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8.570320 - PLEYEL, I.: Symphonies Concertantes / Violin Concerto in D Major (Perry, V. Chiang, Lippi, Baltimore Chamber Orchestra, Thakar)
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Ignaz Pleyel (1757–1831)
Symphonie Concertante B-dur (Benton 112)
Symphonie Concertante A-dur (Benton 114)
Violinkonzert D-dur (Benton 103/103A)

 

Nach den Maßstäben seiner Zeit hat Ignaz Pleyel nicht sonderlich viele Konzerte komponiert, und wenn er sich der Gattung sporadisch zuwandte, so geschah das nur im unmittelbaren Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit. Die überwiegende Zahl seiner neun authentischen Werke stammt aus der Zeit von etwa 1787 bis 1790 in Straßburg, wo Pleyel damals zunächst der Stellvertreter des Domkapellmeisters Franz Xaver Richter war und nach dem Tode desselben im Jahre 1789 selbst die Stelle übernahm. Ein weiteres Konzert erschien 1797. Die Konzerte D-dur (Benton 105) und C-dur (Benton 106) sind die letzten, die sich datieren lassen, und wurden jeweils in verschiedenen Fassungen komponiert. Diese gewandelte Auffassung zeigt sich in Pleyels späteren Jahren und führte beispielsweise dazu, dass das genannte C-dur-Konzert (Benton 106) sogar in drei Versionen publiziert wurde, was zweifellos auf die verlegerischen Aktivitäten des Komponisten selbst zurückzuführen ist. Dass aus Pleyels frühen Berufsjahren keinerlei Konzerte vorhanden sind, dürfte weniger auf einen Mangel an Interesse als vielmehr darauf zurückzuführen sein, dass ihm die Möglichkeiten für solche Besetzungen fehlten. Es ist natürlich auch denkbar, dass der junge Komponist während seiner Ausbildungszeit bei Haydn dadurch beeinflusst wurde, dass für seinen Lehrer namentlich während der siebziger Jahre das Konzert als solches nur eine recht untergeordnete Rolle spielte.

Ganz ähnlich ist die Situation bei den Symphonies concertantes. Die ältesten Stücke dieser Art schrieb Pleyel 1786, und zwar vermutlich für seine Straßburger Konzerte. Die erste nachrevolutionäre Symphonie concertante ist dann Benton 112 aus dem Jahre 1791, bei der es sich praktisch um ein Doppelkonzert für Violine und Bratsche handelt. Unklar ist, zu welchem Anlass es geschrieben wurde; wir wissen jedoch aufgrund mehrerer englischer Editionen, dass das Werk „mit größestem Applauso bei den Nobility’s Concerts“ in London gespielt wurde. Zwei konzertante Symphonien (Benton 113 und 114) entstanden 1792 für die Londoner Professional Concerts, und ihre dortigen Aufführungen sind ebenso gut dokumentiert wie der Erfolg, den sie erzielten. Weit weniger klar sind die Ursprünge der Symphonie Concertante F-dur für Flöte, Oboe, Fagott und Horn (Benton 115). Die Quellen lassen allerdings eine Entstehung um 1802 vermuten.

Auch dieses Gebiet hat Pleyel in jungen Jahren nicht bearbeitet. In Wien wurde die Symphonie concertante nicht gepflegt, wenngleich es von Leopold Hofmann etliche schöne Doppelkonzerte und einige recht neuartige Concertini für zwei, drei und vier Soloinstrumente gibt, die Pleyel gekannt haben dürfte. Seine eigenen Werke stehen in der Tradition Mannheims und Frankreichs, was angesichts seiner beruflichen Laufbahn kein Wunder ist. Wie die Solokonzerte, so erschienen auch zwei Symphonies concertantes in gleichberechtigten Parallel—Versionen: Das ursprünglich für Violine und Bratsche geschriebene Werk mit der Benton-Nummer 112 kam auch in einer Einrichtung für Klavier und Viola heraus, und die Symphonie Concertante A-dur Benton 114 für zwei Violinen wurde auch in einer authentischen Alternative für Klavier und Violine publiziert.

Für seine Symphonies concertantes übernahm Pleyel zwei strukturelle und stilistische Typen. Der erste ist im Prinzip symphonisch ausgerichtet, unterscheidet sich aber von der herkömmlichen Symphonie durch prominente Partien für eine solistisch konzertierende Gruppe. Bei einfacher thematischer Durchführungsarbeit nutzen die Kopfsätze vorzugsweise die texturellen und farblichen Möglichkeiten, die die ungewöhnliche Besetzung der Werke zu bieten hat. Die drei Symphonies concertantes dieser Art enthalten sämtlich einen aus Thema und Variationen bestehenden Satz. Der zweite Typus, den die beiden hier eingespielten Symphonies concertantes repräsentieren, steht der Konzertform näher. Die Kopfsätze dieser Werke lassen sich in struktureller Hinsicht nicht von denen eines Solokonzertes unterscheiden, wenngleich sie bei der Exposition und Durchführung des thematischen Materials beinahe zwangsläufig ausladender verfahren, da ja beiden beteiligten Soloinstrumenten dieselbe Prominenz zugebilligt werden muss. In der zyklischen Gesamtanlage weicht Pleyel bei diesen Symphonies concertantes von der typischen Dreisätzigkeit seiner Solokonzerte ab.

