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8.570416 - STANFORD: Clarinet Sonata / Piano Trio No. 3 / 2 Fantasies
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Charles Villiers Stanford (1852–1924)
Kammermusik mit Klarinette • Klaviertrio Nr. 3 op. 158

 

Charles Villiers Stanford wurde 1852 in Dublin als Spross einer protestantischen Familie und Sohn eines bekannten Anwalts geboren. Er wuchs in einem kultivierten Heim auf, zeigte schon früh außergewöhnliche musikalische Fähigkeiten und erhielt von seinem Vater, der ihn eigentlich für die Juristenlaufbahn bestimmt hatte, die Erlaubnis zu einer musikalischen Karriere, die allerdings auf dem Fundament einer konventionelleren Ausbildung stehen sollte. 1870 kam Stanford mit einem klassischen Stipendium an das Queen's College von Cambridge, wo er auch mit einem Orgelstipendium ausgezeichnet wurde. Während seine geisteswissenschaftlichen Leistungen nicht unbedingt die besten waren, erwarb er sich als Musiker einen solchen Ruf, dass er seit 1873 als Organist des Trinity College und überdies als Chordirigent tätig war. Nach seiner Graduierung im Jahre 1874 ging Stanford wie geplant nach Deutschland; sein Organistenamt in Cambridge wurde in der Zeit seiner Abwesenheit von „Urlaubsvertretungen“ wahrgenommen. Dem Rat William Sterndale Bennetts (1816–1875) folgend, hatte er sich zum Musikstudium in Leipzig entschieden, wo er zwei Jahre als Schüler von Carl Reinecke (1824–1910) verbrachte. Anschließend studierte er – jetzt von Joseph Joachim beraten – mit größerem Nutzen bei Friedrich Kiel (1821–1885) in Berlin. Der Ausbildung in Deutschland folgte eine Karriere, in der deutsche Einflüsse eine wichtige Rolle spielten: Johannes Brahms war Stanfords kompositorisches Vorbild, und mit Joseph Joachim verband ihn eine langjährige enge Freundschaft. Immer wieder bemühte er sich, seine Werke in Deutschland aufführen zu lassen, wo er besonders mit seinen Opern bessere Chancen hatte als in England.

In Cambridge hatte sich Stanford von Anfang an einen Namen als Organist gemacht. Seine Tätigkeit als Dirigent der Cambridge University Music Society, die ihm 1873 übertragen wurde, ermöglichte ihm die Aufführung eigener Werke und die Förderung anderer Komponisten. 1887 wurde er schließlich Professor der Musik in Cambridge. Dieses Amt nahm er zusammen mit der Kompositionsprofessur wahr, die er sich am neugegründeten Royal College of Music mit Hubert Parry teilte. An dem Londoner Institut leitete er zudem ein Orchester. Stanford lebte in Cambridge und London, und aufgrund seiner musikalischen Aktivitäten auf der Insel wurde er zu einer der führenden Persönlichkeiten des Landes. Sein Einfluss als Lehrer ist unschätzbar. Zu seinen Schülern gehörten viele der führenden britischen Komponisten des 20. Jahrhunderts von Ralph Vaughan Williams und Gustav Holst bis zu Frank Bridge und Arthur Bliss. Auch im Ausland machte er von sich reden: Besonders kamen ihm die früher in Deutschland angeknüpften Verbindungen zugute, so unter anderem 1881 in Hannover bei der Premiere seiner Oper The Veiled Prophet of Khorassan und 1884 in Hamburg bei der Erstaufführung seines Savonarola. Letztgenanntem Werk war in London wegen einer Unterlassungsklage gegen das englische Libretto eine richtige Aufführung versagt geblieben. Auf dem Gebiet des musikalischen Dramas tat er viel, um in London eine lebensfähige Oper durchzusetzen, wobei ihm seine diesbezüglichen Neuerungen am Royal College halfen.

Den Höhepunkt seines Ruhms erlebte Stanford in den letzten Jahrzehnten des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der 1902 zum Ritter geschlagene Komponist musste dann jedoch erleben, wie sein Ansehen seit 1914 allmählich verblasste und seine Musik aus der Mode kam. Mit Anthems und liturgischen Werken hat er das anglikanische Repertoire auf bedeutende und nachhaltige Weise erweitert und reformiert; in seiner Orchestermusik jedoch blieben Schumann und Brahms durchweg bedeutende Vorbilder. Dazu kam freilich auch ein starkes irisches Element, das sich offenkundig in den sechs Irish Rhapsodies, einem Irish Concertino, in der dritten von sieben Symphonien – der Irish Symphony von 1887 – und vielen Vokalwerken zeigt. Seine Loyalität zu Irland erstreckte sich allerdings nicht auf die Republikaner, und er stand eindeutig in Opposition zu der auf Eigenständigkeit Irlands bedachten „Irish home rule“, von weiterreichenden Unabhängigkeitsbestrebungen ganz zu schweigen.

