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8.570406 - GARDNER: Piano Concerto No. 1 / Symphony No. 1 / Midsummer Ale Overture
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John Gardner (geb. 1917)
Midsummer Ale op. 73
Klavierkonzert Nr. 1 B-Dur op. 34
Symphonie Nr. 1 d-Moll op. 2

 

Ebenso überraschend wie unbegreiflich ist die Vernachlässigung, die John Gardners umfangreiches musikalisches Schaffen erfährt. Sein Werkverzeichnis erreicht die Opuszahl 249 und enthält Kompositionen für jede nur denkbare Besetzung, darunter Opern, Symphonien, Konzerte, Chorwerke, Kirchenmusik und Kammermusik. Seine bekannteste Schöpfung ist das auf mehr als dreißig CDs erschienene Tomorrow shall be my dancing day, eines der bekanntesten modernen Weihnachtslieder. Obwohl seine Musik im Laufe der Jahre häufig aufgeführt wurde, hat neben dem genannten Stück nur sehr wenig den Weg auf Tonträger gefunden.

John Gardner wurde am 2. März 1917 in Manchester geboren. Aufgewachsen ist er jedoch in Ilfracombe, Nord-Devon, wo der väterliche Teil seiner Familie seit drei Generationen in medizinischen Berufen tätig war. Sein Großvater John Twiname und sein Vater Alfred Linton komponierten, ersterer brachte sogar einige Salonstücke heraus, von denen einige noch heute bisweilen aufgeführt und eingespielt werden.

John Gardner verriet schon früh eine musikalische Begabung. Er ging an die Eagle House School nach Sandhurst, von dort mit einem Musikstipendium ans Wellington College und als Orgelstudent weiter ans Exeter College von Oxford. Das Archiv von Eagle House belegt, dass er im Dezember 1928 ein Schulkonzert mit Roger Quilters Children's Overture eröffnete. Am Wellington College studierte er zusammen mit John Addison, dem Dirigenten und Wissenschaftler (Sir) Anthony Lewis so-wie mit dem Instrumentalisten und Komponisten Philip Cranmer, der lange Jahre als Sekretär des Associated Board der Royal Schools of Music tätig war. Addison und Gardner spielten 1932 mit Gardners eigenem Rondo für zwei Klavier für ihr Haus um den Dormitory Music Cup, belegten dabei aber hinter demjenigen von Cranmer den zweiten Platz. Im selben Jahr spielte Gardner mit dem Schulorchester den ersten Satz aus Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert, worauf ein gewisser T. J. Hetherington den Mittelsatz und Anthony Lewis das Finale gaben.

In Oxford gehörte Reginald Owen Morris zu seinen Lehrern. Er habe, so erinnert sich Gardner, immer gelangweilt gewirkt, wenn er ihn unterrichtete, „als hätte er noch einen Zug kriegen müssen“. Die Mitschüler, darunter der Komponist Geoffrey Bush, waren neidisch darauf, wie leicht ihm die Arbeit von der Hand ging. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hinterließ John Gardner mit seiner Musik allmählich tiefere Eindrücke: Er lernte Hubert Foss kennen, der kurz zuvor die Musikabteilung der Oxford University Press (OUP) gegründet hatte, und der australische Komponist Arthur Benjamin stand ihm oft mit Rat und Tat zur Seite. 1934 veröffentlichte OUP Gardners Intermezzo für Orgel, im nächsten Jahr wurde seine Rhapsody für Oboe und Streichquartett in der Wigmore Hall aufgeführt, und 1937 brachte George Malcolm am Exeter College eine köstliche Serenade für Oboe, Klavier und Streichorchester zu Gehör. Das Blech Quartet spielte sein 1. Streichquartett g-Moll in Paris, wo es im Mai 1939 vom französischen Rundfunk übertragen wurde, und OUP veröffentlichte das Anthem Holy Son of God Most High. 1937 war John Gardner einer der ersten Komponisten, der für das neue Medium Fernsehen schrieben: Die BBC beauftragte ihn mit zwei Balletten und zwei Kabarett-Songs.

