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8.570400 - BOTTESINI COLLECTION (The), Vol. 4
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Giovanni Bottesini (1821–1889)
Fantasia „La Sonnambula“ • Introduction et Variations sur le Carnaval de Venise

 

Giovanni Bottesini, der „Paganini des Kontrabasses“, wurde am 22. Dezember 1821 im norditalienischen Crema (Lombardei) in eine Familie talentierter Musiker hineingeboren. Seine eigene musikalische Ausbildung begann im Alter von fünf Jahren, als er bei einem Onkel Violine studierte. Zudem sang er als Knabensopran in Kirchenchören und spielte in mehreren regionalen Orchestern die Pauke. Als er dreizehn Jahre alt war, fragte ihn sein Vater, der in Erfahrung gebracht hatte, dass am Mailänder Konservatorium zwei Stipendien ausgeschrieben waren—eines für Fagott und eines für Kontrabass—, für welches er sich bewerben wolle. Der junge Bottesini entschied sich nicht für den Kontrabass, weil er sich zu diesem Instrument in besonderer Weise hingezogen fühlte, sondern weil er bereits eine gewisse Kenntnis der Streichinstrumente besaß. Während seines Vorspiels beeindruckte er die Jury mit seiner allgemeinen musikalischen Fertigkeit so sehr, dass man über seinen Mangel an Technik hinwegsah; an einer Stelle entschuldigte er sich dafür, dass er die Melodie nicht richtig spielte, versicherte jedoch, dass dies nicht mehr vorkommen werde, sobald er seinen Fingersatz im Griff habe.

Und so begann Bottesinis Verbindung mit dem Kontrabass, die ihm die größten Triumphe seiner langen und vielseitigen Karriere einbrachte. Als er 1839 das Konservatorium verließ, wurden ihm dreihundert Franc zuerkannt, mit denen er—zusammen mit sechshundert Franc, die er sich von einem Verwandten lieh—jenes Instrument erwarb, das ihn durch seine erfolgreiche Konzertkarriere begleitete. Es war 1716 von Carlo Antonio Testore gebaut worden: ein italienischer 3/4- Kontrabass, der einen oder anderthalb Töne höher als das übliche Orchesterinstrument gestimmt war. Die drei Saiten waren aus Darm, und er benutzte einen französischen Bogen, der etwas länger als üblich war. Bottesini gab sein erstes öffentliches Konzert im Jahr 1839 in Crema. 1840 unternahm er mit seinem ehemaligen Mitschüler Luigi Arditi eine Konzerttournee durch Italien. 1846 reisten die beiden Freunde nach Havanna, und dort schrieb Bottesini seine erste Oper, Cristoforo Colombo, die mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Komponiert hatte er bereits am Konservatorium: ein Quartett für Harfen in b-Moll. Seine Opern, insbesondere Ero e Leandro und Ali Baba, wurden zu seinen Lebzeiten sehr gut aufgenommen; seine Begeisterung für die menschliche Stimme kommt auch in seinen Werken für Kontrabass zum Ausdruck. Als Komponist fand Bottesini Anerkennung, als Kontrabass- Virtuose wurde er in allen Städten, die er besuchte, geradezu gefeiert: in St. Petersburg, London, Dublin, Paris und Wien ebenso wie in Buenos Aires und Boston. Er spielte vor den meisten gekrönten Häuptern Europas und wurde unter anderen von Zar Alexander II., Kaiser Napoleon III. und Königin Victoria gepriesen. Überall, wo er spielte, war das Publikum von der Brillanz seiner Technik gefesselt. Seine Freundschaft mit Verdi, die 1844 begonnen hatte, führte dazu, dass dieser ihn als Dirigent für die erste Aufführung von Aida in Kairo auswählte und als Direktor des Konservatoriums in Parma empfahl. Diesen Posten nahm er sechs Monate vor seinem Tod im Jahr 1889 an.


Francesca Franchi

 

Fantasia La Somnambula war die Komposition, die Bottesini in den frühen Jahren seiner Karriere Ruhm und Reichtum einbrachte. Mit diesem Stück bestritt er sein London-Debüt im Jahr 1849 und trug es dann zeitlebens mit großem Erfolg vor. Er stimmte zu, dass die Komposition bei Richault in Paris veröffentlicht wurde, so gehörte sie immer zum Repertoire von Bassisten, obwohl der Kontrabass-Part ursprünglich in der falschen Tonart gedruckt worden war!

Melodia in E (Romanza patetica) war ein beliebtes Salonstück und gehörte zu der bei Richault veröffentlichten Folge. Es entspricht der Form, die Bot-tesini für den Großteil seiner langsameren Komposi-tionen verwendete: Einer Introduktion folgt die melodische Hauptkomposition, und eine Coda bildet den Schluss. Die hier eingesetzten Obertöne zählen zu den höchsten auf dem Instrument.

