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8.570435 - SCHWARZ-SCHILLING, R.: Orchestral Works, Vol. 1 - Sinfonia diatonica / Symphony in C Major / Introduction and Fugue (Serebrier)
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Reinhard Schwarz-Schilling (1904-1985)
Orchesterwerke
Klassizität und transzendente Innenschau

 

Geboren am 9. Mai 1904 in Hannover als Sohn des Fabrikanten Carl Schwarz, erhielt Reinhard Schwarz- Schilling frühzeitig Klavierunterricht bei einem Liszt- Schüler und fing 14-jährig mit dem Komponieren an. Nach dem Abitur studierte er Musik zunächst in München und Florenz, dann in Köln bei Walter Braunfels (1882-1954) Komposition und außerdem Orgel und bei Carl Ehrenberg (1878-1962) Dirigieren. Als er einen bestimmten Reifegrad erreicht hatte, schickte Braunfels ihn 1927 nach Ried im oberbayerischen Benediktbeuern zu Heinrich Kaminski (1886-1946), dem herausragenden Fortführer der kontrapunktischen deutschen Traditionslinie Bach- Beethoven-Bruckner, von dem Schwarz-Schilling die entscheidende Prägung erfuhr. Dort lernte er die polnische Pianistin Dusza von Hakrid kennen, die er 1929 ehelichte. Noch im selben Jahr übersiedelte das junge Paar nach Innsbruck, wo Schwarz-Schilling bis 1935 als Organist und Chorleiter wirkte. In Innsbruck entstanden die ersten beiden herausragenden Werke Reinhard Schwarz-Schillings, die bald vielerorts prominente Darbietungen erfuhren: 1932 das Streichquartett f-moll und 1934-35 die Partita für Orchester. 1935-38 wirkte Schwarz-Schilling als freischaffender Komponist in Feldafing am Starnberger See bei München. 1938 wurde er nach Berlin an die Hochschule für Musik berufen. In Berlin sollte er bis zu seinem Tod am 9. Dezember 1985 wirken.

Heinrich Kaminski, der kurz nach Hitlers Machtergreifung als Handlung der inneren Emigration den geheimen ‚Orden der Liebenden’ gründete, war der Mentor der Eheleute Schwarz-Schilling. In Kochel, unweit Kaminskis Zuhause, fälschte 1938 ein anonym gebliebener, couragierter Beamter die Papiere der Jüdin Dusza von Hakrid und verschuf ihr eine neue, ‚arische’ Identität. In der Folge war die mittlerweile mit Kindern gesegnete Familie immer wieder Gestapo-Verhören ausgesetzt. Es bestand Verdacht, doch fand man keine Beweise. Dusza von Hakrid wurde als Polin mit Aufführungsverbot belegt. Trotz dieser bedrohlichen Lage weigerte sich Schwarz-Schilling bis zum Schluss, der Aufforderung, NSDAP-Mitglied zu werden, zu folgen. Erst viele Jahrzehnte später, 2003-04, fand der Sohn Christian Schwarz-Schilling, inzwischen einer der erfahrensten deutschen Politiker (*1930; Bundesminister a.D. und High Representative der United Nations in Bosnien-Herzegovina), die Wahrheit über seine Herkunft mütterlicherseits heraus.

Kaminski – im Dritten Reich persona non grata – starb 1946 bald nach Kriegsende. Zuvor war in den letzten Kriegsmonaten der einstige Kaminski-Schüler Heinz Schubert (1908-45) im Volkssturm gefallen. So war Schwarz-Schilling der einzig bedeutende Meister dieser Schule, der weiterwirken konnte. 1955 wurde er zum Professor für Theorie und Komposition an der Berliner Musikhochschule ernannt, 1969 zum Leiter der Kompositionsabteilung. Ab den 60er Jahren unternahm er Reisen in alle Welt als Dirigent und Organist (u.a. USA, Kanada, Südkorea, Japan, Israel).

Reinhard Schwarz-Schilling war als Komponist besonders fruchtbar in der geistlichen Musik, im Orgelund Liedschaffen. Auch sein OEuvre an Kammer- und Klaviermusik ist ansehnlich. Unter den nach dem Kriege entstandenen Kompositionen sind besonders hervorzuheben: Violinkonzert (1953), Missa in terra pax für gem. Chor a cappella (1955), Sinfonia diatonica (1956), Laetare für gem. Chor, Streicher und 2 Trompeten (1958), Symphonie in C (1963), die acappella- Motette Über die Schwelle (1975), und die große Cantate Die Botschaft (1979-82), sein zentrales Bekenntniswerk für Mezzosopran, Bariton, Chor und Orchester.