Nachdem John Gardner die Universität verlassen hatte, unterrichtete er kurz an der Repton School, wo John Veale zu seinen Schülern gehörte. Dann setzte der Krieg seiner Laufbahn praktisch ein Ende. Er ging zur Royal Air Force, arbeitete zunächst als Pianist in einer Tanzkapelle und als Kapellmeister der Fighter Command Band, bevor er bis zum Kriegsende beim Transport Command als Navigator diente. Von 1946–52 war er Korrepetitor am Royal Opera House, bevor er eine Reihe langjähriger Teilzeit- Lehraufträge erfüllte – unter anderem als Musikdirektor an der Mädchenschule von St. Paul's und am Morley College sowie als Professor für Komposition an der Royal Academy of Music. Fernerhin war er von 1965 bis 1987 Direktor und danach stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Aufführungsrechte. 1976 wurde er Commander of the British Empire. Während seines gesamten Lebens hat er komponiert; sein letztes Werk ist das Konzert für Fagott und Streicher op. 249 aus dem Jahre 2004.

Der Krieg hatte Gardners kompositorische Ambitionen weitgehend zurückgedrängt, doch nach der Demobilisierung konnte er endlich mit der Arbeit an einem großen Werk beginnen, der Symphonie Nr. 1 d-Moll op. 2. Er zog seine Vorkriegswerke zurück und begann wieder mit op. 1, da er die Zeit für einen Neuanfang gekommen sah. Die Symphonie wurde im Sommer 1947 vollendet, doch erst 1951 von Sir John Barbirolli beim Cheltenham Festival uraufgeführt. Die Fassung, die dort erklang, unterschied sich ein wenig vom Original, da Gardner den Anregungen des Dirigenten entsprochen und einige Veränderungen vorgenommen hatte. Die Symphonie ist Reginald Goodall gewidmet, mit dem Gardner zusammen am Opernhaus arbeitete; sie wurde während der nächsten zwei Jahrzehnte häufig gespielt und vom Rundfunk ausgestrahlt.

Nach der erfolgreichen Premiere 1951 kamen die ersten von vielen Aufträgen, die es ihm erlaubten, Komponist zu werden und ein Leben lang zu bleiben. Die Symphonie ist eines von wenigen Werken, die Gardner ohne Auftrag schrieb, ja einfach schreiben musste. Das in Spieldauer und Besetzung – dreifaches Holz – umfangreiche Werk verwendet trotz des „Neubeginns“ viel Material aus Gardners Vorkriegsschaffen. Dazu gehört beispielsweise der Anfang des Kopfsatzes – bis zu Takt 34, wo vor einem Tempowechsel ein leiser A-Dur-Akkord im Blech erklingt –, ursprünglich ein kurzes, inzwischen verschollenes Klavierstück von 1939 oder 1940. Der Beginn des Schluss-Satzes basiert auf dem Finale des 1. Streichquartetts g-Moll von 1938, das seinerseits schon die Revision eines älteren Wettbewerbsstücks gewesen war. Der thematische Kern vom Anfang des ersten Satzes bildet zwar eindeutig die Grundlage, doch ist das Material drängender, aggressiver geworden.

In späteren Orchesterwerken hat John Gardner häufig traditionelle Strukturen wie etwa die Sonatenform erkundet; die 1. Symphonie ist demgegenüber schwerer einzuordnen. Wenn man das Werk hört, geht man auf eine Reise, doch die Themen sind eng miteinander verbunden und befinden sich in einem Zustand dauernder Entwicklung und dauernden Übergängs – und genau das ist es, was der Komposition ihren Zusammenhalt verleiht und sie zu ihrem triumphalen D-Dur-Schlussakkord treibt. Eine detailliertere Analyse von Paul Conway ist im Internet unter http://www.musicweb-international.com/gardner/symphonies.html zu finden.

