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8.570366-67 - MAYR, J.S.: David in spelunca Engaddi (David in the Cave of Engedi) [Oratorio] (Hauk)
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Simon Mayr (1763-1845)
David in spelunca Engaddi

 

David in spelunca Engaddi: Ein Schwanengesang für das Ospedale dei Mendicanti in Venedig

David in spelunca Engaddi ist das letzte der vier Oratorien, die Simon Mayr zu Beginn seiner Karriere in Venedig für das Ospedale dei Mendicanti geschrieben hat: Jakob a Labano fugiens (1791), Sisara (1793), Tobiae matrimonium (1794), David in spelunca Engaddi (1795). Den Text zu diesen vier Oratorien hat der Venezianer Giuseppe Maria Foppa verfasst, mit dem Mayr noch lange – auch auf dem Feld der Oper zusammenarbeiten wird. Der Text zu David ist zweisprachig überliefert: in einer lateinischen Fassung - wie der Librettodruck der Aufführung am Ospedale bezeugt - sowie mit italienischer handschriftlicher Übersetzung Foppas und rein handschriftlich italienisch. Diese „Zweisprachigkeit“ weist auf verschiedene Aufführungen und Aufführungs-situationen hin, was die vorhandenen musikalischen Quellen ebenfalls nahe liegen. Eine von Mayr selbst geschriebene Partitur der lateinischen Version nur für Frauenstimmen befindet sich in der Civica Biblioteca in Bergamo. Sie endet allerdings mit einer Skizze für die italienische Version mit gemischtem Chor (Sopran, Alt, Tenor und Bass): der Schluss der ursprünglichen lateinischen Fassung fehlt – er muss wohl vom Komponisten selbst entfernt worden sein, denn an seiner Statt findet sich dessen Entwurf zum „italienischen“ Finale. Eine andere musikalische Hauptquelle wird im Mailänder Konservatorium aufbewahrt: eine Partiturabschrift des venezianischen Hauptkopisten Mayrs – in Latein - sowie die danach erstellten Stimmenabschriften, arrangiert für gemischte Besetzung mit italienischem Text, ein bedeutendes Indiz für Aufführungen außerhalb der Lagunenstadt. Denn nur Venedig hatte die reiche musikalische Tradition der „Frauenkonservatorien“ im Wettstreit ausgebildet, an denen lateinische Oratorien gepflegt wurden. Autograph sind in der in Mailand aufbewahrten Partitur zwei – für die italienische Version nachkomponierte - Stücke überliefert (sowie die Sinfonie mit Harfenspiel vor dem altra pars, dem zweiten Teil des Oratoriums): der bereits erwähnte neue Schlusschor sowie die zweite – neue Arie Abners „Arma l’invidia invano“ als Ersatz für die einzige Arie von Phalti „Gaudete o sponsi amantes“. Dessen „Nebenrolle“ wurde in der Mailänder Fassung eliminiert. Die Aufführungssituation italienischer Oratorien in Mailand Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist noch nicht ausreichend untersucht, um über diese Überlieferungsfakten hinaus weiteres auszusagen.

Franz Hauk legt der Aufführung von Mayrs David in spelunca Engaddi in der Asamkirche Maria de Victoria die ursprüngliche, autograph überlieferte lateinische Version für Frauenchor zugrunde. Aus der Mailänder Fassung stammen zusätzlich die dort eingefügte Sinfonia zum zweiten Teil, in der die Harfe einen reichen Solopart übernimmt, und der Schlusschor, der sich relativ einfach zum Frauenchor adaptieren ließ. Wenngleich sprachlich dabei ein Bruche zutage kommt, scheint doch das Italienisch nicht allzu weit von dem lateinischen Libretto entfernt zu sein: das Latein des an Ovid und Virgil gebildeten Venezianers Giuseppe Maria Foppa ist ein Latein des späten 18. Jahrhunderts. Der Librettist hatte schließlich selbst die italienische Textbearbeitung des Oratoriums – von David zu Davvide – vorgenommen.

