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8.570371 - SZELIGOWSKI: Concerto for Orchestra / Piano Concerto / 4 Polish Dances
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Tadeusz Szeligowski (1896–1963)
Lustspielouvertüre • Vier polnische Tänze
Klavierkonzert • Nocturne • Konzert für Orchester

 

Das kulturelle und musikalische Klima im Polen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war stark durch die politische Situation des Landes beeinflusst. Von 1795 bis 1918 war Polen komplett von der europäischen Landkarte verschwunden, während es von Russland, Preußen und Österreich besetzt war. Polnische Künstler genossen nicht dieselben Freiheiten des Ausdrucks wie ihre Kollegen in andern Teilen Europas; vielmehr spielten in der Literatur und der Musik patriotische Themen eine bedeutende Rolle bei der Bewahrung einer nationalen Identität. Fryderyk Chopin und Stanisław Moniuszko, der Schöpfer der polnischen Nationaloper, fanden als die vollendetsten polnischen Komponisten ihrer Zeit auch internationale Anerkennung. Zwei weitere wichtige polnische Romantiker, Zygmunt Noskowski (1846-1909) und Władysław Żeleński (1837-1921), kannte man vor allem in ihrer Heimat. Die Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit im Jahre 1918 und der sehr persönliche Stil Karol Szymanowskis verhalfen dem Musikleben des Landes und der jungen Komponistengeneration zu neuer Energie.

Tadeusz Szeligowski wurde am 13. September 1896 in Lwów (Lemberg) geboren, einer polnischen Stadt im damals österreichisch regierten Galizien. Zur musikalischen Szene von Lwów gehörten ein Opernhaus, das für seine niveauvollen Aufführungen des aktuellen Repertoires (Verdi, Wagner) bekannt war, ein Symphonieorchester sowie die Galizische Musikgesellschaft und ein Konservatorium. Häufig ließen sich hier führende Musiker der Zeit wie Oscar Nedbal oder Felix Weingartner hören. Den ersten Musik- und Klavierunterricht erhielt der junge Tadeusz von seiner Mutter, bevor er am Konservatorium seiner Heimatstadt studierte und von Vilem Kurz im Klavierspiel unterwiesen wurde. Anschließend ging Szeligowski an die Jagellonen-Universität von Kraków (Krakau), wo er Rechtswissenschaften studierte und 1922 zum Dr. jur. promoviert wurde. Während seiner Kraków Zeit hatte er auch Musikwissenschaft studiert und bei dem bekannten Komponisten Bolesław Wallek-Wallewski Kompositionsunterricht genommen. Er fand eine Anstellung als Korrepetitor an der Kraków Oper und machte sich mit dem Opernrepertoire vertraut. Seit 1923 wirkte er als Jurist in der Stadt Wilna, deren Musikleben ihn bald auch beschäftigte. Er arbeitete eng mit dem bekannten Schauspieltheater Reduta zusammen und komponierte Musik für etliche Produktionen dieser Bühne. Damals lernte er auch Karol Szymanowski kennen und wurde ein Bewunderer seiner Kunst. Von 1929 bis 1931 lebte er als Schüler von Nadia Boulanger und Paul Dukas in Paris. Madame Boulanger erkannte Szeligowskis musikalisches Talent, das sich durch seine Vertiefung in das Musikleben der französischen Hauptstadt weiter entwickelte. Er lernte die führenden europäischen Komponisten wie Enesco, Honegger und Prokofieff kennen und erlebte aus erster Hand die jüngsten Kompositionen von Milhaud und Poulenc, die Ballettproduktionen der berühmten Ballets russes von Diaghilew sowie Auftritte von Horowitz, Rubinstein, Heifetz, Paderewski und Toscanini. Er war bald mit den neuesten Trends der europäischen Musik vertraut, entwickelte seine kompositorischen Fertigkeiten sowie eine neue Sensibilität für orchestrale Farben und die Kunst der Instrumentation. Sein kompositorisches Debüt in Paris mit den Zielone pieśni („Grüne Lieder“) fand eine sehr gute Aufnahme.

