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8.570418 - TCHAIKOVSKY: Ballet Suites (Transcriptions for Piano 4 Hands)
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Peter Ilyich Tschaikowski (1840-1893)
Ballett-Suiten (vierhändige Klaviertranskriptionen)

 

Peter I. Tschaikowski, 1840 als Sohn eines Bergwerkunternehmers in Wotkinsk im Ural geboren, erhält auf eigenen Wunsch schon früh Klavierunterricht. Nach dem Studium der Rechte arbeitet er in Petersburg im Justizministerium, bis er 1862 seiner Neigung folgt und Kompositionsunterricht bei Anton Rubinstein, dem Gründer des Petersburger Konservatoriums, nimmt. Ab 1866 Dozent an dem von Nikolai Rubinstein neugegründeten Moskauer Konservatorium, erringt er mit seinen Kompositionen erste Erfolge.

Während er in Russland und bald auch im Ausland als Komponist zu Ruhm gelangt – 1875 wird sein erstes Klavierkonzert in Boston von Hans von Bülow mit größtem Erfolg uraufgeführt –, durchlebt er heftige private Krisen. Seiner Heirat mit Antonina Miljukowa 1877 folgt ein Selbstmordversuch.

Großzügige finanzielle und moralische Unterstützung erhält Tschaikowsky von der Mäzenin Nadjeschda von Meck. Ab 1887 tritt Tschaikowski auch als Dirigent auf, in den folgenden Jahren führen ihn triumphale Konzertreisen durch Europa und nach Amerika. Er stirbt 1893, möglicherweise durch Selbstmord als Folge von Repressalien in Zusammenhang mit seiner mutmaßlichen Homosexualität.

Schwanensee ist Tschaikowskis erstes Ballett - gleichwohl ist es zur Metapher für Ballett schlechthin geworden. Das Libretto ist wahrscheinlich inspiriert vom Märchen „Der geraubte Schleier“ aus Karl August Musäus’ 1786 erschienener Märchensammlung „Volksmärchen der Deutschen“. „…Ich habe ziemlich ausdauernd gearbeitet und außer der Sinfonie zwei Akte eines Balletts komponiert“, schreibt Tschaikowski am 10. September 1875 an seinen Freund und Kollegen Rimski-Korsakow. „Im Auftrag der Russischen Musikalischen Gesellschaft schreibe ich die Musik zum Ballett „Der See der Schwäne“. Ich habe mich an diese Arbeit zum Teil wegen des Geldes gemacht, das ich benötige, zum Teil deswegen, weil ich mich schon lange in diesem Genre versuchen wollte.“ Und am 24. März 1876 berichtet er seinem Bruder Modest: „…Gestern fand im Saal der Theaterschule die erste Probe einiger Nummern aus dem ersten Akt meines Balletts statt. Wenn Du wüsstest, wie komisch es ist, dem Ballettmeister zuzusehen, wie er zum Klang einer einzigen Geige mit größtem Ernst und Enthusiasmus die Tänze choreographiert. Dazu war es beneidenswert, die Tänzerinnen und Tänzer zu beobachten, wie sie mit einem Lächeln für das imaginäre Publikum genussvoll ihre Sprünge und Drehungen ausführten… Von meiner Musik sind alle im Theater begeistert….“ Schwanensee wurde am 20. Februar 1877 im Moskauer Bolschoj-Theater in der Inszenierung von Wenzel Reisinger uraufgeführt, erlebte seinen Durchbruch jedoch erst nach Tschaikowskis Tod in einer Neuinszenierung am Petersburger Marinski-Theater in der Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow 1895.

Die Idee, aus dem Ballett eine Suite zu destillieren, stammt von Tschaikowski selbst, wie sich seinem Brief an seinen Verleger Jurgenson vom 20. September 1882 entnehmen lässt: „…Dieser Tage erinnerte ich mich an Schwanensee. Um diese Musik vor dem Vergessen zu bewahren, möchte ich daraus nach dem Vorbild Delibes’ eine Suite machen. Diese Suite könnte dann sowohl als Partitur als auch in einer vierhändigen Transkription erscheinen.“ Mit der Transkription wurde Eduard Langer (1835-1908) beauftragt, ein Pianist und Kollege Tschaikowskis am Moskauer Konservatorium, der von zahlreichen Werken Tschaikowskis Klaviertranskriptionen anfertigte und dem Tschaikowski sein Klavierstück Capriccioso op.19,5 widmete.

Die Stücke vorliegender Suite enthalten wesentliche Themen und Szenen des Balletts: das Schwanensee-Thema in seinen verschiedensten Verwandlungen, u.a. als Macht des Bösen – Zauberer Rothbart (No.1), das Fest Siegfrieds (No.2), den Tanz der kleinen Schwäne (No.3), das Liebesduett in Form eines Pas de Deux von Siegfried und Odette (No.4), den Ball mit der Czárdás-Einlage (No.5), den nächtlichen Sturm auf dem See und das Wiedersehen von Odette und Siegfried (No.6).

Dornröschen, das auf dem Märchen La belle au bois dormant (1697) von Charles Perrault basiert, wurde am 3. Januar 1890 im Marinski-Theater in St. Petersburg in der Choreographie von Marius Petipa uraufgeführt. Tschaikowski komponierte es im Auftrag der Direktion der Kaiserlichen Theater, Direktor Wsewoloschski selbst hatte das Libretto verfasst.