In Venedig haben sich vier „Frauenkonservatorien“ herausgebildet, die wie die neapolitanischen Knabenkonservatorien als karitative Einrichtungen zu verstehen sind: die Ospedali della Pietà, S. Lazzaro dei Mendicanti – das älteste -, gli Incurabili und das Ospedaletto. Bei diesen Hospitälern hatte sich folgendes Unterrichtsmodell ausgebildet, das generell, mit mehr oder weniger Abweichungen, bei allen vier Einrichtungen Anwendung fand:

Nach den Ideen des Ordens der Somaschi wurden die Kinder – Jungen wie Mädchen im Lesen, Schreiben, Rechnen unterwiesen und auch in einigen Berufen ausgebildet. Das Ospedale dei Mendicanti stand in Verbindung mit den Klöstern der Somascher wie der Philippiner. Mädchen, die musikalische Begabung zeigten, erhielten die Chance in den Coro aufgenommen zu werden. Als Mitglieder des Coro wurden sie nach ihrer Ausbildung für zehn Jahre dienstverpflichtet. Sie hatten sich auch um den weiteren Nachwuchs zu kümmern: ein bis zwei Nachwuchsmusikerinnen hatten sie mit auszubilden. Vivaldi hat die Mädchen, Frauen der Pietà berühmt gemacht – wie umgekehrt sie ihn.

Nicht nur Musik für die sonntägliche Messe, für Oratorien an bestimmten Festtagen, für die Vesper gestaltete der jeweilige Coro. Bei offiziellen Anlässen, Staatsbesuchen repräsentierte er die Stadt Venedig. Dabei konnte es auch sein, dass alle vier Ospedali Aufführungen gemeinsam bestritten. Die Musik an den vier Ospedali wurde zur Attraktion der Lagunenstadt.

Seit Ende des 17. Jahrhunderts versuchten die Ospedali wie Banken zu wirtschaften, was aber schließlich nach dem Rückgang der Spenden 1777 zu einer großen Finanzkrise führte, was die Ospedali empflindlich traf und insbesondere die Aufrechterhaltung der Musikpflege erschwerte. Der musikalische Wettbewerb zwischen den Ospedali wurde dann später durch Napoleons Eingreifen ganz unterbunden. Nur der Pietà gelang es mit Mühe, eine eigene Musiktradition bis ins 19. Jahrhundert hinein aufrecht zuhalten.

Iris Winkler

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Die Handlung

Personen: David, Hirte, Sohn des Isai aus Bethlehem; Saul, erster König in Israel; Michol/Michal, dessen Tochter; Jonathas/Jonatan, dessen Sohn; Abner, Heerführer des Königs; Phalti, Ratgeber des Königs

Biblische Vorlage (1 Sam, 16-24): Samuel hat David zum König von Israel gesalbt (Kap. 16,1-13). Sau! wird von einem bösen Geist gequält und läßt David zu seiner Besänftigung vor ihm Zither spielen (Kap. 16,14-23). David besiegt im Kampf gegen die Philister Goliat und überreicht Saul dessen Haupt (Kap. 17). Saul behält ihn in seinem Haus und stellt ihn an die Spitze seiner Krieger. Sauls Sohn, Jonatan, schließt innige Freundschaft mit David (Kap. 18). Das Volk liebt und bejubelt ihn, was den Neid und Argwohn Sauls hervorruft (Kap. 18,19). David verliebt sich in Michal, die jüngere Tochter Sauls. Dieser verlangt Vorhäute von hundert Philistern, um ihn in die Hände der Feinde fallen zu lassen. David bringt die verlangte Brautgabe und bekommt Michal zur Frau. Sauls Neid steigert sich (Kap. 18,10-30). Saul sinnt darauf, David zu töten. Jonatan vermittelt und verhilft David schließlich zur Flucht (Kap. 19-20). David zieht durch verschiedene Orte, Saul verfolgt ihn (Kap. 21-23). David gelangt schließlich in die Berge von En-Gedi. Saul holt ihn dort ein. Während er in der Höhle seine Notdurft verrichtet, schont David sein Leben und schneidet heimlich einen Zipfel von dessen Mantel ab - als Beweis seiner Treue und Achtung. Saul versöhnt sich - vorübergehend - mit David (Kap. 24).