Als Szeligowski 1931 nach Polen zurückkehrte, beschloss er, sich ganz der Musik und dem Komponieren zu verschreiben. Nach einer kurzen Tätigkeit am Konservatorium von Poznań (Posen) ging er wieder nach Wilna, dieses Mal aber, um am dortigen Konservatorium zu unterrichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und einer kurzen Phase in Lublin ließ er sich in Poznań nieder, einem der führenden Musikzentren im Nachkriegs-Polen. 1947 war er wesentlich an der Gründung der Poznań Philharmoniker beteiligt, und von 1947 bis 1949 war er deren erster Direktor. Seit 1950 unterrichtete Szeligowski Komposition am Konservatorium von Poznań (Państwowa Wyższa Szkoła Muzyczna), und ein Jahr später wurde er auch Lehrer am Warschauer Chopin-Konservatorium. Von 1951 bis 1954 war er der Leiter des Polnischen Komponistenverbandes. Weitere bedeutende Leistungen waren unter anderem die Gründung des Musikalischen Frühlings von Poznań, einem wichtigen Festival für zeitgenössische Musik, und die Tatsache, dass er den Internationalen Violinwettbewerb Henryk Wieniawski nach Poznań holte. Tadeusz Szeligowski starb am 10. Januar 1963.

Im Umfang seines kompositorischen Schaffens spiegeln sich Szeligowskis unterschiedliche Tätigkeiten. Sein langes Interesse am Theater resultierte in drei Opern. Deren wichtigste ist die 1951 in Wrocław (Breslau) uraufgeführte, im mittelalterlichen Kraków angesiedelte Bunt żaków („Der Aufstand der Scholaren“) zu einem Libretto von Roman Brandstaetter. Szeligowski schrieb auch drei Ballette, darunter Paw i dziewczyna („Der Pfau und das Mädchen“), das 1948 in Wrocław uraufgeführt wurde. Eine logische Folge des Interesses an Schauspiel und Theater ist eine lange Liste von Werken, in denen der Komponist Wort und Musik vereinte, bestehend aus Volkslied-Arrangements, einzelnen Originalliedern und Liederzyklen, Chorwerken und einer eindrucksvollen Gruppe von Stücken für Chor und instrumentale Begleitung. Die bekanntesten sind das 1948 entstandene Panicz i dziewczyna („Prinz und Mädchen“) für Sopran, Bariton, Chor und Orchester auf einen Text des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, die ein Jahr jüngere Rapsod (Rhapsodie) für Sopran und Orchester mit Worten eines weiteren romantischen Polen, Juliusz Slowacki, und endlich das Oratorium Odys płaczacy („Der weinende Odysseus“) aus dem Jahre 1962 für mehrere Sprecher, Chor und Orchester mit einem Text von Roman Brandstaetter.

Die vorliegende Aufnahme bietet eine Zusammenstellung der repräsentativsten symphonischen Werke von Szeligowski. Die Uwertura burleska („Lustspiel-ouvertüre“) von 1952 ist ein brillant orchestriertes, kurzes und fröhliches Stück, das für sich allein steht und nicht als Vorspiel einer größeren Komposition dient. Unter der Oberfläche der scheinbar sorglosen Haltung liegt freilich der emotionale Unterton eines Komponisten, der im Stalinismus leben und arbeiten musste. Der bemerkenswerte musikalische Sarkasmus, der aus dem Hauptthema der Ouvertüre spricht, erinnert uns an stilistische Elemente Schostakowitschs und lässt überdies an kleinere Werke von Dmitri Kabalewski denken, beispielsweise an seine Ouvertüre zu Colas Breugnon. Dem zweiten Thema der Uwertura muss man wegen seiner originellen, bezaubernd bitter-süßen Melancholie Beachtung schenken.

In den fünfziger und sechziger Jahren war es für Szeligowski und seine Altersgenossen aus Polen und anderen Staaten des Sowjetblocks eine sichere und lohnende Angelegenheit, sich mit der Folklore zu befassen. Zu den prominenten polnischen Komponisten, die sich in dieser Richtung versuchten, gehörten Witold Lutosławski mit seiner Kleinen Suite (1950) und dem Konzert für Orchester (1954) sowie Andrzej Panufnik mit seiner Altpolnischen Suite (1955) und dem Jagellonischen Triptychon (1966). Korowód, der erste der Vier polnischen Tänze von Szeligowski aus dem Jahre 1954, ähnelt dem polnischen Nationaltanz, der Polonaise. Er ist freilich weniger ein typischer Tanz als vielmehr zur Begleitung spezieller Prozessionen oder eines eleganten, festlichen Marsches geeignet. In der harmonischen Sprache und den metrischen Wechseln zeigen sich hier Szeligowskis moderne Züge.