Das Klavierkonzert Nr. 1 B-Dur op. 34 ist das letzte von Gardners Werken, das Sir John Barbirolli uraufgeführt hat. Die Premiere fand im Juli 1957 beim Cheltenham Festival statt. Der Pianist war Cyril Preedy, dem man eine große Karriere vorhersagte, der aber 1965 mit 45 Jahren starb. Die glanzlose Uraufführung brachte mehr oder weniger das Aus; 1965 gaben Malcolm Binns und das London Philharmonic unter Adrian Boult das Werk noch einmal, doch von dieser Aufführung abgesehen, schlummerte es bis zur vorliegenden Aufnahme.

Das 1956 vollendete Klavierkonzert ist dem Auftraggeber Alfred Blundell gewidmet – einem Ehemaligen von Wellington, der zwar kein Musiker war, aber gern neue Musikstücke initiierte. Die Partitur verlangt doppeltes Holz, Blech ohne Posaunen und Tuba, zwei Schlagzeuger und Streicher.

Der erste Satz folgt dem Schema der klassischen Symphonie, verzichtet aber auf eine ausgedehnte Exposition und auf die Solokadenz, die für das klassische Konzert typisch ist. Der zweite Satz beginnt mit einem sechzehntaktigen Thema, das entwickelt und kurz wiederholt wird, bevor es vier Variationen erfährt, die zu einer Reprise des Themas und einer Kadenz zurückführen, in der sich dem Klavier einer Reihe anderer Instrumente zugesellt. Direkt anschließend folgt das Rondo-Finale, dessen Hauptthema mit dem Thema der Variationen verwandt ist.

Gardner ist es lieber, wenn seine Musik für sich spricht, weshalb er auch selten detaillierte Einführungstexte lieferte. So sagte er über die Ouvertüre Midsummer Ale op. 73, das er 1965 für das Morley College Orchestra komponierte: „Debussy und Joan Last dürften die einzigen Komponisten sein, die die Benennung eines Stückes nicht als furchtbar lästig empfanden. Ich habe mehr Zeit gebraucht, den Titel dieses Stückes zu finden, als seine Noten auf ein Fünflinien-System zu schreiben. Der Auftrag der Friends of Morley, ein Stück zum 75. Geburtstag des College im Jahre 1965 zu schreiben, ließ an etwas Leichtes, Fröhliches denken, und da es ursprünglich in einem Konzert am 29. Juni gespielt werden sollte [das abgesagt wurde, worauf die Premiere tatsächlich am 9. November 1965 stattfand], kam mir die Idee zu einem Sommerfest. Das wollte ich anfangs „Akademische Festouvertüre“ nennen, doch dann fand ich heraus, dass man den Titel schon 1879 in Breslau für eine Freudenfeier benutzt hatte. Schließlich entdeckte ich bei sorgfältiger Durchsicht von Brewer's Dictionary of Phrase and Fable (ein Muss für alle Komponisten, die Titel suchen) den Ausdruck „Midsummer Ale“, wobei das Wort „Ale“ hier in einem heute ungebräuchlichen Sinne benutzt wurde – als Ausdruck für ein Fest oder eine Feier, bei der natürlicherweise eine Menge Ale getrunken wird.“

Die Melodien dieses lärmenden Bacchanals schwingen durch ein unablässig wechselndes Feld von Zweiertakten und zusammengesetzten Metren. Das ist typisch für Gardners Musik und zeigt sich beispielhaft in dem nach wie vor populären Tomorrow shall be my dancing day, doch in Midsummer Ale erreicht das Verfahren eine neue Dimension des Rausches. Es ist ein Klassiker der englischen Light Music mit beglückenden, packenden Melodien, die man nur noch schwer aus dem Kopf bekommt, wenn man sie einmal gehört hat.

Chris Gardner
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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