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8.570340 - ALWYN: Sonata impromptu / Sonatina / Ballade / Rhapsody / 3 Winter Poems / Songs
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William Alwyn (1905–1985)
Kammermusik und Lieder

 

William Alwyn war ein produktiver Komponist und hat Musik für viele verschiedene Besetzungen geschrieben – von Orchester- und Kammermusik bis zu Gesangswerken und Solostücken. Zu seinen Orchesterwerken gehören fünf Symphonien, Konzerte für Flöte, Oboe, Violine, Klavier und Harfe sowie verschiedene kürzere deskriptive Stücke. An Vokalmusik gibt es vier Opern, fünf Liederzyklen und eine Reihe kleinerer individueller Lieder. Des weiteren schrieb er zahlreiche Stücke für Kammerensemble und Musik für Soloinstrumente, namentlich für Klavier. Dazu kommen an die zweihundert Filmmusiken, von denen einige britische Klassiker sind – darunter Odd Man Out, The History of Mr Polly, The Winslow Boy, The Way Ahead, A Night to Remember, Carve Her Name With Pride, The Rocking Horse Winner und The Swiss Family Robinson. Alwyn verfasste außerdem Gedichte, eine kurze Autobiographie „Winged Chariot“ und ein Tagebuch mit dem Titel „Ariel To Miranda“, in dem er seinen Tagesablauf von September 1955 bis August 1956 festhielt. Ein weiteres kreatives Ventil fand er in der Malerei. Alwyn war überdies Kunstsammler: Zeitweilig besaß er eine Kollektion präraffaelitischer Originale, die er zu einer Zeit zusammengetragen hatte, als diese noch nicht en vogue waren. Kurze Zeit, nachdem er die Bilder wieder verkauft hatte, wurden sie zu teuren Sammlerstücken.

Seine ernsthafte musikalische Ausbildung begann Alwyn, als er mit fünfzehn Jahren an die Royal Academy of Music kam, um Flöte zu studieren. Sechs Jahre später erhielt der 21-Jährige eine Professur für Komposition, die er während der nächsten dreißig Jahre wahrnahm. Er war in verschiedenen Gremien tätig. Unter anderem fungierte er 1949, 1950 und 1954 als Vorsitzender des britischen Komponistenverbandes, an dessen Gründung er maßgeblich beteiligt war. Dann war er Direktor der Mechanical Copyright Protection Society – der britischen GEMA –, einer der Vizepräsidenten der Gesellschaft zur Förderung der Neuen Musik und Direktor der Gesellschaft für Aufführungsrechte. In Anerkennung seiner Verdienste um den Film wurde Alwyn Fellow der britischen Filmakademie – bis vor kurzem der einzige Komponist, dem diese Ehre zuteil geworden war. Für seine musikalischen Leistungen erhielt er 1978 die Auszeichnung eines Commander of the British Empire.

Seine großen Fertigkeiten auf der Flöte machten Alwyn zu einem gefragten Solisten und Orchestermusiker. 1924 wurde er Mitglied des London Symphony Orchestra, bei dem er wiederholt unter Sir Edward Elgar spielte: Er war dabei, als dieser beim Three Choirs Festival sein Oratorium The Dream of Gerontius dirigierte, ferner bei der Aufführung des Violinkonzerts mit dem Solisten Albert Sammons sowie der 2. Symphonie, der Ouvertüre Cockaigne und The Music Makers. Alwyn ist auch in den Aufnahmen zu hören, die Elgar mit dem London Symphony Orchestra Ende der zwanziger Jahre für His Master's Voice gemacht hat, er wirkte bei der britischen Erstaufführung von Roussels Joueurs de Flûte mit und gehörte neben Reginald Kell (Klarinette), Maria Korchinska (Harfe) und dem Griller Quartet zu den Musikern, die Ravels Chanson madécasses zum ersten Male in London zu Gehör brachten.

Die vorliegenden Werke, von denen fünf hier erstmals aufgenommen sind, entstanden über einen Zeitraum von fünfzig Jahren, reichen also von den Zwei Liedern für Singstimme, Violine und Klavier (1931) bis zur Chaconne For Tom für Blockflöte und Klavier (1982). In all diesen Stücken zeigt sich die kompositorische Begabung Alwyns und seine technische Meisterschaft im Umgang mit der jeweiligen Besetzung.

