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8.570382 - SCARLATTI, D.: Stabat Mater / Missa breve, "La stella" / Te Deum / Magnificat
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Domenico Scarlatti (1685-1757)
Te Deum • Missa breve ‘La Stella’ • Cibavit nos Dominus • Magnificat • Stabat Mater

 

Domenico Scarlatti wurde am 26.10.1685 als sechstes Kind von Alessandro Scarlatti und seiner Frau Antonia geboren. Der Vater wachte allgegenwärtig – besorgt, verbessernd, ermunternd – über Domenicos musikalisches Heranwachsen und frühes Schaffen. Während Alessandro Scarlatti 1684 bis 1703 als Kapellmeister am neapolitanischen Hof tätig war, erhielt der sechzehnjährige Domenico bereits 1701 seine erste Anstellung zum „organiste e compositore“ der vizeköniglichen Kapelle von Neapel. Eine seiner Hauptaufgaben dort dürfte die Betreuung der Kirchenmusik in der Palastkapelle gewesen sein. 1705 schickte ihn der Vater nach Venedig, wohin der junge Domenico im Juni über Rom und Florenz gelangte. Über die Zeit in Venedig ist nicht viel bekannt. John Mainwaring berichtet in seinen „Memoirs“ (1760) über das Zusammentreffen zwischen Domenico und dem gleichaltrigen Georg Friedrich Händel und den legendären Tastenwettstreit der beiden.

Spätestens ab 1708 hielt sich Domenico in Rom auf. Dort war sein Vater Alessandro mittlerweile Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore, einer der drei Hauptkirchen des Vatikans. Domenicos Mitwirkung an der Aufführung der Werke des Vaters gilt als gesichert. In der Musikbibliothek des Kapitels der Kirche finden sich darüber hinaus vier Werke von Domenico, darunter die Messa breve „La Stella“ und die Motette „Cibavit nos“.

Wer sich um diese Zeit in Italien als Kirchenmusiker profilieren wollte, musste beweisen, dass er mit dem „Stile da chiesa“, dem Kirchenstil, vertraut war. Er musste sein Handwerk nicht nur im Sinne der satztechnischen Regeln beherrschen, sondern sich vor allem in den unterschiedlichen Stilarten („ diverstitá degli stili“) und deren Handhabung auskennen. Mit der Komposition der Messa erbrachte Domenico den Nachweis, dass er über die notwendigen Kenntnisse im Hinblick auf den „Stile da chiesa“ verfügte.

Domenico Scarlatti wirkte von 1709 an als Kapellmeister im Dienste der polnischen Königin Casimira, die in Rom im Exil lebte, bevor er 1713 zum Vizekapellmeister an die Cappella Giulia von San Pietro am Vatikan berufen und dort im folgenden Jahr zum Kapellmeister ernannt wurde. Diese Stellung hatte er bis zu seinem Aufbruch nach Lissabon im Herbst des Jahres 1719 inne.

Es bestehen keine Zweifel, dass in den ersten 20 Jahren seines Schaffens, die er in Italien verbrachte, die Kirchenmusik ein selbstverständliches Arbeitsfeld bedeutete und im Zentrum stand. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Domenico mit der ersten Stellung, die er außerhalb Italiens, in Portugal, antrat, einen Aufgabenkreis übernahm, in dem die Kirchenmusik ebenfalls eine bedeutende Rolle einnahm. In Lissabon, am Hofe Johanns V., leitete er die königliche Kapelle.

Aus portugiesischer Zeit überlieferte Kompositionen sind u.a. das „Te Deum“ und das „Magnificat“, beide streng tonal und harmonisch gehalten. Zeitungsberichte zeugen von einer Aufführung des „Te Deum“ während eines Gottesdienstes in der Kirche von San Roche.

Am königlichen Hof hatte Domenico Scarlatti auch die Aufgabe, Don Antonio, den Bruder des Königs, und die Infantin Maria Barbara im Cembalospiel zu unterrichten. Als Maria Barbara König Ferdinand von Spanien heiratete, folgte Scarlatti ihr 1729 nach Spanien. Am spanischen Hof begann seine zweite große Schaffensperiode. Er war der bedeutendste Cembalo-Virtuose seiner Zeit und Komponist von Cembalosonaten, die bis heute als sein wichtigstes Vermächtnis gelten. Das einzige Werk, das in Madrid unter seiner Aufsicht veröffentlicht wurde, sind die Esercizi per Gravicembalo, die er König Johann V. von Portugal widmete, der ihn 1738 in den Ritterstand erhoben hatte. Am 23. Juli 1757 starb Domenico Scarlatti in Madrid.

