About this Recording
8.570339 - HOLST: Double Concerto / St Paul's Suite / Brook Green Suite
English  German 

Gustav Holst (1874–1934)
Brook Green Suite • Lyric Movement • Doppelkonzert
St Paul’s Suite • A Song of the Night • A Fugal Concerto

 

Der englische Komponist Gustav Holst entstammte einer Musikerfamilie, deren Wurzeln bis nach Skandinavien, Deutschland und Russland reichten und die seit dem frühen 19. Jahrhundert in England lebte. Seine Kindheit verbrachte Holst im heimischen Cheltenham, wo er unter der Aufsicht seines Vaters das Klavierspiel erlernte. Anschließend studierte er am Royal College of Music in London, wo er eine dauerhafte Freundschaft mit Ralph Vaughan Williams schloss, die für beide auch insofern von Vorteil war, als sie ihre Kompositionen gegenseitig freimütig kritisierten und diskutierten.

Aufgrund einer Nervenentzündung im rechten Arm musste Gustav Holst den Gedanken an eine Pianistenlaufbahn aufgeben. Der finanziellen Notwendigkeit gehorchend, verdiente er sein Brot einige Zeit als Posaunist – unter anderem auf Reisen mit der Carl Rosa Opera Company und beim Scottish Orchestra. Endlich beschloss er, sich so weit wie möglich der Komposition zu widmen. Seine Unterrichtstätigkeit im allgemeinen, insbesondere aber seine lange Beziehung zu der Mädchenschule von St. Paul in Hammersmith und als musikalischer Direktor des „Morley College für werktätige Männer und Frauen“ gewährten ihm zumindest während der Sommermonate einige freie Zeit; der recht gleichmäßige Verlauf seines Lebens, der zu seiner Schüchternheit passte, geriet durch den großen Erfolg der 1920 erstmals komplett aufgeführten Planeten durcheinander. Keines seiner späteren Werke konnte beim Publikum einen ähnlich dauerhaften Erfolg erringen, wenngleich er mit seiner Shakespeare-Oper At the Boar’s Head seinerzeit respektvolles Interesse weckte. Andere Werke lösten bei der Presse häufig gemischte Reaktionen aus, so sein Egdon Heath von 1927, eine Hommage an den Schriftsteller Thomas Hardy (1840–1928). Die St Paul’s Suite, die er für die bereits erwähnte Mädchenschule in Hammersmith komponierte, nimmt bis heute einen ebenso festen Platz im Streichorchester- Repertoire ein wie die später entstandene Brook Green Suite. Die Hymn of Jesus für Chöre und Orchester (1917) bekleidet in der englischen Chormusik eine ehrenvolle Position.

In seinen späteren Lebensjahren hatte Gustav Holst Verpflichtungen zu erfüllen, die über seine Kräfte gingen – nicht zuletzt eine anregende und tätige Zeit in den USA, wo man seine Musik positiv aufnahm und wo er beim Boston Symphony Orchestra eine dreiteilige Konzertserie mit eigenen Werken dirigierte. Zu erwähnen sind hier ferner seine Unterrichts- und Kompositionstätigkeit an der Harvard University sowie die Vorlesungen, die er zum Thema Joseph Haydn an der Library of Congress in Washington hielt. Außerdem nutzte er die Gelegenheit, seinen jüngeren Bruder Emil zu besuchen, der sich unter dem Namen Ernest Cossart in Amerika als Schauspieler etabliert hatte. Im Juni des folgenden Jahres 1932 war er wieder in England, wo er jetzt seinen Bruder zu Gast hatte, mit dem er die Schauplätze der gemeinsamen Kindheit besuchte. Schon in Amerika hatte er zeitweilig im Krankenhaus gelegen, und als er nach England zurückkam, war seine Gesundheit so angeschlagen, dass weitere Krankenhausaufenthalte nötig wurden. Er vermochte allerdings seine Brook Green Suite und den Lyric Movement für Bratsche und Orchester zu vollenden, bevor er am 25. Mai 1934 nach einer schweren Operation starb. Gustav Holst wurde in der Kathedrale von Chichester beigesetzt, wo man seine Musik häufig aufführt. Ganz in der Nähe seines Grabes ruht auch Thomas Weelkes, den Gustav Holst von allen Komponisten der Tudor-Zeit am meisten schätzte.