Die Rhapsodie für Klavierquartett entstand 1938/9. Das Werk beginnt mit einem rhythmischen Thema im Klavier, das die Musik insgesamt dominiert. Allmählich wird der Verlauf immer rhapsodischer, um sich zu einer energischen Wiederholung des Hauptthemas in allen Instrumenten zu steigern. Diese Reprise verklingt und macht einem nachdenklicheren, lyrischen Abschnitt Platz, der einen leidenschaftlichen Höhepunkt erreicht, worauf eine Wiederholung des lebhaften Eingangsthemas zu einer dramatischen Coda führt.

Die Sonata Impromptu für Violine und Viola entstand im November 1939 und wurde im März 1940 revidiert. Sie ist dem Geiger Frederick Grinke (1911–1987) und dem hervorragenden Bratscher und Lehrer Watson Forbes (1909–1997) gewidmet, die das Werk im März 1940 während einer BBC-Sendung komplett uraufführten, nachdem George Stratton und Watson Forbes bei einem BBC-Recital im November 1939 die Ecksätze zum ersten Mal gespielt hatten. Die dreisätzige Sonate beginnt mit einem Prelude, das nach einer zwölftaktigen Einleitung einen fugierten Abschnitt erreicht, worauf sich mit der Wiederkehr des ersten Themas der Kreis schließt. Der zweite Satz besteht aus Thema und Variationen, von denen die ersten sechs ohne Unterbrechung gespielt werden; anschließend leitet die siebte und letzte Veränderung ( Intermezzo ) direkt in das Finale alla Capriccio über. Hier gibt es nun wieder einen Fugensatz über Gedanken, die im Prelude vorgestellt wurden; ein brillanter Schluss beendet das Werk.

Die Ballade für Bratsche und Klavier entstand im Mai 1939 für Watson Forbes und Myers Foggin. Sie ist neben der unvollendeten Short Suite (1941) und der viersätzigen Sonatina aus dem Jahre 1944 eines von drei Stücken für diese Besetzung. Sie beginnt mit leisen, ausgehaltenen Klavierakkorden, über denen die Bratsche den melodischen Hauptgedanken des Werkes ausspinnt. Das Stück schreitet rhapsodisch fort, wobei der lyrische Mittelteil sich zu einem Höhepunkt steigert, bevor die Bratsche, jetzt von einer leicht beunruhigten Klavierfigur begleitet, das erste Thema wieder aufgreift. Die Bewegung nimmt zu und führt zu einem Fortissimo-Höhepunkt, der in eine Variation des Anfangsgedankens übergeht, von wo aus durch eine allmähliche Beschleunigung der dramatische Schluss angesteuert wird. Die Ballade wurde vom BBC Home Service am 31. August 1940 erstmals ausgestrahlt; es spielten Max Gilbert (Viola) und Joan Davies (Klavier).

Die zwei Lieder Wood Magic und Lament of the Tall Tree für Singstimme, Violine und Klavier entstanden im Dezember 1931. Im selben Jahr hatte Alwyn auch Lieder nach Blakes Songs of Innocence und Songs of Experience sowie sein 1. Klavierkonzert vollendet. In den beiden Liedern hat er zwei Naturgedichte vertont, die er selbst im Mai und Oktober 1931 verfasst hatte. Das erste ist von zarter, heiterer Stimmung, deren Ruhe durch das begleitende Wechselspiel der beiden Instrumente noch unterstrichen wird. Der zweite Titel ist turbulenter und vermittelt die stürmische Ruhelosigkeit des Gedichts.

Die drei Lieder Nocturne, Illumination und Harvest für Singstimme und Klavier nach Worten von Trevor Blakemore schrieb Alwyn im April 1940 in London. Sie sind dem Musikwissenschaftler, Autor und Kritiker Peter Latham, dem Ehemann von Angela Latham, gewidmet. Die empfindsame Vertonung der Gedichte aus der Feder des anglo-irischen Dichters Trevor Blakemore (1879–1953) zeigen die Gleichgestimmtheit des Komponisten und steigern die Botschaft der Dichterworte mit großem Können. Das erste Lied reflektiert, wie sich der Poet inmitten einer stillen Nacht nach einer verlorenen Liebe sehnt; im zweiten entwirft der Dichter das Bild des Geliebten in Form einer religiösen Erscheinung; und im dritten beklagt das Liebespaar, dass es nach dem Sommer Herbst und Winter wird.

