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8.570417 - FINZI: Dies natalis / Farewell to Arms / 2 Sonnets
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Gerald Finzi (1901–1956)
Dies natalis • Farwell to Arms • Two Sonnets

 

Gerald Finzi studierte privat bei Ernest Farrar, Edward Bairstow und R. O. Morris. In den 1920er Jahren machte er mit Werken wie der Orchesterminiatur A Severn Rhapsody (1923) auf sich aufmerksam. Dieses Werk erklang übrigens erstmals mit dem Bournemouth Municipal Orchestra (dem Vorläufer des heutigen Bournemouth Symphony Orchestra) unter Dan Godfrey, der ein nimmermüder Streiter für die Sache der britischen Musik war. Sein Ruf als Komponist festigte sich mit den Aufführungen seines Liederzyklus’ A Young Man’s Exhortation (1926-1929) und der Kantate Dies Natalis (1925-1939), die zu Recht als ein kleines Meisterwerk ihrer Zeit gilt. Zwei seiner bekanntesten Werke sollten erstmals in den Kriegsjahren erklingen: die Shakespeare-Vertonung Let us garlands bring (1929-1942), und die Fünf Bagatellen für Klarinette (1920er, 1941-1943). In den Jahren nach dem Krieg entstanden dann Werke wie die Chor-Ode For St. Cecilia (1947), das Klarinettenkonzert (1848/49) sowie die großangelegte Wordsworth-Vertonung Intimations of Immortality (1936-38, 1949/50). Finzis letzte Lebensjahre waren von einer unheilbaren Krankheit überschattet. Gleichwohl konnte er noch zwei weitere große Werke vollenden: das Cellokonzert (1951-1955) und die‚Weihnachtsszene’ In terra pax (1951-1954, 1956).

Einen wesentlichen Teil im Schaffen Finzis nehmen Lieder und Vokalwerke ein, wobei seine Vertonungen – oft auf Texte seines Lieblingsdichters Thomas Hardy, auch aber auf andere Autoren aus dem reichen Fundus Englischer Prosa und Lyrik des 16. und 17. Jahrhunderts – stets gleichsam die Essenz des jeweiligen dichterischen Gedankenguts widerzuspiegeln scheinen. Finzis tatkräftiger Geist ging dabei freilich weit über seine Kompositionen hinaus: so war er nicht nur ein unersättlicher Leser, der im Laufe seines Lebens gut 3000 Bände in seiner Bibliothek ansammelte, sondern darüber hinaus zeitlebens auch ein glühender Fürsprecher von zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponisten wie etwa Ivor Gurney oder Hubert Parry. Er gründete ein ausgezeichnetes Amateurorchester, die Newbury String Players, und schließlich bewahrte er auch noch etliche traditionelle englische Apfelsorten in seinem Obstgarten vor dem Aussterben.

Typisch für Finzi war, dass er seine Werke langsam, über eine ganze Reihe von Jahren hinweg vollendete. So begann die Arbeit an Dies natalis in den 1920er Jahren, wurde dann aber erst 1939 abgeschlossen. Als Werk für hohe Stimme und Streicher wurde es bei seiner Uraufführung im Jahr 1940 von Elsie Suddaby gesungen, die vom New London String Ensemble unter Maurice Miles begleitet wurde. Das Werk offenbart einige wesentliche Facetten des Komponisten und seiner Musik. Zum einen sind da Finzis musikalische Wurzeln: Elgar und Vaughan Williams, wobei Bach hier noch als weiterer Einfluss zu nennen wäre, ähnelt das Werk von der Form her doch einer Solokantate. Die Wahl des metaphysischen Geistlichen Thomas Traherne (ca. 1637-1674) zeigt einmal mehr Finzis überragendes literarisches Urteilsvermögen, wie auch seinen Hang, sich der Vergessenheit anheim Gefallener anzunehmen, so er denn an das entsprechende Werk und dessen Qualität glaubte. Schließlich steht Dies natalis auch für Finzis immer wiederkehrende Beschäftigung mit Themen wie der Flüchtigkeit des Lebens oder auch den Verlust der kindlichen Naivität durch die Realitäten des Erwachsenseins. Der Text entstammt Trahernes Three Centuries of Meditation. Und was Finzi an ihm faszinierte war die gleichsam unbefleckte Sicht des Dichters auf die Welt, so, wie sie ein neugeborenes Kind erfahren würde.