Das früheste der hier eingespielten Werke, die Drei Intermezzi für Klarinette und Klavier op. 13, entstand Ende 1879 und wurden im Februar 1880 bei einem Konzert der Cambridge University Musical Society vom Komponisten zusammen mit Francis W. Galpin (1858–1945) uraufgeführt, der damals noch Student am Trinity College, Bibliothekar der Musikalischen Gesellschaft und Orgelschüler von William Sterndale Bennett war. Galpin wurde 1883 als Geistlicher der Church of England ordiniert und verband seine kirchliche Tätigkeit später mit dem Studium der Musikinstrumente. Seine ausgezeichneten und umfassenden Beiträge zur Instrumentenkunde wurden nach seinem Tod durch die Gründung einer Galpin Society anerkannt, die seine Arbeit weiterführt. Der Verleger der Intermezzi bot die Stücke zwar für Violine (oder Klarinette) und Klavier an, Stanford jedoch ließ mit seiner idiomatischen Schreibweise keinen Zweifel daran, wofür er diese Werke gedacht hatte, die den Klarinettenstücken von Johannes Brahms um mehr als zehn Jahre vorausgehen. Das erste Intermezzo in B-Dur hat einen lebhafteren Mittelteil. Das zweite in d-Moll hat einen Mittelteil, der mit Tranquillo bezeichnet ist und in B-Dur steht, wobei hier gelegentlich brahmsische Gegenrhythmen verwendet werden. Das dritte in c-Moll verwendet in seinem C-Dur-Mittelteil charakteristische Klarinettenarpeggien und gebrochene Klavierakkorde.

Die andern Werke gehören einer relativ späten Schaffensphase an. Die 1911 vollendete Klarinettensonate op. 129 widmete Stanford den Klarinettisten Oscar Street, einem Schüler von George Clinton, und Charles Draper, der bei Henry Lazarus studiert hatte. Street arbeitete als Solicitor – ein angelsächsische Form des Anwalts für Angelegenheiten vor niederen Gerichten – und war daneben Orchestermusiker, während Draper 1903 Stanfords Klarinettenkonzert uraufgeführt hatte und 1916 mit Stanfords ehemaligem Schüler Thomas Dunhill auch die Sonate aus der Taufe hob – im Rahmen einer von Dunhill veranstalteten Kammermusikreihe. Am Anfang des Werkes mit seinen entschiedenen Brahms-Anklängen steht ein Satz in Sonatenform, auf dessen drittes Thema in As-Dur noch einmal im Schlussteil angespielt wird. Der langsame Satz ist mit Caoine überschrieben; dabei handelt es sich um eine irische Totenklage, die hier mit Adagio (quasi Fantasia) bezeichnet ist und der Klarinette die Möglichkeit zu Läufen und Arpeggien gibt, während das Klavier gelegentlich an die gebrochenen Akkorde einer irischen Harfe erinnert. Brahms meldet sich dann im abschließenden Allegretto grazioso zurück: Das erste rhythmische Motiv erlangt eine gewisse Bedeutung, und das zweite Thema verwendet die tieferen Register der Klarinette. Der Satz endet in geheimnisvoller Stille.

Als das dritte Klaviertrio „per aspera ad astra“ op. 158 entstand, hatte sich der musikalische Geschmack geändert, weshalb Stanford zumindest für seine ambitionierteren Kompositionen keinen Markt mehr fand. Aus finanziellen Gründen musste er weiterarbeiten, und er scheint verbittert darüber gewesen zu sein, wie schlecht ihm seine vielfältigen Dienste an der britischen Musik gedankt wurden. Dabei hielt er mit seinen Ansichten über die aktuellen musikalischen Trends nicht hinter dem Berg. Die Partitur des dritten Klaviertrios wurde im April 1918 vollendet und trägt die Initialen zweier Söhne von Alan Gray. Dieser war als Organist am Trinity College und als Dirigent der Cambridge University Musical Society Stanfords Nachfolger geworden und hatte die beiden Söhne in den letzten Kriegsmonaten verloren. Das dicht gearbeitete Trio beginnt mit einem Allegro moderato ma con fuoco, dessen dramatischer Beginn zum ersten der beiden beherrschenden Themen führt. Dem Adagio in F-Dur mit seinem kontrastierenden Mittelteil folgt als Finale ein Allegro maestoso e moderato in A-Dur mit kontrapunktischen Anteilen, die besonders in dem quasi-fugierten Sechsviertel-Abschnitt vor der Coda zutage treten.

Die beiden Fantasien für Klarinette und Streichquartett entstanden im Oktober 1921 bzw. Januar 1922 – offenbar für Schüleraufführungen am Royal College (vgl. Jeremy Dibble, Charles Villiers Stanford: Man and Musician, Oxford 2002) – und wurden 1996 veröffentlicht. Sie sind dreisätzig und sollen möglicherweise ohne Pause gespielt werden. Die erste Fantasie beginnt mit einem Marsch in g-Moll und einem synkopierten Klarinetteneinsatz. Dem Andante Es-Dur folgt ein lebhafter Schluss-Satz, der endlich nach G-Dur gelangt. Das zweite Werk verbindet die Sätze mit thematischem Material des Kopfsatzes, der nach dem an dritter Stelle stehenden quasi-scherzo und seinem kontrastierenden Trio wiederholt wird. Die beiden Fantasien beweisen Stanfords fortdauerndes Interesse an der Klarinette, deren Repertoire er um bedeutende Beiträge erweitert hat.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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