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8.570321 - BRAHMS, J. / SCHUMANN, R.: Violin Concertos (Kaler)
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Johannes Brahms (1833-1897): Violinkonzert D-dur op. 77
Robert Schumann (1810-1856): Violinkonzert d-moll

 

Johannes Brahms wurde 1833 in Hamburg geboren. Seine Kindheit verbrachte er in recht armseligen Verhältnissen, doch bei seinem Klavierunterricht machte er solche Fortschritte, dass sogar der Plan entstand, mit dem elfjährigen Wunderkind Konzertreisen zu unternehmen. Von Eduard Marxsen wurde der junge Brahms in die technischen Grundlagen des Komponierens eingeweiht, indessen er zum Unterhalt der Familie als Klavierspieler in verschiedenen Sommerrestaurants vor den Toren seiner Heimstadt beitrug, die später keine respektablere Position für ihn bereithalten sollte.

1851 begegnete Brahms dem aus Ungarn emigrierten Geiger Reményi, dem er die Bekanntschaft mit der für sein eigenes Schaffen so bedeutsamen magyarischen Tanzmusik verdankte. Zwei Jahre später unternahmen die beiden Musiker eine erste gemeinsame Konzertreise, die sie auf Empfehlung von Joseph Joachim unter anderem auch nach Weimar führte, wo damals Franz Liszt residierte, von dem man wohl erwarten durfte, dass er einem Landsmann mit besonderem Wohlwollen begegnen würde. Tatsächlich profitierte Reményi auch von dem Zusammentreffen mit seinem berühmten Landsmann, Brahms hingegen legte schon damals eine Probe seiner im Laufe der Jahre noch kultivierten Taktlosigkeiten ab und vermochte den Meister nicht zu beeindrucken. Fruchtbar hingegen gestaltete sich der Besuch, den er nach Joachims Vermittlung noch im selben Jahr dem Ehepaar Schumann abstattete.

Robert Schumann entdeckte in Brahms’ Musik eine kommende Größe und veröffentlichte in der Neuen Zeitschrift für Musik, die er selbst einst herausgegeben hatte, einen Artikel des Inhalts, dass der junge Mann der langerwartete Nachfolger Beethovens sei. Als Schumann im Februar 1854 einen Selbstmordversuch unternommen hatte und die letzten zwei Jahre in einer Irrenanstalt verbrachte, kümmerte sich Brahms in jeder erdenklichen Weise um die Gattin und die kleinen Kinder des älteren Kollegen. Die enge Freundschaft mit Clara Schumann endete erst, als diese 1896 starb. Im nächsten Jahr folgte ihr Brahms ins Grab.

Johannes Brahms widmete sein 1878 vollendetes Violinkonzert dem Freunde Joseph Joachim. Späterhin kühlte sich das Verhältnis der beiden merklich ab, als Brahms so taktlos war, sich in die ehelichen Streitigkeiten zwischen Joachim und seiner Frau, der Sängerin Amalie Joachim einzumischen, die in einem Brief an Brahms Beweise für die charakterlichen Mängel ihres Mannes ausbreitete. Der Bruch wurde durch die Komposition des Doppelkonzerts für Violine und Violoncello, ein Friedensangebot aus dem Jahre 1887, einigermaßen wieder gekittet.

Einer Gewohnheit folgend, arbeitete Brahms während seiner Sommerferien an dem Violinkonzert, und zwar in Pörtschach am Wörthersee, wo er 1877 auch mit seiner zweiten Symphonie angefangen hatte. Am Neujahrstag 1879 war Joseph Joachim der Solist der Uraufführung. Das Konzert verbindet zwei Aspekte des Komponisten – den Künstler, der sich nach den Worten eines zeitgenössischen Kritikers mit dem Großen und Ernsten befasste, und den Verfasser lyrischer Lieder. Wie üblich, stand Brahms auch diesem Werk kritisch gegenüber, und erst nach einigem Zögern und Zaudern fand er die endgültige Gestalt für die Musik: Ursprünglich sollte das Werk viersätzig sein, doch schließlich strich er die beiden Mittelsätze, um sie durch das „bescheidene“ Adagio zu ersetzen, das Joachim ebenso gefiel wie dem Publikum.