Die Intrada für Streicher allein sinnt bereits über die Themen der nachfolgenden Rhapsody, in der Finzi den Text in jener subtilen Mischung aus Rezitativ und Arioso setzt, die ihn so auszeichnete. Es gemahnt an die Worte, die Finzi einmal dem Dichter Edmund Blunden schrieb: „Ich ziehe es vor, die Musik aus den jeweiligen Worten heraus zu entwickeln, anstelle sie einem Text einfach anzupassen“.

The Rapture liegen zwei Inspirationsquellen zugrunde: zum einen die 120 geschnitzten Engel im Hammerbalken-Gewölbe der St Wendreda’s Church in March (Cambridgeshire), zum anderen Botticellis Geburt Christi in der National Gallery. Aus ihnen leitete Finzi seinen freudigen Tanz engelhafter Lobpreisung ab. Die spirituelle Ekstase, die Finzi in Wonder zum Ausdruck bringt, wird durch die subtile Verwendung harmonischer Dissonanzen noch verstärkt, während The Salutation dann in Form eines Bach’schen Choralvorspiels daher kommt. Mit dem friedvollen Entspinnen der Melodie in den Streichern, mit der die ruhigen, gleichsam seufzenden Phrasen der Solostimme noch hervorgehoben werden und an Elgar gemahnenden fallenden Septimschritten, beschließt der Satz das Werk in einer Stimmung verzückter Ehrfurcht.

Viele von Finzis Werken waren ursprünglich als Teil eines größeren Werkkomplexes gedacht. Finzi legte sie ganz bewusst beiseite, bis dass sich die Ideen für die dazugehörigen Sätze in seinem Geist manifestiert hätten. Das Prelude for Strings ist so ein Fall. In den 1920er Jahren zunächst als Satz einer Kammersinfonie entworfen, sollte es im folgenden Teil eines orchestralen Jahreszeiten-Triptychons mit dem Titel The Bud, The Blossom and The Berry (Die Knospe, die Blüte und die Beere) werden, das aber auch nicht recht gedeihen wollte. Der Bud Satz wurde in einer Fassung für Klavierduett 1929 aufgeführt, dann aber als Prelude für Streicher umgeschrieben, dem Finzi einen kontrastierenden Satz zur Seite zu stellen gedachte. Auch daraus wurde allerdings nichts, und so erklang das Werk nach Finzis Tod erstmals 1957 mit den Newbury Strings unter Leitung von Finzis ältestem Sohn, Christopher.

The Fall of the Leaf (Der Fall des Blattes) entstand aus Ideen, die eigentlich für den BerrySatz des Triptychons gedacht waren. Es erklang zuerst als Klavierduett, im selben Konzert, in dem auch der Bud Satz gespielt wurde, aus dem dann das Prelude werden sollte. Finzi revidierte das Werk, vervollständigte es (nach gut fünf Versionen) in den frühen 1940er Jahren wiederum als Klavierduett und hinterließ bei seinem Tod gut ein Drittel des Werkes instrumentiert. Die Aufgabe, die Instrumentierung zu vollenden, fiel Finzis engem Freund und musikalischen Nachlassverwalters Howard Ferguson zu, der auch die Angaben zu Phrasierung und Dynamik ergänzte. Das Werk erklang dann erstmals 1957 mit dem Hallé Orchestra unter John Barbirolli. Der Titel selbst entstammt einer kurzen Almain Martin Pearsons aus dem Fitzwilliam Virginal Book. Das im Untertitel als Elegy bezeichnete Werk entfaltet sich aus einer pastoralen Melodie in den Streichern und steigert sich hin zu zwei dramatischen Höhepunkten.

Die Two Sonnets auf Worte von John Milton wurden im Jahr 1928 vollendet und erklangen erstmals 1936 mit Steuart Wilson unter der Leitung von Iris Lemare. Nach der Veröffentlichung warf ein Kritiker Finzi vor, er habe Lyrik vertont, die dafür nicht geeignet sei. Finzis ruppige Antwort darauf darf als durchaus typisch für ihn gelten: „Ich hasse diesen ganzen Quatsch und all’ das Gewäsch über Komponisten, die versuchen würden, einem Gedicht etwas ‚hinzuzufügen’; dass ein gutes Gedicht sich selbst genug sei, und dass eine Vertonung es allenfalls ruinieren könne … entscheidend ist doch zunächst einmal, dass ein Komponist (aller Wahr-scheinlichkeit nach) von einem Gedicht berührt ist und den Wunsch hegt, sich mit ihm zu identifizieren und seine Empfindung mit anderen zu teilen … Ich habe den Eindruck, dass die Leute nicht den Unterschied erkennen, der zwischen der Wahl eines Textes einerseits liegt und andererseits dem Vorgang, von einem Text gewählt zu werden.“ Finzi schrieb dies an den befreundeten Komponisten Robin Milford, wobei er ihren Charakter recht treffend mit „eher mürrisch und kompromisslos“ umschrieb. Besonders wirkungsvoll ist der Schluss des zweiten Sonetts, das mit einem an Holst gemahnenden Schreitbass unterlegt ist und zu einer innig-würdevollen Melodielinie anschwillt, mit der Miltons brennendes Verlangen, Gott, seinem ‚großen Aufseher’ zu dienen, treffend Ausdruck verliehen wird.