„Das Sujet ist überaus sympathisch und poetisch“, schreibt Tschaikowski seiner Mäzenin von Meck am 8. Januar 1889. Und am 6. Juni 1889 berichtet er seiner Schwägerin Praskowja Tschaikowskaja: „…Ich arbeite jetzt wie ein Ochse, sitze buchstäblich den ganzen Tag am Schreibtisch. Ich muss das Ballett um jeden Preis bis September fertig stellen.“ Am 25. Juli berichtet er von Meck: „…Mir scheint, meine liebe Freundin, dass die Musik dieses Balletts zu meinen besten Werken gehören wird. Das Sujet ist so dankbar für eine Vertonung, dass ich sehr begeistert und mit jener warmen Hingabe und Lust gearbeitet habe, die für die Güte eines Werkes stets unerlässlich sind.“

Der überragende Erfolg dieses Ballettes zeigte sich wie auch bei Schwanensee nicht unmittelbar nach seiner Premiere, sondern „in einer unendlichen Reihe ausverkaufter Häuser“ (Modest Tschaikowski).

Auf Empfehlung des Pianisten und Freundes Alexander Siloti beauftragt Tschaikowski den gerade achtzehnjährigen Sergej Rachmaninow mit der Anfertigung einer vierhändigen Klaviersuite des Balletts. Doch belässt es Tschaikowski nicht dabei. Bis die Transkription im Oktober 1892 bei Jurgenson im Druck erscheint, bittet er Siloti um Korrekturen und kümmert sich vor allem selbst darum. An Jurgenson schreibt er am 14. Juni 1892: „Ich habe mich mit den Korrekturen der vierhändigen Transkription von Dornröschen gequält, aber jetzt bin ich froh, dass ich mich rechtzeitig dafür interessiert habe, was Rachmaninov und Siloti dort angerichtet haben… Ich habe nicht nur Fehler korrigiert, sondern viele Stellen überarbeitet.“ Er bittet Jurgenson um Aufschub der begonnenen Drucklegung und korrigiert und überarbeitet die Transkription in den kommenden Wochen weiterhin im Wechsel mit Siloti: „Ich bin überaus zufrieden mit Deiner Überarbeitung und überzeugt, dass die Transkription jetzt sehr gut wird. Dank Dir, mein Täubchen“, schreibt er am 7. Juli an Siloti, und am 22. Juli: „Die Ausschnitte der Transkription, die ich heute von Dir erhielt, sind vorzüglich, und ich bin Dir schrecklich dankbar, Du Lieber, Guter!“

Das erste Stück der Suite, Introduction: La Fée des lilas, beschreibt die Taufe der Prinzessin Aurora und enthält die Themen der bösen Fee Cavaradosse und der Fliederfee, das zweite schildert Prinzessin Aurora und die vier Bewerber um ihre Hand, das dritte ist eine Tanzeinlage von Märchenfiguren auf Auroras Hochzeit, im „Panorama“ gleitet das Boot mit dem Prinzen Désiré und der Fliederfee zu Auroras Königsschloss, der „Valse“ stammt vom Geburtstagsfest Auroras.

Der Nussknacker basiert auf Alexandre Dumas’ in Russland sehr populärer Bearbeitung („Casse-noisette“) von E.T.A. Hoffmanns Märchen „Nussknacker und Mäusekönig“ und wurde am 6. Dezember 1892 im Marinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt. Das Libretto verfassten Wsewoloschski und Petipa. Diesmal machte Petipa Tschaikowski genaueste Vorgaben zu der Musik, die er sich wünschte, nachdem er erfahren hatte, dass dieser – anders als die meisten Komponisten – nichts gegen ein solches Korsett einzuwenden hatte. „Je genauer die Bestimmungen dessen waren, was man von ihm verlangte, d.h. je fester man – sozusagen – seine Hände band, desto freier bewegte sich seine Inspiration“, schreibt sein Bruder Modest Tschaikowski. „Im Nussknacker schrieb Petipa in seinem Programm die Dauer und den gewünschten Charakter der Musik der einzelnen Szenen in Minuten und Taktzahlen vor.“ Dem Inhalt des Ballettes entsprechend – im Mittelpunkt steht das Mädchen Marie (bzw. Klara) - verwendet Tschaikowski zusätzlich Kinderinstrumente - u.a. eine Rassel, Kindertrompeten, zwei Kaninchentrommeln, Teller, Kuckuck und Wachtel. An seinen Verleger Jurgenson schreibt Tschaikowski am 19. Februar 1891: „…Ich brauche unbedingt Kinderinstrumente (aus den Sinfonien Haydns und Rombergs), denn ich möchte sie in meinem zukünftigen Ballett einsetzen. Bitte schick sie mir unverzüglich nach Frolowskoje. Und gleichfalls die Noten, nach welchen man auf diesen Instrumenten spielt.“

Noch vor der Uraufführung des Balletts wurde die von Tschaikowski zusammengestellte Nussknacker-Suite am 7. März 1892 unter Tschaikowskis Leitung in einem Konzert der Russischen Musikalischen Gesellschaft in Petersburg erstmals aufgeführt.

Julia Severus

 


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