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8.570409 - TCHAIKOVSKY: Songs (Complete), Vol. 4
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Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Lieder • Folge 4

 

Tschaikowsky wurde 1840 in Kamsko-Wotkinsk als zweiter Sohn eines Bergbau-Ingenieurs geboren. Seinen ersten musikalischen und allgemeinen Unterricht erhielt er von seiner Mutter und einer geliebten Gouvernante. Als Zehnjähriger kam er an die Rechtsschule von St. Petersburg, und 1859 trat er nach dem Abschluss des Studiums seinen Dienst beim Justizministerium an. In diesen Jahren kümmerte er sich privatim um die Entwicklung seiner musikalischen Fertigkeiten. Die Gründung des neuen Konservatoriums in St. Petersburg durch Anton Rubinstein ermöglichte es ihm, dort seit 1863 ein Vollzeitstudium zu betreiben. Zwei Jahre später wurde er dann selbst Lehrer, und zwar an dem Konservatorium, das Nikolai Rubinstein soeben nach dem Vorbild seines Bruders in Moskau eingerichtet hatte. Mehr als zehn Jahre lebte er nun in Moskau, bevor ihn die finanzielle Unterstützung der reichen Witwe Nadeshda von Meck in die Lage versetzte, das Konservatorium zu verlassen und sich ganz der Komposition zu widmen. Damals ging er eine unglückselige Ehe mit einer selbsternannten Verehrerin seines Werkes ein – einer Frau, die schon bald die ersten Anzeichen geistiger Labilität verriet und Tschaikowskys eigene Probleme nur noch verstärken musste. Während ihm seine homosexuellen Neigungen eine Qual waren, resultierten seine morbide Empfindlichkeit, seine Schüchternheit und die körperliche Abneigung gegenüber der Frau, die er geheiratet hatte, in einem schweren Nervenzusammenbruch.

Trotz der sofortigen Trennung von seiner Ehefrau galt es, praktische und persönliche Probleme zu lösen. Die Beziehung zu Nadeshda von Meck verhalf Peter Tschaikowsky nun nicht nur zu den anfangs für die Karriere benötigten finanziellen Mitteln, sondern sie brachte ihm auch das Verständnis und die Unterstützung einer Frau, die von ihm in körperlicher Hinsicht nicht das geringste verlangte und ihm de facto nie persönlich begegnet ist. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis endete erst 1890, als Frau von Meck aufgrund der falschen Vorstellung, sie sei bankrott, die Zahlungen an ihren Protégé einstellte, derer er inzwischen freilich auch nicht mehr bedurfte – im Gegensatz zu der Korrespondenz, die ihm fehlte.

Als Tschaikowsky 1893 plötzlich in St. Petersburg starb, kam es zu zahlreichen Spekulationen, die posthum um weitere Gerüchte vermehrt wurden. Man nahm an, dass er sich dem Druck eines Ehrengerichts aus ehemaligen Studenten der Rechtsschule gebeugt und Selbstmord begangen habe, um zu vermeiden, dass eine angebliche erotische Beziehung zu einem jungen Adligen in den Kreisen des Hofes einen offenen Skandal auslöste. Offiziell hieß es, er habe sich durch den Genuss unabgekochten Wassers die Cholera zugezogen. Wenn das so war, bleibt die Frage, ob es Unachtsamkeit, völlige Verzweiflung oder die Herausforderung des Schicksals war, die ihm den Tod brachten. In jedem Fall wurde sein Dahinscheiden weithin betrauert.

Peter Tschaikowsky hat rund einhundert Lieder komponiert – die ersten bereits vor seinem Eintritt ins Konservatorium, die letzten in seinem Todesjahr 1893. Das älteste der hier eingespielten Stücke ist O, spoy zhe tu pesnyu („Oh, sing’ dieses Lied“) [Track 15] auf ein Gedicht von Alexei Pleschtschejew, der dabei auf Verse der Engländerin Felicia Hemans (1793-1835) zurückgriff, von der man heute – nachdem sie seinerzeit recht en vogue gewesen war – eigentlich nur noch das Gedicht Casabianca („Der Knabe stand auf dem brennenden Deck“) über die Schlacht von Abukir kennt. Tschaikowskys Lied wurde im März 1873 als die vierte der Sechs Romanzen op. 16 veröffentlicht. Gerade hatte das Kaiserliche Theater seine Oper Der Oprichnik angenommen, die er im Dezember des Vorjahres eingereicht hatte, und im selben Monat war seine zweite Symphonie („Kleinrussische“) von Nikolai Rimsky- Korssakoff und dem St. Petersburger Kreis anerkannt worden. Gewidmet hat Tschaikowsky O, spoy zhe tu pesnyu seinem Studienfreund Nikolay Hubert: Noch einmal soll die Mutter das alte, traurige Lied singen, dessen Bedeutung der Sprecher inzwischen begriffen hat. Das fünfte Lied derselben Kollektion, Tak chto zhe? („Was kann ich sagen?“) [13], ist Nikolai Rubinstein gewidmet. In seinem Text spricht Tschaikowsky vom engelsgleichen Bild der Geliebten, das ihn Tag und Nacht begleite, während das Geheimnis dieser Liebe dem grausamen Spott der Geliebten verborgen sei: Sie solle ihn töten, doch sie solle ihn lieben. Glazki vesni golubiye [12] bedient sich des Gedichts Die blauen Frühlingsaugen aus Heinrich Heines Neuer Frühling in der Übersetzung von Michail Michailow: Die Veilchen sind die Augen des Frühlings, die aus dem Gras hervorschauen und die der Dichter für seine Liebste pflückt: Dabei singt die Nachtigall laut von den Gedanken des Dichters, und so erfährt der ganze Wald sein zartes Geheimnis. Das Lied entstand 1873 und erschien als Supplement im Januarheft 1874 der Zeitschrift Nouvelliste.