Die ersten beiden Teile der Missa breve “La Stella”, die in der damaligen Zeit liturgisch unmittelbar aufeinander folgten, fasste Domenico Scarlatti stilistisch zusammen. Das Kyrie ist im „Stile più sollevato“, und das Gloria, im „Stile concertato“ geschrieben. Die Unterschiedlichkeit beider Stile liegt weniger in der Satztechnik als in der Solo/Tutti- Struktur. Credo, Sanctus und Agnus Dei dagegen schrieb er im “Stilo more vetero”.

Das Fehlen des „Benedictus“ war in der Abfolge des Ordinarium missae üblich. Es war Brauch, anstelle des „Benedictus“ eine Wandlungs-Motette zu singen. „Cibavit nos“ (Er speiste uns) ist eine solche Motette, sie wurde wohl auch zusammen mit der Messe aufgeführt.

Das „Agnus Dei“ wurde üblicherweise nicht dreifach vertont, sondern dreimal gesungen, wobei in der dritten Strophe die Worte „Miserere nobis“(Erbarme Dich unser) durch „Dona nobis Pacem“ (Schenke uns Frieden) ersetzt wurden.

Die in allen Sätzen konsequent durchgeführte Solo/Tutti- Struktur trägt zu einer formalen Werkeinheit bei.

Das „Stabat Mater“ nimmt mit seiner visionären Weite und Phantasiefülle eine einzigartige Stellung inmitten der üblichen Chorliteratur ein. Mit seinem zupackenden, dramatischen Schwung, seiner lyrischen Anmut, verbunden mit klarer stilistischer Einheit und höchst organischer Anordnung gilt es als Meisterwerk.

Einer der eindrucksvollen Aspekte ist die Vielfalt, mit der der Komponist die chorischen Möglichkeiten entfaltet. Das „Stabat Mater“ ist für 10 Stimmen (SSSSAATTBB) und basso continuo geschrieben, die herkömmlicher Weise in zwei SSATB-Chöre aufgeteilt würden. Aber diese antiphonale Schreibweise taucht nicht auf. Vielmehr verwendet Domenico Scarlatti große Sorgfalt auf die Ausgewogenheit der der Stimmgruppen, besonders in den 4 gleichwertigen Sopranpartien.

Ein weiterer Aspekt ist die abwechslungsreiche Umgruppierung der Stimmen innerhalb kürzester Taktabschnitte, wodurch feinsinnige Differenzierungen der Klangfarben entstehen. Die stete Neuordnung der Stimmen sorgt für Dramatik und Dynamik.

Es gibt keine sicheren Nachweise, wann das „Stabat Mater“ komponiert wurde. Hinweise lassen vermuten und sprechen dafür, dass das „Stabat Mater“ aus Domenicos Zeit an der Cappella Giulia in Rom stammt, denn die dort üblicherweise zu Verfügung stehende doppelchörige Besetzung passte in idealer Weise zu dieser außergewöhnlichen Komposition.

Insgesamt ist es schwierig die Vokalwerke Scarlattis exakt zu datieren, es gibt nur wenige Autographen und man nimmt an, dass ein Großteil der Manuskripte während des Erdbebens von Lissabon im Jahre 1755 zerstört wurde.

Das Continuo, bestehend aus Theorbe, Violone, Orgel folgt routinemäßig der untersten Vokalstimme, in Abschnitten mit leichterem solistischem Satz stützt es durch harmonisches Fundament. Im Continuo erhöht Abwechslung zwischen einer 8 Fuß-Violone und einer 16 Fuß-Violone die Wirkung der Bassverdopplung, während die Theorbe den Klangfarbenreichtum verstärkt.

Dorothea Craxton

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Quellennachweise:
Jans, Hans Jörg: Vorwort zu Messa breve „La Stella“, Carus-Verlag, Stuttgart, 1988
Scandrett, Robert: Vorwort zu Stabat Mater, Carus-Verlag, Stuttgart,1986

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570382.htm

 


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