Reinhard Schwarz-Schilling war ein aus profunder Kenntnis der abendländischen Tradition gewachsener Künstler, dem beständige Veredelung, Verfeinerung, evolutionäre Erneuerung der Gestaltungsmittel am Herzen lagen. Er ließ sich nicht von Tagessensationen und ästhetischen Doktrinen wie der Zwölftonideologie verführen. Er knüpft auf persönliche Weise an die klaren Formen und kunstreichen Techniken der Tradition wie Kanon, Fuge oder figurierten Choral an, ist jedoch zugleich in seiner beherrschten Art auch ein Kind seiner unruhigen Zeit, und so lodert immer wieder eine untergründig stets vorhandene, machtvoll drängende Expressivität empor. Reinhard Schwarz- Schilling war nicht nur ein universell gebildeter Mensch, der sich vorwiegend in der Kunst ausdrückte. Er war ein Mann der Tat, der das, was er erkannte und für richtig und notwendig befand, auch lebte.

Aus seinem 1932 vollendeten, großartigen Streichquartett f-moll arrangierte Schwarz-Schilling 1949 den ersten Satz, Introduktion und Fuge für Streichorchester. In seinem Kommentar schreibt er: “Das Streichquartett wäre wohl kaum entstanden, hätte nicht das frühe Erlebnis Bachs und eine besondere Vorliebe für die klassische Streichquartettliteratur — bis zum späten Beethoven — mich durch Jugend und Studienjahre entscheidend geleitet und zur eigenen musikalischen Sprachausbildung und Formgestaltung angeregt. So verschieden die Introduktion, mehr phantasierend-improvisierend, und die Fuge, im straffen Allegro-Tempo, sich auch geben, der thematische Kern ist bei beiden Sätzen der gleiche: das Fugenthema stellt den Intervallen nach die Umkehrung des Introduktionsbeginns dar. Auf dem Höhepunkt der Fugenentwicklung werden beide Elemente, Thema und Umkehrung, gegeneinander geführt, zugleich verbreitert sich das Tempo und gibt der Coda-Entwicklung wieder die Züge freier Deklamation, bis ein gesteigertes Allegro-Tempo in kurzer Stretta den Satz beschließt.”

Zur Uraufführung gelangten Introduktion und Fuge für Streichorchester am 10. April 1949 in Berlin durch die Berliner Phiklharmoniker unter Sergiu Celibidache (1912-96).

Schwarz-Schilling vollendete die erste seiner beiden Symphonien, die Sinfonia diatonica, Anfang 1957. Am 31. Januar 1957 wurde sie im Capitol-Filmtheater Dortmund vom Städtischen Orchester Dortmund unter Rolf Agop (1908-98) uraufgeführt. Im Programmheft jenes Konzerts findet sich die folgende Einführung vom Komponisten:

“Der Name ‘Sinfonia diatonica’ will besagen, dass sich die musikalische Sprache des Werkes vorwiegend der unveränderten melodischen Grundstufen der Tonarten bedient und auf chromatische Differenzierungen weitgehend verzichtet. Auch werden in eine Satzweise, die stets den rhythmischen Impuls der beteiligten Stimmen zu erhalten trachtet, keine Füllungen um rein harmonischer Wirkungen willen einbezogen. Eine Vereinfachung der Polyphonie wird vielfach durch Koppelung zu Stimmkomplexen und Gegenüberstellungen oft in genauer Gegenbewegung erstrebt.

Zu den drei Sätzen im einzelnen: Die vier Blechbläser eröffnen in kurzem Andante den 1. Satz, wobei die 1. Trompete gleich im Einsatz den melodischen Beginn des folgenden Quasi presto intoniert. Drei Themengruppen entwickeln sich nun annähernd wie in der Exposition eines Sonatensatzes; die vielfach synkopisch durchsetzte erste Gruppe wächst, pianissimo beginnend, bis zum Fortissimo an, die zweite, von der Solo-Flöte eingeführt, in Tonart und Charakter kontrastierend, mündet in die dritte wieder rhythmisch scharf profilierte Gruppe, in der verschiedene Instrumenten-Gruppierungen einander ablösen. Diese Exposition wird wiederholt. Statt einer Durchführung im klassischen Sinne geben neue Kontrastierungen der drei Themengruppen, teils verkürzt, teils erweitert, dem Satz einen steigenden Verlauf. Die aus der Gruppe des 1. Themas eliminierten Partien holt eine Coda nach, die mit dem Hauptgedanken im Pianissimo der beiden Hörner verklingt.