Die zweisätzige Symphonie Concertante B-dur (Benton 112) besteht aus einem Allegro sowie einem Rondo, das mit einem kurzen Abschnitt in einem neuen Tempo und Metrum zu Ende geht. Während hier das übliche langsame Zentrum fehlt, folgt die Symphonie Concertante A-dur (Benton 114) zwar prinzipiell demselben Aufbau, enthält zudem aber einen mehrteiligen, in verschiedenen Tempi komponierten Mittelsatz von einer Art, wie er in Pleyels Solokonzerten nicht vorkommt. Die zweisätzige Anlage des erstgenannten Werkes ist kennzeichnend für diese Art der konzertanten Symphonien und oft bei französischen Komponisten und ausländischen Kollegen anzutreffen, die—wie Pleyel—hauptsächlich für den französischen Markt schrieben.

Die Symphonies concertantes zeigen Ignaz Pleyels eigentümlichen Stil auf charakteristische Weise. Es handelt sich dabei um umfängliche Werke in gemächlichen Tempi, die in ihren Soloabschnitten von transparenten Texturen gekennzeichnet sind und immer eine reiche melodische Erfindung zeigen. Die Betonung des melodischen Aspekts anstelle komplexer thematischer Durchführungsarbeit ist eine Folgeerscheinung der Faszination, die die italienische Musik auf Pleyel ausübte, spricht für eine deutliche Entfernung von den Werken Haydns und trug zweifellos zu der phänomenalen Beliebtheit bei, derer sich die Kompositionen weiland erfreuten. Während nun Pleyel allerdings dem populären Geschmack dergestalt huldigte, dass er gängige Moden und lokale Vorlieben beachtete, ließ er es bei der Komposition der Symphonies concertantes und ähnlicher Werke nicht an Sorgfalt und Professionalität mangeln: Stets richtete er seine Aufmerksamkeit darauf, nicht nur dem Publikum, sondern auch seinen Musikern viel Vergnügen zu bereiten. Dass ihm das im Falle der Symphonie Concertante A-dur gelang, wird aus der Rezension ersichtlich, die am 13 März 1792, einen Tag nach der Aufführung, in The Oracle erschien:

PLEYEL hat eine Concertante verfertiget, um damit den jungen CRAMER der Öffentlichkeit zu präsentiren, der auch mit großem Geschick die den Vater stützende Stimme ausführte und dort, wo er seine Schüchternheit verlor, sich als dessen würdiger Erbe erwies. Der zweite Satz wurde heftig beklatscht und hatte Vorzüge in überreichem Maße.

Das Violinkonzert D-dur (Benton 103/103A) ist unter Pleyels Konzerten und Symphonies concertantes insofern einzigartig, als es in zwei Versionen erhalten ist. Die chronologische Reihenfolge dieser Fassungen scheint sich aus der bibliographischen Dokumentation zu ergeben, wohingegen die exakten Entstehungsdaten nicht bekannt sind. Der früheste Hinweis auf das Werk, den wir kennen, findet sich im Supplement XVI (1785–87) des Breitkopf-Katalogs. Demzufolge hat Breitkopf das Werk anscheinend als Manuskript erworben, und da gemeinhin zwischen der Komposition und dem Katalog-Eintrag ein bis zwei Jahre lagen, dürfte das Violinkonzert ein Werk der frühen achtziger Jahre gewesen sein. Eine Reihe konservativer Merkmale sowohl struktureller wie auch stilistischer Art erhärten die Annahme, dass Pleyel die Fassung des Benton 103 zu einem recht frühen Zeitpunkt seiner beruflichen Laufbahn verfertigte. Sämtliche frühen Druckausgaben einschließlich derer von Artaria, Bossler, Boyer und Longman bringen diese Fassung und sind spätestens Mitte Juli 1788 erschienen. Longman & Broderip bezeichnen das Werk als Favorite Concerto for a Violino Principale: Das könnte zwar ein bloßer Reklametrick des Verlags gewesen sein, nährt aber die Annahme, dass das Werk schon seit April 1788 in London bekannt war. Diese Edition scheint auch älter als die kontinentalen Ausgaben zu sein.

Die ersten Drucke des Konzertes mit der Benton—Nummer 103A erschienen jedoch ebenfalls im Jahre 1788. Die erste dieser Ausgaben veröffentlichte Boyer, der in seiner Annonce vom 17 Oktober nicht erwähnt, bereits einige Monate zuvor die vorige Version (Benton 103) herausgebracht zu haben. Weshalb das unterblieb, erfahren wir womöglich aus dem Wortlaut dieser Annonce:

Monsieur Pleyel hat uns um den Hinweis gebeten, dass er dieses Konzert, wie es in London gedruckt ward, zurückgezogen hat; er hat es vollkommen umgearbeitet, ein neues Rondeau hinzugesetzt und es in dieser Gestalt bei Herrn Boyer stechen lassen.