CD 1

Teil 1

David hat die Philister besiegt. Das Volk bejubelt ihn in dem Chor Voces festivae sonent [3]. Dies steigert den Zorn und Neid Sauls. Sein Heerführer Abner sucht ihn zu besänftigen, sieht aber in seiner Gleichnisarie Adversi fremunt venti [6] die drohende Gefahr für den Hirten David voraus. Nun tritt der Sieger David, angekündigt von Jonathas und Michol, in Demut vor seinen König En pastor humilis [8]. Saul versteckt seine Missgunst schlecht und zögert, den versprochenen Preis zuzuerkennen. In seiner Arie triumphiert er bereits über David Vade superbe o fortis [11]. David ist verwundert über das Verhalten Sauls. Jonathas überbringt Michol die Aufforderung des Vaters, sie möge sich zum Palast begeben. Zuvor nimmt sie von David Abschied. Beide erklären sich in einem Duett ihre Liebe [14]. Auch Jonathas versichert David seine tiefe Zuneigung Ah cor meum tu vide o chare [17]. Im Königspalast. Saul ist erneut in Raserei verfallen. David wirft sich ihm zu Füßen und erbittet Michol zur Braut. Doch Saul täuscht David, indem er ihm die ältere Tochter Merob geben will: Michol Victori non promisi, sed dixi: Filiam victori dabo, et Merob filiam Davidi donabo [19] . Verzweifelt bittet David in der Arie Tu spernis precantem [20] um die Frau, die er liebt. Im Finale des ersten Teils versuchen alle bisher beteiligten Personen vergeblich Saul umzustimmen. Am Ende bleibt ihnen nur, die unheilvolle Situation zu kommentieren Vos furiae lacerate cor meum in tanto angore [Quintett 24].


CD 2

Teil 2

Zu Beginn des zweiten Teils fleht Michol in der Arie Sponsum dona pater chare [4] um den Geliebten. Saul gibt vor, sie zu erhören, hat aber längst beschlossen, David zu töten, Patri amanti amplexus dona [7]. Freudig fragt Michol den Berater des Königs Phalti nach David. Phalti kommentiert die (angeblich) glückliche Wendung Gaudete o sponsi amantes [9]. Michol, Jonathas und David treffen zusammen. Jonathas teilt ihnen stockend (versi spezzati!) mit, daß Saul soeben den Tod Davids angeordnet habe. Diese Ankündigung löst bei David Horrorvisionen aus. In einer großen Soloszene mit anschließendem Terzett, das aber weitgehend von David dominiert wird, [10-11] malt er sich sein hoffnungsloses Schicksal bildhaft aus. So sieht er eine furchtbare Hand mit Blut schreckliche Zeichen, die Tod und Grauen bedeuten, schreiben. Die Geschwister versuchen, David durch Treueschwüre zu besänftigen. Gemeinsam ergreifen sie die Flucht. Spelunca Engaddi. David hat erschöpft mit seinem Gefolge die Höhle von Engaddi erreicht, Solo mit Chor Ah quonam vado... / Taciti... incerti... [13]. Von Ferne hören sie die Verfolger. Saul betritt nun ebenfalls die Höhle und fällt in Schlaf [14]. David bemerkt ihn. Während ihn seine Gefährten auffordern, Saul zu töten, beschließt David, ihn zu schonen [15]. David schneidet zum Beweis seiner Ergebenheit einen Stück von Sauls Mantel ab [17]. Dann spielt er auf der Harfe, um den König zu wecken (instrumental). Als dieser erwacht und David gewahr wird, entflammt sein Zorn erneut. Er läßt sich auch nicht durch den Treuebeweis überzeugen. Im sich anschließenden Streitduett Ah quaeso serenum / Rebellis ab vade [20] wird keine Versöhnung erreicht. Erst durch das erneute Flehen der eigenen Kinder, Jonathas und Michol, lenkt Saul ein: Ratio vincat. Ein kurzer Jubelchor 0 plena jubilo amica dies! (in der italienischen Version: Oh qual grato mormorio [22] beschließt das Werk.

Anja Morgenstern

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Dank

John Stewart Allitt hatte sich jahrzehntelang in Theorie und Praxis um die öffentliche Anerkennung der Werke von Donizetti und Mayr bemüht. Wesentliche Publikationen zu beiden Meistern stammen aus seiner Feder. 1992 hatte er das erste international besetzte Symposion zu Johann Simon Mayr in Ingolstadt angeregt und ausgestaltet. Am 24. September 2006 besuchte er die Aufführung des „David“. Dann nahm er Abschied. Am 1. März 2007 verstarb der große Mayr-Forscher.


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