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8.570325 - GRANADOS, E.: Piano Music, Vol. 10 (Riva) - In the Village
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Enrique Granados (1867–1916)
Klavierwerke, Folge 10

 

Enrique Granados wurde am 27. Juli 1867 in Lleida bei Barcelona geboren. Als seine Familie in die benachbarte Hauptstadt umgezogen war, begann der Knabe dort 1879 mit seinem Klavierunterricht, und schon im nächsten Jahr wurde er Schüler von Joan Baptista Pujol (1835-1898). Im Jahre 1883 siegte er in einem Wettbewerb, wo er Schumanns zweite Klaviersonate op. 22 vortrug. Zu den Juroren gehörte der bekannte Komponist Felipe Pedrell (1841-1922), der im nächsten Jahr Granados’ Lehrer in Harmonie und Komposition wurde. Der junge Mann ging 1887 nach Paris, um bei Charles de Bériot (1833-1914) zu studieren. Mit seinem Nachdruck auf schöne Tongebung und Pedaltechnik übte er einen großen Einfluss aus. Ferner legte Bériot erheblichen Wert auf die Ausbildung improvisatorischen Könnens, was den natürlichen Neigungen seines spanischen Schülers nur entgegenkam. Nachdem Granados 1889 wieder in Barcelona war, veröffentlichte er seine Danzas españolas, die ihm internationale Anerkennung brachten.

Während seiner künstlerischen Laufbahn trat Granados in Spanien und Frankreich sowie in New York als Dirigent und Pianist hervor, wobei er gemeinsam mit den Geigern Eugène Ysaÿe und Jacques Thibaud, den Pianisten Mieczyslaw Horszowski und Camille Saint-Saëns und Dirigenten wie Isaac Albéniz oder Pablo Casals auftrat. Zudem war er ein vorzüglicher Lehrer. 1901 gründete er die Academia Granados, die heute unter dem Namen Academia Marshall von Alicia de Larrocha geleitet wird.

1912 lernte Granados den amerikanischen Pianisten Ernest Schelling kennen, der als erster die Klaviermusik des Spaniers im Ausland aufführte. Schelling sorgte dafür, dass G. Schirmer in New York die Musik veröffentlichte, und er bestärkte Granados in dessen Vorhaben, die Klaviersuite Goyescas zu einer Oper umzuarbeiten und diese an der Metropolitan Opera uraufführen zu lassen. Trotz seiner Angst vor dem Ozean reiste Granados in die Neue Welt, um am 28. Januar 1916 der Premiere des Werkes beizuwohnen. Er gab in Amerika zahlreiche Konzerte, nahm Klavierrollen auf und ließ sich sogar im Weißen Haus hören. Die Heimreise führte über Liverpool, doch als Granados und seine Ehefrau auf dem britischen Schiff Sussex den Ärmelkanal überquerten, wurde dieses von einem deutschen U-Boot torpediert, und beide starben in den Fluten.

In der Zeit um 1912 hatte Granados geschrieben: „Meine Devise ist es seit jeher, anstelle des schnellen Erfolges einen solchen zu suchen, der echt und von Dauer ist.“ Heute gilt er allgemein als einer der wichtigsten Komponisten Spaniens. Seine facettenreiche, ihrem Wesen nach romantische Musik zeigt einige nationale Charakteristika. Man hat ihn verschiedentlich als „den spanischen Chopin“ oder „den letzten Romantiker“ bezeichnet, und seine Landsleute nannten ihn „unsern Schubert“. Doch keine dieser Beschreibungen trifft wirklich seine Persönlichkeit, da Granados ganz entschieden über eine eigene Stimme verfügte, die ganz ihm allein gehörte und die sofort zu erkennen ist.

Vor allem wurde Enrique Granados von der europäischen Romantik des 19. Jahrhunderts beeinflusst, insbesondere von Robert Schumann und Frédéric Chopin, dann aber auch, wie die meisten Komponisten seiner Zeit, von Richard Wagner. Die introvertierte Üppigkeit seiner leuchtenden Harmonik, die reiche Palette seiner pianistischen Farben, die freien formalen Strukturen und die lebhafte, stets von einer gewissen Nostalgie getönte Imagination – all das verhalf ihm zu einem festen Platz in der Schule der Romantik. Oft wurde davon gesprochen, dass ihn große Formen wie die Sonate und das Konzert nicht interessierten: Zu seiner künstlerischen Persönlichkeit passten eben die kurzen, rhapsodischen Gestaltungen und vor allem die variativen Formen.

Granados’ letztes Werk, das Intermezzo aus der Oper Goyescas, entstand kaum mehr als zwei Monate vor seinem tragischen Tod. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass das ursprüngliche „Zwischenspiel“ für den erforderlichen Szenenwechsel zu kurz war, musste er ein längeres Stück komponieren – und das im wahrsten Sinne des Wortes „über Nacht“. Dennoch enthält dieses inspirierte Stück einige der schönsten Melodien, die Granados geschaffen hat, und es gehört bis heute zu seinen meistgespielten Werken. In seiner eigenen Klavierbearbeitung vermittelt Granados die ganze Leidenschaft und Farbe des orchestralen Originalstücks.