Longman & Broderips Bezeichnung „Favorit-Konzert“ stammte anscheinend keineswegs von Pleyel.

Das bereits gedruckte Werk zurückzuziehen, ist kein gewöhnlicher Schritt. Daraus erhellt überdies, dass die Widmung an „Monsieur de St. George, Doktor der Rechte“, die das Konzert bei Bossler trägt, nicht authentisch sein kann. Doch selbst, wenn man Boyers Annonce außeracht ließe, fände man ausreichende biographische Hinweise darauf, dass die als „103A“ gezählte Version die offiziell sanktionierte Spielart des Werkes darstellt: Dreizehn Druckausgaben erschienen davon zu Pleyels Lebzeiten, während es von der Fassung 103 eben mal vier waren. Problematisch ist nur, dass diese letztgenannte Version 1793 auch bei Imbault und einige Jahre später sogar von Pleyels eigenem Verlag veröffentlicht wurde.

Die Bearbeitungen, die Pleyel der ersten Fassung hat angedeihen lassen, fallen insgesamt in drei Kategorien: Sie betreffen die Struktur, die Substanz und die Details. Hätte der Komponist nun alle drei Aspekte des Werkes für unbedingt revisionsbedürftig gehalten, so wäre es vermutlich viel praktischer und einfacher gewesen, gleich ein ganz neues Stück zu schreiben. Und damit stellt sich bezüglich dieses Konzertes Benton 103 die grundlegendste Frage: Warum entschloss sich Pleyel zu einer Revision, anstatt ein neues Werk zu komponieren? Will man Pleyels Entscheidungsfindung verstehen, kommt man nicht umhin, die Reihenfolge der Arbeit zu verstehen: Hat er zunächst die beiden ersten Sätze revidiert und dann, als es ans Finale ging, verzweifelt die Waffen gestreckt und einen neuen Satz begonnen? Oder schrieb er zunächst—vielleicht im Hinblick auf ein völlig neues Konzert—das Rondeau, um dann unter Zeitdruck die beiden vorigen Sätze (aus Benton 103) zu revidieren und das ganze als neues Werk zu verpacken? Das erste Szenarium ließe auf eine kritische Haltung gegenüber der älteren Fassung schließen, das zweite hingegen auf zweckdienliches Denken. So oder so können wir annehmen, dass Pleyel eines neuen Konzertes bedurfte—die beiden genannten Alternativen lassen die Art der Revision jedoch in ganz unterschiedlichen Beleuchtungen erscheinen.

Der Schlüssel, mit dem das Geheimnis zu enträtseln ist, dürfte sich meiner Meinung in dem neuen Finale verbergen—in seiner Komposition an sich, seinem Einfluss auf den Gesamtzusammenhang des Werkes und Pleyels Ansichten über den alten Schluss-Satz. Er benötigte für seine Straßburger Konzerte ein neues konzertantes Stück und wusste, dass das alte Finale aus Benton 103 nicht dem lokalen Geschmack entsprach, weshalb er sich anschickte, anstelle dieses ausgedehnten Satzes mit seiner für die Wiener Konzerte typischen Hybridform aus Sonate und Ritornell ein neues Rondeau zu komponieren. Dann fehlte ihm möglicherweise die Zeit zu zwei weiteren neuen Sätzen, und so begann er, das bereits vorhandene Konzert zu revidieren, das seiner Auffassung nach durchaus seinen Wert hatte. Im Verhältnis zu dem neuen Finale war ihm dann der Kopfsatz vielleicht zu lang, so dass er drastische Kürzungen vornahm, indessen er viel ursprüngliches Material und Solowerk beibehielt, um es durch neue Gedanken anzureichern und andere Abschnitte zu verfeinern. Der zweite Satz wurde praktisch halbiert, die Solostimme aber so gründlich umgearbeitet, dass eigentlich ein neuer Satz entstand. Wann genau Pleyel diese Arbeit vorgenommen hat, ist nicht klar, doch dürfte es Anfang 1788 gewesen sein, nachdem er von der Londoner Veröffentlichung des Konzertes erfahren hatte.

Die Beziehung zwischen den beiden Versionen dieses Violinkonzerts D-dur ist faszinierend und gewährt uns einen einzigartigen Einblick in Pleyels kreatives Denken. Obwohl er sich von der älteren Fassung distanzierte, sind auch die drei Sätze dieses Werkes gelungene Exemplare ihrer Gattung, und es ging bei der Revision mancherlei äußerst interessanter Stoff verloren. Die vorliegende Aufnahme kombiniert die beiden ursprünglichen Sätze mit dem neuen Finale, das die Bearbeitung des gesamten Stückes nach sich gezogen haben dürfte. Das ursprüngliche Finale ist als Bonustrack zu haben. Wie man Zugang zu diesem Satz erhält, erfahren Sie aus den Instruktionen auf der Inlaycard.


Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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