Die Brook Green Suite ist dem Jugendorchester der Mädchenschule von St. Paul’s gewidmet und verlangt in der Hauptsache ein Streichorchester, dazu Flöte, Oboe und Klarinette ad libitum. Wie so oft bei Holst dominiert auch in den drei Sätzen dieser Suite die Erinnerung an englische Volkslieder. Das Prelude stellt sein Hauptthema über einer Figur aus absteigenden Skalen vor, die zunächst im Violoncello und im Kontrabass, dann auch in der Bratsche erklingen. Während die Geige das erste Thema des Air spielt, wird sie von den Pizzikati der andern Instrumente begleitet, bevor die Bratsche die Melodie übernimmt. Ein zweiter melodischer Gedanke mit der Bezeichnung Poco animato wird vorgestellt, worauf das Hauptthema vom Violoncello und dann von der ersten Violine aufgegriffen wird. Vor dem kurzen Schlussteil widmet sich die Bratsche dem Poco animato-Thema. Der dritte Satz, Dance, soll auf einer in Sizilien gehörten Melodie basieren; diese wird jedoch in sehr englischer Art und Weise dargestellt.

A Song of the Night für Violine und Orchester entstand 1905. Das Stück trug zunächst die Opuszahl 19, wurde aber zu op. 19 Nr. 1, nachdem Holst 1911 die Invocation op. 19 Nr. 2 für Violincello und Orchester geschrieben hatte. Der ursprüngliche Titel war nicht „Lied der Nacht“, sondern A Song of Evening (Ein Abendlied). Das Werk, das erst fünfzig Jahre nach dem Tod des Komponisten veröffentlicht wurde, beginnt mit einer Violin-kadenz, zu der Hörner und tiefe Streicher begleitend einsetzen, bevor ein Andante-Thema erklingt, das die Kadenz des Anfangs bereits melodisch angedeutet hatte. Die Solovioline hat immer kunstvolleres Material zu spielen, indessen die Bläser und dann die Tuttistreicher ihre eigenen Varianten des Themenmaterials präsentierten, aus dem das gesamte Stück gefügt ist. In einem lebhafteren Abschnitt steigert sich die Solovioline in Oktaven zu immer größerer Dringlichkeit. Es folgen ein Maestoso der Trompete, ein dramatischer Höhepunkt und eine pianissimo- Wiederholung des Andante-Themas, das die Violine jetzt in einem höheren Register spielt. Das Werk endet mit einer Erinnerung an die erste Kadenz, die sich ätherisch in die Höhen erhebt.

Die St Paul’s Suite vollendete Holst im Jahre 1913. Das Stück ist dem Orchester der Mädchenschule von St. Paul’s gewidmet. Die Suite beginnt mit einer Jig, deren Anfang zu einem kontrastierenden zweiten Jig-Thema führt, das die zweiten Geigen exponieren. Darauf folgt eine emphatische Wiederholung des Hauptthemas. Noch einmal erklingt kurz der Nebengedanke, dann ist der Satz zu Ende. Das Ostinato beginnt, wie nicht anders zu erwarten, mit einem repetierten Muster, wozu eine Solovioline das Hauptthema vorstellt, das später in den zweiten Violinen wiederholt wird. Eine Solovioline stellt die Hauptmelodie des Intermezzo vor, dessen Andante con moto zu dem anschließenden Vivace einen tonalen und stimmungsmäßigen Kontrast liefert. Der letzte Satz bringt schließlich eine als The Dargason bekannte Melodie, die Holst auch andernorts verwendet hat. Hier kombiniert er sie in kunstvoller Kontrapunktik mit dem Lied Green Sleeves.