Der erste Satz beginnt mit einer Orchesterexposition, in der das Hauptthema anfangs unvollständig präsentiert wird. Die erste vollständige Version ist dem Solisten vorbehalten, worauf das Orchester ein zweites Thema und andere Gedanken ausführt, die sich im weiteren Verlauf als vorzügliches Material für das Soloinstrument erweisen. Der Einsatz des Solisten und die Vorbereitung desselben erinnert an das Konzert von Beethoven, der siebzig Jahre früher mit einer recht langen Exposition die Geduld des Wiener Publikums auf die Probe gestellt hatte. Die Kadenz hat Joachim selbst verfasst. Der langsame Satz ist von herrlicher Lyrik und fußt auf einer außerordentlich schönen Melodie, die vom Solisten und dem Orchester erweitert und durchgeführt wird, bevor sie erstirbt und dem wilden Beginn des Finales Platz macht – einem sehr abwechslungsreichen Rondo im ungarischen Stil, dessen Episoden mit dem energischen Hauptthema kontrastieren, das am Ende eine immer größere Erregtheit erreicht.

Robert Schumann war in vieler Hinsicht typisch für das Zeitalter, in dem er lebte, da er nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seinem Leben eine Reihe der wichtigsten Charakteristika der Romantik miteinander verband. Er wurde 1810 in Zwickau als Sohn eines Buchhändlers, Verlegers und Autors geboren, interessierte sich schon früh für die Literatur und sollte sich später selbst einen Namen als Schriftsteller und Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik machen, die seit 1834 veröffentlicht wurde. Sein Vater unterstützte die literarischen und musikalischen Interessen. Zeitweilig dachte er sogar daran, ihn bei Carl Maria von Weber ausbilden zu lassen; dieser Plan wurde allerdings durch den Tod des letzteren vereitelt.

Wenig später starb auch Vater Schumann, worauf die Karriere des Sohnes zunächst einen eher konventionellen Verlauf nahm. 1828 immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität, wo er allerdings ebenso sporadische Studien betrieb wie im nächsten Jahr in Heidelberg. Schließlich vermochte er seine Mutter und seinen Vormund davon zu überzeugen, dass es für ihn das Richtige war, bei dem bekannten Klavierlehrer Friedrich Wieck zu studieren, der seine Energie freilich mit ziemlichem Nachdruck auf die Ausbildung seiner Tochter Clara verwandte, eine wunderbare Frühbegabung auf dem Klavier. Schumanns pianistische Ambitionen wurden durch eine (wie auch immer geartete) Schwäche der Finger vereitelt, und seiner sonstigen musikalischen Ausbildung fehlten die Anwendungsmöglichkeiten. Gleichwohl schrieb er in den dreißiger Jahren viel Klaviermusik, oft in Form kürzerer Genrestücke mit literarischen oder autobiographischen Bezügen. Nach der vorübergehenden Affaire mit einer Schülerin Wiecks richtete er seit 1835 seine Aufmerksamkeit auf Clara Wieck, die neun Jahre jüngere Tochter seines Lehrers. Deren Vater hatte gute Gründe gegen die Liaison vorzubringen: Seine Tochter hatte eine Konzertlaufbahn vor sich, und Schumann verriet eine gewisse charakterliche Instabilität, so begabt er als Komponist auch sein mochte. Die Angelegenheit steigerte sich bis zum Extrem, als Wieck einen Prozess anstrengte, mit dem er versuchte, die seiner Meinung nach verhängnisvolle Ehe zu verhindern.

