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8.570421 - GASSMANN, F.L.: Opera Overtures (Eclipse Chamber Orchestra, Alimena)
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Florian Leopold Gassmann (1729–1774)
Ouvertüren

 

Wie viele andere Musiker, die im Wien des 18. Jahrhunderts zu Ruhm und Reichtum kamen, stammte auch Florian Leopold Gassmann aus Böhmen. Über seine jungen Jahre ist wenig bekannt. Man nimmt allerdings an, dass er seine frühe musikalische Unterweisung von Johann Woborschil erhielt, dem Regens chori der nordwestlich von Prag gelegenen Kleinstadt Brüx, in der Gassmann geboren wurde. Der Vater war Goldschmied, hatte offenbar etwas gegen eine Musikerlaufbahn des Sohnes und gab ihn bei einem Kaufmann in die Lehre. Der Jüngling flüchtete und machte sich nach einer schwierigen Zeit in Karlsbad auf den Weg nach Italien, wo er möglicherweise bei dem berühmten Theoretiker Padre Martini studierte. 1757 hatte er sich als Komponist bereits dergestalt etabliert, dass er den Auftrag erhielt, für die kommende Karnevalssaison des venezianischen Teatro S. Moisè eine Oper zu schreiben. Diese Merope fand einen guten Anklang, und man verpflichtete Gassmann, auch in den nächsten fünf Jahren pro anno eine neue Oper zu komponieren. Sein drittes Bühnenwerk, Gli uccellatori („Die Vogelfänger“), war das erste von zahlreichen Werken, in denen er Libretti von Carlo Goldoni vertonte.

Gassmanns Variante des Catone in Utica von Metastasio kam in der Spielzeit 1761/62 auf die Bühne des Wiener Burgtheaters, und im nächsten Jahr verpflichtete ihn das Haus als Ballettkomponist und Nachfolger Glucks. Anfangs sollte Gassmann nur Ballette komponieren, doch er schuf für das Wiener Theater auch Opern—als erstes eine weitere opera seria auf Metastasios Olimpiade, die im Oktober 1764 am Burgtheater ihre Premiere erlebte. Unter Gassmanns Leitung wurden auch die Opern anderer Komponisten gegeben, so dass er sich stets der aktuellen musikalischen Entwicklungen in Wien und anderen Metropolen bewusst war. Als die Wiener Theater 1765/66 nach dem Tode des Kaisers Franz I. für ein Trauerjahr geschlossen wurden, erhielt Gassmann Urlaub, um am Teatro S. Giovanni Crisostomo von Venedig seine Oper Achille in Sciro zu produzieren. Wieder in Wien, musste er feststellen, dass aufgrund der erzwungenen Unterbrechung des Theaterbetriebes zahlreiches Personal abgewandert war—darunter eine Reihe von opera seria-Sängern. Das Buffo-Ensemble war allerdings nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, und diese Tatsache veranlasste Gassmann, sich während der nächsten Jahre der Komposition komischer Opern zu widmen, die möglicherweise ohnehin seiner beruflichen Neigung entsprachen. Sein L’amore artigiano („Liebe bei der Arbeit“) nach Goldoni wurde im April 1767 aus der Taufe gehoben, errang von all seinen Opern den größten Erfolg und wurde im Laufe der nächsten Jahre in einer Reihe wichtiger Musikzentren aufgeführt. Das Werk ist auch von großem historischen Interesse, da es einen wichtigen Platz in der Entwicklung der Wiener opera buffa einnimmt.

Gassmann gilt zwar in erster Linie als Opernkomponist und hat sich in gewissem Maße auch mit geistlichen Werken hervorgetan. Daneben aber befasste er sich auch mit anderen Gattungen wie etwa der Kammermusik. Kaiser Joseph II. liebte seine Quartette, die offensichtlich auch Dr Charles Burney sehr zusagten:

„Man darf wohl sagen, dass ich, seit nunmehr wieder in England bin, diese Stücke versucht und sie für vorzüglich befunden habe: Ergötzliche Melodien, frei von Capricen und Affectirtheit; eine gesunde Harmonik, Erfindungen und Imitationen geistreich, ohn alle Verwirrung. Kurzum: der Stil ist schlicht, gesetzt und doch nicht eintönig, meisterhaft und doch ohne jede Pedanterie.“

Als Gassmann im März 1772 zum Hofkapellmeister ernannt wurde, hatte er den Gipfel seiner beruflichen Laufbahn erklommen. Seine Berufung verdankte sich einerseits seinem Ruf als Komponist, andererseits aber auch der unlängst auf sein Betreiben hin gegründeten Tonkünstler-Societät, die am 19. März 1772 bei einer ihrer ersten öffentlichen Veranstaltungen das Oratorium La Betulia liberata aufführte, das Gassmann eigens für diese Institution geschrieben hatte. Die Hofkapelle hatte zwar während der Amtszeit seines Vorgängers Georg Reutter jr. an Umfang und Bedeutung verloren, war aber nach wie vor sehr angesehen. Gassmann begann sogleich mit einer großangelegten Reorganisation des Personals und der Bibliothek. Dieser Prozess kam allerdings mit seinem vorzeitigen Tode im Januar 1774 zum Erliegen: Gassmann war bei einer Reise mit der Kutsche verunglückt und hatte sich von den Folgen dieses Unfalls nie mehr recht erholt.