Die vier Melodías und die beiden Mazurkas (alla polacca und a-moll) gehören ebenso wie Andalucía-Peterena, Canto del pescador, La Berceuse, die drei Marchas militares und En la aldea zu den Jugendwerken des Komponisten. In seinen frühen Jahren widmete sich Granados vor allem den eigenen Inspirationen und schrieb vornehmlich Mazurkas, Militärmärsche und ähnliche Stücke. Diese wurden teils von Damen angeregt und diesen gewidmet – oder von der Natur. Mit Ausnahme des vierhändigen En la aldea („Im Dorf“) sind diese Stücke sehr kurz. Viele weisen untereinander starke Ähnlichkeiten auf, wobei es sich vornehmlich um Skizzen und Miniaturen handelt, deren formale Struktur und Harmonik nicht sonderlich scharf gezeichnet sind. Selten einmal wurzelt ein Stück in einer einzigen Tonart. Granados wechselt statt dessen oft hin und her, und das für gewöhnlich ohne Modulationen.

Zwei der Melodías entstanden „für den Fächer“ der Schwestern Lola und Laura González. Die vornehmen Vertreterinnen des schönen Geschlechts hatten damals stets ihre Fächer dabei, die sie von ausgewählten Herren handschriftlich verzieren ließen. Die beiden Stücke von Granados sind freilich zu lang, als dass man sie auf einen Fächer hätte notieren können – sie zeigen aber sicher, was er von den beiden jungen Damen hielt. Die beiden Mazurkas sprechen von der frühen Beeinflussung durch Chopin. Die drei frühen Marchas militares für Klavier solo und die zwei späteren vierhändigen Märsche sind womöglich durch die Tatsache inspiriert worden, dass sowohl der Vater wie auch der Bruder des Komponisten Offiziere waren.

Das Manuskript des Andantino espressivo trägt den Titel Obras fáciles para educación del sentimiento („Einfache Stücke zur Schulung der Empfindung“). Sonderlich einfach ist das Stück freilich nicht, dessen vier sehr abwechslungsreiche Abschnitte durch die romantische Gesanglichkeit des Komponisten zusammengehalten werden.

In vielen seiner Konzerte hat Granados mit Edouard Risler, Joaquín Malats und anderen Kollegen Musik für zwei Klaviere oder Klavier zu vier Händen aufgeführt. Desto überraschender ist es, dass er selbst so wenig für diese Besetzungen geschrieben hat. En la aldea ist die umfänglichste Komposition der 34 Stücke aus dem Álbum de Melodías, París, 1888, das Granados seinerzeit in der Seine-Metropole verfasste (Naxos 8.557142). Auch Isaac Albéniz lebte damals in Paris, und die beiden jungen Musiker trafen sich oft bei musikalischen und gesellschaftlichen Anlässen. Albéniz schrieb etwa zur selben Zeit ein Werk für Klavier solo namens Fiesta de aldea („Dörfliches Fest“), und es ist durchaus denkbar, dass sich die beiden die Aufgabe gestellt hatten, eine Komposition nach einem Aufenthalt auf dem Lande zu verfassen.

Granados’ Manuskript des En la aldea enthält Vortragsanweisungen wie Órgano (Orgel), Oboe und Campanas (Glocken). Besonders wichtig ist allerdings die Nachtigall (Ruiseñor) in La siesta. Hier imitiert Granados erstmals in seiner Musik den Gesang des Vogels. Er erinnerte sich daran, wie er in einer Nacht zusammen mit Ricardo Viñes und Joaquín Malats das Concierto seines Lehrers Bériot abschrieb. Als der Morgen graute, hörte man eine Nachtigall. Seither fühlte sich Granados immer wieder inspiriert, diesen Gesang in seine Werke einfließen zu lassen, beispielsweise in El invierno – La muerte del ruiseñor aus dem Libro de horas (Naxos 8.554628) und vor allem in Quejas o la maja y el ruiseñor aus Goyescas (8.554403).

Die beiden vierhändigen Marchas militares gehören zu den vergnüglichsten Kompositionen von Granados und unterscheiden sich merklich von den drei entsprechenden Stücken für Soloklavier. Granados verlangt von den beiden Ausführenden oftmals überkreuzende Hände. Außerdem haben sie häufig eng beieinanderliegende Tasten anzuschlagen, was eine sorgfältige Koordination verlangt.

Das Arrangement des brillanten Triana aus Albéniz’ Iberia ist das einzige Stück für zwei Klaviere, das Granados geschrieben hat. Diese Bearbeitung hält sich an die Konstruktion und die Details der originalen Fassung für Klavier solo. Die einzigen Eingriffe, die Granados vornahm, bestehen in der harmonischen Ausfüllung einiger Akkorde und der Aufteilung der Themen zwischen den beiden Spielern, die sich so in einem leidenschaftlichen, brillanten Dialog abwechseln und entwickeln können.

Douglas Riva
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Diese Einspielung folgt der kritischen Edition der Complete Works for Pianovon Enrique Granados bei Editorial Boileau, S.A., Barcelona, Spanien, Alicia de Larrocha, Direktorin, Douglas Riva, srellvertretender Direktor.

 


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