Erst 1840 konnte Schumann schließlich seine Clara heiraten, nachdem der alte Wieck ein für allemal mit seinen rechtlichen Schritten gescheitert war. Im September fand die Hochzeit statt, worauf das Ehepaar zunächst seinen Wohnsitz in Leipzig behielt. Von hier aus unternahm Clara ihre Konzertreisen, bei denen sie üblicherweise von ihrem Mann begleitet wurde, der damals eine weniger distinguierte Position bekleidete. 1844 übersiedelte man nach Dresden, wo Schumann anscheinend von seinen depressiven Anfällen genas, unter denen er zu Beginn der Ehe gelitten hatte. Die Möglichkeit einer festen Anstellung eröffnete sich allerdings erst 1849, und zwar in Düsseldorf, wo er seit 1850 als Musikdirektor wirkte.

Felix Mendelssohn hatte es mit den Düsseldorfer Autoritäten schon nicht leicht gehabt, und der als Administrator und Dirigent weitaus unerfahrenere Schumann wurde mit den entstehenden Problemen noch weniger fertig. Der Druck führte Anfang 1854 zu einem totalen Nervenzusammenbruch, und die letzten Jahre verbrachte er im Irrenhaus von Endenich bei Bonn, wo er 1856 starb.

Sein Violinkonzert d-moll komponierte Robert Schumann in der letzten September- und ersten Oktoberwoche des Jahres 1853. Es scheint dies eine glückliche Zeit gewesen zu sein (am 30. September kam der junge Brahms, um einige Stücke vorzuspielen und mit Clara am Klavier zu improvisieren), in der der Komponist noch daran dachte, sein Düsseldorfer Orchester mit der Aufführung des neuen Werkes zu betrauen, doch dann legte er auf nachdrückliches Ersuchen der Düsseldorfer Autoritäten sein Amt nieder, und aus dem Projekt wurde nichts mehr. Bei der Gestaltung der Solostimme ließ sich Schumann ebenso von Joseph Joachim beraten wie im Vormonat, als er dem jüngeren Freund bereits die Phantasie op. 131 für Violine und Orchester sowie ein Violinarrangement seines 1850 entstandenen Cellokonzertes op. 129 geschrieben hatte.

Joachim war damals Konzertmeister in Hannover und sorgte dafür, dass das Werk im Januar 1854 vom dortigen Orchester durchgespielt wurde. Er scheint indes Vorbehalte gehabt zu haben. Nach dem Selbstmord und Zusammenbruch ihres Mannes beschloss Clara Schumann, die Komposition nicht zu veröffentlichen, und als Joachim später die Partitur der Preußischen Staatsbibliothek vermachte, tat er das unter der Bedingung, dass sie erst einhundert Jahre nach Schumanns Tod publiziert werden dürfe. Um die Einhaltung dieses Verbots kümmerte sich auch Schumanns überlebende Tochter. Dass das Werk dann doch schon 1937 an die Öffentlichkeit gelangte, lag am Einsatz der ungarischen Geigerin Jelli d’Aranyi, einer Großnichte Joachims, die behauptete, von Schumann eine entsprechende Botschaft aus dem Jenseits erhalten zu haben.

Der erste Satz des Werkes beginnt dramatisch. Die Orchesterexposition bringt zwei Themen. Dann setzt der Solist mit Varianten des Hauptthemas und des lyrischen Nebengedankens in F-dur ein. Der Satz folgt dem Bauplan des klassischen Konzertes, wobei die förmliche Reprise das zweite Thema in D-dur bringt. Der langsame Satz beginnt mit einer geteilten Cello- Gruppe, die ein synkopisches Element einführt, bevor der Solist mit einem expressiven Thema einsetzt. Zu den begleitenden Synkopen der Celli wird dann auch zu der energischen Polonaise übergeleitet, die das Konzert beschließt. Trotz des enthusiastischen Einsatzes von Yehudi Menuhin, der in dem Konzert ein Bindeglied zwischen Beethoven und Brahms sah, ist das Werk bis heute umstritten: Einige Betrachter glauben, darin ein Nachlassen der schöpferischen Kraft erkennen zu müssen, wie das schon Clara Schumann bei diesem und anderen Spätwerken getan hatte.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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