Capriccio „a la Chopin“ ist, wie der Titel nahe legt, von Chopin inspiriert, dessen Musik Bottesini zu-sammen mit der Mendelssohns sehr bewunderte. Das Stück ist so konstruiert, dass es gewissermaßen sowohl gesehen als auch gehört werden kann, indem es sich großer Sprünge zwischen den oberen und unteren Registern des Instruments bedient.

Melodia ist ein Kunstlied, das Giulio Ricordi gewidmet ist und von jenem bekannten Verlag herausgebracht wurde. Es trägt den Titel Verliebter junger Mann und erzählt von dessen Kummer, da ihn die Liebste verlassen hat.

Tutto che il mondo serra ist in Wahrheit ein Arrangement von Chopins Etüde Nr. 19 in cis-Moll op. 25 Nr. 7 für Sopran, Kontrabass und Klavier. Es wurde zweifellos bei „Konzertfesten“ verschiedener Solisten vorgetragen, die gemeinsam auf Tournee gingen. Wir wissen, dass Bottesini zusammen mit dem Violinisten Wieniawski und der großen französischen Sopranistin Désirée Artôt auf einer dieser Tourneen von Paris nach St. Peterburg reiste—mit lauter Stationen unterwegs—, und man kann sich vorstellen, dass sie dieses Werk vortrugen. Der Text ist sehr melancholisch und erzählt uns, dass sich alles, was ihm auf der Welt teuer ist, von ihm abwendet.

Introduzione e Gavotta wird hier in der kompletten Version dargeboten. Es existieren zwei weitere Originalmanuskripte in gekürzter Fassung. Das Stück wurde in London unter dem Titel Queen Marie Gavotte auch für Klavier veröffentlicht.

Meditazione (Aria di Bach) ist das berühmte Air aus Bachs Orchestersuite D-Dur. Es wurde offensichtlich bei den Salonkonzerten vorgetragen, um welche die Künstler jener Zeit gebeten wurden. Damals wie heute ein populäres Lieblingsstück.

Die Variationen über die Arie Nel cor più non mi sento von Paisiello basieren frei auf Variationen über dasselbe Thema von Paganini und sind sowohl visuell als auch musikalisch konstruiert. Bei Konzerten kann man die großen Sprünge sehen, die erforderlich sind, um vom extrem tiefen Register zu den hohen Obertönen nahe dem Steg zu gelangen.

Ci divide l’ocean wird allgemein als Bottesinis bedeutendstes Kunstlied angesehen. Es wurde in der populären Ricordi-Sammlung italienischer Lieder veröffentlicht. Es schließt: „In meinem Herzen ist keine Freude, wir werden durch den Ozean getrennt.“

Romanza existiert nur in zwei Manuskriptversionen in einer Privatsammlung. Beide sind Emilia Dando gewidmet. Die Umstände dieser Widmung sind nach wie vor unbekannt—und das möglicherweise aus gutem Grund! Sie hat ihre erste Liebe betrogen. Sie sagt: „Gott, vergib mit diese verhängnisvolle Liebe und bring mir die Freuden zurück.“

Die Variationen über das schottische Air „Auld Robin Gray“ basieren auf dem seinerzeit beliebten Lied und sind ziemlich kurz, was vermuten lässt, dass sie als Zugabe verwendet wurden.

Rêverie ist ein klassisches langsames Stück Bottesinis. Hier verbindet sich sein großartiges Gefühl für italienische Melodie mit seiner virtuosen Technik. Es folgt in etwa derselben Form wie Melodie und Elegie, jedoch ohne Introduktion. Den Manuskripten zufolge könnte man vermuten, dass es zusammen mit einigen anderen Kompositionen Bottesinis in einer tieferen Tonart veröffentlicht wurde, damit es sich leichter spielen ließ. Hier erscheint es in der meines Erachtens korrekten Tonart.

Introduction et Varlations sur Le Carnaval de Venise ist die wahrscheinlich am schwersten zu spielende von Bottesinis gesamten Kompositionen und zusammen mit La Somnambula und Tarantella diejenige, die—oft unter dem Titel Air varié—in Programmen und Zeitungskritiken am häufigsten auftaucht. Ich erinnere mich an einen Brief an den Herausgeber von „The Scotsman“, in dem ein verärgerter Konzertbesucher, der in der Erwartung gekommen war, La Somnambula zu hören, statt dessen aber „diese Zirkusnummer“ angeboten bekam, seinen Ärger ausdrückt—was darauf hindeutet, dass Bottesini tatsächlich die Klänge der anderen Instrumente, die das Stück enthält, vortrug und zum Vorschein brachte.


Thomas Martin
Bearbeitung: Thomas Theise


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