Walc lubelski, ein Walzer aus der Gegend des ostpolnischen Lublin, ist aufgrund seiner Energie und seines Charakters grundlegend anders als die entsprechenden Werke der Wiener Meister. Das einfache Stück bezaubert durch seine Melancholie und Nostalgie.

Sielanka ist kein wirklich traditioneller Tanz, sondern vielmehr ein pastorales Idyll. Man kann sich bei diesem in der Tat unbeschwerten Satz leicht einen glücklichen, von Vergnügen und Lachen geprägten Tag auf dem Lande vorstellen.

Der Oberek ist ein schneller Volkstanz im Dreiertakt, der in vielen Gegenden Polens populär ist. Man kennt ihn auch als eine Form der Mazurka. Im Konzertsaal haben Chopin und später Szymanowski die Mazurkas mit ihren Klavierwerken bekannt gemacht. Den Oberek hat in einer noch reineren Form der polnische Violinvirtuose Henryk Wieniawski (1835-1880) mit seinen Kompositionen in den Konzertsaal gebracht. Szeligowski folgt den frühen Volkstraditionen und dem Beispiel Wieniawskis, indem er das Hauptthema vor allem der Solovioline überträgt, bevor er das Material zwischen verschiedenen Orchester-instrumenten wechseln lässt und die gesamte Tanzsuite zu einem wirkungsvollen, kräftigen Abschluss bringt.

Das Klavierkonzert (1941) ist in dem neoklassizistischen Stil geschrieben, den Szeligowski während seiner Studien in Paris beherrschen lernte. Das Werk zeigt auch eine beeindruckende Behandlung der Form und verrät in seiner virtuosen, gelungenen Konstruktion, dass der Komponist fürs Klavier zu schreiben wusste.

Chopins berühmte Nocturnes, die jedem polnischen Musiker und Komponisten besonders nahe stehen, dürften eine der Inspirationsquellen für Szeligowskis Nocturne (1947) gewesen sein. Man sieht hier aber auch, dass der Komponist einen Abstecher in den Impressionismus unternimmt. Die Erfahrungen der Pariser Zeit schlugen sich bei diesem Werk in einem weiten Spektrum musikalischer Farben, frischer Orchestrationsideen (die Verwendung des Englischhorns zum Beispiel) und einem impressionistisch fließenden Erzählstrom nieder – Merkmale, die für die französischen Meister des frühen 20. Jahrhunderts typisch waren. Szeligowskis Nocturne sollte als eine wichtige Ergänzung zum reichen Repertoire polnischer Nachtstücke betrachtet werden.

Das Konzert für Orchester (1930) ist eine Synthese aus den frühen kompositorischen Leistungen und den Erfahrungen, die Szeligowski in Paris gemacht hat. Es ist seine größte künstlerische Tat aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und eine der ersten Kompositionen, die sich mit der Form des Orchesterkonzerts auseinandersetzten – etliche Jahre, bevor Bartók oder Lutoslawski sie perfektionierten. Hier haben wir das beeindruckende Werk eines noch immer recht jungen Komponisten vor uns, der nicht nur nach einer innovativen Form greift, sondern auch die neueste harmonische Sprache verwendet und mit frischen Orchesterfarben spielt. Dabei gelingt ihm zwar nicht die brillante Beherrschung der formalen Gestaltung und die virtuose Entfaltung jeder Orchestergruppe in derselben Weise wie Bartók; doch auch sein Konzert für Orchester hat eine Menge interessanter Ideen zu bieten (beispielsweise die lange Kadenz der Solovioline, die sich am Ende des ersten Satzes entwickelt, oder der Gebrauch des volksmusikalisch inspirierten Themas im letzten Satz) und ist ein wichtiger Beitrag zum europäischen Orchesterrepertoire aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts.

Janusz Kepiński und Mariusz Smolij
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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