Die dreisätzige Sonatine für Violine und Klavier entstand im Mai und Juni 1933 in London. Sie wurde am 10. Oktober 1935 in der Duke's Hall der Royal Academy of Music uraufgeführt, und zwar im Rahmen einer Konzertreihe, die die hauseigene Gesellschaft für Neue Musik veranstaltete. Die Interpreten waren Elsie Owen (Violine) und Harry Isaacs (Klavier). Das knappe Werk besteht aus einem frei fließenden melodischen Kopfsatz, einem dunklen, introvertierten langsamen Satz und einem lebhaften Finale mit einem langsameren Mittelteil, auf den der Schlussabschnitt im ursprünglichen Tempo folgt.

Die drei Winter Poems für Streichquartett vom Januar und Februar 1948 hat Alwyn seinem einstigen Lehrer John B McEwen gewidmet. Das Werk ist fünf Jahre älter als das erste gezählte Streichquartett in d-Moll; der Komponist hatte schon während seiner Studienzeit an der Academy dreizehn Quartette verfasst. Jedes der drei kurzen, stimmungsvollen Stücke ( Winterlandschaft ; Elegie „Gefrorenes Wasser“ ; Serenade „Schneegestöber“ ) spricht für sich selbst und ist eine perfekte Evokation winterlicher Atmosphäre. Anscheinend wurde das Werk in der Zeit seiner Entstehung nie aufgeführt, sondern erst am 1. Juni 2005 – zum 100. Geburtstag des Komponisten – durch das Maraini String Quartet in der Bridgewater Hall zu Manchester aus der Taufe gehoben.

Das letzte Werk des vorliegenden Programms, die Chaconne for Tom für Blockflöte und Klavier, entstand für den Blockflötisten John Turner. Dieser schreibt zu dem Werk:

„Die Chaconne for Tom ist Alwyns vorletztes Werks. Sie entstand im Dezember 1982 als Hommage an den Komponisten- und Flötistenkollegen Thomas Pitfield. Alwyn war sehr krank und sagte mir, dass seine Tage des Komponierens vorbei seien, doch seine Frau Mary überredete ihn, dieses kurze Stück für das Album zu schreiben, dass ich heimlich zu Pitfields 80. Geburtstag vorbereitete (auch Alan Bush, Gordon Crosse, Anthony Gilbert und John McCabe beteiligten sich mit Kompositionen daran).

Sowohl die autographe Skizze als auch die Reinschrift verlangen eine Altblockflöte, doch der betagte Komponist (der das Instrument eigentlich gut kannte und es in seinen älteren Seascapes sehr schön eingesetzt hatte) vertat sich jetzt beim Tonumfang. Ich wies ihn taktvoll darauf hin und fragte, ob es ihm etwas ausmachte, das Stück in passender Transposition zu notieren (wir wollten es im Faksimile veröffentlichen; außerdem war es noch lange vor der Zeit der schnellen Computertransposition). Das war ihm jedoch zu anstrengend, und er sagte:,Spielen Sie's auf dem Diskant.‘ Auf diesem gab ich dann also zusammen mit Stephen Reynolds am 30. April 1983 in der Eddisbury Hall von Macclesfield die Uraufführung. Doch die hohe Lage der Diskantflöte eignet sich nicht wirklich für das musikalische Material, weshalb das Stück in der vorliegenden Aufnahme auf der Altblockflöte gespielt wird, für die es ursprünglich gedacht war – jedoch um eine Quarte aufwärts transponiert, dabei natürlich mit denselben Fingersätzen auf der Flöte.

Es handelt sich bei dem Stück um eine Variationsfolge über die bekannte Weise Happy Birthday to You. Die Kompositionsskizze enthält auch nichts weiter als diese einstimmigen Variationen für Flöte allein. Als Alwyn den Klavierpart ergänzte (es ist nicht sicher, ob er das von Anfang an vorhatte oder erst, wie Mary mir andeutete, später darauf kam), stellte er eine achttaktige Einleitung als ‚falschen Chaconne-Bass' voran; dieser löst sich zwar allmählich auf, durchtränkt aber weitgehend die Harmonik der Musik bis zu ihrem fröhlichen, sehr diatonischen Ende. Das Stück trägt die Zueignung for John Turner to play, was zusammen mit dem Titel eigentlich eine doppelte Widmung ergibt.”

© Andrew Knowles und John Turner
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570340.htm

 


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