Nach mancherlei Gezänk, in dem es vor allem um musikpolitische Erwägungen ging, holte man Giuseppe Bonno aus seinem Ruhestand zurück, auf dass er die Aufgaben übernähme. Nach Bonnos Tod trat dann Gassmanns ehemaliger Schüler Antonio Salieri die Nachfolge an. Welch hohes Ansehen der jung verstorbene Kapellmeister bei der kaiserlichen Familie genossen hatte, erhellt aus der Tatsache, dass Kaiserin Maria Theresia die Patenschaft seiner zweiten Tochter übernahm, die kurz nach dem Tode des Vaters zur Welt gekommen war.

Die vorliegende Aufnahme enthält eine Ouvertüren- Auswahl, die von der ersten Goldoni-Oper Gli uccellatori (1759) bis zu dem letzten Bühnenwerk La casa di compagna („Das Landhaus“) reicht, das Gassmann am 13. Februar 1773 am Wiener Burgtheater uraufführte. Daneben stehen die Ouvertüren zu drei besonders beliebten Opern, in denen Gassmann durchweg Libretti von Goldoni benutzte: Il viaggiatore ridicolo („Der lächerliche Reisende“, 1766), L’amore artigiano („Liebe am Arbeitsplatz“, 1767) und La Contessina („Die junge Gräfin“, 1770). La Contessina, vielleicht Gassmanns bekannteste Oper, erlebte ihre Premiere am 3. September 1770 in Mährisch-Neustadt im Rahmen der Festlichkeiten, die das Treffen Josephs II. und Friedrichs des Großen begleiteten.

Die drei letztgenannten Ouvertüren sowie jene zu Il filosofo innamorato („Der verliebte Philosoph“, 1771) und La notte critica („Die kritische Nacht“, 1768) wurden auch als selbständige Konzertsymphonien gespielt. Sie sind in verschiedenen Supplementen des Breitkopf-Katalogs aufgelistet, und einige finden sich überdies im Handschriftenbestand des österreichischen Klosters Göttweig. Dass es sich bei diesen „Symphonien“ ursprünglich um die Vorspiele zu komischen Opern handelte, war offenbar kein Hinderungsgrund für die Aufführung der Stücke in einem der großen österreichischen Klöster.

Gassmann hatte als Komponist Erfolg, weil er in der Lage war, gefällige, handwerklich gekonnte Musik im modischen Stil seiner Zeit zu schreiben. Beeindruckend war seine meisterliche Beherrschung des Buffostils: Viele seiner heiteren Opern zeigen, wie gut er sich auf die dramatischen und musikalischen Möglichkeiten des Ensemblesatzes verstand, der zu den wesentlichsten Charakteristika der opera buffa gehört. Wie alle guten Theaterkomponisten wusste auch Gassmann, wie wichtig es ist, die dramatische Aktion durch die richtigen musikalischen Tempi zu kontrollieren, und dieses Verständnis ist auch im kleineren Rahmen der Ouvertüren zu bemerken.

Gassmanns Opernouvertüren gehorchen der dreisätzigen Anlage (schnell-langsam-schnell), die um die Mitte des 18. Jahrhunderts für die Ouvertüre typisch war. Dabei kommt es allerdings hin und wieder zu Aussparungen zwischen dem zweiten und dritten Satz, wodurch die Mittelteile dieser Werke—gute Beispiele sind die Ouvertüren zu Le pescatrici (1771) und Il filosofo innamorato (1771)—unter strukturellen Gesichtspunkten besonderes interessant werden. Die Ouvertüre zu Gassmanns letzter Oper La casa di campagna (1773) ist mit ihren eindeutig bildhaften Elementen, den bukolischen Jagdhörnern und dem Contretanz-Finale, eine echte Rarität: Wie bei der Mehrzahl der Komponisten dienten auch Gassmanns Ouvertüren lediglich dazu, den Grundton einer Oper anzuschlagen, und waren nicht gedacht, um auch das Szenario des ersten Aktes anzudeuten. Die attraktiven Kopfsätze mit ihren hellen, fröhlichen Themen stellen vorzügliche Einleitungen zu den nachfolgenden Komödien dar, während die oft durch ihre liebenswürdige Lyrik und sensible Orchestrierung markierten Mittelteile die inneren Welten jener feinfühligeren Charaktere erahnen lassen, die uns bald begegnen sollten. Gassmanns eindrucksvolle Beherrschung der Kompositionstechnik zeigt sich in vielen Aspekten der Werke. Ihre musikalischen Strukturen sind elegant and logisch; die Musik schreitet in schönen Tempi und Zusammenhängen voran; häufige und interessante Variationen beleben die Textur; und Gassmanns Vergnügen am Kontrapunkt zeigt sich in vielen kanonischen Bewegungen zwischen den Geigen sowie in dem turbulenten kontrapunktischen Finale der Ouvertüre zu Le pescatrici („Die Fischerinnen“, 1771).


Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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