liedform gestaltet und erinnert an Mendelssohns Lieder ohne Worte für Klavier. Wie es heißt, soll dieses Andante einer von Widors persönlichen Favoriten gewesen sein: Marcel Dupré spielte es 1937 beim Requiem für Widor während der Wandlung.

Das Finale - Allegro molto aus der dritten Orgelsymphonie entstand 1887 im Zusammenhang mit den Revisionen der Symphonien op. 13 und ist in fünf verschiedenen Fassungen erhalten. Seine tragische Empfindung verleiht dem virtuosen Satz eine einzigartige Stellung in dem gesamten Opus 13. Drei Themen sind zu hören, die sich zu einer eindrucksvollen Klimax steigern, worauf das turbulente erste Thema wiederkehrt; der Satz verklingt dann in einer verhaltenen Coda, die als leises Echo das zweite Thema aufgreift. Der Komponist spielte das Stück 1878 am Ende seines Recitals auf der neuen Orgel des Palais du Trocadéro, bei dem er unter anderem seine sechste Symphonie uraufgeführt hatte.

Mystique aus den Trois Nouvelles Pièces stammt aus dem Jahre 1934 und ist das letzte veröffentlichte Werk des Komponisten, der jeden der drei Sätze einem ehemaligen amerikanischen Schüler gewidmet hat: Albert Riemenschneider (ein bedeutender Bach-Forscher), Charlotte Lockwood (eine der ersten bedeutenden Organistinnen) und Frederick Mayer (Organist der West Point Chapel). In den drei kontrastierenden Stücken fasst Widor die verschiedenen stilistischen Elemente zusammen, die sein Orgelschaffen charakterisieren. Mystique exponiert eine gesangliche Melodie auf der Flûte Harmonique ; daran schließt sich ein lebhafterer, kontrapunktischer Abschnitt an, der zur Wiederholung des ersten Themas führt. Eine ausdrucksvolle Coda beendet den Satz.

Johann Sebastian Bach spielte in Widors Laufbahn eine wichtige Rolle. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts wurde Bachs Musik selten aufgeführt, und es war wesentlich Widors Bemühungen zu verdanken, dass ein neues Interesse an der Musik des großen Thomaskantors erwachte. Gemeinsam mit Albert Schweitzer arbeitete Widor an der berühmten Ausgabe der Orgelwerke Bachs, die G. Schirmer 1912 veröffentlichte. 1925 machte der Verleger Durand dem Komponisten den Vorschlag, einige seiner Bachschen Lieblingsstücke für Orgel zu arrangieren. Widor kam der Bitte nach und schuf Bachs Memento, sechs Transkriptionen verschiedener Werke, die von wörtlichen Übertragungen der Originale bis zu recht freien, expressiven Bearbeitungen reichen, die sich am Vorbild der Lisztschen Opernparaphrasen orientieren. Das Sicilienne stammt aus der Sonate Es-dur für Flöte und Cembalo BWV 1031. Es ist eine beinahe wörtliche Übertragung, nur, dass vor der Reprise der Solomelodie zwei Takte eingefügt wurden. Die Marche du Veilleur de Nuit basiert auf dem berühmten Chor der Kantate Nr. 140 (Wachet, auf!) und paraphrasiert das Original im Stile Liszts – womit vielleicht angedeutet werden sollte, dass die Zeit des Advent eine recht ausgelassene Angelegenheit sein kann.

Das Allegro aus der sechsten Symphonie ist eine der schönsten Eingebungen des Komponisten und wird auf Dauer ein populäres Repertoirestück bleiben. Zwei Themen werden exponiert: ein massiver, marschartiger Gedanke, dem ein bewegtes Rezitativ folgt, das während des Satzes große Bedeutung gewinnt. Die Musik steigert sich und erreicht eine Durchführung, die eine erhebliche technische Herausforderung für die Spieler darstellt: Das erste Thema erklingt im pianissimo mit Gegenrhythmen in Händen und Füßen über einem pizzicato- Pedal. Dann folgt eines der aufregendsten Crescendi des Orgelrepertoires, das zu der Reprise führt, in der beide Themen kombiniert sind.

In seinen beiden letzten Symphonien wandte sich Widor von der weltlichen Art seiner bisherigen acht Symphonien ab. Mit der Symphonie Gothique (1899) und der Symphonie Romane (1900) schuf er zwei Werke, die von der Kirchenarchitektur inspiriert und auf dem gregorianischen Choral aufgebaut sind. Die Symphonie Gothique wurde durch die Kirche Saint Ouen in Rouen angeregt, in der Cavaillé-Colls Meisterwerk stand. Der zweite Satz, Andante sostenuto, soll das ruhige, friedliche Innere des großartigen gotischen Bauwerks beschwören.

Die Symphonie Nr. 5 ist die berühmteste aller Widor-Symphonien – vor allem wegen ihres Kopfsatzes und der berühmten Toccata am Schluss. Sie entstand vermutlich 1878 und wurde vom Komponisten am 19. Oktober 1879 im Palais du Trocadéro uraufgeführt. Das Allegro vivace stellt ein Schumanneskes Thema vor, an das sich vier Variationen anschließen, von denen jede eine andere Tonfarbe erkundet. Die fünfte Variation ist eine ausgedehnte Durchführung, die in einer spannenden Reprise des Themas im vollen Werk gipfelt. Das Thema des Adagio, das auf einer vierfüßigen Flöte im Pedal gespielt wird, deutet das Thema der nachfolgenden Toccata an. Der Schluss-Satz ist die bekannteste Kreation des Komponisten, mit der man seinen Namen vor allem verbindet. Die durchaus originelle Konzeption sollte zur klassischen Textur der Orgeltoccata werden: Sie bringt rasche Figuren auf den Manualen und darunter im Pedal ein Thema in langen Notenwerten.

Robert Delcamp
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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