Der Oprichnik war im April 1874 in St. Petersburg auf die Bühne gekommen. Inzwischen hatte Tschaikowsky sein erstes Klavierkonzert geschrieben, dessen direkte und schroffe Ablehnung durch Nikolai Rubinstein ihn tief getroffen hatte. Anfang 1875 war die Orchestration des Werkes dennoch abgeschlossen, und Tschaikowsky befaßte sich im Auftrage seiner Verleger erneut mit der Liedkomposition. Die erste Kollektion kam noch im selben Jahre als Opus 25 unter dem Titel Sechs Romanzen heraus. Das erste Lied, Primiren’ye („Versöhnung“) [16], ist Alexandra Krutikowa gewidmet, die im Oprichnik die Rolle der Bojarin Morozowa gesungen hatte. In seiner nachdenklichen Elegie beschwört Nikolai Schtscherbina das Herz, zu ruhen und nicht zu erwecken, was vorbei ist: Man solle im Winter nicht an die Rosen denken, die im Frühjahr gebrochen wurden, und die Vergangenheit nicht zurückholen. Bei dem Text zum dritten Lied der Kollektion, Pesn’ Min’oni [22], handelt es sich um Fjodor Tjutschews Version des Mignon-Liedes Kennst du das Land aus Goethes Wilhelm Meister, das verschiedene Komponisten von Schubert bis Wolf vertont haben. Schon 1869 hatte Peter Tschaikowsky das Lied des Harfners („Nur wer die Sehnsucht kennt“) in der Übersetzung von Lev Mey vertont und mit beträchtlichem Erfolg als sechste Nummer seines Opus 6 herausgebracht. Damit wird sich die neue Romanze schwerlich vergleichen lassen. Diese ist der jungen Maria Kamenskaja gewidmet, die das Lied des Harfners schon bei einem Konzert im St. Petersburger Konservatorium gesungen hatte. Das vierte Lied, Kanareyka („Kanarienvogel“) [11], benutzt ein orientalisches Gedicht von Lev Mey und ist Wilhelmina Raab gewidmet, die im Oprichnik die Natalia sang. Die Musik versucht die exotische Stimmung des Textes einzufangen, in dem die Frau des Sultans ihren eingesperrten Kanarienvogel fragt, was denn schöner sei: Für sie zu singen oder in Freiheit nach Westen fliegen zu können. Der Vogel spricht von seinem Heimweh und meint, die Sultanin könne nicht verstehen, dass die Schwester eines Liedes die Freiheit sei. Der sechste und letzte Titel der Sammlung ist Kak naladili: Durak („Sie sagten: Du Narr, geh nicht“) [1], ein sehr viel „russischeres“ Lied. Lev Mey spricht hier mit den Worten eines Trunkenboldes, dem man rät, er solle sich tief in den Fluss beugen und Wasser trinken, damit ihm die Lust auf Wodka vergeht – was wahrscheinlich damit endet, dass er ertrinken wird.

Khotel bi v edinoye slovo („Für ein einziges Wort“) [10] ist eines von zwei Liedern, die Tschaikowsky für Nikolai Bernards Nouvelliste schrieb, wo es im September 1875 veröffentlicht wurde: Es ist die Vertonung des Gedichts Ich wollt, meine Schmerzen ergössen / Sich all in ein einziges Wort von Heinrich Heine in der Übertragung von Lev Mey. Das zweite Lied für den Nouvelliste war Ne dolgo nam guiyat („Keine Zeit für einen Spaziergang“) [2] auf Worte von Nikolai Grekov, der Shakespeares Romeo und Julia ins Russische übersetzt hat. In seinem Gedicht bleibt den Liebenden nur ein kleiner gemeinsamer Spaziergang, da doch das Leben und das Glück von so kurzer Dauer sind.