Diesem mehr nach der aeolischen und phrygischen Tonart und nur episodisch nach Dur orientierten Satz steht der zweite, ein Largo, zunächst in reinem D-dur gegenüber. Hier entfalten sich drei Canon-Paare (1. und 2. Violinen, 1. und 2. Trompete, Bratschen und Violoncelli, teilweise von Bässen unterstützt). Der Mittelteil hebt sich mit gedämpften Streichern, Schlagzeug und der Fernwirkung gedämpfter fanfarenartig geführter Trompeten deutlich ab; die freie Wiederholung des Anfangsteils bezieht die Elemente des Mittelsatzes mit ein.

Unmittelbar folgt der 3. Satz mit kurzer rhythmisch gestraffter Einleitung. Dem tänzerischen Charakter des folgenden Molto allegro entspricht eine stärkere Schlagzeug-Besetzung. Hier folgt einer Wiederholung des Expositionsteils zunächst ein Fugato mit anschließender freier, modulierender Reprise, bis nach kurzem, deutlichem Einschnitt die Einleitung wieder anklingt, um jetzt in das abschließende Presto überzugehen. Nun klingen alle Themen und Motivbildungen des Satzes, oft in neuer Zusammenfügung, noch einmal kurz auf; mit zunehmenden Gruppenbildungen der Instrumente geht es dem Fortissimo- Schluss entgegen, wobei auch im Tutti wieder alle Stimmen sich in Gegenbewegung aneinander binden.

Diese mehr formalen Hinweise möchten jedoch den Hörer nicht abziehen von einer unmittelbaren Aufnahme der Musik, deren Inhaltsbereiche von Satz zu Satz einen Bogen spannen, der etwa mit den Worten ‘dramatischtragisch’ (Ausklang von I), ‘feierlich-mystisch verhalten’ (II) bis ‘tänzerisch-bewegt’ umschrieben werden könnte und — ohne historisierende Absicht — im Glauben an die Unausschöpfbarkeit musikalischer Urkräfte seine Gestalt erhielt.”

Im Jahr darauf leitete Schwarz-Schilling selbst die Münchner Philharmoniker in einer Aufführung der Sinfonia diatonica, doch bald darauf verlor er das Interesse an dem Werk und sanktionierte die alleinige Darbietung des zentralen Largo. Vom Finale ist überliefert, dass er es einer Revision unterziehen wollte, wozu es nicht kam. Dies sind freilich marginale Mängel, wovon sich der Hörer in vorliegender Ersteinspielung überzeugen kann.

Die Symphonie in C, vollendet im Dezember 1963, ist das zentrale Orchesterwerk in Schwarz-Schillings Nachkriegs-OEuvre. Zur Uraufführung kam sie am 10. Januar 1964 in Wuppertal durch das Städtische Orchester Wuppertal unter Hanns-Martin Schneidt (*1930), der das Werk im selben Jahr auch bei den Berliner Philharmonikern einführte. Schwarz-Schilling selbst dirigierte 1964 beim NDR und 1965 beim RIAS Berlin zwei Rundfunk-Einspielungen der Symphonie in C. Der Komponist hat den folgenden Werkkommentar verfasst:

„Der Werktitel kann im engeren Sinne auf die beiden Ecksätze bezogen werden: Hier wurde dem Ton C und seiner Ausstrahlung – bei aller Erweiterung des tonalen Umfeldes in den Details – eine zentrale Funktion zugemessen. Über die Form der Sätze kann in Kürze folgendes gesagt werden: Satz I bildet zunächst einen Kontrast aus gemessenem Einleitungstempo und bewegtem Hauptteil; letzterer wiederum weist im wesentlichen zwei deutlich voneinander abgesetzte thematische Bildungen auf. Solcher Annäherung an die Sonatenform folgt ein abweichender Fortgang: anstelle von ‚Durchführung’ und ‚Reprise’ steht hier nur ein größerer Komplex, der sich aus neuen Verknüpfungen und Verdichtungen des Materials aufbaut. Der Rückgriff auf die Einleitung geht in ein Quasi presto über, das in jedem Takt durch den Ton C zusammengehalten wird. Satz II ist demgegenüber nur von einem Thema geprägt, das jedoch in seinen Einzelzügen gegensätzliche Elemente birgt; formal ließe sich dieser langsame, cantable Satz als eine weitausgeführte Invention charakterisieren. Satz III beginnt mit einer Erinnerung an die Einleitung, die hier aber von anderer Stufe aus und in gedämpfter Klangwirkung intoniert wird. Ein Forte-Einbruch eröffnet den anschließenden Presto-Satz. Dieser gliedert sich in drei größere Abschnitte, von denen der erste und zweite wiederholt werden, während der dritte im Presto possibile in verkürzter Taktart das Material stretta-artig zusammenrafft. Die Partitur weist – im Gegensatz zu den früheren, geringer besetzten Orchesterwerken – dreifache Holz- und Blechbesetzung auf, darunter drei Posaunen.“