Finzi sollte erneut von Godfreys Einsatz profitieren, als dieser 1932 sein Bournemouth Orchestra bei der Uraufführung der New Year Music leitete, ein Werk, das bei seiner Veröffentlichung dann den Titel Nocturne (New Year Music) erhielt. Das Stück entstand 1928 und wurde in den 1940er Jahren überarbeitet. Die dem Werk zugrunde liegende Inspirationsquelle enthüllte Finzi im Vorwort der Partitur, in dem er zwei literarische Quellen zitiert: Charles Lambs New Year’s Eve Essay aus dessen The Essays of Elia und Robert Bridges Gedicht Noel: Christmas Eve, 1913. Finzi schließt sich Lamb darin an, dass der Silvesterabend von einer „ernüchternden Traurigkeit“ bestimmt sei, und fährt fort: „Hier findet man also keine Ausgelassenheit und dergleichen mehr, sondern vielmehr eine Stimmung, für die Robert Bridges sehr schöne Worte gefunden hat – ‚als die Sterne leuchteten, ging ich für mich allein’“. Er vertiefte dies in einem Brief an Milford und bemerkte: „Ich liebe den Silvesterabend, selbst wenn ich ihn für den traurigsten Augenblick des Jahres halte. Jedenfalls ging es in meiner New Year Music genau darum!. Ist Ihnen Lambs New Year’s Eve Essay kein Begriff?“

Im Einleitungsteil sinniert Finzi über Lambs ‚ernüchternde Traurigkeit’ mit einer ebenso trübsinnigen wie nachdenklichen Musik. Dem schließt sich ein zentraler Mittelteil in Form eines würdevoll-ernsten Tanzes nach Art einer Galliard an, in der nicht allein Bridges bewusster Aufbruch anklingt, sondern auch die Pracht des von Sternen erleuchteten Firmaments. Dieser Tanz wird einem Höhepunkt zugeführt, ehe die Melancholie des Anfangs dann zurückkehrt.

Farewell to Arms ist ein weiteres Beispiel für ein Werk, dessen Ausformulierung etliche Jahre in Anspruch nahm und belegt darüber hinaus einmal mehr Finzis Begeisterung für Lyrik des 17. Jahrhunderts. Der zweite Satz, Aria (aus den Jahren 1926-1928) ist die Vertonung eines Sonetts aus George Peels Polyhymnia und erklang erstmals 1936. Während des 2. Weltkrieges stieß Finzi dann auf Ralph Knevets Gedicht The helmet now, das sich ähnlicher Bilder bediente wie das Sonett Peels und so zu einem perfekten Begleiter für die Aria wurde. Finzi betitelte es Introduction. Beide Sätze erklangen dann gemeinsam unter dem Titel Farewell to Arms 1945 mit Eric Greene und dem BBC Northern Orchestra unter Charles Groves.

Finzis Gabe, ebenso geschmeidige wie ausdrucksstarke Rezitative zu schreiben zeigt sich einmal mehr in der Introduction, wohingegen die Aria wiederum als Bach’sches Choralvorspiel daher kommt. Der stete, unaufhaltbare Lauf der Zeit, der im fortlaufenden Bass und der traurigen, weitgespannten Gesangslinie anklingt, wird hier zum bitteren Symbol für die Flüchtigkeit des Lebens, wie sie in Zeilen wie ‚O time too swift, O swiftness never ceasing’ anklingt [Oh allzu rasche Zeit, Oh nie verebbende Raschheit]. Finzi wusste nur zu gut, dass es sich bei ‚Schönheit, Stärke und Jugend’ um Blumen handelt, die dereinst dahinwelken.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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