1875 schickte Peter Tschaikowsky seinem Verlag zwei weitere Liedsammlungen. Vecher („Abend“) [18] ist die vierte der Sechs Romanzen op. 28. Darin verwendet der Komponist ein Gedicht des Ukrainers Taras Schewtschenko in der russischen Übersetzung von Lev Mey: Der Verfasser beschreibt darin, wie die Frauen abends von den Feldern heimkommen und von ihren Familien beim Abendbrot begrüßt werden; dann werden die Kinder zu Bett gebracht, während man noch immer die jungen Frauen und die Nachtigallen singen hört. Das idyllische Bild wird musikalisch eingefangen: In der ersten Strophe hört man die Insekten summen, dann erklingt das Lied der Nachtigall. Das Opus 27 ist der Altistin Elisaveta Andrejewna Lawronskaja gewidmet.

Die Sechs Romanzen op. 38 schrieb Peter Tschaikowsky, als er 1878 nach seiner kurzen, katastrophalen Ehe und der Flucht ins Ausland auf dem ukrainischen Landsitz seiner (natürlich abwesenden) Gönnerin Nadeshda von Meck eingetroffen war. Das zweite der Lieder, To bilo rannayu vesnoy („Es war Frühlingsanfang“) [19], entsprach einem Vorschlage Mme. von Mecks und verwendet also ein Gedicht von Alexei Tolstoi, das auf Goethes Mailied zurückgeht: Darin wird in einer Mischung aus Freude und Trauer daran erinnert, wie der Dichter im jungen Frühling seine Geliebte vor sich sah. Auch der Text des dritten Liedes, Sred’ shumnovo bala („Im Getriebe des Balles“) [20], stammt von Alexei Tolstoi. Hier erblickt der Dichter seine Auserwählte bei einem Ball; er bewundert ihre Stimme, ihre Figur, ihren Blick, ihr Lachen – und als er in der Nacht allein ist, weiß er, dass er liebt. Die Romanzen op. 38 hat Tschaikowsky seinem Bruder Anatol gewidmet, der ihm bei den Schwierigkeiten des vergangenen Jahres eine große Hilfe gewesen war.

Die Sieben Romanzen op. 47 entstanden 1880. Das fünfte Stück dieser Kollektion, Blagoslavlyayu vas, lesa („Ich segne euch, Wälder“) [17], bezieht seinen Text aus einem umfangreichen Gedicht, in dem Alexei Tolstoi die Pilgerreise des Johannes von Damaskus beschreibt.

Alle weiteren Lieder der CD gehören zu den 1886 veröffentlichten Zwölf Romanzen op. 60, die Tschaikowsky der Zarin Maria Fjodorovna gewidmet hat. Das erste Lied Vcherashnyaya noch’ („Letzte Nacht“) [3] auf Worte von Alexei Chomjakow spiegelt die idyllische Szenerie, die Tschaikowsky inzwischen in seinem Landhaus zu Maidonowo genießen konnte. Im zweiten Lied, Ya tebe nichevo ne skazhu („Ich sage dir nicht alles“) [4], spricht der Dichter Alexei Fet von einer Liebe, die alle Worte übersteigt, weshalb er seine Gefühle für sich behält. Der dritte Titel, O, esli b snali vi („Oh, wenn du nur wüsstest“) [14], ist Alexei Pleschtschejews Übersetzung des Prière von Sully Prudhomme, das von einer Liebe spricht, die der einsame Dichter nicht auszusprechen vermag. Das vierte, Solovey („Nachtigall“) [8], bedient sich eines Textes von Puschkin nach einem serbischen Volkslied, in dem der Sänger von dem dreifachen Kummer spricht, der ihn ins Grab bringt: einer zu frühen Ehe, einem müden Pferd und dem Verlust der Geliebten. Im fünften Lied, Prostiye slova („Einfache Worte“) [9], preist der Komponist die Geliebte – wofür er nur einfache Worte findet. In Prosti ( „Verzeih’ mir“) [5], dem achten Titel des Zyklus, bittet der Dichter Nikolai Nekrasow um Vergebung für seine Eifersucht und eine Erneuerung der alten Liebe. Darauf folgt Noch’ („Nacht“) [7], ein Lob der nächtlichen Schönheit von Jakov Polonsky, der in Za oknom v teni melkayet („Im Schatten vor dem Fenster“) [6] nach seiner Geliebten ruft, die im Hause weilt. Das elfte Lied, Podvig („Die Heldentat“) [21], ist eine weitere Komposition nach Alexei Chomjakow, die in der Schlacht, der Liebe, beim Gebet und im Leben heldenhafte Taten verlangt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Transkribieren gesungenen Texte sind online unter  www.naxos.com/libretti/570409.htm

 


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