Schwarz-Schillings Spätstil hat zugunsten einer unmittelbar nüchternen Reinheit des Ausdrucks alle romantische Schwärmerei und expressionistische Überzeichnung hinter sich gelassen. Die Sinfonia diatonica ist gekennzeichnet durch filigrane Faktur und eine geschmeidige Klassizität, die im Kontext der deutschen Symphonik der 50er Jahre sehr erfrischend wirken. Durchweg metaphysischeren Charakters, verzichtet die Symphonie in C auf instrumentale Brillanz und schürft in glühenden Sphären transzendenter Innenschau; von der beständig um das tonale Zentrum C kreisenden, zentripetalen harmonischen Dynamik spannt sich eine Verwandtschaft zu Jean Sibelius, die am markantesten in dessen 7. Symphonie zum Vorschein kommt. Reinhard Schwarz-Schilling zählt mit seinen zwei Gattungsbeiträgen zu den eigentümlichsten und bedeutendsten deutschen Symphonikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Christoph Schlüren

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Credo

Am 15. Dezember 1963 verfasste Reinhard Schwarz- Schilling in Berlin-Grunewald sein ‘Künstlerisches Glaubensbekenntnis’:

“Nach meiner innersten Überzeugung ist Musik ihrem ursprünglichen Wesen nach das Laut- und Hörbarwerden eines geistigen Geschehens, an dem mannigfache Kräfte, mit verschiedenen Funktionen begabt (die ihre kosmische Entsprechung im Menschen selbst finden), nach gegebener Urgesetzlichkeit teilhaben und die in ihrem Mit- und Aufeinanderwirken ein gemeinsames Höheres bilden.

Hieraus abgeleitet ergibt sich, dass alle unter dem Signum des Strömens, des spannungsvollen Weiterfließens stehende Musik, die sich in einem der materiellen Zeitmessung enthobenen Geschehen entwickelt, dem Wesen dieser Kunst näher steht, als eine mehr auf den Moment-Reiz und dessen Klanglichkeit gerichtete. Unter den Entsprechungen der verschiedenen Kräfte- Funktionen im Menschen glaube ich — in vereinfachter Umschreibung — auch den Dreiklang von Geist, Seele und Herz wiederzufinden, welche durch jedes Kunstwerk in der ihm eigentümlichen Mischung angesprochen werden. […]

Die Urgesetzlichkeit erblicke ich in dem mir unumstößlich erscheinenden Tonalitätsgesetz, das im Makrokosmos von Sonne und Planeten vorgebildet ist. Goethes Faust-Wort ‘Die Sonne tönt nach alter Weise…’ ist primär Glaube, nicht poetisches Bild; und das hier gesetzte ‘alt’ (sternenweit von dem einfachen Gegensatzpaar ‘alt - neu’ entfernt) findet seine Überhöhung in dem Wort der Zeile: ‘Wenn der uralte heilige Vater…’, und weiter: die Sonne, die ‘ihre vorgeschriebene Reise’ ‘mit Donnergang’ vollendet, offenbart göttliche Gesetzlichkeit.

[…] Für den Vollzug des Entwicklungsgesetzes, dem die Musik wie alle Kunst, wie alles Leben untersteht, scheint mir kaum ein Wort so aufschlussreich wie das Beethovens, der als ‘Neuerer’ so oft missverstanden wurde und wird: ‘Das Neue gebiert sich von selbst.’

Welche echten Forderungen sich auch geistesgeschichtlich für die Musik als reine Kunst in Gegenwart und Zukunft erheben mögen, es kann für den Schaffenden immer nur darum gehen, sie zu erkennen und dienend zu erfüllen, nicht sie selbstherrlich aufzustellen und selbstgesetzgeberisch Lösungen zu proklamieren. An göttliches Gesetz gebunden, bleiben die Möglichkeiten des Schaffens auch heute wahrhaft unerschöpflich, und dieser Glaube allein vermag die erhöhten Bedrohungen des Schaffenden, die er im Zeitalter voller menschlicher Bewusstwerdung erleidet und die seinen Weg einer gefährlichen Gratwanderung ähnlich machen, voll auszugleichen.”

Reinhard Schwarz-Schilling


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