Der Lyric Movement für Viola und kleines Orchester entstand gleichfalls 1933 und ist dem Bratscher Lionel Tertis (1876–1975) gewidmet. Das Stück beginnt senza misura (ohne Takt) mit dem Solisten, worauf die Flöte folgt und schließlich das Orchester mit Material einsetzt, das an die Anfangspassage erinnert. Das senza misura wird wiederholt, und die Bratsche fügt den sordinierten Streichern ihre eigenen Verzierungen hinzu. Ein Poco adagio führt danach zu einer Kadenz und zu dem geheimnisvollen Abschluss der Komposition, die Holsts Tochter Imogen als ein Beispiel für die „zärtliche Strenge“ beschrieb, die ihr Vater hatte erreichen wollen.

Nach dem Erfolg der Planeten konnte sich Gustav Holst wieder seinem vordringlichen Interesse am Kontrapunkt zuwenden. 1922 schrieb er seine Fugierte Ouvertüre, die als Einleitung zu seiner Oper The Perfect Fool gedacht war. Im nächsten Jahr entstand das Fugal Concerto für Soloflöte und Oboe mit Streichern. Das Fugenthema wird von den Unisono-Streichern exponiert, worauf sich die Oboe meldet und die Flöte antwortet. Violoncelli und Kontrabässe vervollständigen danach die Fugenexposition. Das Thema erklingt in seiner Umkehrung und tritt in dieser Form wieder auf, während es die Streicher in seiner Originalgestalt intonieren. Die Flöte eröffnet den langsamen Satz mit einem Fugenthema, auf das nunmehr die Oboe antwortet. Nach der Einführung kontrastierender Kontrapunkt-Materialien greifen die Bratschen das ursprüngliche Thema wieder auf, das von der Oboe und dann von der Flöte beantwortet wird. Das abschließende Allegro bringt das Thema mit seinem ungleichmäßigen Rhythmus in den Streichern. Es handelt sich dabei um das Material des Fugenthemas, das von der Oboe exponiert und von der Flöte beantwortet wird. Beide Solisten haben kurze Kadenzen; dann bringen die Streicher eine zunehmend emphatische Variante des Themas, und endlich fällt die Flöte mit der bekannten altenglischen Tanzweise If all the world were paper ein, die eine kontrapunktische Behandlung erfährt und danach mit dem ursprünglichen Fugenthema kombiniert wird. Der abschließende Triller der beiden Solisten erzeugt in dem ruhigen Schlussteil einen rhythmischen pizzicato-Nachklang des Themas.

Das Doppelkonzert für zwei Violinen und Orchester datiert von 1929. Es beginnt mit einem Scherzo, das sogleich molto staccato in den Celli und Kontrabässen einen gebrochenen Rhythmus bringt, bevor die Klarinetten, Fagotte und Bratschen ein kontrastierendes thematisches Element einführen. Dem Einsatz der ersten Solo-violine, der durch den ungeraden Rhythmus des Anfangs gekennzeichnet ist, folgt der zweite Solist; dazu tritt die Bratsche mit einem dritten kontrapunktischen Einsatz und das Violoncello mit einem unvollständigen vierten. Familiärer wirkt der wiegende Rhythmus, der sich anschließend ausbreitet, bevor die beiden Solisten in bitonalen Bildungen fortschreiten, die bis zur Wiederkehr des thematischen Hauptmaterials aufrecht erhalten werden. Das zweite Solo greift einen wiegenden Nebengedanken auf, den bereits die erste Geige gespielt hatte. Der Satz endet mit einem variierten Ausflug des zweiten Solisten in die Bitonalität. Der Lament im 5/4-Takt überlässt der ersten Solovioline die Aufstellung eines Themas, das vom zweiten Solo imitiert wird. Die beiden Instrumente erreichen dann eine offensichtliche Bitonalität, bevor das Orchester mit sordinierten Streichern einsetzt. Bei der Variation on a Ground exponiert zunächst die erste Violine das Bassthema. Wenn das zweite Solo einfällt, liefert die erste Geige eine Pizzikato-Begleitung, bis die Rollen vertauscht werden. Der sehr ungleichmäßige Ground, auf dem der Satz aufgebaut ist, ermöglicht verschiedene Gegenrhythmen; den Höhepunkt bilden eine Passage im 7/4-Takt und weitere Exkurse in die Bitonalität. Am Ende ist dann noch einmal der Ground zu hören.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window